Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 6
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Der Titel des ersten Gedichts stammt nicht von Iwan Goll (1891-1950) selbst, sondern von seiner Frau Claire. Eine andere Fassung lautet: Wenns Abend wird, gehörst du mir nicht mehr, / Ein fremder Gott löst dich aus meinem Arm, / Du läufst in die Nacht hinaus, / Verbrennst dir die zarten Hände im Mond-Chlor, / Verfängst dich mit der Seele im Sternenbusch / Und weinst und weinst / Denn weit ist die Einsamkeit / Der Wind ein löchriger Mantel: / O hör auf mich und nimm doch wenigstens / Noch diesen Seufzer meiner warmen Brust / Mit auf den Weg, dass du nicht frierst! (zit. nach: Ivan Goll: Die Lyrik in vier Bänden, II, Liebesgedichte, hrsg. und kommentiert von Barbara Glauert-Hesse, Berlin 1996)
Wie kann man aus und vor Liebe leben und sterben und doch so grenzenlos allein sein? Diese Liebe ist nicht dazu da, um vor der letzten und endgültigen Einsamkeit zu fliehen, obgleich sie alles, Leben und Tod, verwandelt. Ihr "Spruch" ist der des Gedichts. Weil es die Gemeinsamkeit nur im Abschied von ihr erinnert, vertieft sie beides zur Einheit, wie Rilke es nannte, von "Klage und Rühmen". Im existenziellen Kern verbinden und trennen sich das Ich und sein Du fortwährend, sind Mensch und Welt identisch und schlechthin voneinander geschieden. Die Liebe selber ist das Einsame, und dieses geht in jene über. Das Formgesetz der Dichtung bis in die Moderne ist das der Spiegelung oder Ineinssetzung von Innen und Außen, Tiefe und Oberfläche ineinander. Im lyrischen Bild tritt, je vollkommener es sich öffnet und ganz es selbst wird, sein hierin entstehendes Zentrum in einen exterritorialen Raum. Die Tragik der Schöpfung, also aller Existenz, ist damit bedeutet, besteht darin, dass Du und Ich im Innersten verbunden und erst in ihrer Verbindung unerbittlich getrennt sind. Iwan Golls Liebeslyrik wird, seit den "Malaiischen Liedern", bis zu den späten, erst posthum veröffentlichten Zyklen "Traumkraut" und "Neila. Abendgesang", aus dem "Südnordblau" und "Ich liebe" stammen, zur präzisesten Erkenntnis der Verschränktheit von Glück und Trauer. |
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