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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 2
Big Nothing. Die jenseitigen Ebenbilder des Menschen. Hrsg. von Johannes Bilstein und Matthias Winzen. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2001, 246 Seiten, ISBN 3-88375-482-X, 24,50 €
Vom 27. Januar - 18. März 2001 fand in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden die Ausstellung: "Big Nothing. Höhere Wesen, der blinde Fleck und das Erhabene in der zeitgenössischen Kunst", Teil I der Trilogie "Du sollst dir ein Bild machen" statt. Die Exponate werden im vorliegenden Katalog gezeigt und die entsprechenden Künstlerinnen und Künstler in überwiegend jeweils eine Seite umfassenden Beiträgen vorgestellt. Darüber hinaus beinhaltet der Band Essays, die auf dem Symposion "Big Nothing - Die jenseitigen Ebenbilder des Menschen" am 1.11.2000, ebenfalls in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, gehalten wurden.
Die Liste der Künstler ist lang und beinhaltet Paul Delvaux, Marcel Duchamp, Lucio Fontana, Roy Lichtenstein, Kasimir Malewitsch, Piet Mondrian, Henry Moore, Barnett Newman und viele andere. Die Erläuterungen von Kunsthistorikern zu Leben und Werk sind zumeist kenntnisreich und interessant geschrieben und konzentrieren sich wegen der Kürze auf wesentliche Informationen. Die Essays des Buches hingegen sind ungleichgewichtig.

Matthias Winzen, Leiter der Kunsthalle Baden-Baden, fragt in "Erklären und Zerstören. Die Analyse der sichtbaren Welt": "Ist es unausweichlich, dass ein Gegenstand, sobald er beschrieben, dargestellt oder abgebildet wird, sich verändert, d. h. zu einem anderen Gegenstand wird oder sogar als Gegenstand vernichtet wird?" (S. 68) Die Antwort lautet, "dass auch in der Malerei eine konsequente und radikale Analyse eines Gegenstandes auf Dauer und in der Konsequenz nicht ohne seine Zerstörung zu haben ist" (S. 82). Ob dieses Ergebnis zwangsläufig ist, mag hier dahingestellt bleiben. Interessant ist auf jeden Fall der Weg, den Winzen beschreitet, um zu ihm zu gelangen. Er betrachtet hierzu Werke Claude Monets und Piet Mondrians, für die auf jeden Fall gilt: "Die hochkonzentrierte, eindringliche, von konventionellen metaphorischen, allegorischen und symbolischen Vorurteilen bereinigte Hinwendung zum Gegenstand löst diesen als Bildinhalt auf" (S. 68). Insgesamt, wie man leicht erkennt, ist hiermit eine Haupttendenz in der Entwicklung der modernen Malerei bezeichnet.
Winzen analysiert zunächst von Monet "Die Terrasse von Sainte-Adresse ", "Am Ufer. Die Seine bei Bennecourt", dann mehrere Fassungen der "Frau mit Sonnenschirm" und schließlich Werke wie "Die Seine bei Giverny" und "Wasserlilien". Bereits mit den frühen Gemälden, so Winzen, beginne ein Prozess der Selbstreflexion - das Bild zeige ausdrücklich seinen Bildcharakter und thematisiere die eigene illusionäre Darstellungsart. "Mit der spiegelnden Wasseroberfläche wählt Monet einen Bildgegenstand, der a priori keine eigene Gegenstandsfarbe hat, sondern immer nur erscheinende Oberfläche sein kann. Zugleich reflektiert der Bildgegenstand Wasseroberfläche innerbildlich, dass die Leinwandoberfläche selber eine Art Spiegelfläche ist: Auch die gemalte Fläche zeigt etwas, aus dem sie faktisch-materiell nicht besteht" (S. 72). Die Behandlung der Farbe gibt, wie bekannt, immer deutlicher zu erkennen, dass alles Erscheinung sei. Damit aber verändert sich auch der Raum des Bildes: ""Die Seine bei Giverny" will nicht imaginär betreten werden, der Landschaftsanblick aktiviert keine mythologischen oder allegorischen Assoziationen, kein historisches Gedächtnis. Der Betrachter ist nur noch Auge, kann nur noch als Auge mit dieser entkörperlichten, enträumtlichten Bildwelt in Kontakt treten" (S. 77).
Etwas kürzer, aber gut nachvollziehbar schildert Winzen die Entwicklung Mondrians von der frühen gegenständlichen zur abstrakten Malerei. Von dem "roten Baum" (1908) über den "blauen" (ebenfalls 1908), den "grauen" (1912) und den "Blühenden Apfelbaum" (1912) führt ein direkter Weg zu "Ovale Komposition (Bäume)" (1913) oder auch "Komposition Nr. 10 Pier und Ozean" von 1915.Winzen fasst zusammen: "Die Darstellung von natürlichen Stoffwechselprozessen zwischen Boden, Pflanze und Luft tritt zurück zu Gunsten einer rhythmischen Anordnung" (S. 81).
Was nun die anderen Essays angeht, so sind noch durchaus interessant zu lesen von Ludger Lütkehaus: "Nichts" und - mit Einschränkungen - von Hannes Böhringer: "Sweet Nothing". Lütkehaus rekonstruiert eine Geschichte der "Nichtsvergessenheit" (es ist immer prekär, eine Parallelkonstruktion zu einem philosophiegeschichtlich bekannten Begriff, hier der Heideggerschen "Seinsvergessenheit" vorzunehmen), Böhringer wirft einen kursorischen Blick - ja worauf eigentlich?, nun, auf die Empfindung, etwa in der Liebe, und Darstellung, in der Kunst, des Nicht-Normierten, Unbekannten, Fremden, "Erhabenen" (Lyotard).
Lesenswert ist ebenfalls noch die kenntnisreiche Untersuchung von Meike Baader: "Heilige Körper im deutschen Jugendstil: Fidus‘ Lichtgebet". Der Aufsatz von Gabriele Sorgo: "Imitatio Christi: Askese und Schöpferkraft" zeigt interessante Ansätze, bleibt aber dann summarisch-einseitig. Ein Satz wie der folgende: "Der weibliche Anteil an der Schöpfung bleibt verdrängt, aber um nichts weniger wirksam" (S. 132) mag das, in seinem bloßen Behauptungs-Charakter, beispielhaft belegen.
Aber was dem Leser von Gerburg Träusch-Dieter, seines Zeichens Professur für Soziologie an der FU Berlin, in: "Ein Märchen ohne Prinz. Der schwarze Quiz der Tötung" zugemutet wird, ist doch zu viel. Ich zitiere: "Wird also der Mann aus der Frau erschaffen, fällt die Wiedergeburt des Bräutigams aus der Braut mit ihrer Tötung zusammen, die kein Mord, sondern Opferung ist. Fehlender Täter und fehlende Blutquelle verweisen jedoch auf nichts. Diesem Nichts entspricht das Nichts, das der Schöpfung der Puppe vorausgesetzt ist. Sie ersetzte das Verschwundene durch ein fremdes Ebenbild des Menschen. Denn kein Mensch wird aus einer Puppe geboren oder wiedergeboren" (S. 122). Immerhin enthält zumindest der letzte Satz eine klare Erkenntnis.
Johannes Bilstein schreibt über "Engel oder: Nachbarn in unseren Augen". Der Aufsatz enthält manches Wissenswerte, gut Kompilierte, aber nichts Neues. Sein Fazit: "Wovon also reden die Menschen, wenn sie von Engeln reden? Sie reden von menschlichen Eigenschaften und Weltsichten, von menschlichen Sehnsüchten und Ängsten" (S. 208), bleibt denn auch entsprechend dünn.
Rolf Parr hingegen lanciert eine aufsehenerregende These: "Wenn vom ‚Nichts‘ die Rede ist, dann ist diejenige von ‚normal‘ und ‚Normalität‘ nicht weit" (S. 234) und belegt sie mit ganz und gar einseitigen Beispielen, denen sich ebenso gut andere an die Seite stellen ließen: "‘Es ist doch nichts passiert‘, beginnen die Fernsehkommissare und ihr meist etwas blassen Assistenten [?] häufig die Versuche, Menschen zu beruhigen und sie des Weiterbestehens von Normalität zu versichern" (S. 235). Parr versucht (versucht er es wirklich?), gesellschaftliche Entwicklungen zu beschreiben, und das liest sich so: "Man kann zur Zeit sogar von einer generellen Tendenz sprechen, möglichst viele Bereiche der elementaren Sozialkultur in flexible Normalitäten umzuarbeiten. Ein überzeugender Beleg sind für mich die Quiz-Shows neuen Typs [!] (...)" (S. 239). Der Blödsinn kulminiert dann in Sätzen wie: "Schlagen wir von hier aus den Bogen zur bildenden Kunst, dann bildet der Verstoß gegen das biblische Bilderverbot sogar eine der Voraussetzungen für die Ausbildung normalistischer Dispositive und Gesellschaften (...). Das normalistische ‚Du musst dir ein Bildnis machen‘ heißt dann zuerst, sich selbst qua Bildnis in irgendeiner Weise zu verdoppeln. Daraus resultiert eine der Urszenen der bildenden Kunst, die sich in Legionen von Spiegel-Bildern (im Sinne von Selbst-Porträts in Spiegeln) manifestiert (...)" (S. 241).
Muss man sich mit diesem Unfug ernsthaft auseinandersetzen? Ich will es selbstverständlich niemandem verbieten, aber ich für mein Teil lasse es lieber.
Insgesamt ist der Band, vor allem wegen der Abbildungen und Kurz-Kommentare zu ihnen, durchaus nicht uninteressant, aber er krankt an einer Doppeldeutigkeit seiner Zielsetzung. Die Thematisierung des "Nichts" in der Kunst bezieht sich sicherlich auf den von Lyotard so genannten Prozess der "Immaterialisierung", des Neuen, als solches gar nicht Darstellbaren; aber die "jenseitigen Ebenbilder des Menschen" lassen nun Platz für vieles andere, Engel, Fidus‘ Lichtgebet, oder die zuletzt angeführten Nichtigkeiten, die mit dem Nichts gar nichts zu schaffen haben.
Johannes Lechner