Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 6
Es gibt Grund genug für eine wirklich schrankenlose Melancholie, aber ebenso für eine intensive Daseinsfreude"
Gespräch mit Max Lorenzen
über sein neues Buch:
Das Schwarze. Eine Theorie des Bösen in der Nachmoderne
sowie über die Möglichkeiten einer philosophischen Lebenshaltung heute
Max
Lorenzen

geb. 1950
Studium der Philosophie in Hamburg, Lüneburg, Hannover, Paris und Marburg
freier Schriftsteller, 1. Vorsitzender von philoSOPHIA-Hessen, Mitherausgeber des
Marburger Forums
Veröffentlichungen:
1979 Der Geist der Dialektik oder die Erschöpfung der Kritik
1991 Metaphysik als Grenzgang. Die Idee der Aufklärung unter dem Primat der praktischen
Vernunft in der Philosophie Immanuel Kants
2001 Das Schwarze. Eine
Theorie des Bösen in der Nachmoderne
Essays, Aufsätze, Rezensionen, seit 2000 im Marburger Forum
Ich habe die 50 überschritten, aber noch nicht so lange
MF: Beginnen wir doch dieses Gespräch, wie alle anderen auch, nämlich mit der Frage nach einigen lebensgeschichtlichen Daten. Es lässt sich vermuten, dass man ein solches Buch, wie "Das Schwarze" erst in, sagen wir reiferem Alter schreibt. Bitte sag uns, wann und wo du geboren wurdest und erzähle einiges über deinen philosophischen Werdegang.
Lorenzen: Ja, ich habe die 50 überschritten, aber noch nicht so lange. Geboren wurde ich 1950 in Schleswig-Holstein, in einem größeren Dorf. Meine Kindheit würde ich als reichhaltig bezeichnen: Mitte bis Ende der 50er Jahre lebten wir, die Kinder, in einer Welt, die jetzt längst versunken ist. Vor den häufig noch reetgedeckten Häusern standen hohe Lindenbäume, die Höfe waren ungepflastert und von Hecken umgeben, auch im Zentrum des Dorfes waren Nutzgärten hinter den Gebäuden. Es gab Ställe und Schuppen, in denen sich herrlich spielen ließ, ich besaß Kaninchen und Zwerghühner, aber auch einmal eine Eule, wir fingen außerhalb des Dorfes Eidechsen, die wir dann in selbstgebauten Terrarien hielten, ebenso wie Fische und Molche in einer alten, zusätzlich zum Wasser mit Sand, Steinen und Pflanzen ausgestatteten Badewanne.
Wir alle wissen, wie sich die Dörfer und Städte in den sechziger Jahren veränderten. Alles wurde immer hässlicher. In unserer Straße riss man einen herrlichen alten Bauernhof ab, und bald befand sich an seiner Stelle das grässliche Gebäude einer Raiffeisenbank. Der lindenumstandene schöne Marktplatz ist seit langem nur noch eine asphaltierte Bushaltestelle, mit ewig eingehenden erbarmungswürdigen Bäumchen in Betonkästen. Heute zieht mich nichts mehr in meinen Geburtsort. Aber die Kindheit, die ich dort verlebte, existiert noch in mir. Ich will sie nicht glorifizieren, auch die Kinder verhielten sich durchaus nicht selten grausam zueinander. Dennoch stammt meine Vorstellung von Freiheit und Selbstverantwortlichkeit aus jener Zeit und jenem Ort, der zu Dithmarschen gehört, ein Land, das früher eine unabhängige Bauernrepublik war.
MF: Nach dem Abitur hast du Philosophie studiert?
Lorenzen: Ich begann Philosophie und Germanistik in Hamburg zu studieren. 1969 hatte die Studentenbewegung ihren Höhepunkt überschritten. Die Germanistikseminare, besonders für die Anfangssemester!, waren übervoll, in den kleinen Philosophieveranstaltungen quälte man sich durch Hume und Kant. Ein Nietzscheseminar war schon die Ausnahme, der Dozent gab dadurch kund, eine Außenseiterposition inne zu haben. Man verstehe mich nicht falsch: Hume und Kant sind wichtige Philosophen, deren Texte man lesen sollte. Dafür ist es jedoch erforderlich, ihnen engagiert, mit eigenständigen Fragen zu begegnen; man muss die Texte zum Sprechen bringen. Das fand nicht statt.
Sollte das die Philosophie sein, die mich doch irgendwie bewegte? Ich war Anfänger und hatte dem nichts entgegenzusetzen. Nach ungefähr drei Semestern befiel mich eine Lähmung. Ich besuchte keine Veranstaltungen und konnte auch zu Hause keine Texte mehr lesen. Wenn ich jetzt über diese Zeit nachdenke, so scheint es mir beinahe, als wäre meine Idee einer nicht-institutionalisierten Philosophie damals in Umrissen entstanden, ohne dass ich es selber begriffen hätte. Sie entstand vielleicht in dieser Krise, der ich nicht auswich; vielmehr gab ich mich ihr geradezu hin.
MF: Immerhin hast du dann den Studienort und auch die Hochschuleinrichtung gewechselt.
Lorenzen: Das war Glück. Ich ging nach Lüneburg mit der romantischen Vorstellung, Lehrer, eigentlich aber Schriftsteller zu werden. An der pädagogischen Hochschule dort lehrten einige Dozenten, die aus Frankfurt stammten und zur zweiten und dritten Generation der Kritischen Theorie gehörten. Wichtig wurde für mich besonders Renate Wieland, mit der ich immer noch befreundet bin. Heute lebt sie in Kronberg im Taunus und hat gemeinsam mit dem Pianisten Martin Smith bereits zwei großartige Schubert-Veranstaltungen für philoSOPHIA in Marburg gemacht.
Unter ihrer Anleitung las ich in Lüneburg Bloch, Adorno, Benjamin, aber auch Schopenhauer und Hegel. Das war, mit Anfang 20, meine eigentliche philosophische Lehrzeit. Sie dauerte zweieinhalb Jahre. Es war schön, mit anderen interessierten Studenten durch den Wald zu einem Gasthaus zu wandern und dort vorzubereiten, was dann anschließend im Seminar behandelt und diskutiert wurde. Die Philosophie konnte also ein Lebensmedium sein: eine beglückende Erfahrung.
Ich will das nicht zu lang ausführen. Alles hat seine Zeit. Danach ging ich nach Hannover und besuchte zwei oder drei Lehrveranstaltungen von Bulthaup, ebenfalls ein Adornoschüler. Diesmal war ich gewappnet und erkannte die mir unerträgliche Attitüde. Was sollte ich dort. Es wird mir wohl immer unbegreiflich bleiben, wie kritik- und instinktlos sich manche Dozenten in Szene setzen.
Es folgte bei mir ein ungefähr anderthalbjähriger Frankreich-Aufenthalt, zunächst in Aix-en Provence, dann hauptsächlich in Paris und schließlich in Rennes, wo ich begann, mein erstes Buch zu schreiben, eine Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie, beeinflusst unter anderem von Gustav Landauer und dessen anarchistischer Mystik.
Sollte es lieber gar keine institutionalisierte Philosophie geben?
MF: Wie kommt man aus Paris nach Marburg?
Lorenzen: Ich ging einige Zeit nach meinem Frankreichaufenthalt nach Marburg (die Stadt gefiel mir sofort), inzwischen verheiratet und in der Folge Vater von zwei Töchtern. Diese Familiengründung war wohl mit ein Anlass für eine Inkonsequenz: ich beschloss zu promovieren. Das Ergebnis war, ich hätte es wissen müssen, kein Doktorgrad, dafür ein zweites Buch, über die Geschichtsphilosophie und Ethik Kants, das bei Felix Meiner in Hamburg erschien. Wegen dieses Promotionsvorhabens habe ich die langweiligsten Seminaren meines Lebens besucht, nämlich bei Oswald Schwemmer, der jetzt Professor in Berlin ist. Natürlich war das eine falsche Wahl, ich kann mithin das Scheitern keinesfalls nur ihm anlasten. Aber ist es nicht fürchterlich und grotesk, in Seminaren zu sitzen, deren Leiter nur sich selber zuhören mag, obgleich er offensichtlich schlecht vorbereitet ist und sogar den Text zu Hause vergessen hat - immerhin aber eine Sache äußert, die mir im Gedächtnis geblieben ist, nämlich dass man den Begriff des Widerspruchs in der Wissenschaftslehre Fichtes von 1794 lieber weglassen solle, weil er nur verwirre - und die Dehnung der Zeit, das Vorankriechen der Minuten so quälend, wie früher nur im Mathematik- oder Physikunterricht der Schule zu empfinden?
MF: Deine kritische Einstellung gegenüber der Universitätsphilosophie ist unüberhörbar. Sollte es deiner Ansicht nach lieber gar keine institutionalisierte Philosophie geben?
Lorenzen: Diesen Schluss würde ich nicht ziehen. Schüler oder Lehrlinge der Philosophie müssen die Möglichkeit haben, sich in die Lektüre der schwierigen Texte der Tradition einzuüben. Aber es ist nicht länger tolerierbar, dass sich in einer Zeit sinkenden Wissenschaftsethos Leute auf hochdotierten Stellen finden, die von nichts und niemandem kontrolliert werden. - Andererseits jedoch ist mir klar, dass man Studium und Lehre der Philosophie, überhaupt der Geisteswissenschaften, nicht nach geläufigen Erfolgskriterien messen kann und darf. Kurz, wir leben nicht in einer philosophischen Zeit. Wahrscheinlich kann man nur immer wieder versuchen, gegen die schlimmsten Auswüchse der Universitätsphilosophie zu kämpfen. Aber das ist nicht meine Sache. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nur ganz wenige gute oder geeignete Lehrer und Lehrerinnen gibt. Der Rest ist ebenso nötig wie schwer erträglich.
MF: Es wurde also nichts mit deiner Promotion. Damit war ja wohl auch jede Möglichkeit, aus der Philosophie einen Broterwerb zu machen, gescheitert.
Lorenzen: Natürlich. In den folgenden Jahren lebte ich recht zurückgezogen, wenn auch immer mit der Möglichkeit zu philosophischem Gespräch und zur gemeinsamen intensiven Textlektüre - besonders, aber nicht nur, mit dem langjährigen Freund Uwe Kühneweg - , und arbeitete auf das hin, was einmal die "Philosophie des Übergangs" werden sollte.
MF: Dieses Projekt ist immer noch unausgeführt.
Lorenzen: So ist es. Die kontinuierliche Arbeit an ihm wurde durch persönliche Umbrüche unterbrochen ...
MF: ... in deren Folge, jedenfalls zum Teil, es ja auch zur Gründung von philoSOPHIA-Hessen kam.
Die Frage: wie soll ich leben?
Lorenzen: philoSOPHIA brachte natürlich einen Wandel in meiner philosophischen Situation mit sich. Nach Jahren der Zurückgezogenheit und des Studiums trat ich wieder nach außen, hielt Vorträge und veranstaltete Seminare. Ich musste auch inhaltlich auf eine Fülle von Fragen und Problemen reagieren und kam so gleichsam wieder in der Gegenwart an. Dennoch wollte ich nach einiger Zeit erneut mit der Ausarbeitung meiner Notizen zur "Philosophie des Übergangs" beginnen, als meine neue Lebensgefährtin ein furchtbarer Schicksalsschlag traf, der Tod ihrer älteren Tochter. Auch für mich war das eine schreckliche Erfahrung. Dann geschah etwas sehr Merkwürdiges. Eines Morgens, ein halbes Jahr später, setzte ich mich an meinen PC und begann zu diktieren (ich arbeitete seit einiger Zeit mit einem Sprachsystem):
"Kein archetypisches Böses mehr: was dann? Also keine
Schopenhauer-Konstruktion einer negativen Welt, kein ewig von sich selber zehrender Wille,
dessen Erscheinungen blind gegeneinander kämpfen.
Also das neue Bild einer in sich völlig hoffnungslosen Welt, aber ohne alte Aura des
Schwarzen. (...)
Die Konsequenz soll übrigens gerade nicht irgend ein Stoizismus sein: sozusagen die
philosophische Art der ständigen Angst vor Enttäuschung. -
Die Frage: wie soll ich leben?
Betrachtungen: Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode (das Erleben des Sterbens) - Flaubert,
Madame Bovary, Tolstoi, Anna Karenina - Giovanni Pisano - Tiepolo."
Dann begann ich, gleichsam tastend, zu diktieren, was nun den ersten Teil des "Schwarzen" ausmacht. Ich war selbst äußerst überrascht. Etwas hatte sich in mir vorbereitet, von dem ich bewusst nichts mitbekommen hatte.
MF: Einen Augenblick. Du hast also damals zum Beispiel schon die Abfolge der "Betrachtungen", die du schreiben wolltest, notiert und dann mit dem ersten Kapitel oder Teil begonnen, sozusagen ohne eindeutige Vorstellung von dem Buch, das du schreiben würdest?
Lorenzen: Das ist richtig. Die Vorstellung war ganz offensichtlich da, aber noch wie konturlos, also in einem Zustand der Inspiration, wenn ich das sagen darf, der sich nun, verbunden mit einem Gefühl der Notwendigkeit, äußern und ausgestalten wollte.
MF: Noch einmal zu den "Betrachtungen" des "Schwarzen". Bis auf die erste, über Kierkegaard, handeln sie von Romanen, Statuen eines spätmittelalterlichen Bildhauers, sowie den barocken Fresken Tiepolos in der Würzburger Residenz. Welche Funktion haben für dich diese Darstellungen und Analysen von Kunst und Literatur?
Lorenzen: Es gab bis in die Moderne hinein einen Kollektiv-Zusammenhang der Gesellschaft, der sich jeder direkten Beschreibung entzieht. Ich verwende den von Rudolf Otto, dem Marburger Religionswissenschaftler, stammenden Begriff des "Numinosen", wenn ich von dieser Tiefenschicht spreche. In ihr haben sich Veränderungen zugetragen, die bisher noch niemand in den Blick genommen hat. Ich glaube sagen zu dürfen, dass das in diesem Buch zum ersten Mal geschieht. Hierin besteht hauptsächlich sein neuer philosophischer Beitrag zu einer Philosophie der Nachmoderne.
MF: Deute bitte wenigstens kurz an, worin diese Veränderungen bestehen und erläutere so auch deinen Begriff der Nachmoderne.
Lorenzen: Bis in die Moderne hinein waren die tiefsten - numinosen - Strukturen der Gesellschaft und der individuellen Psyche zentrumsorientiert. Alle Vorstellungen von Freiheit, Sinn und Endzweck der Geschichte, Erneuerung oder Erlösung, ja von Wahrheit, Erkenntnis und Inspiration, waren davon geprägt. In der Mitte des letzten Jahrhunderts gingen diese Strukturen endgültig unter und wurden langsam durch andere ersetzt, die nicht mehr auf eine Mitte hin ausgerichtet sind. Heute haben sich diese pluralen psycho-sozialen Gefüge schon relativ weitgehend etabliert. Sie machen das aus, was man die Nachmoderne nennen kann. Der Begriff der Postmoderne hingegen bezeichnet, gerade in der Philosophie seines Hauptvertreters Jean-François Lyotard, einen Übergang, der den exakten Wendepunkt der Moderne zur Nachmoderne ausmacht. Lyotard - der mir sehr wichtig ist - beschreibt bereits plurale Vernunftformen, aber sein Begriff des Neuen, auf dem seine Hoffnungen ruhen, ist strukturell noch ganz in der Adornoschen Philosophie des Nichtidentischen, sowie der Heideggerschen des Seins verankert, die beide Ausprägungen moderner Zentrums-Figuren sind.
MF: All das bedeutet nun für deine Literatur- und Kunst-Betrachtungen...?
Lorenzen: ...dass ich mit ihnen versuche, die vorsprachlichen Prozesse, die sich im Inneren der Gesellschaft und ihrer Individuen zugetragen haben, nachzuvollziehen. Darüber hinaus darf sich die Philosophie vielleicht an manchen Stellen nicht scheuen, in Literatur überzugehen, will sie Erfahrungen ausdrücken und zu verstehen versuchen, die offenbar aus einem abgründigen Bereich stammen. Daraus erklärt sich der Untertitel: ein philosophisch-literarischer Essay.
Das Erlebnis des Todes und des Bösen
MF: Bei der Lektüre des "Schwarzen" gewinnt man sehr schnell den Eindruck, dass das Erlebnis des Todes Anlass und Grund dieses Buches ist.
Lorenzen: Ja, wenn die Betonung auf "Erlebnis" liegt. Ich habe das im ersten Teil beschrieben und will es hier nicht wiederholen. Die Konsequenz daraus war aber eine andere Art des Philosophierens, wie ich beim Schreiben merkte. Ich durfte mir keine abstrakte Betrachtung gestatten, die ohne inneren Kontakt zu diesem Erlebnis war. Außerdem registrierte ich mit einer gewissen Angst, ja Scham, dass mir Sätze zu meiner, aber nicht nur zu meiner, persönlichen Situation einfielen, die ihren Platz in der Darstellung behaupteten. So etwas hatte ich noch nie gemacht. Durfte man so schreiben? Ich wusste es nicht. Auch aus diesem Grund sprach ich zu niemandem von meiner Arbeit.
In ihrem Verlauf wurde mir immer klarer, dass ich dabei war, eine Variante einer neuen, nachmodernen Philosophie zu entwickeln, die, wie es mir entspricht, sozusagen vor aller institutionellen Absicherung des Denkens liegt. Ich versuche, mein Erlebnis, den Anblick des Todes und des Bösen, so mit der Reflexion zu verknüpfen, dass daraus ein nachmodernes Bild der Wahrheit entspringt.
MF: Dieses Bild ist düster. Verlängerst du so die kulturkritische Haltung oder Sehweise der Philosophie in die Gegenwart?
Lorenzen: Nein, das liegt mir fern. Ich stehe im Gegenteil den heutigen Entwicklungen eher positiv, jedenfalls nicht von vornherein ablehnend gegenüber. Es fesselt mich geradezu, den Strukturveränderungen, die sich gesellschaftlich, wie in der Psyche jedes Einzelnen zutragen, nachzugehen. Ich bin der Überzeugung, dass sich plurale Formen nicht nur der Vernunft, sondern auch der Emotionen, wie insgesamt des Verhaltens herausbilden. Man könnte sagen, die Grundbedingungen der Demokratie etablieren sich in den psycho-sozialen Gefügen, jedenfalls in den westlichen Staaten. Gleichzeitig damit entstehen andere Ursachen des Scheiterns: mit den sich diversifizierenden Möglichkeiten des Lebens kommt auch ein anderes Bild des Todes herauf, das nicht weniger unheimlich als das frühere ist.
MF: Spätestens hier drängt sich eine Frage auf. Es gibt deiner Ansicht nach positive Entwicklungen, aber auch neue Gefahren. Welches sind also unsere Chancen, wird es einen Fortschritt hin zu mehr Freiheit und Gerechtigkeit geben, oder werden die negativen Tendenzen überwiegen?
Lorenzen: Weder noch. Man kann an dieser Frage sehr gut zeigen, dass ihr Entweder-Oder sich dem alten, also modernen Strukturmodell verdankt. In einer pluralen Welt gibt es keine einfachen Alternativen oder Dichotomien mehr. Widersprüche verlieren ihren absoluten Charakter. Das Böse stellt das Gute nicht mehr grundsätzlich in Frage, sondern koexistiert mit ihm. Das bedeutet scheinbar paradox, man kann die Übermacht des Bösen empfinden, und doch die sich mit uns zutragenden Veränderungen begrüßen. Dies ist ein konkretes Beispiel einer neuen Lebenshaltung.
MF: Hier müssen wir zwei Dingen gleichzeitig nachgehen. Zum einen: was ist das Böse - gibt es ein spezifisches Böses der Nachmoderne? Zum anderen: was du von der neuen Lebenshaltung gesagt hast, bedarf der Erläuterung.
Lorenzen: Das Böse und das Gute waren weder in früheren, noch in den jetzigen Zeiten einfach nach Art eines Dinges oder empirischen Sachverhalts zu definieren. Wir gelangen hier in den Bereich der metaphysischen Bilder. Vielleicht lässt sich in der gebotenen Kürze aber doch so viel sagen: das Böse unserer Gegenwart ist ein in uns lebendes Fremdes und Kaltes, das wir selbst, wenn wir es bekämpfen, ob wir wollen oder nicht, anerkennen und bejahen. Es ist das Pendant unserer Empfindungen von Liebe, Zuneigung und Solidarität. Deswegen lässt es sich nicht besiegen. Es wird immer neben und in uns sein, etwas Gleichgültiges gegenüber jeder einzelnen Existenz. Wir arbeiten, heißt das, unserem Scheitern und letztlich unserem Tod selber zu. Es gibt Momente, in denen wir das gleichsam sehen. In solchen konzentrierten Augenblicken erkennen wir, wie sich das Fremde und unser Eigenes verbinden und nicht verbinden: vielleicht tritt uns dann diese Ungestalt als das schaurige Bild einer nachmodernen Wahrheit gegenüber. Ihr Gesicht wäre in diesem Moment unser eigenes, wie unser Wille ihm schon immer dienen musste.
Was ich eben gesagt habe, ist sicherlich nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Halten wir aber immerhin fest, dass in der Nachmoderne psychisch und sozial Verhaltensweisen und Charakterzüge neben einander Platz haben, die sich früher ausschlossen - sie existieren sozusagen parataktisch neben einander oder lösen sich relativ problemlos ab. Sie sind mithin in sich temporalisiert und entsprechend flexibilisiert. Das bedeutet, jedem Aufbau eines Bezuges wohnt immer schon die gegenläufige Strebung inne. Es gibt keine Zuneigung ohne in ihr mit akzeptierte und ausdrücklich gewollte Gleichgültigkeit. Dies ist das Fremde in uns, wohlgemerkt auch uns selbst gegenüber, das wir bejahen, wenn wir heute Freude oder Liebe empfinden. Etwas in uns entpersonalisiert sich, wenn unsere Persönlichkeit sich ausbildet. Dieses Etwas aber zerstört uns bedenkenlos - mit unserem ihm übereigneten Willen. Es "gibt" mithin kein Böses, sondern es entspringt in uns, wenn wir leben, also unserer Vernichtung zustimmen. Deswegen kann man im Kontext eines philosophischen Bildes sagen, das Böse sei das Leben selbst.
Ethik und engagierte Philosophie in der Nachmoderne
MF: Welche Chance - wenn ich dieses Wort doch noch einmal benutzen darf - hätte dann überhaupt eine Ethik der Nachmoderne?
Lorenzen: Eine sehr große. Sie ist in den gegenwärtig entstehenden Verhaltensstrukturen schon angelegt, und sie ist eindeutig demokratisch orientiert. Wir sehen das und freuen uns darüber, wissen aber gleichzeitig, dass die neuen Verhältnisse sich gerade nicht mehr auf ein eindeutiges Ziel, und gar ein Ideal des Friedens und der Gerechtigkeit, zubewegen.
Ist diese Koexistenz nicht merkwürdig und nach der früheren Logik geradezu unbegreifbar? Eben das ist ja das Spannende: allem Anschein nach bilden sich auch neue Formen der philosophischen Erkenntnis aus.
MF: Ich möchte, den letzten Teil deines Buches rekapitulierend, nachfragen: die von dir analysierte nachmoderne Ethik bewegt sich im Spannungsfeld von demokratischen Verhaltensstrukturen und den in ihnen enthaltenen Gegenimpulsen von Gleichgültigkeit, Fremdheit, ja Gewalt - deswegen konstituiert sie einerseits eine neue Basis und stellt somit doch einen Fortschritt dar, obgleich sie andererseits, wie du eben sagtest, jede Möglichkeit einer Zielvorstellung der Entwicklung abschafft und sich sogar dem radikalen Scheitern angesichts ihrer Erfahrung des "Schwarzen" konfrontiert?
Lorenzen: Ich glaube, dass die neuen Formen der Ethik in sich selber vielgestaltig sind. Unser Verhalten wird von einem demokratischen Grundimpuls durchzogen (und das ist allerdings ein Fortschritt), es billigt gleichsam anderen Spielarten des Lebens immer schon ihr Recht auf Dasein zu. Deswegen besitzt auch das ethische Engagement eines einzelnen Menschen, das aus einem wirklichen existenziellen Akt entsteht, immer eine Hemmung, sich absolut zu setzen. Das unterscheidet ein heutiges Engagement etwa von demjenigen Kierkegaards. Dadurch wird es nicht etwa beliebig. Aber es spürt in sich eine Gegentendenz, die die Bedingung seiner Toleranz ist, und vor der es doch erschrickt, weil sie gleichermaßen sein eigenes Scheitern enthält.
MF: Was bedeutet das, um diesen Faden wieder aufzunehmen, für eine von diesen Einsichten inspirierte Lebenshaltung?
Lorenzen: Vor allem, dass sie in sich mannigfaltig, also nicht etwa nur auf ein Prinzip oder Zentrum ausgerichtet sein will. Sie wird also auch konkurrierende Haltungen, sofern sie nur ihr das Existenzrecht nicht bestreiten, keineswegs ablehnen. Entsprechend wird sie in sich keiner Einstellung das Übergewicht zuerkennen. Es gibt Grund genug für eine wirklich schrankenlose Melancholie, aber ebenso für eine intensive Daseinsfreude. Wenn man will, kann man in diesem Versuch einer Balance den alten griechischen Tugendbegriff des Maßes wieder erkennen - wenn man sich an ihm orientieren möchte - , man kann aber auch, sich im Zimmer der Melancholie befindend, glauben, nie wieder aus ihm herauszukommen, und sich dann dennoch und gerade, in den Momenten des Glücks, diesen ganz überlassen.
MF: Wenn ich es recht verstehe, ist das "Schwarze" kein gar so ausweglos schwarzes Buch?
Lorenzen: Doch, das ist es. Ein Freund schrieb mir, meine Gedanken hätten für ihn etwas Befreiendes - und wenn dieses Befreiende nun zusammen mit einer wirklichen Trostlosigkeit existieren könnte, dann kämen wir in den Bereich einer, nicht der, neuen metaphysischen Wahrheit. Hier könnte man engagiert philosophieren.
Das Gespräch führte Dr. Renate Scharffenberg
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ISBN 3-8288-8308-7 280 Seiten Zu beziehen über philoSOPHIA und das Marburger Forum (Gästebuch) oder beim Autor MLorenzen@gmx.de 49,80 DM + 2,50 DM Porto