Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 6
Lenin kauft bei Aldi ein
von Hannes Böhringer
Lenin steht auf einem Sockel. Er ist ein Denkmal und hat ein quergestreiftes Sweatshirt an. Er steht für einen schweren Traum der Philosophie: Die Philosophen sollen Könige sein. Die Vernunft soll herrschen. Herrschaft der Philosophie bedeutet Herrschaft der Tugend: Besonnenheit, Selbstbeherrschung, Beherrschung der Leidenschaften, Mäßigung der Begierden, dem Verlangen nach immer mehr, Contenance. Doch die Leidenschaften sind stärker als die Philosophie. Sie tarnen sich mit Vernunft und Tugend. Der Wille zur Macht bedient sich der philosophischen Askese: in Syrakus unter Dionys II. bei dem Versuch, einen platonischen Staat zu errichten, unter Robespierre in der Französischen Revolution, in Rußland unter der Herrschaft der Bolschewisten.
Die Philosophie selbst ist eine Leidenschaft, erotische Begierde nach Wissen und Weisheit. Leidenschaftlich streiten sich die Philosophen darüber, was vernünftig, gut und gerecht ist, Schule heißt Abstand zur Menge, Gemeinschaft in der Abgeschiedenheit. Welcher Philosoph könnte, wenn er es wüßte, einer Menge verständlich machen, was gut und gerecht ist? Heutzutage darf man niemandem mehr den Kopf streicheln, bemerkt Lenin, die Hand wird einem sonst abgebissen. Schlagen muß man auf die Köpfe, unbarmherzig schlagen.
Lenin verkörpert den Übergang des Philosophen zum Politiker und Volksredner, vom Denker zum Agitator und Berufsrevolutionär. Der Bart der Nachdenklichkeit, den die Philosophen im 19. Jahrhundert noch trugen, ist abrasiert. Der fast kahle Kopf zeigt Entschlossenheit zum Handeln. Marx hatte das Handeln noch der Geschichte überlassen. Sie würde die Menschheit früher oder später schon zur Vernunft bringen. Die Philosophie war lange Zeit eine akademische und esoterische Vernunftsreligion gewesen. Als Geschichtsphilosophie wird sie eschatologisch und verspricht der Menschheit Erlösung, Rettung für alle in allernächster Zeit. Im Sowjetreich ist diese Geschichtsphilosophie Staatsreligion geworden. Sie mußte deshalb streng dogmatisiert werden. Der tote Lenin wurde zum Gründungsheroen dieses neubyzantinischen Reiches.
Hinter ihm weht die rote Fahne: Mit diesem Zeichen werdet ihr siegen im Weltbürgerkrieg gegen die feindlichen Heerscharen! Doch die Fahne flattert nicht mehr im Wirbel von Rücken- und Gegenwind, von unaufhaltsamem geschichtlichem Fortschritt, der den eigenen Vormarsch unterstützt, und von unvermeidlichem Widerstand, der sich diesem Fortschritt entgegenstellt. Die Fahne ist steinern, die Andeutung eines chorischen Halbrunds, vor dem Lenin steht, die linke Hand am Revers seines Mantels, weniger vornübergebeugter Agitator als staatsmännischer Führer.

Das Denkmal stand 22 Jahre in Ostberlin, der Hauptstadt des bis an die Elbe vorgeschobenen Vorpostens des sozialistischen Feldlagers. Von denn russischen Bildhauer Nikolai Tomski gestaltet, war es 1970 zum hundertsten Geburtstag Lenins errichtet worden. Drei Jahre nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums wurde es wie viele ähnliche Denkmäler demontiert. Die Sowjetunion hatte den kalten Krieg gegen Amerika verloren. Von Anfang bis Ende, um ungefähr zwei Jahrzehnte, um die Dauer von Tomskis Lenindenkmal versetzt, folgt das Sowjetimperium der modernen Kunst als dunkler Schatten. Das Zeitalter der modernen Kunst und des Sowjetreichs war das Zeitalter der Avantgarde. Das romantische Genie hatte seine metaphysische Einsamkeit verlassen und sich mit seinesgleichen zusammengetan. Es wandte sich nicht mehr von der Gegenwart ab und der Vergangenheit oder der Natur, sondern der modernen technisch-industriellen Welt und ihrer Zukunft zu. Die Zukunft wurde zum verklärten und ersehnten Mittelalter.
Die moderne Kunst lehnt sich an den Anarchismus, an die kommunistische und faschistische Bewegung an, weil sie versprechen, in das erwartete neue Zeitalter hineinzuführen. Das alte ist mit dem Ersten Weltkrieg untergegangen. Aber immer noch leistet es Widerstand. Der muß gebrochen werden. Die künstlerischen und politischen Avantgarden treten militant und violent auf. Sie feiern die Gewalt. An der Spitze des weltgeschichtlichen Fortschritts forcieren sie ihn. Doch der Glaube an die Weltgeschichte ist nihilistisch gebrochen. Es geht nicht mehr darum, bereit zu sein, wenn das Ende aller schlechten Zeiten hereinbricht. Die Avantgarde selbst muß die Endzeit herbeiführen. Sie definiert den Fortschritt. Die Weltgeschichte wird zur ideologischen Legitimation des eigenen Handelns.
Der Nihilismus des 19. Jahrhunderts erhöht den Künstler zum demiurgischen Übermenschen. Die alte Welt wird zum bloßen Material, aus dem er eine neue Weit erschafft. De Stijl, Bauhaus, die Konstruktivisten wollen das neue Zeitalter gestalten. Doch ihr Wille zur zentralen Gestaltung kollidiert mit den politischen Avantgarden, die mit viel größerer Entschlossenheit, Macht und Gewalt die Gestaltung einer neuen Welt in die Hand nehmen.
Die Künstler aber bleiben Avantgarden im Wortsinn, sie erkunden und melden an das Gros zurück, was sie erkundet haben: Formen neuer Gestaltung, andere Formen der Lebensführung, die Entdeckung neuer irdischer Paradiese: Tessin, Mallorca, Marokko, Teneriffa, Südseeinseln. Doch die eigentliche Kunst der Avantgarde, das spekulativ-weltschöpferische Werk der modernen Kunst, erscheint immer geheimnisvoller, als ob es sich in dem Maße entzöge, wie es bekannt und selbstverständlich geworden ist, eine alchimistische Geheimwissenschaft der Morphogenese aus dem Geist der Abstraktion und ihrer Elemente: Punkte, Male, Wirbel, Linien, Faltungen, Brechungen, Schichten, Reihen, Überlagerungen.
Auf die Eroberung folgt die Sicherung der Macht. Die Nachrückenden verwalten das Erbe der Avantgarde, sie dogmatisieren und simplifizieren es. Der Nationalsozialismus ist besiegt und diskreditiert. Der kalte Krieg verschärft Abstraktion und Realismus zu ideologischen Positionen. Doch der Antagonismus verdeckt den gemeinsamen Funktionalismus zum brutalen Nihilismus. Er verrät sich in der Architektur. Ohne das Lenindenkmal könnten der Platz und das Hochhaus überall liegen: planierter Grund, Zerstörung von historischer Struktur und zu Hochhäusern aufgeschichtete Wohneinheiten, Neugestaltung der Welt als leerer Platz, als Stellfläche für Containerstapel. Die postmoderne Architektur schlägt die erste große Bresche in die Bastion der Moderne. Die anderen Künste stoßen durch die Lücke nach. Die für die Herrschaftssicherung der Moderne mißbrauchte Geschichtsphilosophie fällt. Sie war aber auch ein Bollwerk, das die funktionalistische Ausbeutung der Geschichte eindämmte.
Die Postmoderne ist nicht antimodern. Ihr fehlt nur die Radikalität und Klarheit von Abriß, Planierung und Neubau, von Destruktion und Konstruktion. Sie bewegt sich in einer Zwischenzone von Sowohl-Als-auch und Weder-Noch, von Dekonstruktion.
Krystof Wodiczko reißt das Denkmal nicht ab und errichtet etwas Neues auf der Tabula rasa des leeren Platzes. Er zersägt es auch nicht wie Matta-Clark und arrangiert die Fragmente zu einer abstrakten Plastik. Er bedient sich des modernen Mittels der Schichtung, Überblendung, Montage und projiziert ein Bild auf das Denkmal. Die Leinwand ist nicht weiß, sondern ein vorgeformtes historisches Gebilde. Entstehen konnte diese Projektion nur in einer Zwischenzeit, zwischen dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums und der Demontage knappe drei Jahre später.
Nach dem Fall der Mauer konnte man für kurze Zeit erleben, wie eine staatliche Macht rapide verfällt, wie die Autorität von früher gefürchteten, bewaffneten Uniformträgern schwinden kann, bis sie nicht mehr den Mut finden, von ihren Machtmitteln Gebrauch zu machen und sich am Ende verdrücken. In solchen geschichtlichen Glücksmomenten spürt man, wie schwer die Gewichte disziplinierender und regulierender, staatlicher und kultureller Autorität normalerweise auf jedem einzelnen lasten.
Die Suspendierung von autoritativen Meinungen, Dogmen nennt man in der Philosophie Epoché, ein Augenblick des Sehens und Entdeckens. Die kurze Zwischenzeit zwischen dem Fall der Mauer und der sich alsbald anbahnenden Wiedervereinigung war gewissermaßen eine historische Zeitlupe der philosophischen Epoché. Vorgefaßte Meinungen kanalisieren die Wahrnehmung. Die Epoché befreit sie. Spontan kann sie sich auf etwas Neues ausrichten, auf etwas, das sie entdeckt. Diese ungerichtete Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart war von der geschichtsphilosophischen Metapher der Avantgarde aufgesogen worden und wird in ihrer Auflösung wieder freigesetzt.
Die Skeptiker glaubten, daß eine Epoché sich ereignet, wenn sich zwei gleichstarke Dogmen gegenseitig die Waage halten und gleichgültig werden. Der Verstand kann nicht zu einem Urteilsschluß kommen. Er muß innehalten, stillstehen. Kriege, Meinungs- und Wirtschaftskriege nehmen kein Ende, aber in einer Machtlücke, im Augenblick der Epoché werden sie gleichgültig, zweitrangig. Das ist die Grenze der Avantgarde-Metaphorik in der Kunst. Die tödliche Konfrontation von Ost und West, Linken und Rechten, von Weißen und Roten; die rote Fahne verblaßt. Lenin hat ein weißrot gestreiftes Sweatshirt an. Krystof Wodiczko hat es ihm über den Mantel und Anzug gestreift. So kann Lenin von der Säule herabsteigen, vom Monte Verità, und seinen Vorposten endlich verlassen, den er seit seinem Tod ohne Unterlaß einnehmen mußte.
Im Züricher Exil hatte Lenin nicht weit entfernt von Hugo Ball gewohnt, dessen Buch "Byzantinisches Christentum" ein Jahr nach Lenins Tod erscheint. Im Zeitalter der Gleichheit aller erinnert der christliche Dadaist an das Prinzip der spirituellen Hierarchie. Die Avantgarde wird sakralisiert. Auf der höchsten Stufe der hierarchischen Leiter sieht der Säulenheilige. Das neubyzantinische Reich der Bolschewisten konnte nicht auf die legendären Heiligen der syrischen Wüste zurückgreifen. Es mußte neue Säulenheilige schaffen. Auch die moderne Kunst hat ihre Styliten: Duchamps, Picasso, Cage, Beuys, Warhol.
Der weißrot gestreifte Markisenstoff ist in der bildenden Kunst das Markenzeichen des französischen Künstlers Daniel Buren geworden. Mit diesem Stoff verkleidet er seit vielen Jahren Gegenstände und Wände. Gegenüber dem metaphysischen Nullpunkt des schwarzen Quadrats ist die rotweiß gestreifte Markise für Buren - zumindest für den frühen - der skeptische Indifferenzpunkt der modernen Kunst, gleichgültige Wiederholung in sich selbst ohne Ende, Ende der Komposition und des künstlerischen Illusionismus, Enttäuschung des Blicks auf die Kunst, darum seine Umwendung auf die Realität der Umgebung, auf den Kontext. - Der Glaube an ein Ende der Illusionen ist aber die gefährlichste Illusion, der Wiederaufstieg auf einen Berg der Wahrheit. Krystof Wodiczko projiziert den Markisenpullover bewußt illusionistisch auf den steinernen Lenin. Und die weißroten Streifen passen kompositorisch gut zu den gemauerten Steinreihen der Fahne, den Treppenstufen vor dem Denkmal, zu den aufgeschichteten Stockwerken des Hochhauses im Hintergrund und zu der Alditüte auf dem Kofferrolli.
Burens Skepsis bleibt in den Grenzen westlicher Abstraktion, in der Gefahr der Dekoration. Ws. Skepsis richtet sich auf den ideologischen Gegenwert von Abstraktion und Realismus in der modernen Kunst. Er läßt die menschliche Gestalt in der Markisenverkleidung nicht verschwinden. Er zieht ihr nur blasphemisch und ironisch einen gestreiften Pullover über. Doch der menschlichste Teil, das Gesicht, wird nicht illuminiert und verblaßt fast vor der steinernen Fahne. Das Sowjet-Regime hat den von ihr usurpierten Humanismus geköpft. Das westliche Subjekt sehnt sich nach Selbstaufgabe im Muster und Ornament und kann doch nicht auf die eingepackten Dinge auf dem Kofferroller verzichten, auf die Subjektivität des Genießens, auf die Unterhaltung und ihre maschinelle Befriedigung: Unterhaltungselektronik.
Lenin, der asketische Revolutionär im Zeichen des roten Sterns, ist kein Yankee geworden. Zu den Stripes auf seinem Sweatshirt fehlen die blauen Sterne des Sternenbanners. Stattdessen hat er ein Paket von Goldstar auf seinem Kofferroller. Der Leninplatz heißt heute Platz der Vereinten Nationen. Doch die Nationen sind noch nicht vereint, sie sind durch die Weltwirtschaft aneinandergekettet. Die Weltwirtschaft hat das Sowjetimperium zum Einsturz gebracht. Lenin mußte im Westen Billigelektronik einkaufen gehen.
Die goldenen Sterne prangen nicht mehr hell und klar. Die Straßenbeleuchtung, das Licht, das aus den Wohnungen fällt, nimmt ihnen den Glanz. Die Avantgarde partizipierte am modernen Sonnenkult: Sport, Sweatshirt, Freikörperkultur auf dem Berg der nackten Wahrheit, Glasarchitektur und sozialistische Morgenröte. Das Ozonloch treibt die Nudisten wieder in den Schatten und die Körper in die Kleider. Der Sonnenkult rettete einen kleinen Schimmer der alten Lichtmetaphysik in die Moderne, solange sie sich noch fürchtete vor dem unendlichen, leeren, dunklen Raum, in den sie sich geworfen fand. Inzwischen hat sie sich dort irgendwo in einem kleinen Winkel mit etwas künstlicher Beleuchtung eingerichtet. Die Avantgarde eilte noch der aufgehenden Sonne entgegen. Doch der leere, strahlend weiße Ausstellungsraum der modernen Kunst enthält nun immer mehr schwarze Kästen, Monitore und Dunkelkammern.
Krystof Wodiczko illuminiert ein Denkmal im Außenraum. Sichtbar wird seine Projektion nur nachts. Künstlich erhellt verwandelt sich der Außen- in einen Innenraum. Die Großstadtnacht ist nicht schwarz und schweigsam, sondern hell- dunkel. Die Dunkelheit vergleichgültigt den umgebenden Raum und lenkt den Blick auf das erleuchtete Kunstwerk. Doch die Projektion ist nicht so hell und die Umgebung nicht so dunkel, daß der Blick nicht, wie von Buren gefordert, auf den Kontext umgewendet würde. In der Postmoderne blickt die Kunst verstärkt um sich. Der Ausschnitt, den die Photographie von Ws. Projektion festhält, zeigt einen leeren Platz und ein Wohnhochhaus, dazwischen eine freie Überdachung von Mies'scher Eleganz: gemeinsamer Bauplatz von Ost und West, planierter Grund, Freifläche für hochgestapelte Wohncontainer mit etwas Verzierung durch Fenster und Balkone, auf dem leeren, zugigen Platz ein Denkmal, nicht tief verankert. Ein kleiner Windstoß der Geschichte, und es stürzt um.
Ein neues Denkmal kann errichtet werden oder eine Skulptur im öffentlichen Raum oder noch vorsichtiger: wechselnde temporäre Installationen. Die Austauschbarkeit des Inhalts und der Verzierung teilt der leere Platz mit dem Container. Sie entsprechen einander. Austauschbarkeit bedeutet Priorität der leeren Stelle vor ihrer Ausfüllung, Vorrang des Nichts vor dem bestimmten Etwas. Das, was ist, ist nur eine von vielen Möglichkeiten, unter ihnen höchstens das vorläufig Beste, oft nur etwas anderes als das, was war, eine Abwechslung, eine Unterbrechung der Eintönigkeit, die bald selbst wieder eintönig wird.
Der leere Platz, die rasierte Fläche, ist zugig. Wer keinen sicheren Stand hat, den treibt der Sturm einer Ideologie so lange vor sich her, bis er in einer windstillen Ecke erschöpft zur Besinnung kommt. Die Ideologien versprechen Abhilfe vom zugigen Platz. Er soll mit Leben, Sinn und Gemeinschaft erfüllt werden. Aber Zugluft und Leere gehören zusammen. Die Ideologien versprechen Abhilfe von dem Übel, dessen Ausdruck sie sind. Das Denkmal auf dem leeren Platz ist der trotzige Versuch, die moderne Furie des Verschwindens zu bannen, sie mit aller Macht aufzuhalten. Diese antimoderne Funktion des Aufhaltens treibt den Denkmalerbauer zurück in eine vormoderne, traditionalistische Formensprache. So auch hier. In der modernen Steinwüste steht aber auch der kommunistische Säulenheilige auf verlorenem Posten.
Sozialismus plus Elektrifizierung brachte das von Lenin gegründete lmperium noch zuwege. An der Elektronik, an der Massenproduktion von High-Tec-Gütern bricht es zusammen. Die Grenzen fallen: Bewegungsfreiheit, Reisefreiheit. Lenin, der sich als Parteisoldat auf seinem Posten nicht rühren durfte, kann mit seinem Kofferwägelchen auf Reisen gehen. Er muß nicht ins Exil. Er kauft im Westen japanische Elektronik ein, vielleicht nur, um sie daheim weiterzuverkaufen.
Die Funktion der militärischen Aufklärung ist heute an automatisierte Frühwarnsysteme übergegangen, an Radarstationen, Awacs-Flugzeuge und Satelliten. Elektronische Geräte ersetzen die Avantgarde. Die Hochtechnologie hat die eschatologische Geschichtsphilosophie überholt. Künstler und Philosophen laufen der Technik hinterher. Sie scheint sich verselbständigt zu haben. Der sportliche Mann im Sweatshirt kauft elektronische Geräte ein und packt sie auf seinen Kofferroller. Er glaubt, der Wagenlenker zu sein. Doch der Wagen der Technik zieht ihn hinter sich her. Sie weckt mit ihren Möglichkeiten neue Bedürfnisse und Begierden nach mehr. Lenin hatte die linke Hand noch am Mantelrevers festgehalten, der Mann im Sweatshirt wird den Arm bald höher heben und das Handy an sein Ohr legen. Über Funk wird er sich Weg und Ziel für seinen Wagen weisen lassen. Er für sich selbst steht ratlos und kopflos da, unfähig, Stille, Ruhe, Epoché, ein Innehalten des Rauschens und Vorüberrauschens ertragen und nutzen zu können.
Die Technik macht mobil. Sie schafft Bewegungsfreiheit, Fahrgestelle, Kofferroller. Die Fahrzeuge brauchen glatte, ebene Wege: Straßen, Kanäle, Kabel, Luftkorridore, Funkleitstrahlen. Die Planierung verringert die Reibung und beschleunigt die Geschwindigkeit. Die Transporte werden immer schneller. Transportiert wird in genormten Behältern. In ihnen kann alles Mögliche transportiert werden. Zur Zwischenlagerung brauchen die Container Stapelflächen, leere Plätze. Stapelung bedeutet Verdichtung. Verdichtet wird auch der Inhalt der Behälter, komprimiert und transformiert in Energie, Information und Geld. Die Rückstände müssen als Müll abtransportiert werden. Die immer schnellere Zirkulation und Transformation in Energie, Geld und Information bringt die Dinge immer schneller zum Verschwinden. Die moderne und immer weiter modernisierende Furie des Verschwindens ist die Technik.
Die Photografie zeigt den Leninplatz menschenleer und ausgestorben. Die zeitraffende Geschwindigkeit hat die Menschen verschluckt. Man sieht nicht mehr, wie sie hin- und herlaufen, ihre Wohncontainer ein- und ausräumen, Sachen heranschaffen und Müll wegschaffen. Das Lenindenkmal ist schon verschwunden. Bei noch größerer Geschwindigkeit wird auch das Hochhaus nicht mehr zu sehen sein.
Die Technik legt die Leitungen, sie baut die Kanäle des sozialen Austauschs, der Kommunikation. Unterminiert von Kommunikation brechen deutsche und chinesische Mauern zusammen. Die Kommunikation erzwingt den Anschluß. In der Postmoderne hat die moderne Kunst den Abstand zur Gesellschaft verloren, den sie als Avantgarde noch besaß. Futuristen, Konstruktivisten und das Bauhaus befaßten sich noch in fast klösterlicher Abgeschiedenheit mit der Gestaltung der modernen, technischen Gesellschaft. Jetzt aber duscht der technisch-soziale Körper und streift das frische Sweatshirt der Kunst über. Der Künstler ist im sozialen Netz gefangen, die Kunst in die Kommunikation über Kunst eingepackt, in Buch- und Katalogseiten, in Kommentare, Theorien und Smalltalk, in Containern, die auf Modewellen heran- und wieder fortgerollt und in den Museen, Depots und anderen Deponien unterschiedlich lang zwischengelagert werden.
Die moderne Kunst ist in Betrieb genommen worden. Der Betrieb ist hungrig, ständig muß er mit neuen Produktionen gefüttert werden. Denn er verbraucht Energie, Geld und Information. Die moderne Kunst beginnt damit, ihre eigene Geschichte zu mobilisieren und auszubeuten. Die Gefahr der Hochtechnologie für die Kunst besteht nicht darin, daß die Kunst ihre Avantgardefunktion an sie verloren hat, sondern daß die Technik sich in die Kunst inkarniert, daß die moderne Kunst zur Technologie ihrer selbst wird, daß sie ihren avantgardistischen Primitivismus verliert, das Stottern und Stammeln in einer fremden Sprache, die Haltung des Suchens und Erkundens. Die Kunst muß darauf achten, daß der soziale Körper nicht direkt in sie hineinschwitzt. Als gut sitzender Pullover wird die Kunst Dekor und Design. Aber über Mantel und Anzug, Hemd und Unterhemd gestreift, ist sie geschützt und komisch zugleich, abgesondert und doch nah.
Lenin taucht wieder auf hinter der farbigen Projektion, der asketische Philosoph in der Abgeschiedenheit seiner Verbannung nach Sibirien, im Schweizer Exil, in der Stille der Züricher Universitätsbibliothek. Krystof Wodiczko stellt ihn in die Tradition des kynischen Wandermönchs, ein moderner alter Philosoph, der alles, was er braucht, auf einem Kofferroller in Kartons und Plastiktüten mit sich führt. Den Walkman von Aiwa hat er gekauft, um Musik zu hören, am liebsten Beethoven - da kann er die Köpfe der Leute streicheln und muß sie nicht schlagen - Sphärenklänge, die ihn daran erinnern, daß er nicht in einem Container lebt. Die Kopfhörer schirmen ihn von der Kommunikation ab, die Musik versetzt ihn in die Gemeinschaft der Welt. Nimmt er den Kopfhörer ab, redet er nach langem Schweigen in geflügelten Worten, die leichter und gewichtiger sind als die vielbändige Gesamtausgabe seiner Schriften.
Lenin, der Walkman, lebt in der Welt. Er ist überall zu Hause. Deshalb kann er überall seine Reise unterbrechen, innehalten wie Gilbert und George oder an einer Stelle verharren wie eine Figur von Duane Hanson, wenn es sein muß, sogar auf einer Säule inmitten eines leeren Platzes. Der Kofferroller ist kein Einkaufswagen, mit dem er im Westen einkauft, was ihm im Osten mangelt. Er braucht fast nichts. Was er braucht, hat er bei sich. Gelassen steht er da, selbstgenügsam und selbstbewußt, aufrecht und unbeschwert, ohne Groll und Neid gegenüber denen in den aufgestapelten Wohnkisten, frei von Kulturpessimismus und Verachtung der Technik. Klug und mit Maßen bedient er sich ihrer. Er hat wahrhaft Contenance. Die Armut kann er sich leisten, weil er reich ist: er lebt in der Welt. Er weiß über sich den gestirnten Himmel und freut sich an den verwahrlosten Büschen am Rande des Platzes. Sogar der Leerfläche und dem Containerstapel vermag er eine Schönheit abzugewinnen aus der Abgeschiedenheit, in der er lebt. - Und doch kann das Fast-Nichts seiner Bedürfnisse der Anfang maßlosen Verlangens sein, die Kartons auf seinem Kofferroller können sich vermehren und vergrößern, sich endlos aneinanderreihen wie die Streifen der Burenschen Markise.
Die Komik von Krystof Wodiczkos Projektion besteht in der Stilmischung. Er streift der sozialistisch-klassischen Figur ein kapitalistisch-romantisches Sweatshirt über. Die romantische Arabeske ist zum unendlichen, unabschließbaren Markisenmuster simplifiziert, dem die unendliche, nur vom Ausschnitt der Photografie begrenzte Aufstapelung der Container entspricht. Der Container, schon der Pappkarton birgt in der entgötterten Natur, auf dem planierten Boden, die romantische Innerlichkeit in der Gleichgültigkeit der äußeren, normierten Form. Krystof Wodiczko illuminiert das Lenindenkmal wie eine nächtliche Traumprojektion der Hochhausbewohner, ein sentimentalischer Blick aus den Wohncontainern, der aus dem strengen Revolutionär und Staatsmann den unwiederbringlich verlorenen, selbstgenügsamen, alten, naiven, weisen Walkman hervorzaubert. Als tragischer Chor beklagt das Hochhaus den Helden des Sozialismus, der von den Furien der Weltgeschichte zerrissen wird. Stellvertretend erleidet er ihr aller Schicksal: Gefangenschaft, Untergang, Verschwinden in Kisten und Behältern. Die dionysische Auftürmung der Container ist im apollinischen Maß des Pappkartons und des Sweatshirts gebannt. Lenin hat genug auf seinem hohen Vorposten gelitten, er darf als Clochard in die Unterwelt hinuntersteigen wie Ödipus auf Kolonos, von eigener Hand seit langem geblendet aus Schmerz darüber, was er angerichtet hat, hellsichtig blinde Avantgarde von einst.
Philosophen ziehen gerne zweifarbige Hemden an, gestreift von zwei kontrastreichen Begriffen wie Schönheit und Erhabenheit, klassisch und romantisch, naiv und sentimental, apollinisch und dionysisch. Auf der einen Seite - oft in die unerreichbare Ferne der Vergangenheit gesetzt - Natürlichkeit, Einfachheit, Maß, Bescheidenheit, Haltung, Contenance, auf der anderen riskante Übertreibung, reflektierte Unangemessenheit, innere Komplexität, Fragmente des Überflusses, schrankenloses Übermaß, Containerstapel. Die Streifen überkreuzen sich und bilden Karos: Maß mit Übermaß, Einfachheit mit Komplexität, Bescheidenheit mit Überfluß. Dem alten Philosophen fiel es leicht, sich zu bescheiden. Er lebte im Überfluß der Welt. Fast alles war da, fast nichts mußte dringend hergestellt und herbeigeschafft werden. Wenn aber fast nichts da ist und fast alles hergestellt und herbeigeschafft werden muß, verwandelt sich die Welt in ein Transportnetz und einen Abstellplatz von Behältern. In ihrer Enge kommt der Gedanke an Flucht nach draußen ins Freie auf. Herr Lenin streift sich einen frechen Pullover über, er will aus seiner Zweiraumwohnung aussteigen und auf Fahrt gehen. Doch die Welt im Überfluß ist nie anderswo. Zurückhaltend anwesend verbirgt sie sich in Träumen und Plastiktüten.
Wenn der Tag anbricht, verblaßt Wodiczkos Projektion. Sie geht zart mit Tomskis Lenin um. Sie übermalt und überklebt ihn nicht. Sie strahlt ihn an mit etwas Licht, fast nichts, und hellt den strengen Mann auf. Ein bißchen farbiges Licht in der Nacht rettet ihn über seinen Sturz hinweg. Als das Denkmal demontiert wurde, war der Mann mit dem Sweatshirt längst wieder verschwunden. Zurück bleiben das Hochhaus und der leere Platz, aber auch das ungestillte Verlangen nach Freiheit in der Enge der Behälter und nach Gerechtigkeit in ihrer maßlosen Anhäufung von Energie, Geld, Information und Müll auf wenigen Stapelplätzen. Muß der Philosoph zurück auf seinen Posten?
Der moderne Philosoph versucht, mit einem Minimum an Metaphysik auszukommen, ein kynischer Asket, der die übriggebliebenen Brocken der Alten sammelt und verwaltet. Er packt die Metaphysik in eine Alditüte und schnürt sie zusammen. Ihr Geist kann dennoch entweichen und anderswo, in der Kunst, wild wuchern. - Wie kann man sich auf das Wichtigste beschränken, wenn man nicht im voraus weiß, was es ist? Für alle Fälle packt man noch dies und das mit ein. Deshalb geht der Koffer kaum noch zu und immer wieder auf. Nicht nur das Kofferpacken fällt schwer, auch das Wagenlenken. Die Herrschaft der Vernunft muß mit ihrer Schwäche rechnen, der gestreiften Natur des Menschen: bei sich und außer sich zu sein, einsam und gesellig, maßlos und bescheiden, grausam und voller Mitgefühl, zögernd und entschlossen und so weiter und immer das eine im anderen. Das labile Gleichgewicht dieser Kräfte bringt den Menschen leicht aus der Balance. Deshalb tut ihm epochaler Stillstand nur in Augenblicken und nicht auf Dauer gut. Nur in der Bewegung kann er sich schwankend im Gleichgewicht halten und halbwegs Contenance wahren. Wird er zur Stabilität einer Säule verdammt, macht er sich mit Plastiktüten davon. Mit Kunst kommt der Philosoph von der Säule herunter. Die Kunst erfindet Auswege im Ausweglosen. Aber sie selbst ist gerade in Schwierigkeiten. Die Menge, das Gros, hat die Avantgarde eingeholt. Die Kunst wird als Massenprodukt konsumiert. Starkult und hohe Preise können ihre Entwertung nicht aufhalten. Sie sind ihr Ausdruck. Die Kunst droht, in der Inflation von Kunst zu verschwinden. Sie rettet sich vielleicht mit ein paar Pappkartons unter anderem Etikett. Nächtliche Schwarzseherei. - Manchmal stoßen Kunst und Philosophie zusammen, Montage, Überblendung. Manchmal werfen sie sich aufeinander, Projektionen über Projektionen, meistens Mißverständnisse, aber erhellend.
Zuerst erschienen in "malen. In der Welt der Bilder Jahrbuch 2 der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Köln 1998, S. 247 - 261.