Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 6


Roland Benedikter

Politische Subjektivierung.
Gestalt und Aufgabe einer zeitgemäßen Kulturpolitik
zwischen Moderne und Postmoderne.

Die gegenwärtig an Intensität zunehmende Diskussion um Gestalt und Aufgaben einer zeitgemäßen Kulturpolitik wird unterschwellig vom Wirken des epochalen geistigen Spannungsfeldes „Moderne gegen Postmoderne“ mitbestimmt. Die Phänomenologie dieses geistigen Spannungsfeldes wurde bislang aber nicht ausreichend in die Diskussion einbezogen. Vor allem aber wurde sie nicht näher auf ihre Implikationen für das theoretische und praktische Selbstverständnis von Kulturpolitik untersucht.

Dieser Aufsatz stellt sich die Aufgabe, den - gegenwärtig unabgeschlossenen und eben darum fruchtbaren - Zusammenhang zwischen der Diskussion „Moderne gegen Postmoderne“ einerseits und der zeitgenössischen Entwicklung der Theorie der Kulturpolitik andererseits in einem Überblick darzustellen. Dabei steht die Produktivität der Auseinandersetzung zwischen Moderne und Postmoderne für die Weiterentwicklung des Begriffs von Kulturpolitik im Vordergrund. Darauf aufbauend sollen einige vorläufige Folgerungen gezogen werden.

Ich wähle dazu folgendes Vorgehen. Ich möchte erstens den Hauptstrom der gegenwärtigen Diskussion um Kulturpolitik unter dem Gesichtspunkt der kulturellen Auseinandersetzung zwischen „modernen“ und „postmodernen“ Theorie-Tendenzen zusammenfassen. Dazu versuche ich zunächst eine philosophische Basis zu gewinnen, um einen Bezug der gegenwärtigen Praxis von Kulturpolitik zum wachsenden Freiheitsbewußtsein der gesellschaftlichen Gemüts- und Geistesverfassung der Gegenwart - also der „Postmoderne“ - herstellen zu können. Ich gewinne diese philosophische Basis durch eine phänomenologische Betrachtung der inneren Entwicklungstendenz des Gegenwartsmenschen, die sich unter dem Stichwort der „Individualisierung“ zusammenfassen läßt.

Von dieser Basis aus, die selbst nicht im engeren Sinn „politisch“ argumentiert, sondern sozusagen von der praktischen Lebensverfassung des Einzelmenschen ausgeht, ist es mir dann möglich, einen Schritt weiter zu machen und die drei wichtigsten Kritiken der „Postmoderne“ an dem herkömmlichen Selbstbild von „Kulturpolitik“ wiederzugeben. Diese drei Kritiken haben den Vorteil, daß sie sich im wesentlichen selbst alle auf die unter dem Signum der Individualisierung skizzierte philosophische Basis stützen - und eben von dieser aus das herkömmliche Selbstbild von Kulturpolitik „dekonstruieren“. Wie wirkt sich die Entwicklungstendenz des Gegenwartsmenschen, die Individualisierung, auf den bisherigen Begriff von Kulturpolitik aus? Das ist die Hauptfrage dieser drei Kritiken. Sie wirft ein Licht auf die zunehmenden Schwierigkeiten, heute und in Zukunft noch eine „Kulturpolitik“ jener Art zu betreiben, wie wir sie bisher in Europa in einer mehr oder weniger konstanten Kontinuität gekannt haben.

Zweitens ziehe ich ein Fazit dieser drei Kritiken und formuliere darauf aufbauend in Anlehnung an ein Begriffsraster des slowenischen Psychoanalytikers und Philosophen Slavoj Zizek meinen Ansatz für das künftige Selbstverständnis von Kulturpolitik. Er besteht in dem Konzept der „politischen Subjektivierung“ als möglichem neuen Leitbegriff für den kulturpolitischen Aktivitätsbereich in aufgeklärten Gesellschaften.[1]

I
Das Selbstverständnis von Kulturpolitik
und die geistige Signatur des Gegenwartsmenschen

Ich möchte beginnen mit einem persönlichen Erlebnis, das aber, wie mir scheint, durchaus exemplarische, ja sogar „objektive“ Züge trägt. Auf einem Flug von Frankfurt nach New Orleans fragte mich meine Gesprächspartnerin im Laufe unserer Unterhaltung, was ich denn beruflich mache. Ich antwortete, daß ich unter anderem auch in der Kulturpolitik tätig sei. „Wirklich?“, entfuhr es ihr in einer Mischung aus feiner Enttäuschung und höflicher Contenance. Und nach einigem Nachdenken versetzte sie: „Aber, kann denn das ein Beruf sein? Denn, wenn man es genau nimmt - Kulturpolitik, das kann es doch gar nicht geben! Ich will sagen, Kultur-Politik – ist das nicht ein Widerspruch in sich, etwas Unmögliches?“

Das Unbehagen an der Kulturpolitik

Mit dieser Frage ist, meine ich, etwas durchaus Ernstzunehmendes und Symptomatisches für die Gegenwart festgehalten. Wenn man heute von „Kulturpolitik“ spricht, dann hat man es offenbar mit etwas zutiefst Ambivalentem, ja bei genauerem Hinsehen “Unmöglichem“ zu tun. Denn was empfindet der Zeitgenosse bei diesem Begriff?

Ich bin aufgrund ähnlicher, sich in jüngster Zeit häufender praktischer Erfahrungen davon überzeugt, daß fast jeder Zeitgenosse - zumindest meiner Generation, die zu jung ist, um in diesem Zusammenhang einfach mit dem „revoltierenden Geist der 60er“ abgetan zu werden - heute am Begriff „Kulturpolitik“ geradezu instinktiv ein Unbehagen verspürt.

„Kulturpolitik“ – bereits dieses Wort ist gegenwärtig tendenziell eine Antipathie. Es klingt für den Zeitgenossen in der Tat wie eine Unmöglichkeit, wie ein Widerspruch in sich, ja wie etwas Ungehöriges. Man spürt diesen Widerspruch und den Zweifel, der ihn begleitet, in fast allen Gesprächen, die auch nur ansatzweise über oberflächlichen small talk hinausgehen. Was der Zeitgenosse sehr stark empfindet, ist, daß Kultur nicht von Politik geregelt werden darf. Kultur kann und soll nicht politisch geregelt werden. Das ist eigentlich durchgängig das tiefere Empfinden zumindest bei all jenen Zeitgenossen, die tatsächlich mit der Zeit empfinden. Und es ist – soviel möchte ich gleich vorwegnehmen – grundsätzlich ein richtiges Empfinden.

Dieses instinktive Unbehagen an Kulturpolitik, an der Verbindung von Politik und Kultur, hat es nicht immer gegeben. Es ist ein Zeichen unserer Zeit. Kulturpolitik - verstanden als Politik, die aus einem einheitlichen Gesichtspunkt heraus Kultur prägt und über die Kultur in das Gemeinschaftsleben hineinwirkt, das heißt: die Kultur als im weitesten Sinn politischen Faktor versteht, sie zu politischen Zwecken heranzieht und sie für die guten Ziele des wie immer verstandenen Fortschritts der Gesellschaft und des Humanen gebraucht – war bis noch vor relativ kurzer Zeit der Stolz jeder Politik, die sich als „modern“ verstand. Kulturpolitik war sogar noch mehr: sie war geradezu die Speerspitze der Moderne, Harmonie, Verständnis und Einheit über Lokalitäten und Partikularinteressen hinweg herzustellen. Kulturpolitik war das Paradeinstrument der neuzeitlichen Suche nach Ordnung und Harmonie im Sozialen.

So war denn auch das bisher modernste Jahrhundert: das 20. Jahrhundert wie kein anderes in einer bis dahin undenkbaren Weise das Jahrhundert der Kulturpolitiken. Kulturpolitiken, die sich großenteils als ethnische, nationale, weltanschauliche oder Klassen-Politiken verstanden, suchten in ganz unterschiedlichen Stoßrichtungen vereinheitlichende, ordnungs- und klarheitsschaffende Wahrheiten, integrierende Harmonien und übergeordnete politische Ideen durchzusetzen.

Heute ist es nicht mehr der Stolz, sondern das Unbehagen an dieser „modernen“ Art von Kulturpolitik und ihrem Selbstverständnis, das den Fortschritt der Kulturstimmung kennzeichnet. Dieses Unbehagen am herkömmlichen Begriff von „Kulturpolitik“ ist am Beginn des 21. Jahrhunderts nun geradezu ein Gütesiegel der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit sich selbst, meine ich. Das ist meine Ausgangsthese, die ich im folgenden näher erläutern möchte.

Genau hier, an dieser Bruchlinie zwischen dem herkömmlichen, „modernen“ Begriff einer zusammenfassenden, integrativen Kulturpolitik und dem vorläufig noch offenen Raum eines Fragezeichens, was denn ein „anderer“ Begriff davon sein könnte, liegt übrigens auch der gegenwärtig vieldiskutierte Brennpunkt zwischen Moderne und sogenannter „Postmoderne“. Die gegenwärtig latent wirksam werdende Verschiebung und Veränderung des Begriffes und des Selbstverständnisses von Kulturpolitik[2] hängen eng mit dem gesamtgesellschaftlich konstatierbaren „postmodernen“ Paradigmenwechsel - und mit einer ihm substantiell zugrundelegenden Entwicklungstendenz des Gegenwartsmenschen zusammen. Ich kann aus meiner praktischen Kenntnis der Situation von Kultur und Kulturpolitik heraus durchwegs beobachten, daß sich die Entwicklungstendenz, die der „postmoderne“ Gegenwartsmensch als wahrhaft Kulturprägendes und Kulturveränderndes in sich trägt, in den europäischen Gebieten vergleichsweise homogene Züge trägt. Die Signatur des Gegenwartsmenschen schließt Europa im Bereich der innerkulturellen Entwicklung zusammen und verbindet über die Enge von geistigen, politischen und sozialen Grenzen hinaus.

Die Entwicklungstendenz des Gegenwartsmenschen

Die Entwicklungstendenz des Gegenwartsmenschen, von der ich spreche, ist die Individualisierung. Individualisierung muß als zeitgemäßes Lebensgefühl und als aktuelle Lebenspraxis noch viel radikaler und konsequenter gedacht werden, als wir das gewöhnlich tun. Was Individualität ist, ist - nicht nur aufgrund der weitgehend kommunikationstheoretisch-funktionalistischen statt menschenkundlich-praktischen Selbstbegründung der europäischen Theorie der Kulturpolitik heute[3] - dem Wesen nach noch immer weitgehend unbekannt. Dieser Leitbegriff und die hinter ihm stehende Tatsache, die im 20. Jahrhundert bereits während des Wetterleuchtens der großen Kämpfe zwischen den Ideologien immer wieder aufflackerte und im Hintergrund letztlich schon das gesellschaftliche Spiel unterschwellig zu bestimmen begann, fängt erst am Ende des 20. Jahrhunderts an, in voller Konsequenz Wirklichkeit zu werden. Wenn wir eine geistige Signatur, eine Typologie der Menschen zeichnen wollen, die heute in Europa leben, und ihre innere Entwicklungsbewegung, ihre geistige und unterbewußte seelische Ausrichtung kennzeichnen wollen, dann ist Individualität das geeignete Stichwort, in dem sich bei genauerem Hinsehen wie in einem Spiegel auch die verschiedenen kulturellen Probleme unseres gesellschaftlichen Augenblicks reflektieren.

Wie kann nun diese Tendenz zur Individualisierung, wenn ihr schon eine solche Zentralstellung für die Entwicklungsnahme der Gegenwartskultur und ihrer Behandlung durch Kulturpolitik zukommt, phänomenologisch näher erfaßt und begriffen werden? Dazu schreibt der polnisch-englische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman in ganz grundsätzlicher Absicht und - aus meiner Sicht des kulturellen Gesamtzustandes und der mit ihm konkret verbundenen Praxis – die übergeordnete Gesetzmäßigkeit durchaus treffend:

„Die Moderne lebte in ihren Antrieben von dem horror vacui, der Angst vor der Leere. Sie verwandelte die Angst vor der Leere in ein Prinzip der sozialen Organisation und der Persönlichkeitsformung. Die Moderne war eine fortwährende, kompromißlose Anstrengung, die Leere zu füllen oder zuzudecken. Die moderne Mentalität war fest überzeugt, diese Aufgabe könne erfüllt werden - wenn nicht heute, dann morgen.

Die Sünde der (gegenwärtigen) Postmoderne besteht darin, diese Anstrengung aufzugeben. Diese Tat scheint tatsächlich eine Sünde zu sein, wenn man bedenkt, daß das Aufgeben der Anstrengung von sich aus keineswegs der Angst vor der Leere ihre dramatische Triebkraft nehmen kann.

So werden Männer und Frauen mit ihrer Furcht allein gelassen. Von der Philosophie wird ihnen gesagt, die Leere bleibe und von der Politik, damit fertig zu werden sei nun ihre eigene Pflicht und Sorge. Die Postmoderne hat die Ängste nicht zerstreut, die der Menschheit von der Moderne eingeflößt wurden, als diese sie ihren eigenen Möglichkeiten überließ. Die Postmoderne hat diese Ängste bloß privatisiert. Vielleicht ist das eine gute Nachricht. Die Privatisierung der Angst mag zwar keinen Seelenfrieden bringen, aber vielleicht beseitigt sie einige der Gründe für die Kriege der Klassen, Nationen oder Rassen. Und dennoch, es ist keine eindeutig gute Nachricht. Die Versuchung, Schutz zu suchen, bleibt mit den privatisierten Ängsten so stark wie eh und je.

Das ethische Paradox des postmodernen Zustands besteht darin, den gesellschaftlichen Subjekten die Vollständigkeit moralischer Entscheidung und Verantwortung zurückzugeben, und ihnen gleichzeitig die Sicherheit der universellen Orientierung zu rauben, die ihnen das moderne Selbstbewußtsein einst versprach. Die ethischen Aufgaben der Individuen wachsen, während die sozialen Ressourcen, um sie zu erfüllen, sich verringern. Moralische Verantwortung geht mit der Einsamkeit moralischer Entscheidungen einher.

In einer Dissonanz moralischer Stimmen, von denen keine die Möglichkeit hat, die anderen zum Schweigen zu bringen, werden die Individuen auf ihre eigene Subjektivität als der letzten und ethischen Autorität zurückgeworfen. Alles... ist zu einer Sache individuellen Ermessens geworden, riskant, skrupellos, chronisch unsicher und begleitet von niemals zu beschwichtigenden Skrupeln.“[4]

Dies ist ein erster wichtiger Hinweis auf die gegenwärtige Signatur der Individualisierung. Ein zweiter ist die aus dieser geistigen Situation erwachsende Pluralisierung, Differenzierung, lokale und subjektivistische Fragmentarisierung und „Zerstreuung“ des Politischen und mit ihm des Kulturpolitischen an sich. Auch dazu gibt uns Zygmunt Bauman Anhaltspunkte anhand konkreter Beobachtungen, die wir alle, denke ich, aus unserer eigenen Praxis heraus mehr oder weniger bestätigen können:

„(Kultur-)Polik ist überall, sei es in Lehrplänen, in der Filmproduktion oder in der Unterbringung von Obdachlosen. Gleichzeitig vermittelt (Kultur-)Politik den Eindruck, nirgendwo zu sein. Die wirklich entscheidende Politik wird an Orten gemacht, die weit von den Politikerbüros entfernt liegen.“[5]

Die Charakteristik der Individualisierung heute

Man könnte diese Grundaussagen Baumans für die Stimmung und unterbewußte Kulturhaltung der Mehrzahl der Menschen leicht im ganz konkreten Alltag wiederfinden. Was Bauman allerdings nicht erwähnt, ist ein dritter Aspekt, nämlich die dem allen implizite Eigenheit der Individualisierung, die gegenwärtig stattfindet. Ich halte diese Eigenheit gerade im Hinblick auf die Aufgabe einer wirklich zeitgenössischen Kulturpolitik zwischen modernem und „postmodernem“ Gemüts- und Geisteszustand der Gesellschaft für bedeutend. Worin besteht diese Eigenheit der Individualisierung heute?

Sie besteht darin, daß wir derzeit vor allem eine vorbewußte Individualisierung im Fühlen und Wollen der Einzelnen sich vollziehen sehen, während im Gegensatz dazu das gesellschaftlich anerkannte Denken und die von ihm ausstrahlende, den öffentlichen Diskurs immer stärker dominierende Wissenschafts- und Intellekt-Kultur die Einzelmenschen zur Nivellierung unter naturwissenschaftlich-„objektive“, mehr oder weniger rein rationale Gattungs- und Funktionalitätsbegriffe drängt. Eben aus diesem Drängen der gegenwärtig anerkannten Hochkultur in das Allgemeine, Objektive und Unpersönliche hinein entsteht, wie ich meine, die charakteristische Färbung und der konkret erlebbare innere Zwiespalt der Individualisierung heute: daß das gesellschaftlich konsensfähige Denken die Individualisierung weitgehend verdrängt zugunsten einer „Objektivität“, die das Allgemeine zum Gegenstand hat, weshalb sich die Entwicklungstendenz des Gegenwartsmenschen zu Eigenheit und Vereigentlichung weitgehend vorbewußt - und das heißt: undurchdrungen und undurchschaut vom denkend-bewußten „Ich“ des Selbst - in einem Fühlen und einem Wollen vollziehen muß, die sozusagen vom anerkannten Denken allein, vom Denken sich selbst überlassen worden sind. Deshalb ist es eine mehr primordiale, elementare Individualisierung, die gegenwärtig stattfindet, nicht eine im erweiterten Sinne „selbstreflexive“ oder „humanistische“ - denn das „humanistische“ Element hat sich in der europäischen Geistesgeschichte vor allem durch die synchrone und diachrone Übereinstimmung von Denken, Fühlen und Wollen im ontologischen Augenblick der Gegenwart ausgezeichnet und zum Teil auch selbst definiert.[6]

Daß die Individualisierung derzeit vor allem im Fühlen und Wollen, aber weniger im Denken und im auf sich selbst aufmerksamen Bewußtsein stattfindet, ist phänomenologisch in ganz Europa deutlich sichtbar. Es findet derzeit vor allem jene unterbewußte gefühls- und willenshafte Differenzierung statt, die zum Teil zur Asozialität tendiert. Verschiedene Beobachter haben die daraus sich ergebende gegenwärtige Situation eines zunehmenden, in seinen Ursachen über sich selbst im Unklaren seienden Widerstreits einmal durchaus treffend als Phase der „Pubertät vor dem Erwachsenwerden“ bezeichnet - eine Art Erwachsenwerden der Subjekte durch eine Art Abgrenzung und instinkthafte Individualisierung im Fühlen und im Wollen, aber ohne ausreichendes Bewußtsein dieses fundamentalen Vorganges und daher mit spezifischen Spannungen, Krisen und Konflikten verbunden.

Zu dieser Phase des Selbstvollzugs einer mehr instinkthaft-elementaren Individualisierung, in der wir uns gegenwärtig voll befinden, gehören diverse soziale und zum Teil auch im weitesten Sinn „politische“ Aufspaltungstendenzen, aber auch ein schwer auf den Punkt zu bringendes Unbehagen an der traditionellen Kultur und ihren sozialen und politischen Lebensformen. Zugleich ist mit dieser Art der Individualisierung auch ein auffällig wachsendes Unbehagen an der bisherigen Rolle der Intellektuellen im öffentlichen Leben verbunden. Das merkt man auch in den kulturpolitischen Kreisen deutlich.

Die Änderung des Status der Intellektuellen

So war früher, meines Erachtens etwa bis Anfang der 90er Jahre, Kulturpolitik vorwiegend eine Sache von - nach Möglichkeit ideologisch in ihrer jeweiligen Weltanschauung umfassend sattelfesten - Intellektuellen. Intellektueller war jemand, der eine allgemeingültige, universal brauchbare und auf den verschiedensten Feldern einsetzbare Idee oder Wahrheit vertrat, die sich als erklärender, lösender, vereinigender und zugleich struktuierendender Kit für alle möglichen Einzelprobleme eignete.

Mit dem schrittweisen Zusammenbruch der Geltungsansprüche von universalen Ideen seit Anfang der 90er Jahre änderte sich aber auch schrittweise die Definition des Intellektuellen und mit ihm die Rolle der Politik, die sich aus den kulturellen Lebensformen und Überzeugungen des im weitesten Sinne ideologischen Intellektualismus heraus ergeben kann. Der Intellektuelle, der aufgrund eines universal einsetzbaren Zentralwissens heraus die Welt in ihren Widersprüchlichkeiten und Diskontinuitäten gestaltet, indem er ordnend in die Kultur und ihre verschiedenen, ambivalenten und heterogenen Manifestationen und Prozesse hineinwirkt und über sie die Menschen und damit das Soziale zum Besseren hin verändert, beginnt spätestens seit Ende der 90er Jahre unter den geistigen Bedingungen der „Postmoderne“ abzudanken (wenn auch nicht immer explizit, aber sicher legitimatorisch). An seine Stelle tritt das bunte Durcheinander von Einzelnen, welche konkrete Einzelideen verwirklichen, die partikular und lokal sind und nur an Ort und Stelle im Hier und Jetzt ihre praktische Legitimation finden. Das strahlende, unitarische Zentrum tritt ab, es lebe das produktive, lebendige und freie Durcheinander praktischer kultureller Wirklichkeiten. Gerade im Kulturbereich scheint dies gegenwärtig - noch weit mehr als in anderen Feldern, wo vergleichbare Tendenzen wirksam sind - unter den Bedingungen der Individualisierung die „immanente“ Losung des Fortschritts zu sein.

Das produktive Dilemma heutiger Kulturpolitik

Damit habe ich nun – ohne Anspruch auf Vollständigkeit - einige Motive umrissen, die mit der Grundtendenz des Gegenwartsmenschen, der Individualisierung, verbunden sind und in einem tiefreichenden Sinn in den politischen und kulturellen Raum hineinwirken. Aus diesen Motiven, die mit einer gesteigerten Produktivität, allerdings aber auch mit einem wachsenden Maß an Instabilität und Unsicherheit des kulturellen Zeit-Paradigmas verbunden sind, erwächst nun heute in verstärktem Maß die Grundfrage, die wir uns immer wieder mit neuer Aufmerksamkeit und neuer Offenheit stellen müssen. Diese Frage lautet: Worin besteht das produktive Dilemma heutiger Kulturpolitik?

Man könnte sich darüber wundern, daß ich eine Frage mit „negativem“ Klang, nämlich die Frage nach einem „produktiven Dilemma“ zur zentralen Grundfrage der Selbstreflexion von Kulturpolitik heute mache. Das hat aber seinen genau umreißbaren Sinn. Denn es ist klar, daß Kulturpolitik heute den Menschen dient und in verschiedenster Hinsicht sinnvoll und positiv ist, daß sie in vielen Aspekten gut funktioniert und am Anfang des 21. Jahrhunderts sogar in vielfacher Weise effizienter und produktiver ist als in den Jahrzehnten davor. Das ist schön und gut. Aber die Problemstelle ist gerade im Kulturbereich das, was zum Denken fordert, wo die Entwicklung liegt, das Sich-Abzeichnen eines Künftigen und zugleich der zündende Funke für dieses Künftige. Die produktive Ambivalenz ist dasjenige, wo das Künftige hervorzudämmern beginnt, das, was dialektisch nach vorne treibt. Wo etwas mißlingt oder Schwierigkeiten macht, wo etwas sich dem problemlosen Zusammenhang des Funktionierens widersetzt, dort - und meist erst dort - kommt etwas Reales zum Vorschein, wie uns nicht nur die Psychoanalyse, sondern auch eine mehr humanistisch orientierte Betrachtungsweise, das heißt der Hauptstrom des abendländischen Diskurses und seine gesellschaftliche Ausprägungen lehren. Wo also ist der spezifische Ort, wo Kulturpolitik heute an Widerstände stößt - wo sie, wie meine Gesprächspartnerin im eingangs erwähnten Beispiel konstatierte, als „ein Widerspruch in sich selbst“ oder eine „Unmöglichkeit“ empfunden wird und als etwas Fremdes, etwas zu Erneuerndes, etwas zu Adaptierendes in der Wirklichkeit steht?

Dieser Ort, wo für das kulturpolitische Wirken Widerstände und Disharmonien auftauchen, er Ort, wo etwas mißlingt, ist heute meiner Erfahrung nach immer stärker jene relativ genau bestimmbare Überschneidungszone, wo „neue“ Individualität und das herkömmliche Selbstverständnis von Kulturpolitik in der Praxis zusammenstoßen. Ich will das exemplarisch an den drei wichtigsten zeitgenössischen Kritiken an Idee und Praxis von Kulturpolitik erläutern.

II
Die drei Kritiken an Kulturpolitik heute

Wir alle, die wir in den verschiedensten Weisen in der Praxis des Kulturellen und des Kulturpolitischen stehen, wissen, daß gerade die Kultur mehr als andere Bereiche neben dem Tagesgeschäft von langfristigen „Unschärfeperspektiven“ lebt. Sie bewegt sich als fließendes Ganzes in kontinuierlicher Veränderung und ist also als bewegliches Gebilde mit vielen, zum Teil widersprüchlichen Teilaspekten und Nuancen zu begreifen. Gerade deshalb möchte ich mich nun, um näher in das praktische Dilemma von Kulturpolitik heute vorzustoßen, auf drei urbildliche Kritiken der Gegenwart an dem gängigen Begriff von Kulturpolitik beschränken. Denn erstens sind diese drei Kritiken meines Erachtens gerade aufgrund ihrer Allgemeinheit, Grundsätzlichkeit und „Unschärfe“ imstande, gemeinsam den gegenwärtigen Wandel der Kulturpolitik, ihrer Ziele und Notwendigkeiten sowie ihrer Legitimation zu umreißen. Zweitens haben sie generellen, grundsätzlichen Charakter. Und drittens treten sie derzeit in ganz Europa vergleichsweise einheitlich hervor.

Erinnern wir uns bei der folgenden Sichtung der drei Kritiken noch einmal daran, daß Kulturpolitik, worauf ich bereits hingewiesen habe, jener geheime Leitdiskurs der Moderne war, der wie kein anderer öffentlicher Diskurs die Aufgabe hatte, das Verhältnis zwischen Subjektivem, Lokalem und Partikularem auf der einen Seite, und, wenn Sie so wollen, Sozialem, Nationalem, Internationalem und Allgemeinem auf der anderen Seite im Sinne der Schaffung einer integrativen Ganzheit aus einem Guß zu regeln.

Verschiedene Philosophen der Gegenwart haben nun in jüngster Zeit in sich auffällig häufender Weise darauf hingewiesen, daß Individualisierung und Pluralisierung als instinktives Streben des Gegenwartsmenschen eigentlich „Kulturpolitik“, wie wir sie bisher kennen, verunmöglichen. Ich möchte im folgenden auf die drei diesbezüglich wichtigsten „postmodernen“ Kritiken am herkömmlichen „modernen“ Selbstbild von Kulturpolitik eingehen: auf die Kritik des bereits genannten Soziologen Zygmunt Bauman sowie auf die Kritiken der Philosophen Jean-Francois Lyotard und Slavoj Zizek. An die kritische Position des letzteren möchte ich dann auch meine eigene Lösungsperspektive für das gegenwärtige produktive Dilemma der Kulturpolitik zwischen Gestaltung von Einheits- und Ganzheitsräumen und partikularen Zonen, zwischen Sozialität und Individualisierung, zwischen Moderne und „Postmoderne“ anschließen.

a) Zygmunt Bauman (Das Unbehagen in der Postmoderne, 1999)

Zygmunt Bauman ist in seinem für das tiefere Empfinden der Gegenwart beispielhaften Essay der Ansicht, daß Kultur vom Ende des 19. Jahrhunderts an bis etwa 1989 im wesentlichen als Ordnungsfabrik angesehen wurde – das heißt als kohärentes System von Vorschriften und Geboten, um die Gesellschaft und die Menschen von einem übergeordneten, „wissenden“ Gesichtspunkt heraus zu veredeln und zu erziehen. Der gesellschaftlich anerkannte Begriff von Kultur, der damit zusammenhing, war gekennzeichnet durch die Vorliebe für Konsens, Typus und Gemeinsamkeit (durch ein „Keksausstecherkulturkonzept“, wie das der amerikanische Soziologe Clifford Geertz zum Leitmotiv der Moderne erklärt hat[7]). Kultur war für die Moderne ein System kohärenter und widerspruchsfreier Richtigkeiten und sozialer Normen, die mehr oder weniger naturgegeben und daher weitgehend unhinterfragbar für das „richtige Leben“, für das Gemeinsame, Schützende, Schützenswerte und Identitätshafte galten. Dies im Sinne des geheimen Wahlspruchs der Moderne: Ordnung, verzweifelt gesucht.

„Der Begriff der Kultur wurde nach dem Muster der Ordnungsfabrik geprägt. Dementsprechend galt als höchster von der Kultur zu erreichender Zustand der eines Systems mit einer Funktion für jedes Element, wo nichts dem Zufall, kein Element sich selbst überlassen, sondern alles aufeinander abgestimmt ist, ineinandergreift, kooperiert.“[8]

Kulturpolitik war in dieser herkömmlichen, „modernen“ Sichtweise, die aus der Sicht von Bauman noch bis in die 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein Geltung hatte, nichts anderes die permanente Wieder-Herstellung, Ausbesserung,und Pflege dieses – im wesentlichen unitarisch, institutionell und kollektiv ausgerichteten – kulturellen und sozialen Systems.

Heute dagegen – auf europäischem Maßstab etwa seit Mitte der 80er Jahre, in den Alpengebieten meiner Beobachtung nach erst seit der ersten Hälfte der 90er Jahre - sind neue Tendenzen in den Vordergrund getreten. Die Signatur des gegenwärtigen Menschen besteht, wie wir gesehen haben, darin, daß er sich individualisiert. Und das heißt: daß er sich aus „natürlichen“ schützenden Bindungen herauslöst, keine sozialen Richtigkeiten mehr als vorgängig oder in irgendeiner Weise allgemeingültig gelten läßt und sich von tradierten kulturellen Normen- und Verweisungszusammenhängen emanzipiert. Das ist die allgemein wirksame „instinktive“ Grundtendenz, die wir an so gut wie allen Zeitgenossen heute beobachten können - zwar nach Alter, Geschlecht, sozialer Klasse und Bildungsgrad differenziert, aber insgesamt doch einheitlich feststellbar.

Kultur gilt dem Zeitgenossen und seinem individualistischen Lebensgefühl mehr und mehr als unaufhörlicher, durch Dissens und Widerstreit geförderter Selbststrukturierungs- und Selbstentwicklungsprozess kultureller Partikularitäten und Differenzen, und zwar ohne übergeordnete, künstlich erzeugte und immer wieder in sich selbst reproduzierte „totale und normativ geregelte Lebensform“. Kultur ist immer mehr wie „ein Wind, der nur weht, oder ein Fluß, der nur ein Fließen ist.“

Kulturpolitik wird in dieser Lage zu einem Instrument der Gemeinschaft unter mehreren, partikulare Bedürfnisse zu erfüllen und sie als einzelne Zielrichtungen mit der Vorwärtsbewegung des Ganzen in Beziehung setzen. Wenn Kultur wird zu einer Art „Verbraucherkooperative“ wird, dann wird Kulturpolitik zu ihrem Management. Das Ganze der Kultur ist im Zeichen der Individualisierung nichts anderes als eine stets vorläufig bleibende Zwischensumme partikularer kultureller Teilinteressen, nicht ein „höheres Ganzes“, auf das hin Integrationsleistungen zu vollbringen wären. Eine diesem Selbstbild von Kultur entsprechende Kulturpolitik ist daher am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht mehr Erziehung zum oder Wissen um das Richtige, sondern nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Abstimmung und gegenseitige Verträglichmachung von einzelnen kulturellen „Verbraucherinteressen“, die konkrete Lebensprozesse darstellen.

Eine solche Konzeption schließt ein Selbstverständnis von Kulturpolitik als Klassen- , Staats- oder Volkstumspolitik ebenso aus wie die Verfolgung von übergeordneten Idealen und gesellschaftlichen Utopien. Kultur als Verbraucherkooperative verlangt nach einer funktionalitätsorientierten, inhaltlich neutralen, sachbezogenen und ansonsten im Zweifelsfall eher zurückhaltenden Kulturpolitik. Das ist eine sehr nüchterne, aber gerade deshalb individualitätsermöglichende „postmoderne“ Konzeption, die sich, auf die Praxis umgedacht, durchaus deutlich von den „gestaltenden“, „utopischen“ und „wertbezogenen“ Selbstentwürfen bisheriger „moderner“ Kulturpolitiken unterscheidet.

b) Jean-Francois Lyotard (Für eine Nicht-Kulturpolitik, 1985)

Auf den ersten Blick ganz ähnlicher Meinung wie Bauman war bereits Mitte der 80er Jahre - also lange vor dessen Entwürfen - Jean-Francois Lyotard, der geistige Vater der „Postmoderne“.[9] Er war allerdings in seiner Demontage des herkömmlichen Begriffs von Kulturpolitik noch wesentlich radikaler und klarer als Bauman, ohne dabei allerdings der verführerischen Alternative eines „kapitalistischen“ Konsummodells von Kultur zu verfallen.

Jean-Francois Lyotard ist der Auffassung, daß es Kulturpolitik im eigentlichen Sinn des Wortes für den gegenwärtigen, emanzipierten gesellschaftlichen Augenblick im Gegensatz zu vorherigen Stadien der Entwicklung nicht mehr gibt und auch nicht mehr geben darf. Denn der Begriff „Kulturpolitik“ war aus der Sicht Lyotards von Anfang an und ist, soweit er noch im öffentlichen Gebrauch steht, bis heute ein Widerspruch in sich. Warum?

Das Grundkonzept der herkömmlichen - vor allem der national ausgerichteten - Kulturpolitik in Europa war vom 19. Jahrhundert bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts die Ethnie, das heißt die Gruppenhaftigkeit, und damit die permanente Verlängerung des Gegebenen, das das Individuelle unter seinen Fittichen hielt. Die zur „Postmoderne“ weiterentwickelte Moderne aber ist laut Lyotard seit Anfang der 70er Jahre in ganz eminentem Maß dadurch gekennzeichnet, daß ihre evolutiven Kräfte stets abbauende Kräfte für die Befreiung der Individualität sind.

Die im Innern der gesellschaftlichen Bewegung glimmende und immer stärker hervordrängende Tendenz zur Befreiung der Individualität erzeugt neben einer unübersehbaren Fülle an Möglichkeiten heute auch eine gewisse Angst vor der Freiheit und eine gewisse Einsamkeit des Subjekts. Die Folgen dieser Angst sind in der zeitgenössischen Kultur ebenso sichtbar wie die Früchte der Befreiung. Es gibt neben einer unübersehbaren Fülle von positiven, verlebendigen und pluralisierenden Phänomenen eines liberalen kulturellen Aufbruchs auch Tendenzen hin zu einer Re-Ethnisierung und Wieder-Vereinheitlichung des Kulturellen. Und auf der anderen Seite feiert die Kulturindustrie mit ihrem Fokus auf identitätsloser, global einsetzbarer Beruhigung und Zerstreuung der Angst vor dem „einsamen“ Individuell-Sein immer neue Umsatzrekorde. Trotz dieser negativen Begleiterscheinungen bleibt aber die Grundfrage aufrecht, die mit der Entdeckung der Postmoderne, daß nur der individuell freie Mensch gut arbeiten und gestalten kann, in den Mittelpunkt alles sozialen Bemühens getreten ist. Diese Frage lautet: Wie kann man kulturell die Bedingungen für die Selbstentfaltung freier Menschen schaffen?

Diese Frage aber schließt, davon ist Lyotard überzeugt, schon von ihrer immanenten Logik her den Begriff der „Kulturpolitik“ aus. Es darf heute – im Zeitalter der Überwindung jeder Art von totalitären Ideen und in der Epoche der realen Verwirklichung von Individualität, das heißt der Epoche der konkreten Befreiung des Einzelnen von allen Vormundschaften – im Gegensatz zu den „integrativen“ Illusionen der Moderne keine im eigentlichen Sinn „politische“ Behandlung und Verwaltung von Kultur mehr geben. Denn die Kultur muß von der Politik (das heißt von jeder wie auch immer postulierten „Totalität des Gemeinsamen“) unabhängig sein – eben zugunsten der Befreiung der Individualität. Die Aufgabe der Kultur liegt nicht in der Schaffung von Einheit und geistiger Harmonie, wie es die bisherige Konzeption von Kulturpolitik insgeheim mehr oder weniger gewollt hat, sondern in der Hervorbringung eines realen und konsequenten gesellschaftlichen Widerstreits, der zwar politische Folgen hat, sich aber in seinen geistigen und ideellen Seiten, auf die es ankommt, per definitionem der Sphäre der Politischen im herkömmlichen Sinn entzieht, ja in seiner kulturellen Substanz geradezu außerhalb von ihr stattfinden muß. Lyotard schreibt:

„Kulturpolitik ist ein Ausdruck, der, wie immer man ihn wendet, Schrecken einjagt. Der geschichtliche Horizont dieser Institution ist das Jahrhundert von 1880 bis 1970, der Zeitraum also, währenddessen die großen, militärisch-industriell organisierten Parteien um die Massen kämpften, mit dem Ziel, die Schlacht gegen die decadence zu gewinnen (für die bald dieser, bald jener Feind verantwortlich gemacht wurde). Kultur heißt in diesem Zusammenhang, den Geist als Bestandteil jener Kräfte zu betrachten, die in dieser Schlacht gegeneinander angetreten sind. Mit der Kulturpolitik gerät der Geist in den Einflußbereich von Politbüros und Minsterialkabinetten. Die Einbeziehung von Kultur in strategische Kalküle beginnt mit der deutschen Sozialdemokratie gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Fortsetzung findet sie (unter konträren, aber gleichartigen Modalitäten) in den Kulturpolitiken des Faschismus, Nazismus, Stalinismus, Castroismus, Maoismus.

Nachdem dieses Jahrhundert der Parteistaaten zu Ende geht, wäre es intelligent und zugleich neu, mit dieser Institution zu brechen. Sie bestätigt die decadence des Geistes, die sie angeblich bekämpft: Sie unterwirft all seine Tätigkeiten dem Ziel der Herstellung einer nationalen, historischen, einer Identität von Klasse, Volk oder Blut, ein wenig von allem zugleich. Der Geist indes bedarf keiner Bindung an solche Figuren, nicht einmal an die der Menschheit.“[10]

Es kann und darf gemäß Jean-Francois Lyotard also keine Kulturpolitik mehr geben, weil der Abschied von den falschen Universalien der Moderne (die besagen: nur eine Idee ist richtig, diese eine richtige Idee wirkt als ideologische Ordnung in alle Felder) im Zeitalter der Individualisierung und der gesellschaftlichen Verwirklichung von ernstgemeinter Pluralität jede harmonisierende Wirkung einer Kultur und Politik in Zusammenhang setzenden Denkweise konsequenterweise verabschieden muß. Aus der Sicht dieser radikalen Forderung Jean-Francois Lyotards sind wir in Mitteleuropa im Hinblick auf die praktischen Tendenzen unseres kulturpolitischen Selbstverständnisses derzeit wohl noch etwas zu „modern“ - und allerdings etwas zu wenig „postmodern“.

c) Slavoj Zizek (Plädoyer für die Intoleranz, 1999)

Die unterschwellig herrschende Ideologie der Kulturpolitik ist laut der Analyse von Slavoj Zizek, einem slowenischen Psychoanalytiker und Kulturphilosophen, in Europa heute weitgehend der Multikulturalismus. Multikulturalismus heißt Abschaffung einer einheitlichen, „zentrumsorientierten“ Kulturpolitik zugunsten eines unendlichen Widerstreits und eines prinzipiell ewig offenen Prozesses, der nie an ein Ende kommt und sich auch nicht „entscheidet“. Multikulturalismus als Selbstverständnis von Kulturpolitik entspricht in diesem Sinn den Forderungen Baumans und Lyotards.

So weit, so gut. Dabei tritt nun allerdings eine entscheidende Schwierigkeit auf. Gerade dieses Selbstverständnis von Kulturpolitik als Multikulturalismus, wie es die „Postmodernen“ einfordern und wie es sich unterschwellig immer weiter realisiert, droht am Beginn des 21. Jahrhunderts aufgrund seiner Wertneutralität und wegen seiner Orientierung an Partikularinteressen, die das Ganze und damit die Bewegung des Wesentlichen (Hegel) aus den Augen verliert, zu einer indirekten Förderung der bloß funktionalistischen Interessen des globalisierten Kapitals zu werden, das ohne Werte und ohne Bezug des kulturellen Denkblicks auf das Ganze am besten, nämlich ungestört, seine eigenen Ziele verfolgen kann. Ein solches Selbstverständnis von Kulturpolitik führt tendenziell zu einer kulturellen Fragmentarisierung, Entidealisierung und Entpolitisierung der Gesellschaft. Denn wer nur auf Partikularinteressen ohne übergeordnete Idee fixiert ist, nimmt der Idee des Politischen ihre entscheidende Dimension: die der Gestaltung eines sozial Umfassenden und Grundsätzlichen.

Die Kulturpolitik, für die alles gleich viel wert ist, die Kulturpolitik ohne Ganzheiten und ohne Ideale, wie sie Zygmunt Bauman und Jean-Francois Lyotard anstreben, ist daher für Zizek letztlich eine Kulturpolitik, die nicht „substantielle Totalität“ anstrebt, aber dabei etwas Entscheidendes übersieht: daß nämlich in Wirklichkeit jede authentische Kultur, die überhaupt als solche gelten kann und von anderen unterscheidbar ist, eine Suspendierung des Neutralen zugunsten einer Substanz ist. Eine multikulturelle, wertegalitäre Kulturpolitik dagegen wird unmerklich zur Ideologie des wertfreien und egalitären globalen Kapitalismus. Denn dieser Kapitalismus kann sein Spiel dann am besten spielen, wenn alles gleich viel wert scheint und nur ein unendlicher offener Prozeß, aber kein auf ein Ziel gerichtetes Verwirklichungsgeschehen eines ernstzunehmenden und in der Wirklichkeit zu prüfenden Ideellen ist.

Weil dieses Dilemma in der Wirklichkeit der kulturpolitischen Praxis gegenwärtig immer stärker wahrgenommen wird, bilden sich heute laut Zizek zwei Gegentendenzen zum herrschenden Paradigma von Kulturpolitik als Multikulturalismus heraus. Es sind dies

  1. ein Selbstverständnis von Kulturpolitik als „Arche-Politik“. Arche-Politik sind kommunitaristische Bemühungen, einen traditionellen geschlossenen, organisch strukturierten, homogenen gesellschaftlichen Raum zu definieren, der keine Leere offen läßt, aus der heraus der politische Augenblick eintreten könnte“[11].
    Anders gesagt: „Arche-Politik“ ist die Rückkehr zu traditioneller Herrschaftsideen und autoritär definierten Einheitsräumen. In ihren Extremformen artet sie in die Restauration von spezifischen Gruppeninteressen als allgemeingültige Wahrheiten („Tribalismen“) aus.
  2. Eine zweite geläufige Gegentendenz zum derzeitigen Selbstverständnis von Kulturpolitik als Multikulturalismus ist ihr Selbstverständnis als „Post-Politik“. „Post-Politik“ begreift die Kulturpolitik als die reine Verwaltung gesellschaftlicher Angelegenheiten. Sie betont die Notwendigkeit, die alten ideologischen Trennlinien hinter sich zu lassen und sich den neuen Problemen zu stellen, bewaffnet mit dem notwendigen Expertenwissen und freier Beratschlagung. Dabei geht sie davon aus, daß gute Ideen einfach solche seien, die funktionieren.“[12]
    Post-Politik ist gemäß diesem Konzept zwar eine „leere“ Politik, die aber der Kultur ermöglicht, unabhängig von politischer Regulierung zu operieren. Kulturpolitik hat hier nur mehr die Aufgabe, die Dinge effizienter zu machen, aber inhaltlich hält sie sich aus allem heraus. Vor allem setzt sie keine ideellen oder gestalterisch-„utopischen“ Impulse. Man könnte diese Konzeption von Politik, die besonders gut in den „technischen“ Geist eines bestimmten Stromes der Gegenwartskultur paßt, zweifellos zu Recht als Verzicht auf jedwede eigentliche „Kulturpolitik“ ansehen. Dem Prinzip der Post-Politik entspricht, um ein konkretes Beispiel zu geben, im wesentlichen die heute im Förderungswesen so genannte Gießkannenpolitik: alle Entwürfe und Konzepte werden ein wenig mit öffentlichen Mitteln „gegossen“, unabhängig von den Inhalten. Nicht mehr „wahre“ Ideen, sondern Ideen, die funktionieren), stehen hier im Mittelpunkt. Andererseits kommen alle nach einem gewissen Gleichheitsprinzip, das sich aus der inhaltlichen „Leere“ einer solchen Kulturpolitik speißt, gleichermaßen zu einer Förderung und Anerkennung ihres Tuns. Post-Politik bedeutet aber auch die Diaspora der Kulturpolitik in inhaltsunabhängige Partikularinteressen und den Rückzug des Rechtsbereichs der Gesellschaft auf Funktionalität und eine reine Verteilungsfunktion, auf eine instrumentelle Verwaltung gesellschaftlicher und kultureller Angelegenheiten.

Soweit die drei meiner Beobachtung nach derzeit einflußreichsten und - aufgrund ihrer vergleichsweise präzisen Wiedergabe einer allgemein verbreiteten Grundstimmung oder Geisteshaltung in der Gesellschaft - wichtigsten Positionen der heutigen Theoriebildung über Kulturpolitik. Obwohl sie für einen Praktiker zumindest in Teilen befremdlich anmuten können, behalten sie doch sowohl im Zusammenhang mit der konkreten Wahrnehmung zeitgenössischer gesellschaftlichen Symptome wie auch gegenüber der grundsätzlichen Selbstreflexion des Vernünftigen im politischen Diskurs der Gegenwart ihr Eigenrecht und sind zu bedenken.

III
Fazit: Kulturpolitik unter „postmodernen“ Bedingungen –
eine Agentin politischer Subjektivierung

Kommen wir abschließend zu einer Bewertung der drei Kritiken und - angesichts der aufgewiesenen Entwicklungstendenzen - zu einem vorläufigen Fazit betreffend den Stand von Kulturpolitik zwischen Moderne und „Postmoderne“.

Man könnte die Position von Zygmunt Bauman und auch die von Jean-Francois Lyotard im Sinne der Unterscheidung Slavoj Zizeks tendenziell als Richtungnahme auf eine Post-Politik (Rückzug der Kulturpolitik auf rein funktionale Vermittlungsfunktion für die Effizienz des kulturellen Geschehens ohne Gestaltungsanspruch und ohne inhaltlich zu verwirklichende Ideale) deuten. Und man könnte die Position von Zizek selbst tendenziell am ehesten als Rückkehr zu einer Art Arche-Politik (Rückkehr zu einem übergeordneten und tendenziell „starken“, ideell gefärbten Erziehungs- und Leitungsanspruch der Kulturpolitik für die Gesellschaft) bezeichnen.

Beide Modelle scheinen mir für die Gegenwart wenig angebracht, obwohl beide heute in vielerlei praktischen Zusammenhängen die einzigen beiden Alternativen darzustellen scheinen, und tertium non datur. Wir alle, die wir in irgendeiner Weise konkret im kulturpolitischen Bereich tätig sind, neigen, wenn wir uns selbst überprüfen, bewußt oder explizit entweder zur einen oder zur anderen Lösung oder Grundhaltung - gerade weil das Alltagsgeschäft unter „postmodernen“ Bedingungen immer komplexer und differenzierter wird und nach Orientierung und klaren Handlungslegitimationen verlangt. Beide Modelle bieten sich in dieser Lage vergleichsweise leicht und günstig an, und sie sind durchaus direkt im Alltag praktizierbar. Warum aber beide für die Zukunft der „postmodernen“ Gesellschaft letztlich schlechte Alternativen darstellen, hat Slavoj Zizek selbst im Hinblick auf die Nachteile einer „Post-Politik“ ausgeführt:

„Der eigentliche politische Akt (die Intervention) ist nicht einfach etwas, das innerhalb des Rahmens der existierenden Verhältnisse gut funktioniert, sondern etwas, das genau diesen Rahmen verändert.“[13]

Ähnliches könnte man dem Konzept der „Arche-Politik“ entgegenhalten. Kulturpolitik als Arche-Politik versucht nichts anderes als die Verdrängung des Individuellen aus dem politischen und kulturellen Raum, und zwar zugunsten eines Typologischen, Allgemeinen, einer totalen, überindividuell-abstrakten Ordnung oder Wahrheit, die allerdings ihrerseits ebenfalls nur von einzelnen „wissenden“ Subjekten postuliert wird. Der „eigentliche politische Akt (die Intervention)“ ist aber nicht einfach etwas, das durch die Schaffung eines ideellen Rahmens einfach gesetzt und verteidigt wird, sondern etwas, dessen Charakter eben genau darum, weil es ein lebendiges Ideelles ist, darin besteht, jeden Rahmen zu verflüssigen und Wahrheiten nicht als übergeordnete, statische Ganzheiten zu postulieren, sondern Wahrheitsereignisse zu erzeugen, die nur im Rahmen einer originären Bewegung und Veränderung entstehen können und dadurch auf dauernde, „intensive“ Selbsterneuerung durch Verwandlung angewiesen sind.[14]

Der dritte Weg: politische Subjektivierung

Ich möchte daher – gerade unter Rücksichtnahme auf das, was ich als die Signatur des Gegenwartsmenschen bezeichnet habe: seine Tendenz zur Individualisierung, das heißt zum Selbstsein in allen Dingen, was „aktive“ Intentionalität aller Handlungen einschließt – gegenüber diesen zwei heute in der kulturpolitischen Praxis gängigen Modellen eine dritte Alternative vorschlagen, die der eigentlichen Dimension politischen Handelns unter „postmodernen“ Bedingungen am ehesten gerecht wird und die auch Slavoj Zizek in verschiedener Hinsicht ins Zentrum stellt: die der Selbstdefinition und des Einsatzes einer wirklich zeitgemäßen und auch für die kommenden Jahre zukunftsfähigen Kulturpolitik als Agentin politischer Subjektivierung. Was ist damit gemeint?

Ein Akt politischer Subjektivierung findet statt, wenn sich ein Einzelner aus völlig freiem Willen - aus einer Art individueller Intuition heraus, die nur in ihm selbst begründet liegt - unabhängig für eine Sache engagiert, und wenn er für dieses Engagement zugleich auch die persönliche Verantwortung übernimmt. Das ist die eine Voraussetzung. Die zweite Voraussetzung ist, daß dieser nur in sich begründete individuelle Akt des Handelns trotz der subjektiven Selbstbegründung eine „substantielle“ Veränderungswirkung auf das gesamte ihn umgebende politische und soziale Feld hat, also in seinen Konsequenzen gerade wegen seiner individuellen Authentizität über sich selbst hinausreicht. Slavoj Zizek gibt dafür ein gutes, einleuchtendes Beispiel:

„Aus meiner eigenen politischen Vergangenheit kann ich mich daran erinnern, daß ich mich, nachdem vier Journalisten verhaftet wurden und ihnen von der jugoslawischen Armee der Prozeß gemacht wurde, einem Komitee zum Schutz der Menschenrechte der vier Angeklagten anschloß. Offiziell bestand das Anliegen dieses Komitees darin, eine faire Behandlung der vier Angeklagten zu garantieren. Das Komitee wandelte sich aber zur wichtigsten oppositionellen politischen Macht im Lande, die die demokratische Opposition koordinierte. Das Programm des Komitees setzte sich aus vier Punkten zusammen. Die ersten drei betrafen direkt die betroffenen Angeklagten, während der Teufel im Detail steckte und natürlich der vierte Punkt darin bestand, daß das Komitee den gesamten Hintergrund der Inhaftierung der vier Angeklagten aufklären und daher dazu beitragen wollte, ein Umfeld zu erzeugen, in dem solche Inhaftierungen nicht länger möglich wären - eine kodierte Art und Weise also, um zu sagen, daß wir die Ablösung des existierenden sozialistischen Regimes wollten. Unsere Forderung: Gerechtigkeit für die vier Angeklagten! begann also als metaphorische Kondensation der Forderung nach einer Überwindung des sozialistischen Regimes zu funktionieren. Die einzigartige Geste der demokratischen politischen Subjektivierung besteht genau in dem Augenblick, in dem eine partikulare Forderung nicht einfach ein Teil der Aushandlung von Interessen ist, sondern auf etwas darüber Hinausreichendes abzielt und als die metaphorische Kondensation der globalen Restrukturierung des ganzen gesellschaftlichen Raumes zu funktionieren beginnt.“[15]

Ein anderes Beispiel unter den vielen, das diesen Charakter der politischen Subjektivierung im weiten Kreis kultureller und kulturwirksamer Aktivität verdeutlichen können, ist die mittlerweile für die Geisteshaltung der „Postmoderne“ beinahe paradigmatische Aktion von Frauen, die Erde vor ein Podium von Umweltdiskutanten schütten und damit in sehr individueller und direkter Weise darauf aufmerksam machen, daß die Wirklichkeit realer ist und eine andere Art von geistigem Engagement verlangt als theoretische Diskussionen. Sie erreichten durch diese in subjektiver Intuition entstandene Handlung nicht nur eine direkte, die ontologische Dimension der Frage erlebende Betroffenheit des Publikums, die zuvor unter technischen und statistischen Daten weitgehend verschwunden war. Sondern sie bewirkten auch eine grundsätzliche Infragestellung der gegenwärtigen kulturellen Technik der kapitalistischen Gesellschaft, drängende Probleme, die auch das Fühlen und das Wollen der Menschen betreffen, einseitig durch rationale „Kopf-Diskussionen“ eines bloß theoretisch operierenden Denkens analysieren und beurteilen zu wollen.[16] Ein weiteres Beispiel ist die „Baumfrau“ Julia Hill, die sich Ende der 90er Jahre in den USA aus eigenem Richtighalten zwei Jahre in der Krone eines alten Baumes festband, um zu verhindern, daß er gefällt wurde. Sie erreichte das, aber darüber hinaus auch, daß die Umweltdiskussion in Amerika einen neuen Impuls erhielt und zu einer neuen, grundsatzorientierten Intensität fand.[17]

Nur, wenn wir erkennen, daß die Zukunft der Kulturpolitik (und überhaupt der Politik insgesamt) in den Akten politischer Subjektivierung liegt, die sie wie keine andere Politik fördern kann und zur Entfaltung bringen kann, dann sehen wir auch, daß es gerade diese oft von gewissen Kreisen zum Teil argwöhnisch betrachteten (und nicht selten mit dem Vorwurf des Aufrührertums versehenen) Tendenzen der Individualisierung gesellschaftsrelevanter Aktionen sind, die unter „postmodernen“ Bedingungen eine „enge“ lokale und durch Partikularismen zersplitterte Kultur ohne Authentizitätsverlust zu einer „weiten Kultur“ machen und das Individuelle mit dem Allgemeinen, das Punktuelle und Lokale mit dem Ausgedehnten und Überregionalen zusammenschließen kann. Wenn Zygmunt Bauman meint, die Kultur und mit ihr die Kulturpolitik dürfe nur ein Wind sein, der ganz Wind ist, oder ein Fluß, der nur ein Fließen ist, wenn Jean-Francois Lyotard sagt, Kulturpolitik dürfe es nicht mehr geben, weil sie im Signum der Partikularisierung etwas Unmögliches sei, und wenn Slavoj Zizek konstatiert, der damit verbundene Verlust der Ideologie und der Inhaltsprägung durch die Kulturpolitik öffne einer schalen Funktionalisierung und Entidealisierung des Sozialen Tür und Tor, die letztlich nur den Interessen der Nicht-Kultur diene, dann meine ich, daß im Akt politischer Subjektivierung all diese Teilansichten und Teilwahrheiten berücksichtigt und zugleich auf einer höheren Stufe aufgehoben (Hegel) sind. Und dies nicht theoretisch, sondern ganz praktisch und zukunftsweisend.

Gegenüber anderen Politikformen, die ihr Eigenrecht bewahren, hat Kulturpolitik daher künftig in einer pluralen und individueller gestimmten Gesellschaft vorrangig die Aufgabe, darauf hinzuwirken, daß der Prozeß der politischen Subjektivierung (Eigenaktivität im Sinne der Entfaltung ethischer Individualität, die aber auf das Ganze Wirkung zeigt) immer wieder in den verschiedensten konkreten und praktischen Situationen ermöglicht wird. Wirtschafts- und Rechtspolitik tendieren heute sehr stark zur Vertretung von Gruppeninteressen. Auch Kulturpolitik ist zweifellos weiterhin mit Gruppeninteressen befaßt und muß sie berücksichtigen (vor allem im Zusammenhang mit kulturellen Institutionen), aber ihr handlungsleitendes Urbild könnte es künftig im Gegensatz zu den beiden anderen Politikbereichen sein, die Urteilsbildung und die individuelle Artikulationsfähigkeit - man könnte auch sagen: die individuelle Moralitätsfähigkeit, wenn man mit „Moralität“ nicht die Befolgung sozialer Normen, sondern das konsequente „Sein aus sich selbst“ meint - des Einzelnen zu fördern und zu ermöglichen, das heißt unter verschiedenen und sich zum Teil rasch ändernden Bedingungen immer wieder auf sie hinzuwirken.

Dabei muß klar sein, daß gegenwärtig auch starke Gegenkräfte gegen eine Kulturpolitik der politischen Subjektivierung oder des ethischen Individualismus wirksam sind. Es sind dies vor allem die Kräfte einer inhaltsleeren (nominalistischen) Ästhetisierung, denen Teile des kulturellen Feldes verfallen, und der kulturelle Hauptstrom der objektiven Rationalisierung, der den öffentlichen Diskurs bestimmt. So wäre es meines Erachtens gerade das Gegenteil politischer Subjektivierung (das heißt des Aktes, wenn ein subjektiver, persönlicher politischer Akt als Restrukturierungsinitiator für den gesamten gesellschaftlichen Raum zu funktionieren beginnt), wenn Kinder unter dem Titel „Wir verändern unser Leben“ neue Mülleimer in der Stadt aufstellen. Hier findet eine subjektivistische und aktivistische Reduktion von Politik und Ideal auf isolierte Sachmaßnahmen im Sinne von funktionalen Varianten statt, und es geschehen keine grundsätzlichen, auf das Ganze gerichteten Veränderungen, die das bestehende System von sozialen Konventionen durch individuelle, in sich kohärente politische Akte über sich selbst hinausführen. Eine „postmoderne“ Kulturpolitik hat im Sinn ihres Eintretens für die Akte politischer Subjektivierung unter anderem sehr wohl die permanente „revolutionäre“ Aufgabe im Auge zu behalten, Politik und Utopie durch die unmittelbar engagierte Vermittlung des Individuellen in einen auf grundsätzliche Veränderungen orientierten größeren Zusammenhang zu stellen.

Die Idee der politischen Subjektivierung ist natürlich keine Patentlösung und auch keine einfache praktische Handlungsanweisung, sondern ein umfassendes Leitbild, das es bei allen einzelnen Fällen und Situationen der konkreten, situationsbezogenen kulturpolitischen Entscheidungsfindung immer von neuem vor Augen zu führen und in geeigneter und den jeweiligen Möglichkeiten angepaßter Form zur Geltung zu bringen gilt. Eine detailliertere Anweisung, was Kulturpolitik „denn eigentlich heute tun soll“, die manche sich immer noch von einem Impulsgeber erwarten, kann es darüber hinaus nicht geben, wenn das Entscheidende: das je Differente, Einzigartige und Plurale der lebensweltlichen Praxis berücksichtigt und respektiert werden soll. Je länger ich in der Kulturpolitik arbeite, desto weniger halte ich von abstrakten, umfassenden, allgemeingültigen Lösungen, die entwickelt werden, um damit den gesamten gesellschaftlichen Raum einheitlich zu strukturieren und ideell zu homogenisieren. Kulturpolitik hat es eigentlich immer mit partikularen und einzigartigen Gegenstandsbereichen zu tun, für die es keine allgemeingültigen Lösungen gibt, mit unlösbaren Problemen. Man kann daher heute - unter den Bedingungen der „Postmoderne“ - nur die Anschauung von Gegenstandsbereichen und Problemen verbessern, und zugleich das Urbild der notwendigen Intervention klären, um dann je nach Einzelfall Lösungen zu finden. Generelle Aussagen oder Sätze, die die Dinge diesseits des Ringens um konkrete Anschauungsbildung entscheiden, gibt es nicht. Darin ist Kulturpolitik exemplarisch und avantgardistisch in ihrer Verfaßtheit für jede künftige Politik unter den Bedingungen der Individualität und der Pluralität. Kulturpolitik wäre in diesem Sinne - einen weiten Kulturbegriff vorausgesetzt - geradezu der Politik-Begriff schlechthin.

Fazit

Das Urbild der künftig notwendigen Intervention, auf die Kulturpolitik hinarbeiten muß, ist die politische Subjektivierung – und zwar im Kulturbereich, aber auch darüber hinaus. Nicht um einen kulturellen oder politischen Konsens geht es künftig, sondern um die Möglichkeit, ohne ihn auszukommen. Gerade die „freien“ Differenzen zwischen Individuen, von denen die Gesellschaft mehr und mehr geprägt sein wird, machen auch künftig Kulturpolitik nötig. Aber eine „andere“ Kulturpolitik als die, die bis vor vergleichsweise wenigen Jahren die Öffentlichkeit bestimmte. Kulturpolitik besteht im Sinn einer zeitgemäßen Geisteshaltung nicht darin, Konsens herzustellen, sondern immer wieder einen gangbaren Weg herzustellen, wie man ohne Konsens auskommt. Sie wird zu einer praktischen Politik der kulturellen Schlichtung (zwischen Einzelindividuen und zwischen Ethnien), und zwar auf der Basis des Schutzes einzelner Identitäten und Entfaltungsmöglichkeiten.[18] Vom expliziten, hierarchischen Steuerungsprinzip wird Kulturpolitik heute also eher zum immanenten, impliziten Steuerungsprinzip – nämlich zur Förderung verschiedenster Akte politischer Subjektivierung auf dem Feld der Kultur und darüber hinaus.

Im Dilemma bleibt zeitgenössische Kulturpolik freilich auch dann noch, wenn sie die den ersatzlosen Verlust universaler Ideen und die an seine Stelle tretende Pluralität von Akten politische Subjektivierung als Leitbild akzeptiert und anvisiert. Gerade die in ihrem Sein zwischen Politik und Kultur unaufhebbar und konflikthaft angesiedelte Verbindungsfunktion zwischen Realfaktoren und Idealfaktoren, zu der sie auch künftig kraft ihres Begriffes stets unausweichlich, nun aber in aller Offenheit und ohne eindeutige Lösungsmöglichkeit - das heißt ohne den Schutz universaler Ideen und Konzepte - gezwungen sein wird, sollte sie künftig als ihr Privileg - vielleicht als ihr einziges wirkliches Privileg - ansehen.

Sie wissen, daß wir in unserem „engen“ Alpenraum noch keine so „weite“ Kultur haben, daß wir auf das Politische verzichten könnten. Aber das Politische, wie wir es bis vor einigen Jahren gekannt und verstanden haben, wird sich unter dem Einfluß der neuen Kulturtendenzen zweifellos verdünnen, vielleicht sogar auflösen zwischen den Polen des Individuellen und des Sozialen, die zu immer stärkerer Eigentätigkeit erwachen.

Die einzige, bereits jetzt allerorten zu flüstern beginnende Frage wird dann sein: heroischer Egoismus oder ethischer Individualismus?[19] Auf die Vorbereitung des geistigen Kampfes zur Beantwortung dieser Frage wird sich die Aufgabe einer eigentlichen, selbstaufgeklärten Kulturpolitik der Zukunft reduzieren. Die Kulturpolitik, oder was nach der „Postmoderne“ noch von ihr übrig sein wird, muß schon heute auf diese Frage hinzuarbeiten beginnen. Sie muß die Weichen stellen, wohin die Entwicklung der Individualisierung geht. Das bleibt aus tieferer und langfristigerer Sicht ihr einziger kultureller Fokus. Die Richtung, wohin die Individualisierung gehen und auf die Kulturpolitik künftig hauptsächlich hinarbeiten soll, die Richtung, aus der auch allein eine neue Schönheit und Produktivität des kulturellen Ganzen zu erwarten ist, ist meines Erachtens die politische Subjektivierung.

Politik ist seit der französischen Revolution urbildlich nichts anderes als die permanente Umwandlung von Sozialverhältnissen in Rechtsverhältnisse. In welcher Form sie das für den kulturellen Bereich in Zukunft sein wird, ist offen. Auch in diesem unserem „engen“, von der Kultur immer wieder „geöffneten“ alpinen Raum.

Anhang

Das konstitutive Doppelantlitz von Kulturpolitik heute

Kulturpolitik beruht heute stark auf soziologischen Erkenntnissen, und sie hat gleichzeitig sozusagen von Natur aus einen stark soziologisierenden Anteil. Sie ist heute - unter den oben in Umrissen aufgewiesenen „postmodernen“ Bedingungen - geradezu so etwas wie eine Art angewandte, praktische Soziologie. Daher ist es möglich, für eine Sichtung ihrer gegenwärtigen Grundsituation noch einmal Zygmunt Bauman zu paraphrasieren und dabei das Wort „Soziologie“ durch das Wort „Kulturpolitik“ und das Wort „Gesellschaft“ durch das Wort „Kultur“ zu ersetzen. Das folgende, auf diese Weise veränderte Zitat faßt, so scheint mir, den heutigen produktiven Zwiespalt, die lebendige Ambivalenz der europäischen Kulturpolitik zwischen Moderne und Postmoderne insgesamt zusammen. Mit diesem abgewandelten Zitat möchte ich gleichsam wie mit einem Fragezeichen zur gegenwärtigen Situation von Kulturpolitik schließen.

„Kultur ist ein abgelagertes, verknöchertes, versteinertes Produkt kultureller Kreativität, das neben der fortdauernden kulturellen Produktion steht, als toter Körper im Gegensatz zur lebendigen Arbeit. (Vor diesem Hintergrund) ist Kulturpolitik eine schizophrene Disziplin, dem Wesen nach doppelköpfig, mit sich selbst im Krieg. Deshalb ist Kulturpolitik in den meisten Ländern immer ein Objekt starker, leicht morbider Faszination. Ob sie gepriesen, gegeißelt oder verdammt wird, man hält sie immer für etwas, was Schmiede in einfacheren Gesellschaften waren: eine Art Alchemisten, Leute, die jenseits der normalen Barrikaden sitzen, die genutzt werden sollten, um die Dinge getrennt zu halten.

Warum ist Kulturpolitik nun innerlich so mehrdeutig und von Natur aus schizophren? Weil sie einerseits nirgendwo anders ansetzen kann als bei einer Kultur, die existiert, das heißt, bei einer Kultur, die ihre Arbeit bereits geleistet hat, die schon gebaut, zurechtgestutzt und organisiert ist; und sie muß ausgehen von Individuen, die schon in jeder Hinsicht, in der sie existieren, manipuliert sind: was ihre natürlichen menschlichen Impulse angeht, ihre Neigungen, ihr Leben, ihre Ziele und so weiter. Die Realität, so wie sie ist, ist also der Ausgangspunkt. Man kann keine kulturpolitische Aussage machen, ohne davon auszugehen, daß die Kultur schon „an Ort und Stelle“ ist. Sie ist schon „da“...

Auf der anderen Seite stellt Kulturpolitik die Kultur - jede Art von Kultur oder jedes Stadium und jede Form von Kultur - als Aufgabe dar. Deshalb relativiert sie die Kultur und stellt sie in Frage. Deshalb ist sie von Natur aus gegen diese Arroganz, die sagt, dies ist nicht bloß die Realität, sondern die einzige Realität, die es gibt; und sie hat ihre eigenen Gesetze und Regeln, die nicht verletzt werden können, es sei denn, zum Schaden derjenigen, die sie verletzen.

Es gibt auf der einen Seite also dieses konservative Potential in der Kulturpolitik. Auf der anderen Seite gibt es ein reformatorisches, revolutionäres, kritisches Potential. Und man kann beide nicht voneinander trennen. Das ist der Punkt. Man kann kein vollständiger, hundertprozentig konservativer, legitimierender Kulturpolitiker sein, ohne seine Legitimation in eine Form zu gießen, die potentiell zerstörerisch ist. Und man kann kein subversiver und zerstörerischer Kulturpolitiker sein, ohne gleichzeitig an die Macht der Realitäten zu appellieren, an Herrschaft, Struktur und so weiter.“[20]


[1] Die folgenden Ausführungen sind im Wesentlichen die Transkription des Vortrages „Die geistige Signatur des Gegenwartsmenschen und die Schwierigkeiten einer Kulturpolitik heute“, den ich bei den „Interventionen Stams 2000“ in dem von mir gemeinsam mit Dr. Wolfgang Kos geleiteten Arbeitskreis „Kultur und Freiheit im engen Land“ gehalten habe.

[2] „Ab Mitte der 90er Jahre beginnt wieder verstärkt eine Diskussion zur theoretischen Neuorientierung der Kulturpolitik. Die politischen, kulturellen und ökonomischen Entwicklungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte haben eine Überprüfung ihres Selbstverständnisses und ihrer Aufgaben dringlich gemacht.“ Kulturpolitische Mitteilungen, Heft 83 IV/1998, Bonn 1998, S. 5.

[3] Vgl. z.B. M. Fuchs, Kulturpolitik als gesellschaftliche Aufgabe, Wiesbanden 1998.

[4] Z. Bauman, Ansichten der Postmoderne, Hamburg 1995, S. 17-19, 21, 22-24.

[5] Z. Bauman, Postmoderne Ethik, Hamburg 1995, S. 367.

[6] Vgl. dazu u.a. R. Benedikter, Zeitgeist-Symptome, Frankfurt/M 2000.

[7] C. Geertz, Welt in Stücken. Kultur und Politik am Ende des 20. Jahrhunderts, Wien 1999.

[8] Z. Bauman, Kultur als Verbraucherkooperative, in: ders., Unbehagen in der Postmoderne, Hamburg 1999, S. 230.

[9] Vgl. J.-F. Lyotard, Das postmoderne Wissen, Wien 1986.

[10] J.-F. Lyotard, Für eine Nicht-Kulturpolitik, in: ders., Grabmal des Intellektuellen, Wien 1985, S. 26ff.

[11] S. Zizek, Plädoyer für die Intoleranz, Wien 1999, S. 38.

[12] ebda.

[13] ebda., S. 39.

[14] Vgl. dazu u.a. G. Deleuze, Differenz und Wiederholung, München 1994.

[15] ebda., S. 56-58.

[16] Vgl. W. Welsch, Unsere postmoderne Moderne, Wien 1995, und ders., Ästhetisches Denken, Stuttgart 1990.

[17] Vgl. J. Krischik, Zwei Jahre ohne festen Boden unter den Füßen. Die Botschaft der Baumfrau Julia Hill, in: Zeitschrift info3, Nr. 10/2000, Frankfurt/M 2000, S. 11-13.

[18] Vgl. C. Geertz, a.a.O.

[19] Vgl. dazu R. Benedikter, Zeitgeist-Symptome, Frankfurt/M 2000.

[20] Z. Bauman, Ansichten der Postmoderne, a.a.O., S. 243ff.

 

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