![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 6
Richard Stumm präsentiert der Besuchergruppe, die vorwiegend aus Mitgliedern der philoSOPHIA-Vereinigung besteht, zunächst eine Serie von Illustrationen zu Döblins Roman "Berlin Alexander-platz". Die Folge von Zeichnungen, gehalten in Tasche und Pastellkreide, stammt aus dem Jahr 1988 und wurde in Marburg und Berlin ausgestellt. Sie trägt karikative Züge, ähnlich wie sie den Künstlern der zwanziger Jahre zu eigen waren. Sie zeigt realistisch und ungeschönt auch die hässlichen Aspekte, auch das Mörderische der Gestalt des "Biberkopfes". Inhaltliche Themen des Romans werden in den Bildern Gestalt. Etwa sieben Jahre später bearbeitet Richard Stumm dieses Thema erneut. Es entstand eine Serie von Zeichnungen mit Collagen und Montageelementen in sehr viel freierer, modernistische-rer Art der Bearbeitung. Der Inhalt wirkt deutlicher, massiver in der Präsentation. Zur Verdeutlichung verwendet Stumm thematisch passend unter anderem auch Abbildungen des Zentralnervensystems und des Planetensystems als Collagenelemente.

Die Aufmerksamkeit der Besucher wird anschließend auf eine eindrucksvolle Abbildung von sechs Menschen auf einem Floß in düsteren Farben mit sich verbindenden Körpern gezeigt,, es ist eine Illustration zu Peter Weiss‘ Betrachtungen zu dem Bild "Floß der Medusa". Dieses Bild malte Richard Stumm 1986 nach dem Unglück von Tschernobyl und drückt hier die verzweifelte Grenzsituation von Menschen aus. Dieses Bild ist in Öl auf Leinwand gemalt, wie auch mehrere andere, großformatige Bilder, die zum Teil ruhig, tiefgründig, monochrom in dunklen Rot-Tönen gehalten sind, andere wiederum in Blau/Weiss-Tönen. Die Abstraktionen wirken in Farbe und Form harmonisch, ein hochformatiges, schmales Bild dieser Art erinnert an ein Kirchenfenster.

Weiterhin zeigt Richard Stumm zahlreiche Aktdarstellungen, die er nach Skizzierung, vorwiegend auf Pappe, mit einem Teppichmesser ritzend bearbeitet, wobei er den Konturen folgt und in diese Ritzen sowie auf die mit Samtpapier oder Ähnlichem angerauhten und verletzten Oberflächen Ölfarbe ein-bringt. Durch Verwischungen erfährt der Farbauftrag eine für ihn typische Veränderung, in freier Form hinzugefügte Kreidelinien verfremden die vorgegebene Form.
Aus seiner Zusammenarbeit mit dem Marburger Theater zeigt Stumm weiterhin Theaterplakate sowie während der Proben angefertigte Zeichnungen, zum Teil später in Gemälde umgesetzt. Eine Serie zum Drama Othello ist in tiefem dramatischen Rot gehalten.

Der Nachmittag wird beschlossen mit der Betrachtung einer Serie neuester Bilder. Aus den letzten zwei Wochen stammen die in Grellrot und Grellgrün gehaltenen Monotypien, in denen Gestalten fast wie in einem Suchbild verborgen sind. Diese Bilder wirken wie aus der Ferne, einzelne Menschen in ihren Zusammenhängen bzw. fehlenden Zusammenhängen betrachtend. Sie geben die Zerrissenheit, Vereinzelung und Beziehungslosigkeit des modernen Menschen wieder. Diese neue Bildserie in ihrer fast hässlichen Farbkombination mit der Auflösung von Formen und Verzicht auf jegliche Harmonie zeigt etwas Zerstörtes. Richard Stumm ahnt hierin einen neuen Weg, Wichtiges in seinen Bildern mitzuteilen. Auf seiner Suche nach neuen Möglichkeiten des eigenen Ausdrucks sieht er hierin eine neue künstlerische Quelle.
Richard Stumm ist ein spätberufener Künstler. Sein Vater, ein anerkannter Wormser Kunstmaler, konnte seine Familie mit seiner Malerei nur unzureichend versorgen, sodass seine Kinder zunächst wirtschaftlich attraktivere Berufe ergriffen, Richard Stumm studierte, sich konträr von der Malerei abwendend, Volkswirtschaft. Er arbeitet als Berufsschullehrer in diesem Fach und hat erst spät zum Zeichnen und zur Malerei gefunden. Er machte eine zeichnerische Ausbildung bei Prof. Schäfer am Institut für Malerei und Grafik in Marburg und findet mittlerweile weit über Marburg hinaus Anerkennung und Beachtung.
Nachbemerkung (Max Lorenzen)
Richard Stumm erläutert uns an diesem Nachmittag, dass seine neueste Bildserie auf einem für ihn selber merkwürdigen Weg entstanden sei. Er habe zunächst in seinem Atelier einen Doppel-Akt ge-zeichnet, danach weitergesucht und, eher konventionell, einen Blick aus seinem Fenster: Häuser und Maschinenteile, festgehalten - aber schon in den gegensätzlichen Farben, die auch bestimmend für die neuen Bilder sind, auf denen nun auch, verfremdet und zerstückt, die Akte wieder auftauchen.

Man kann also hier gleichsam miterleben, wie die Inspiration sich ihren Weg sucht, den man in diesem Fall durchaus mit den goetheschen Begriffen "Polarität und Steigerung" beschreiben kann. Das ins-tinktive Suchen drückt sich zeichnerisch-malerisch aus, indem Formen und Farben einander gegenüber- und zusammentreten. Der konkrete Bildgedanke schafft sich in einem vorsprachlichen Prozess seinen Ausdruck. Eine Philosophie der Malerei fände an diesem Vorgang ausreichend Stoff zum Nachdenken.