Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 2


Johann Gottfried Herder: Briefe. Elfter Band. Kommentar zu den Bänden 1-3, bearbeitet von Günter Arnold. 666 S., Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar, 2001, ISBN 3-7400-1178-5 , 99,90 €

 

Obgleich Johann Gottfried Herder Liebhabern des 18. Jahrhunderts als derjenige gilt, an den und dessen Werke man sich zu einer ersten Orientierung in nahezu allen theoretischen Diskussionen dieser Zeit zunächst einmal wenden sollte, da die enzyklopädische Spannweite und Vielfalt seines Denkens kaum eines der damals wichtigen theoretischen Gebiete ausgelassen habe, dürfte für das breitere Publikum doch noch immer zum großen Teil zutreffen, was bereits Goethe feststellte, daß sein, Herders "Werk, welches unglaublich auf die Bildung der Nation eingewirkt hat […] nun, da es seine Schuldigkeit gethan, so gut wie vergessen ist".

An dieser Situation hat auch die Tatsache, daß die Herder-Rezeption in den letzten Jahren, z. B. durch die Tätigkeiten der seit 1985 bestehenden Internationalen Herdergesellschaft, merklich an Umfang und Intensität gewonnen hat, nichts Grundlegendes verändern können; Herder ist be- und anerkannt als Anreger oder Initiator vieler geistiger Entwicklungen, sei es des Sturm und Drang, sei es der Sprachwissenschaft und des Denkens historischer Individualität. In seinen eigenständigen theoretischen Errungenschaften dürfte er jedoch neben seinem Förderer und Freund Johann Georg Hamann der unbekannteste Theoretiker unter den großen Gestalten der deutschen Philosophie und Literatur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geblieben sein.

Nicht zuletzt mag dies – ähnlich wie im Falle Hamanns – an seiner fragmentarischen, "rhapsodischen" und "kabbalistischen" Schreibart liegen, die zudem vor Anspielungen insbesondere auf Bibelstellen und die zeitgenössische Literatur geradezu strotzt und so einem ersten unbefangenen Lesen fast unüberwindbare Hindernisse entgegenstellt. Es gibt hier keine systematische Ausarbeitung der vielen Entwürfe, keine Einheitlichkeit eines begrifflichen Schemas, von dem aus sämtliche Einzelgebiete bearbeitet würden, wie es bei Fichte oder Hegel geschieht. (Ralf Simon hat 1998 den Begriff der Parenthese als konzeptionellen Kern der herderschen [literatur-]theoretischen Bemühungen vorgeschlagen, allerdings nicht ohne festzustellen, daß es sich hier eben nicht um ein thematisiertes, sondern allenfalls operatives Zentrum der theoretischen Versuche Herders handelt.)

Man begibt sich also in schwieriges Gelände, in dem einem – frei nach Hegel – wahrscheinlich vieles zwar bekannt vorkommt, darum aber noch lange nicht erkannt ist, und die Bereitstellung zuverlässiger Hilfen zur Aufschlüsselung von Herders Leben und Werk können hier eine große, geradezu unerläßliche Hilfe sein.

Um so erfreulicher daher, daß nun, im Rahmen der Gesamtausgabe der Briefe Herders und ein Vierteljahrhundert nach Herausgabe des ersten Textbandes, der Kommentar zu den ersten drei Briefbänden - den Zeitraum von April 1763 bis Mai 1776 umfassend - erschienen ist. Allein die Liste der in diesem Jahrzehnt der beginnenden Autorschaft Herders entstandenen Schriften nimmt sich eindrucksvoll aus: anfangend mit den Bänden "Über die neuere deutsche Literatur" von 1766f. und den "Kritischen Wäldern" von 1769, über die 1772 erschienene und mit dem Preis der preußischen Akademie ausgezeichnete "Abhandlung über den Ursprung der Sprache", und - im darauffolgenden Jahr - das >Gründungsmanifest< des Sturm und Drang: "Von deutscher Art und Kunst", bis hin zur Schrift "Auch eine Philosophie der Geschichte der Menschheit" (1774) sowie den Ausführungen über die "Älteste Urkunde des Menschengeschlechts" aus den Jahren 1774-76.

Für eine Kommentierung der Korrespondenz nun wird die genaue Kenntnis all dieser Schriften in ihren zeitgenössischen diskursiven Zusammenhängen, in die sie eingebettet sind, ohnehin vorausgesetzt und verlangt, da die brieflichen Äußerungen häufig genug Fortsetzungen und Interpretationen der veröffentlichten Werke darstellen, zumal der Postverkehr die heutzutage möglichen und geläufigen Formen des theoretischen Austauschs wie Tagungen etc. weitgehend übernehmen mußte. Zu diesen Anforderungen gesellt sich in der brieflichen Kommunikation natürlich noch die Notwendigkeit der Kenntnis der gesamten Sphäre des Privat-Biographischen, des alltäglichen Lebens also, das in Herders Fall oft genug in zermürbenden Amtspflichten bestand, denen er als Prediger und (ab April 1771 in Bückeburg) als Konsistorialrat unterlag, nicht selten jedoch auch in finanziell angespannter Situation (hierüber geben vor allem die Briefe seiner Frau aus der späteren Weimarer Zeit Auskunft). Denn noch weniger als die anderen Autoren der beginnenden deutschen Klassik, von denen ja keiner ohne Amt >nur< als Schriftsteller gelebt hat, handelt es sich bei Herders Anstellungen am Hofe um reine Sinekuren.

So gibt es also eine Fülle von Bezügen, die der Kommentar zu beachten und zu erläutern hat und die Bewältigung dieser umfangreichen Aufgabe, es sei vorwegnehmend bereits gesagt, gelingt Günther Arnold überzeugend.

Beachtet man die der Anlage der Gesamtausgabe geschuldete Einschränkung, daß (worauf der Kommentator in der Vorbemerkung selbst ausdrücklich aufmerksam macht) in den Anmerkungen beständig auf die bio-bibliographischen Inhalte und Siglen des als Band 10 der Gesamtausgabe erschienenen Registerbandes hingewiesen wird, der Kommentar somit nicht als Einzelband konzipiert und man infolgedessen genötigt ist, mit drei voluminösen Bänden zugleich zu arbeiten, so ergibt sich aus ihrem Zusammenspiel eine solche Fülle von Informationen, daß sich nahezu nirgendwo Fragen ergeben, in denen der Leser mit Ungeklärtem alleingelassen würde.

Der Kommentar gibt zu den numerierten Briefen Zeilen und Lemmata an, so daß die Orientierung keinerlei Schwierigkeiten macht – auch dort nicht, wo versehentlich einmal die Zeilenzählung zwischen Text- und Kommentarband um eine Zeile divergiert (wie beispielsweise beim 12. Brief des ersten Bandes). Die Erläuterungen umfassen biographische Angaben, Worterklärungen, die Nachzeichnung allgemein-geistesgeschichtlicher und speziell Herders Werke betreffende entstehungsgeschichtliche Zusammenhänge sowie Nachweise und Aufschlüsselungen für Zitate und Anspielungen. Die angegebenen Worterklärungen erscheinen manchmal nicht unbedingt notwendig (daß "abusiert" "mißbraucht" oder "demonstrativisch" "beweisführend" bedeutet, bedarf wohl keiner Erläuterung ?) – doch wird in solchen Fällen ohnehin nur nachschlagen, wem diese Wörter nicht unproblematisch vorkommen, und so erscheint es durchaus richtig, lieber einige solcher Anmerkungen zu viel als zu wenige zu geben, zumal sie häufig, insbesondere bei dialektalen oder umgangssprachlichen Wendungen, für das Verständnis fast unabkömmlich sind (oder zumindest langwieriges Suchen vermeiden helfen).

Vor allem aber werden Stellen aus der Korrespondenz und den Werken der Briefpartner zitiert oder zusammengefaßt, wo dies für das Verständnis unabdingbar ist, und nicht zuletzt wird auf die zahlreichen wörtlichen oder sinngemäßen Entsprechungen mit Formulierungen aus den Druckschriften oder anderen Briefen Herders aufmerksam gemacht und solchermaßen dessen konzentrierte Gedankenbewegung illustriert. Über gewisse Zeiträume erscheint einem Herder dann von bestimmten Themen und Materien vollständig in Anspruch genommen, was sich nicht zuletzt in der Übereinstimmung von Formulierungen theoretischer Überlegungen mit Wendungen zeigt, die in die private Korrespondenz Eingang finden. Auch wird durch die gegebenen Querverweise die zumindest auffällige Biegsamkeit Herders bezüglich eigener zuvor geäußerter Positionen kenntlich und greifbar, worauf schon Goethe verwundert aufmerksam gemacht hat: "Herder konnte einen bitter auslachen, wenn man etwas mit Überzeugung wiederholte, welches er kurz vorher als seine eigene Meinung gelehrt und mitgeteilt hatte."

Wenn nämlich Herder (in einem Brief vom August 1772) an Hamann schreibt: "Daß Gott durch Menschen, die Sprache würke – wer zweifelt? hat? könnte durch alle peristaseis zweiflen. […] wer hat das mehr als ich angenommen. Ich sage angenommen, denn das zu beweisen, war (der Kabbalist u. Göttersprecher auf dem Dreyfuß, den Wind anwehet mag sagen und zeigen (sämanein) was er will) war vor Einer Erlauchten Königlichen Preußischen Akademie der Wißenschaften ja meine Sache nicht", so behauptet er das Gegenteil der wörtlichen Ausführungen der Abhandlung und schwenkt auf Hamanns Linie ein, der in einer Reaktion vorgeschlagen hatte, die Preisschrift als Parodie zu lesen. Durch solche Schwierigkeiten für die Interpretation führt der Kommentar sachlich und gelassen hindurch, in diesem Fall spricht er von einer "Selbsttäuschung Herders" und verweist – wie an vielen anderen Stellen – nicht nur auf Parallelstellen in Werk und Briefen, sondern auch auf neuere wissenschaftliche Literatur zum jeweiligen Themenfeld, so daß derjenige, der in die vielfach verwickelten Diskussionslagen der Zeit tiefer einzudringen wünscht, eine sehr nützliche erste Orientierungshilfe erhält. Hier wird beispielsweise mit Verweis auf "neuere Interpreten, wie Ulrich "Gaier" darauf aufmerksam gemacht, daß es sich um ein "gegenseitiges Mißverständnis gehandelt habe." Solche weiterführenden Angaben sind vor allem bei weniger prominenten Auseinandersetzungen von großem Nutzen, wie z. B. bei den Kommentaren und weiterführenden Verweisen zu den Briefen an Lavater, an Nicolai oder an Mendelssohn, deren Schriften ihrerseits wohl keinen allzu großen Bekanntheitsgrad mehr für sich behaupten können. Ihre Beziehungen zu Herder und auch untereinander werden knapp aber doch mit gebotener Ausführlichkeit und anschaulich vorgestellt.

So wird aus der Fülle dieser Bezüge nicht nur Herders Stellung in der geistigen Landschaft seiner Zeit deutlich, sondern es entsteht zugleich eine eindrucksvolle Gesamtschau dieser diskussionsfreudigen und fruchtbaren Epoche. Mehr aber kann von einem Kommentar schlechterdings nicht verlangt werden.

Für alle, die sich mit deutscher Literatur beschäftigen gilt nach wie vor die Aufforderung Jean Pauls: "Es gibt einen deutschen Schriftsteller, […] welcher wie die Engel nach den Scholastikern vor dem Meere steht, das alle Völker nachspiegelt, und der, indes wir Individuen schonen und Völker mißhandeln, beide errät und beschützt und der […] etwas Humaneres und Höheres predigt und übt: den edlen Anthropomorphismus eines jeden Menschen, eines jeden Volkes, eines jeden Säkulums. Wenigstens der Name dieses Autors sollt` Ihnen bekannt sein: er heißet J. G. Herder."

Die Möglichkeit ihn gründlich kennenzulernen ist durch den nun vorgelegten Kommentar nicht unbeträchtlich erleichtert worden – bleibt zu hoffen, daß bis zum Erscheinen des nächsten Kommentarbandes nicht erneut 25 Jahre vergehen.

Carl Christoph Claussen

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