Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 6



Zwei späte Gedichte von Iwan Goll


Südnordblau


Wenn‘s Abend wird, gehörst du mir nicht mehr
Was für ein Gott löst dich aus meinem Arm
Treibt dich hinaus ins Ungefähr
Und in Gefahr?
O lauf nicht so allein hinein
Nach Südnordblau
Verbrennst dir die Hände im Mondchlor
Verfängst dir die Seele im Dornbusch

Wie kalt ist plötzlich die Einsamkeit
Die Erdenstraße hat kein Ende
Der Wind ein löchriger Mantel -
O hör auf mich und nimm
Noch wenigstens den Liebesspruch
Mit auf den Weg, dass du nicht frierst


Ich liebe

Aus beiden Augen strahlt meine goldene Liebe
In beiden Händen zittert die furchtsame Liebe
In meinen Schläfen klopft die gefangene Liebe
Mein Lied ist Liebe
Mein Schweigen ist Liebe
Mein Tanz ist Liebe
Meine Krankheit ist Liebe
Der Frühling ist Liebe
November ist Liebe
Ich lebe aus Liebe
Ich sterbe vor Liebe

 





 

Der Titel des ersten Gedichts stammt nicht von Iwan Goll (1891-1950) selbst, sondern von seiner Frau Claire. Eine andere Fassung lautet: Wenn‘s Abend wird, gehörst du mir nicht mehr, / Ein fremder Gott löst dich aus meinem Arm, / Du läufst in die Nacht hinaus, / Verbrennst dir die zarten Hände im Mond-Chlor, / Verfängst dich mit der Seele im Sternenbusch / Und weinst und weinst / Denn weit ist die Einsamkeit / Der Wind ein löchriger Mantel: / O hör auf mich und nimm doch wenigstens / Noch diesen Seufzer meiner warmen Brust / Mit auf den Weg, dass du nicht frierst! (zit. nach: Ivan Goll: Die Lyrik in vier Bänden, II, Liebesgedichte, hrsg. und kommentiert von Barbara Glauert-Hesse, Berlin 1996)

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Wie kann man aus und vor Liebe leben und sterben und doch so grenzenlos allein sein? Diese Liebe ist nicht dazu da, um vor der letzten und endgültigen Einsamkeit zu fliehen, obgleich sie alles, Leben und Tod, verwandelt. Ihr "Spruch" ist der des Gedichts. Weil es die Gemeinsamkeit nur im Abschied von ihr erinnert, vertieft sie beides zur Einheit, wie Rilke es nannte, von "Klage und Rühmen". Im existenziellen Kern verbinden und trennen sich das Ich und sein Du fortwährend, sind Mensch und Welt identisch und schlechthin voneinander geschieden. Die Liebe selber ist das Einsame, und dieses geht in jene über.

Das Formgesetz der Dichtung bis in die Moderne ist das der Spiegelung oder Ineinssetzung von Innen und Außen, Tiefe und Oberfläche ineinander. Im lyrischen Bild tritt, je vollkommener es sich öffnet und ganz es selbst wird, sein hierin entstehendes Zentrum in einen exterritorialen Raum. Die Tragik der Schöpfung, also aller Existenz, ist damit bedeutet, besteht darin, dass Du und Ich im Innersten verbunden und erst in ihrer Verbindung unerbittlich getrennt sind. Iwan Golls Liebeslyrik wird, seit den "Malaiischen Liedern", bis zu den späten, erst posthum veröffentlichten Zyklen "Traumkraut" und "Neila. Abendgesang", aus dem "Südnordblau" und "Ich liebe" stammen, zur präzisesten Erkenntnis der Verschränktheit von Glück und Trauer.

Max Lorenzen

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