Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 6


 

William Turner in Essen

Am 10. November 2001 führte eine Tagesfahrt des Marburger Kunstvereins nach Essen ins Folkwang-Museum zu der Ausstellung „William Turner – Licht und Farbe", die dort noch bis zum 6. Januar 2002 zu sehen sein wird, ehe sie nach Zürich geht. Die Möglichkeit, das Gesamtwerk dieses vor jetzt 150 Jahren verstorbenen Malers in 203 Exponaten vorgestellt zu bekommen, vermittelt einen neuen Blick auf seine Bilder, die in den deutschen Sammlungen nur vereinzelt zu sehen sind. Leihgeber, vor allem aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten, haben großzügig die Schau unterstützt, so dass der Besucher immer wieder staunend die Säle durchschreitet.

Übersichtlich gegliedert nach chronologischen und - bei einem Landschaftsmaler angemessen – geographischen Gesichtspunkten, entfaltet sich ein wahrer Kosmos von farbigem Glanz. Auch die Person Turners wird in ihrer Entwicklung sichtbar. Das einzige Selbstbildnis, das einen beim Eintreten anschaut, streng en face, zeigt den jungen Künstler selbstbewusst in dem Augenblick, da er seinem wichtigsten Ziel, der Aufnahme in die Royal Academy in London, einen großen Schritt näher gekommen war, als ihr „Associate Member" (1799). Damals war er gerade 27 Jahre alt.

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Turner, 1775 geboren, bewies schon sehr früh sein großes Talent, seine ersten erhaltenen Arbeiten stammen aus dem Jahr 1787, das früheste Bild in der Essener Ausstellung ist eine lavierte Bleistiftzeichnung „Westminster Abbey" von 1790. Im ersten Saal: „Der junge Künstler", ist es das große Ölbild der „Fischer auf See" (1796), das den Blick auf sich zieht, ein Seestück im Mondschein, das vorausweist auf spätere Arbeiten, aber bereits erste Meisterschaft zeigt. Wie man aus dem Kommentar von Andrew Wilton (Tate Gallery) in dem Bild für Bild erläuternden letzten Teil des üppigen Katalogs erfährt, ist es das erste von ihm ausgestellte Gemälde. Einen weiteren Schwerpunkt in dieser Abteilung bilden die Landschaftsgemälde und Aquarelle aus Wales.

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Es folgt der Saal mit dem Titel „Der Akademiker": Im Katalog heißt es: „In den Jahren nach seiner Wahl [in die Academy] reichte er großformatige Bilder ein, die seinen ganzen Ehrgeiz erkennen ließen." Neben bewegten Landschaften finden sich mythologische Bilder wie „Jason" (1802) , biblische Motive wie „Die Sintflut" (1804/05) und Historienbilder wie „Der Untergang des karthagischen Reiches" (1817).

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Den heutigen Betrachter sprechen die Bilder in den Abteilungen „Europa", „England" und „Italien" unmittelbarer an. So die Gemälde aus den Alpen (auf dem Schneesturmbild, das im Vordergrund klein und ohnmächtig Hannibals Zug über die Alpen darstellt, findet man schließlich winzig die Silhouette des einzigen Elefanten, der das Gebirge bezwang). Einer der Höhepunkte der Ausstellung jedoch sind die englischen Landschaften. Nicht sattsehen kann man sich an Flusstälern, Parks, Seestücken und Stadtlandschaften – besonders hervorzuheben ist der Blick auf Lincoln (um 1803/04): die goldene Kathedrale über der Stadt. Ähnlich bezwingend sind unter den Bildern aus Italien Gemälde und Studien aus Tivoli (1817) und natürlich Venedig, von dem farbstarken Blick auf den Canale grande (1835) bis zu der im Nebel zart auftauchenden Silhouette von Santa Maria della Salute (1840-45), einem Bild, das Turner selbst nie ausstellte, weil er es nur als Studie, nicht als vollendetes Bild betrachtete. Wir Heutigen sind dankbar dafür, dass nicht, wie Turners Testament es vorsah, alle nicht von ihm signierten Bilder zerstört wurden.

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Auf die Abteilung „Druckgraphik und Buchillustration" geht der Kommentar im Katalog ausführlich ein – den Betrachter überraschen hier die unterschiedlichen Sehweisen – neben den kleinformatigen vielfarbigen Interieurs von Petworth House die nur angedeuteten gesellschaftlichen Szenen wie „Abendessen in einem großen Salon" und „Musik in East Cowes Castle" (um 1830). Völlig fällt aus allem heraus der um dieselbe Zeit entstandene „Tod auf einem fahlen Pferd", von dem auch Wilton schreibt: „Dieses Gemälde nimmt einen einzigartigen Platz in Turners Oeuvre ein und hat die Wissenschaft immer wieder vor Rätsel gestellt" – also nicht nur die Besucher. An einer der Wände dieses Ausstellungsteils sieht man nebeneinander die Skizze zu dem Gemälde der Regatta von Cowes (1827) und dieses selbst – wobei man wirklich nicht sagen kann, welches der beiden Ölbilder frischer und lebendiger wirkt, auf welchem Meer und Wind lebhafter dargestellt sind.

Nachzutragen wäre noch, dass in Tischvitrinen die jeweils zeitlich zugehörigen Skizzenbücher Turners in den Sälen zugänglich gemacht werden.

Turner plante neben seiner Serie der englischen Flusslandschaften auch ein Projekt der „Annual Tours", Reisen entlang der großen Flüsse Europas: Rhein, Maas, Mosel, Donau, Seine und Loire , von denen nur drei Bände über die Loire und die Seine veröffentlicht wurden. Viele Vorarbeiten haben sich erhalten, und diese Aquarelle leiten in ihrer Unmittelbarkeit und den vielfach nur angedeuteten Umrissen über zu den „Späten Gemälden", in denen die Erwartungen der Besucher dann in besonderer Weise bestätigt werden: dies ist der Turner, von dem man wusste, bevor man nach Essen fuhr – wie unendlich erweitert ist nun unsere Kenntnis, nachdem wir alle Säle durchschritten haben.

Im Katalog heißt es: „Von Beginn seiner Laufbahn an stand Turner in dem Ruf, ein Magier der Leinwand zu sein. Phantasie und Technik entwickelten sich bei ihm gleichermaßen, und die Gemälde aus seinen letzten zwanzig Lebensjahren sind eine einzige Abfolge technisch virtuoser Meisterstücke mit Landschaftsvisionen von intensivster Poesie." Allerdings: „Die Kritik äußerte sich zunehmend reserviert über seine Arbeitsweisen und ihre Ergebnisse, und seine Bilder mußten sich Vergleiche gefallen lassen wie ‚Eier und Spinat’ oder ‚Seifenlauge und Tünche’. Seine Kollegen an der Akademie jedoch waren von seinen Malverfahren fasziniert". – Diese Bilder hat Turner nur als Entwürfe" ausgestellt und nicht der Nation vermacht wie seine früheren Werke. Erst im 20.Jahrhundert wurden sie neu bewertet und gewürdigt.

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Die Essener Ausstellung zeigt sechzehn Beispiele aus dem Spätwerk, darunter die spektakulären Darstellungen des Brandes der Londoner Houses of Parliament vom 16.Oktober 1834. Mehrere Seestücke sind darunter, wild bewegte und ganz stille, ein Blick auf den Ehrenbreitstein bei Koblenz und noch einmal Rom – einst und in Turners Gegenwart (1839). Durch mehrere Räume leuchtet der goldene Schimmer des letzten Bildes mit dem seltsamen Titel „Hurra auf dem Walfänger Erebus ! Noch ein Fang !", der für den Betrachter keine Bedeutung gewinnt vor diesen Farben. Der Abschied fällt nicht leicht.

Hervorzuheben ist das große Angebot an Informationen zu William Turners Leben und Werk. Die Ausstellung wird eröffnet mit hohen Schrifttafeln zur Biographie, jede Abteilung wird eingeleitet mit einem Text, der der Einordnung der Exponate dient. Dazu kommt, dass die Angaben zu den Bildern ungewöhnlich leserfreundlich gestaltet sind, sowohl von der Schrift als auch von der Anbringung an den Geländern her, die zugleich den nötigen Abstand von den Bildern gewährleisten. Hinzuweisen ist auf den opulenten Katalog (für DM 48.00 in der Ausstellung, im Buchhandel das Doppelte), der eine große Fülle von Angaben enthält. Sämtliche Bilder sind farbig abgebildet, kommen jedoch nicht alle in der wirklichen Turnerschen Intensität zur Geltung.

Renate Scharffenberg

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