Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 2


 

Mein Buch des Monats : März 2002

Noch 1924 schreibt Rilke: "Wie oft habe ich Rodin um seinen folgsamen und ausgeruhten Lehm beneidet, den man nicht brauchte, um Guten Tag zu sagen oder um eine Mahlzeit zu bestellen!" (an Cathérine Pozzi, S.384) oder: "Rodin empfingen jeden Morgen die großen Blöcke, an denen er seine Arbeit beginnen konnte, bei mir lag ein kleiner Bleistift auf dem Tisch ..." (an Katharina Kippenberg, S.18).

Trotz dieses so unendlich verschiedenen Arbeitsmaterials und des zugehörigen Handwerks wurde Auguste Rodin Rilkes Lehrmeister, von "Bindung und Emanzipation" spricht Rätus Luck, der Herausgeber, in seinem Vorwort zu dem Band

Rainer Maria Rilke / Auguste Rodin

Der Briefwechsel und andere Dokumente zu Rilkes Begegnung mit Rodin

Was Rilke von Rodin lernen konnte, war das, was dieser als "Arbeit vor der Natur" von ihm forderte, ständige Arbeit und nicht mehr das sehnsüchtige Warten auf die Inspiration: Rilke schreibt am 11.September 1902 an Rodin: "...meine Arbeit, weil ich sie so liebte, sie ist während dieser Jahre zu etwas Feierlichem geworden, zu einem Fest, gebunden an die seltenen Momente der Eingebung; und es gab Wochen, da ich nichts anderes tat, als mit unendlicher Traurigkeit die schöpferische Stunde zu erwarten ..." (S.53) und 1904 heißt es: "...aber wenn meine Arbeiten langsam vorangehen, dann darum, weil ich lerne, besser zu arbeiten. Und es gibt, auch bei mir, keinen Fortschritt, den ich nicht Ihnen verdanke." (S.95).

Damals lag der erste Aufenthalt Rilkes im Umkreis Rodins bereits hinter ihm und das Buch, das er über ihn zu schreiben hatte, war längst erschienen: "Auguste Rodin von Rainer Maria Rilke" in der Reihe "Die Kunst", herausgegeben von Richard Muther, der Rilke den Auftrag vermittelt hatte. Das Honorar betrug übrigens 150 Mark, kaum genug, um einen Aufenthalt in Paris zu finanzieren. Rilke war für diese Aufgabe gut vorbereitet – schon 1900 formulierte er in seinem Tagebuch mehrfach ausführliche Eintragungen zu Rodin, bei dem seine Frau, die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff, 1899/1900 als Schülerin im Atelier gearbeitet hatte.

In seinem ersten Brief an Rodin vom 28.6.1902 bittet er um dessen Unterstützung, worauf Rodin freundlich eingeht und ihm sein Archiv zu öffnen bereit ist. Am 28.8.1902 trifft Rilke zu seinem ersten Aufenthalt in Paris ein, schreibt aber sogleich einschränkend an Clara Rilke: "wir meinen ja nicht sie, diese Stadt ... sondern nur ihn, Rodin". (S.40) Rilke bedauert, dass Rodin nichts von ihm lesen kann und er selbst das Französische nur unvollkommen gebraucht: " Und da stehen nun diese dummen Sprachen hilflos wie zwei Brücken, die nebeneinander über denselben Fluß gehen, aber durch einen Abgrund voneinander getrennt sind. Es ist nur eine Bagatelle, ein Zufall, und es trennt doch ..." (an Clara Rilke, S.44).

Ende März 1903 erscheint Rilkes Rodin-Monographie bei Julius Bard in Berlin: Rilke schreibt an Rodin aus Viareggio, wo der Dritte Teil seines "Stunden-Buchs" entsteht: "mit diesem kleinen Buch hat Ihr Werk nicht aufgehört, mich zu beschäftigen; es ist die kleine Tür, durch die es in mein Leben getreten ist" (27.3.1903, S.67). In Rodins Antwort heißt es, er werde sich das Buch übersetzen lassen: "und mit äußerstem Vergnügen werde ich die Frucht Ihrer so ehrlichen Arbeit kennenlernen" (6.4.1903, S.70).

Als Rilke dann im Sommer 1905 – aus Friedelhausen – bei Rodin anfragt, wann er ihn in Paris, wohin er für acht bis zehn Tage reisen wolle, sehen könne, lädt ihn dieser herzlich ein, bei ihm in Meudon zu wohnen. Und damit beginnt die Zeit täglichen Umgangs, von der Rilkes Briefe an seine Frau und die Abbildungen im "Briefwechsel" so beredt Zeugnis ablegen. Während dieser Zeit entwirft Rilke seinen Rodin-Vortrag (später der Zweite Teil seines Rodin-Buches) und übernimmt schon bald einen Teil von Rodins Korrespondenz als "eine Art Privat-Sekretär" (S.114), eine Tätigkeit, die er auch nach den Vortragsreisen im Oktober 1905 und Februar und März 1906 jeweils wieder aufnimmt: "Seit Ende September schon schreibe ich seine meisten Briefe (in einem Französisch, für das es sicher irgendwo ein Fegefeuer giebt.)" (An Lou Andreas-Salomé, 14.11.1905, S.130/31).

Damals beginnt die Zeit, in der Rilke anfängt "eine Art Türwächter an der Rodin’schen Pforte" zu werden (Anton Kippenberg, 26.7.1910, S.298), auch den einen oder anderen Ankauf nach Deutschland, Ausstellungen vermittelt und vielen bedeutenden Besuchern des Meisters begegnet. Aber das greift schon vor, zunächst kommt es zum Bruch. Rilke fühlt immer stärker: "mir fehlt nichts als dies bißchen Freiheit, für mich zu sein und in mich hineinzuhören und eine eigene Arbeit zu bedenken", (an Karl von der Heydt, 7.4.1906, S.171), glaubt aber Rodin nicht im Stich lassen zu dürfen, bis dieser ihn schroff entlässt.

Am 12.Mai 1906 schreibt Rilke einen langen Brief an Rodin, in dem er sich gegen dessen Vorwürfe verwahrt (es geht um angebliche Eigenmächtigkeiten Rilkes): "Sie haben sich nicht daran erinnern wollen, daß Sie mich eingeladen hatten, als Freund zu Ihnen zu kommen, und daß die Aufgabe, die Sie mich einige Wochen später haben übernehmen lassen, zunächst nichts anderes war als ein Mittel, einem armen Freund eine ungestörte und für seine Arbeit förderliche Zeit zu verschaffen." Weiter heißt es: " So bin ich unversehens weggejagt wie ein diebischer Diener aus dem kleinen Haus, in dem Ihre Freundschaft mich zuvor liebevoll untergebracht hat. Es war nicht Ihr Sekretär, dem Sie dieses familiäre Domizil gegeben haben ... Ich bin aufs tiefste verletzt dadurch." (S.182/83). "Da sind Sie nun, großer Meister, unsichtbar geworden für mich, wie durch eine Himmelfahrt entrückt in die Sphären, die die Ihren sind. – Ich werde Sie nicht mehr sehen – aber, wie für die Apostel, die traurig und allein zurückblieben, beginnt für mich das Leben, das Leben, das Ihr hohes Beispiel feiern wird und das in Ihnen seinen Trost, sein Recht und seine Stärke finden wird." (S.185). Rodin meldet Frau von Nostitz Ende August / Anfang September: "ich habe mich aus Ungeduld mit Rilke überworfen" (S.194).

Mit der Befreiung, als die Rilke trotz der tiefen Verletzung den Auszug aus Meudon empfand, beginnt für ihn die erste eigene Meisterschaft; es entstehen die "Neuen Gedichte", die "Requien", "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" – zwar nicht ohne Lebens- und Schaffenskrisen, aber doch als ein Gelingen im Sinne der bei Rodin gewonnenen Einsichten. Rilke selbst betont dies in seinem Brief an Rodin – als ihr freundschaftliches Verhältnis wiederhergestellt ist – am 30.12.1907 über die eben erschienenen "Neuen Gedichte": "... meine neue Gedichtsammlung, wo es einige Stücke gibt, die demütig nach der Natur gearbeitet sind. Ich hoffe, man wird daran erkennen, wie sehr Ihr Werk und Ihr Beispiel mich zu unwiderruflichen Fortschritten gezwungen haben, denn wenn man mich eines Tages unter denen nennt, die würdig der Natur gefolgt sind, so weil ich von ganzem Herzen Ihr gehorsamer und überzeugter Schüler war."

Zum "vor der Natur Dichten" bittet einige Zeit später Harry Graf Kessler Rilke um Auskunft. Rilke habe ihm daraufhin gesagt: "in die Dinge hinein Dichten statt von ihnen weg. Nicht anknüpfen an irgendeinen vielleicht nur flüchtigen Eindruck, um Gefühle oder Betrachtungen daranzureihen, wodurch dann das Gedicht mit dem berühmten‚schönen Anfang’ entstünde, sondern das Gefühl mit den Dingen selbst amalgamieren, sozusagen in sie hineinfüllen. Seitdem er sich hierzu gezwungen habe, habe eine neue Epoche für ihn angefangen. Zuerst habe er geglaubt, er würde es nie lernen. Aber er habe gefühlt, jetzt heiße es biegen oder brechen; und er habe es durchgesetzt. Jetzt sei er soweit, daß es ihm leicht würde vor der Natur zu dichten." (Kessler im Tagebuch, 16.11.1908, S.250)

Noch einmal kommt es zu nahem Austausch zwischen Rodin und Rilke, als sie zeitweilig beide im Palais Biron Wohnung nehmen, dem heutigen Musée Rodin (1908-1911). Bei seinem Einzug erhält Rilke von Rodin einen Arbeitstisch: "Es wird die große fruchtbare Ebene sein, auf der ich meine Manuskripte ausbreiten werde wie Dörfer", dankt Rilke seinem ‚lieben großen Freund’ am 14.9.1908 (S.249). Allerdings trübt sich Rilkes Bild von Rodin in diesen Jahren ein, er empfindet erschrocken die tiefen Veränderungen, die in ihm durch das Altern verursacht werden. Und als es durch Missverständnisse und Missdeutungen über die Auswahl von Photographien für die Inselausgabe des Rilkeschen "Auguste Rodin" noch einmal zu Zerwürfnis kommt, kann die Verbindung bis zu Rilkes ahnungsloser Abreise aus Paris am 19.Juli 1914 nicht wieder geknüpft werden. Der Erste Weltkrieg verhindert seine Rückkehr und noch vor dessen Ende stirbt Rodin 1917.

Unsere Ausgabe des "Briefwechsels" bringt jedoch für die Jahre bis zu Rilkes Tod vielfältige Zeugnisse zu der bleibenden Bedeutung Rodins für Rilke und seine Korrespondenten. Es ist das Verdienst des Herausgebers Rätus Luck, dass er, vergleichbar dem Verfahren, das Klaus E. Bohnenkamp für seinen Band "Rainer Maria Rilke und Rudolf Kassner. Freunde im Gespräch. Briefe und Dokumente" wählte, sich nicht mit einer reinen Briefedition begnügt hat. Auch im Briefwechsel zwischen Rilke und Rodin gibt es Fehlendes, zudem besteht kein gleichgewichtiges Verhältnis im Einander-Gegenüber der Briefe. So ist es ein großer Gewinn, dass sie eingebettet sind in das Geflecht der Beziehungen zwischen Freunden und Zeitgenossen, die Anteil nahmen.

Zu betonen ist, dass hier zum ersten Mal alle erhaltenen Briefe vollständig dargeboten werden, gesicherte Texte in einer Neuausgabe – die früheren sind seit vielen Jahren vergriffen. Zu dieser deutschen Fassung ist eine französische Parallelausgabe vorgesehen. Der Band enthält außer dem bereits erwähnten Vorwort von Rätus Luck einen Anhang mit einer ausführlichen Bibliographie, weitere Nachweise und ein Personenverzeichnis.

Vor allem soll auf die Abbildungen aufmerksam gemacht werden, die in besonderer Weise die Stimmung dieser Jahre heraufrufen: Rilke und Rodin nebeneinander in Meudon und gemeinsam mit Madame Rodin und den beiden Hunden, einzeln beide sowohl in Meudon als im Palais Biron. Dazu kommt die Handzeichnung Rodins, die dieser Weihnachten 1909 Rilke mit der Widmung schenkte: "à mon grand ami Maria Rilke. Aug. Rodin" und je ein Faksimile der Handschriften.

Renate Scharffenberg

Rainer Maria Rilke. Auguste Rodin: "Der Briefwechsel und andere Dokumente zu Rilkes Begegnung mit Rodin". Mit Abbildungen. Herausgegeben von Rätus Luck. Übertragen aus dem Französischen von Rätus Luck und Heidrun Werner. Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2001. ISBN 345817063-4, 32.80 €

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