Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 1


Vorbemerkung

 

Bei meinem, gewissermaßen schon zu einem Ritual gewordenen, Neujahrsbesuch in Weimar überreichte mir mein alter Freund  Johann Wolfgang, „Hätschelhannes“, wie ihn seine Mutter, ´Frau Aja´,  liebevoll nannte, zwei ´poetische Geschenke´, ein hand- , genauer mundfestes und eins für Aug und Ohr. Dieses ist hier nachzulesen, jenes mit Hilfe des beigefügten Original-Rezeptes aus dem Haushalt der ´Frau Aja´ leicht nachzubacken. Für seine Echtheit sprechen im übrigen die Zutaten, die konnte nur ein reicher Haushalt sich leisten. Was die Echtheit des Gedichtes angeht, so werden die Anmerkungen und Erläuterungen den Kenner befriedigen.

 

Süße Neujahrs-Grüße von Goethe

 

Ich, Johann Wolfgang, lass schön grüßen,

will euch den Übergang versüßen.                                          

Von mir gebacken eigenhändig

sind diese Plätzchen, nicht beständig

back ich sie, nur für Auserwählte,

zu denen ich schon lang euch zählte.

 

(Genießt  sie zum  Silvesterfest,

passt  auf , dass ihr zu viel nicht fresst!)

 

Genießt sie ganz silvesterfestlich,

und singt dann:  „Goethe schmeckt doch köstlich!

Und  wär´ ´Faust II´ so leicht verdaulich

wie diese Plätzchen, so erbaulich,

wir hätten ihn schon längst verschlungen! “

Jetzt  reicht´s , ihr habt genug gesungen !

 

Johann  Wolfgang  von  Goethe

Zu Weimar, den  31. December  1801

 

 Anmerkungen und Erläuterungen

 

Wenn Goethe einklammert, meint er: gestrichen!

 Gewiss: nur ein Gelegenheitsgedicht. Aber: Auch hier tritt uns Goethe entgegen. Nicht Goethe, der geniale Dichter des „Faust“, nicht Goethe, der Staatsmann, kongeniale Gesprächspartner von Napoleon, weimarische Minister, nicht Goethe, der Naturforscher, der Entdecker des Zwischenkieferknochens, nicht Goethe, der Theaterdirektor; nein, Goethe, der Plätzchenbäcker  -  und Goethe, der fein nuancierende (und, in Klammern gebändigt, grob dreinhauende) Poet. ´Festlich´ -  das kennen wir alle. Aber schwingt nicht in der Neuschöpfung „neujahrsfestlich“ alles das mit, was an guten Wünschen fürs neue Jahr wir uns mitgeben? Ist nicht in der leichten Reibung der Unreinheit des Reimes (...festlich/köstlich ...) der aparte Geschmack dieser Plätzchen eingefangen? Zeigt nicht die Klammer, wie der als junger Stürmer und Dränger grob dreinhauende Goethe (man denke nur an das Berlichingen-Zitat!) zum klassischen Dichter sich verfeinert, weiterentwickelt hat? Ist nicht im Enjambement der Verse 3-4-5 die Form des beim Rollen sich beständig verlängernden Teiges wunderbar in die Form des Gedichtes gegossen, d.h. sehen wir hier beim Lesen/Sprechen des Gedichtes nicht förmlich den teigrollenden Goethe vor uns? Und ist es nicht bewundernswert, mit welch feiner (Selbst-)Ironie und mit welch symbolträchtigem Kunstverstand (2. Teil des Gedichtes - ´Faust II´!) Goethe im zweiten Teil des Gedichtes PR für seinen ´Faust II` macht?

Also auch hier im kleinen Gelegenheitsgedicht der große Goethe!

 

Zum Rezept:  Zutaten: 200gr Puderzucker, 200gr geriebene Mandeln, 250gr Butter, 200gr Mehl, eine Prise Salz, je nach Geschmack ein bis zwei Stangen Bourbonvanille (aufschneiden und das Mark herausholen). Auch wenn man denkt, das sei zu ´trocken´, keine Flüssigkeit dazugeben! Die Butter zweckmäßigerweise in kleine Stücke schneiden, das Ganze gut durchkneten (Hände waschen nicht vergessen!). Den Teig zu ´Würstchen´ ausrollen, diese in Scheiben schneiden. Die Plätzchen auf mit Back-Papier bedeckte Bleche legen und im vorgewärmten Ofen bei 150 Grad ca. 25 Minuten backen. Die Plätzchen nicht zu eng legen!  Nach dem Backen Puderzucker darüber streuen.

 Manfred Jobst