Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 6
Mein Buch des Monats November 2001:
Ralph Freedman Rainer Maria Rilke / Der junge Dichter / 1875 bis 1906"
Aus dem Amerikanischen von Curdin Ebneter,
435 Seiten, DM 58.00
Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2001 ISBN: 3-458-16801-X
Life of a Poet" nannte Ralph Freedman seine 1996 erschienene Rilkebiographie, deren erster Teil jetzt auf deutsch im Insel Verlag unter dem Titel Der junge Dichter" erschienen ist. Das Besondere an ihr ist, wie es im Vorwort heißt, die Absicht des Autors, die eingehende Schilderung der markantesten Ereignisse von Rilkes Leben gleichgewichtig mit der vertieften Lektüre seiner Gedichte und Prosatexte" zu verbinden, in denen sie sich künstlerisch umgeformt spiegeln".
Dies Versprechen wird schon für den jungen René Rilke eingelöst, dessen früheste dichterische Versuche im Zusammenhang stehen mit den seine innere Welt bestimmenden gegensätzlichen Kräften und widerstreitenden Ansprüchen aus denen neue Wirklichkeiten entstanden" (S.24).

Unsere Kenntnis von Rilkes Kindheit und seiner Zeit in der Militärschule, die hier einfühlend dargestellt sind, wird erweitert und ergänzt dadurch, dass Freedman Zugang zu den noch weitgehend unveröffentlichten Briefen René Rilkes an seine Mutter hatte, in denen das Gegeneinander der elterlichen Bestrebungen sichtbar wird: Phia Rilke sah in dem Sohn den künftigen Dichter, Josef Rilke den Offizier in einer Laufbahn, die ihm versagt geblieben war. So versuchte sich René neben Gedichten wie Das Grabmal", Allerseelen", Der Friedhof" (1888) an einem ersten Prosawerk, der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" Sentimentales und Heroisches stehen nebeneinander.
In dem von Brüchen bestimmten Lebenslauf Rilkes vom verwöhnten und kränkelnden Kind in die robuste Welt der Militärschule, über ein Intermezzo auf der Handelsschule in Linz bis zur Existenz des Privatschülers in Prag, der den Gymnasialstoff nachholt und mit Auszeichnung die Matura besteht (1895) wird eines immer deutlicher, der Entschluss Schriftsteller zu werden. Und so nennt Freedman Rilkes erstes Studienjahr in Prag das des jungen Schriftstellers", der vielfältige Verbindungen knüpft und sich als Theaterdichter und Zeitschriftengründer versucht. Zudem erscheint zwischen 1896 und 1899 jedes Jahr ein Gedichtband, die letzten beiden schon unter dem Namen Rainer Maria Rilke, den er der Geliebten und mütterlichen Freundin Lou Andreas-Salomé verdankt.
Denn im Jahr 1897 kam es schon in München zu wohl der wichtigsten Wende in seinem Leben, der Begegnung mit Lou, aus der sich die bis an sein Lebensende dauernde Freundschaft mit ihr ergab. In den vier ersten Jahren der Beziehung wird Rilke erwachsen. Freedman widmet Lou und ihrem Einfluss einen Schwerpunkt schon in diesem ersten Teil seiner Biographie, der ihrer Bedeutung für Rilke gerecht wird. Einmal geht es um die Übersiedlung von München nach Berlin in das Zentrum der damaligen literarischen und kunstkritischen Kreise, dann um die gemeinsamen Reisen in Russland, um die gewaltsame Trennung 1901 und endlich um Lous heilende Hilfe in der Krise der ersten Pariser Zeit.
Der vielfältigen literarischen Tätigkeit Rilkes in diesen Jahren geht der Autor in einfühlenden Analysen nach, ohne dass diese die Erzählung der Lebensumstände überfrachten. Die wichtigsten Arbeiten der Münchner Zeit, die autobiographische Erzählung Ewald Tragy" und der Gedichtzyklus Christus-Visionen" blieben unveröffentlicht, zwei Novellenbücher, Am Leben hin" und Zwei Prager Geschichten" erschienen 1898 und 1899 daneben viele Beiträge auch in bedeutenden Zeitschriften wie Pan" und Jugend". Mit dem Band seiner Geschichten Vom lieben Gott und anderes" (1900) knüpfte Rilke eine erste Bindung an den Insel Verlag.
Die Übersiedlung aus dem Umkreis des Ehepaars Andreas nach Worpswede und im Zuge der Heirat mit der Bildhauerin Clara Westhoff nach Westerwede bei Bremen bildete erneut einen tiefen Einschnitt. Freedman nennt dieses Kapitel Passing through Eden", was die Vorläufigkeit dieser Lösung eher wiedergibt als das deutsche Ausflug ins Paradies". Zugleich nämlich begann damit Rilkes finanzielle Unsicherheit, von der man sich nur schwer ein wirkliches Bild machen kann. Er verlor die von Prager Verwandten für sein Studium gewährten monatlichen Zuwendungen zum Unterhalt und musste feststellen, dass er auch von intensiver schriftstellerischer Tätigkeit als Kritiker nicht leben konnte, dabei aber zu seiner eigentlichen Arbeit (damals am Stunden-Buch") nicht mehr kam. Zwei Monographien entstanden in dieser Zeit: ein Buch über die Worpsweder Malergruppe, mit der ihn sein Freund Heinrich Vogeler bekannt gemacht hatte. Darin fehlt allerdings Paula Modersohn-Becker, mit der Rilke und seine Frau eine problembelastete Freundschaft verband.
Die zweite dieser Auftragsarbeiten führte Rilke nach Paris, was zugleich das Ende des Versuchs bedeutete, mit seiner Frau und der kleinen Tochter Ruth ein gemeinsames Leben im eigenen Heim zu führen. Das kleine Haus in Westerwede wurde aufgegeben. Paris: das war Rodin, bei dem Rilke, über ihn schreibend, in die Lehre ging, das war aber auch der Schrecken der Großstadt, der sich in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" spiegelt.
Bei seiner Lesung in Marburg am 18. Oktober dieses Jahres wählte Professor Freedman Rilkes Flucht aus Paris nach Viareggio und die Entstehung des dritten Teils seines Stunden-Buches" aus: Von der Armut und vom Tode", die Gedichte, von denen es bei ihm heißt: aus einer Krise entstanden, verwandeln sie diese Krise, indem sie sie transzendieren" (S.289). Die Interpretation dieses Gedichtkreises ist in besonderer Weise kennzeichnend für den Umgang des Autors mit Rilkes Werk, für seinen erhellenden Blick auf scheinbar längst Bekanntes.
Es folgen in Rilkes Leben die Stationen Rom, Dänemark, Schweden der Künstler in ihm kämpfte weiterhin gegen die verletzliche, verwirrende Person, in der er steckte" (S.335). In Rom konzipierte Rilke seinen Malte-Roman (Februar 1904), dort entstanden auch die ersten großen Gedichte wie Orpheus. Eurydike. Hermes", die zuerst in der Neuen Rundschau" erschienen und die Zustimmung Hofmannsthals und seiner Freunde fanden. Die Geschichten vom lieben Gott" kamen bei der Insel in einer Neuausgabe heraus, zuglich übernahm Rilke eine Art Lektorentätigkeit bei seinem Verleger Axel Juncker, bei dem er 1902 den Erzählungsband Die Letzten" und die erste Ausgabe des Buch der Bilder" publiziert hatte. Das Lektorat trug ihm 50 Mark im Monat ein, viel, verglichen mit den 150 Mark, die ihm sein Buch über Rodin einbrachte.
Dankbar war Rilke deshalb, als ihn eine durch Ellen Key vermittelte Einladung nach Südschweden erreichte, zumal er dänische Studien begonnen hatte - Malte Laurids Brigge war von Beginn an ein junger Däne - dazu vermittelte Axel Juncker, ebenfalls Däne, den Blick auf seine Heimat. Im Herbst des Jahres 1904 versuchten Rilke und auch seine Frau vergebens, in Kopenhagen Fuß zu fassen.
In Schweden übersetzte Rilke Teile von Kierkegaards Briefen an seine Braut und überarbeitete seine schon 1899 entstandene Weise von Liebe und Tod des Cornets Otto Rilke", die Juncker als Buch herausbringen wollte. Dem Cornet", in Christoph Rilke umbenannt, widmet Freedman eine eingehende Betrachtung, die dem kleinen Werk ohne die durch seine spätere ungeheure Verbreitung genährten Vorurteile entgegentritt, wenn auch mit der durchaus kritischen Zusammenfassung: Die Liebe ist in diesem Werk noch nicht geleistet, aber im Schatten des Todes erlebt und errungen. Der Tod ist letzte, rauschhafte Steigerung des Lebens, juvenile Hingegebenheit, und nicht Frucht von Bereitschaft und Reife. Er wird eher besinnungslos als wissend angenommen, noch fehlt ihm das Gewicht erfahrener Daseinsnot." (S.354).
Den Abschluss des ersten Bandes von Freedmans Biographie bildet wiederum ein Neubeginn: im Jahre 1905 findet Rilke Freunde und Förderer in der Gestalt der Gräfin Luise von Schwerin, ihres Schwiegersohns, des Biologen Jacob von Uexküll und des literarisch interessierten Bankiers Karl von der Heydt, mit denen gemeinsam er und seine Frau die Sommermonate auf Schloss Friedelhausen an der Lahn bei Marburg verbringen konnten. Hier gewann Rilke den Insel-Verlag für sein Stunden-Buch", hier erwirkte er die Einladung von Rodin nach Paris, wo er seinen Rodin-Vortrag ausarbeiten wollte, von hier aus führte der Weg in seine erste Meisterschaft, zu den Neuen Gedichten", mit deren einem, Römische Sarkophage", Freedmans Darstellung ihren vorläufigen Abschluss findet 2002 soll der zweite Band folgen.
Was bleibt zu ergänzen ? Vor allem der Hinweis auf den Glücksfall, dass es sich bei der Übertragung um die Arbeit des ausgewiesenen Rilke-Kenners Curdin Ebneter handelt, dem es gelungen ist, der deutschen Fassung die adäquate Sprache zu leihen, ein schönes und klares Deutsch. Zu erwähnen ist schließlich der Anhang, der auf 62 Seiten ein Literatur- und Siglenverzeichnis, Quellen und Anmerkungen sowie die Verzeichnisse der erwähnten Werke Rilkes und der Personen bietet. Für den Schutzumschlag hätte man sich freilich statt des liebenswürdigen posthumen Porträts von der Hand Helmut Westhoffs, Rilkes Schwager, aus dem Jahre 1930 nach einer Photographie von 1906 doch eher das für die Originalausgabe verwendete großartig befremdende Bildnis des Dichters von Paula Modersohn-Becker gewünscht.