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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 1
Die zur Zeit in der von Dr. Michael Herrmann geleiteten Lori Ogilvie Gallery (Frankfurter Straße 59) stattfindende Ausstellung vereint erstaunlich viele Werke unterschiedlicher Künstlerinnen und Künstler, dennoch entsteht kein disparater, oder gar der Eindruck von Willkürlichkeit. Es beeindruckt durchaus, wie es Herrmann gelingt, in den beiden doch nicht großen Flächen von Erdgeschoss und erstem Stock Bilder und Plastiken unterzubringen, die nun gerade in ihrer Verschiedenartigkeit aufeinander Bezug nehmen und so etwas wie eine offene Spannungsstruktur des Raumes schaffen.

Links vom Eingang fällt der Blick auf eine von Harald Häuser geschaffene Schale und dann auf eine Folge von drei Bildern des Marburgers Horst Vaupel in herrlichen Rottönen. Rechts davon hängt "Systole - Diastole", ebenfalls von Harald Häuser. Gegenüber sieht man von Ingrid Herrmentin "I/H-X_Menschen_würde[n...]", für das sie den "Digital new award" bekam. Die Computer-Arbeit zeigt die Andeutung eines Gesichts - die Augenhöhlen und die Nase werden erst nach einigem Hinsehen deutlich - , über das der Raster eines Gencodes gelegt ist. Die kritische Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Entwicklungen der Biotechnologie liegt auf der Hand und ist für meinen Geschmack etwas plakativ. Wie immer bei Arbeiten, die sich unmittelbar mit Zeitereignissen befassen, ist die Frage nach der künstlerischen Bedeutung wohl erst später zu beantworten. Natürlich wirkt die drei-geteilte Montage gleichsam atmosphärelos und kühl, und selbstredend ist das Absicht, aber Michael Herrmann weist völlig zu Recht darauf hin, dass in diesem weißen Gesicht etwas Embryonales erscheint, das im Betrachter die Assoziation von Hilflosigkeit und Stummheit weckt. Diese Konfrontation von Wissenschaft und planetarischer Vermarktung mit dem, was man das Kindsein schlechthin nennen könnte, deutet vielleicht auf den untergründigen Gehalt des Bildes, der gleichermaßen eine der wichtigsten und tiefsten ethischen Fragen unserer Gegenwart beinhaltet.

Der hintere linke Bereich der Galerie zeigt zum einen zwei Arbeiten der bekannten Marburger Künstlerin Doris Conrads (die wir demnächst im Forum präsentieren möchten). In ihrer Nachbarschaft hängt ein Bild von Walter Krieg, zu dem der Künstler einen kleinen Text verfasst hat:
""Stay true to your game", sagte die kleine Nacktschnecke, nachdem sie sich einen schnellen, flücht-gen (?!) Kuss von mir erschlichen hatte, schaute mir fest in die Augen, kroch über den Rand meines Plastikbechers, nippte an meinem Aldi-Chianti und harrte der Dinge, denn jetzt war ich an der Reihe zu handeln.

Ich pflückte ein Löwenzahnblatt, ließ mein kleines Nacktschnecklein daraufkriechen und warf das Päckchen hinter mich - ach wie gut, dass niemand weiß, ..., nahm einen tiefen Schluck und lachte. Trotzdem konnte ich nicht umhin, mir mit meiner Papierserviette den Mund zu wischen, um dann"
ja, um dann vielleicht dieses zweigeteilte Bild zu malen, auf dessen unteren Teil man den Plastikbecher erkennt, oben aber, so scheint es, den Maler in Aktion, aus dessen Arm, ihn gleichsam auflösend, die Farbe herausfließt. Ob der Künstler, trotzdem er "das Päckchen hinter" sich wirft, auf die Mahnung der Schnecke hört, kann uns nur das Bild selber sagen.

Im ersten Stock finden sich mehrere bedeutende Arbeiten von Horst Peter, der dem Marburger Kunstpublikum natürlich gut bekannt ist. Die überwiegend in rot gehaltenen Bilder sind eigentlich ganz abstrakt, dennoch enthalten sie noch ein Element von Landschaft, nämlich eine Horizontlinie, die "eine Tiefenillusion" vermittelt, "die die Farbfelder zum unmittelbaren räumlichen Erlebnis werden lassen"; diese Bilder "wirken als meditative Tafeln direkt auf das Bewusstsein des Betrachters, sie schließen ihn in das Bildgeschehen ein" (Michael Herrmann: Horizonte. Von der Reiseerinnerung zum Ende der Welt).

Horst Peter hat unter anderem bei Willi Baumeister und Erich Heckel gelernt. Er steht in Verbindung zu einer Tradition, die er durchaus selbstständig transformiert und weitergebildet hat. In seinen Bildern lebt ein Gehalt, der den Betrachter nicht nur anspricht, sondern angeht. Deswegen wird man im oberen Raum der Galerie nicht nur wie unten in einer überwiegend angenehmen, ja schönen Atmosphäre von Werk zu Werk gehen, sondern verweilen, weil man spürt, wie die Strukturen und Farben dieser Gemälde einen Nachhall im eigenen Unbewussten erzeugen.
Die Ausstellung (nach einer Weihnachtspause wieder ab 15. Januar geöffnet) präsentiert mehr, als hier besprochen und gezeigt werden konnte. Man gehe hin und verschaffe sich selbst einen Eindruck.
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