Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 3


 

Marburger Kunstverein: Auf Grund. Bodenarbeiten

Joachim Bandau Raffael Rheinsberg Stefanie Unruh

In seiner Einführung in die Ausstellung berichtet Harald Kimpel von der "Idee, sich auch auf grundsätzliche Weise mit dem räumlichen Potential [der Kunsthalle] auseinander zu setzen". Entsprechend sei die gegenwärtige Präsentation dreier Künstler "dem Boden gewidmet". Die Augen der Betrachter werden also dieses Mal grundsätzlich nach unten gelenkt - die Wände aller Räume bleiben frei.

Im Parterre trifft man auf das "Große Bleimeer" (1988) von Joachim Bandau. Platten des Metalls sind über 87 Teile einer Holzverschalung montiert, sodass der Eindruck im Fallen und Steigen gleichsam gefrorener oder erstarrter Wellen entsteht. Diese Wogen können sich nicht hoch auftürmen, die eigene Schwere hält sie am Boden. Man kann auf einem schmalen Pfad um dieses Meer herumgehen und sich das bleierne Wasser aus unterschiedlichen Perspektiven ansehen. Am beeindruckendsten ist aber wohl der Blick von der Türöffnung her. Von hier aus scheint es, als sei nicht nur ein klar definierter, umgrenzter Bezirk, der Platz, den das Werk einnimmt, von dieser Starre erfüllt, sondern eine "Welt". Die Arbeit Bandaus erhebt also implizit einen allgemeinen Anspruch: sie will nicht nur ein Segment des Lebens, sondern dieses insgesamt zeigen. Es in seiner Totalität - so signalisiert auch der Titel: das "große" Meer ist das Meer, das Dasein überhaupt – ist nicht mehr der unerschöpfliche Ursprung aller Existenz, sondern etwas Totes, das sich nicht mehr regenerieren kann.

Wie sollte es noch eine Erneuerung des Lebens geben, wenn sein Anfang schlechthin abgestorben ist? Bandau nimmt solcherart mit künstlerischen Mitteln eine philosophisch-soziologische Frage auf, die in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts von Horkheimer, Adorno und Herbert Marcuse gestellt wurde. Sie lautete: "Kann eine völlig verdinglichte oder entfremdete Gesellschaft aus sich heraus noch den Impuls zu einer Änderung der Verhältnisse hervorbringen?" Bandaus Ende der achtziger Jahre gegebene Antwort ist offenbar negativ. Müssen wir ihm heute zustimmen?

Raffael Rheinsberg antwortet bejahend. Er nennt seine Installation, die aus leeren Patronenhülsen - die Munition wurde abgefeuert - besteht, "Global". Die Bezüge, Harald Kimpel weist darauf hin, zur Weltwirtschaft und der Globalisierung der Gewalt sind eindeutig. Aber weitaus unheimlicher ist etwas anderes. Das Faktum der "Faszination", das von dieser "Hardware des Krieges" ausgeht, wird besonders augenscheinlich, "wenn - wie der Sammler [der Künstler selbst] sagt - "Licht darauf fällt und die Schatten eine zweite Struktur auf den Boden malen"; bedient er sich dann nicht "in seiner Formation bewusst und demonstrativ derselben fatalen Ästhetik der Gewalt, ohne die Gewaltausübung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft niemals und nirgendwo zu machen gewesen wäre" (Kimpel)? Setzt sich aber so nicht vielleicht auch hinter dem Rücken des Künstlers in seinem Werk die Teilhabe an der Gewalt gegen ihre direkte oder Oberflächenkritik durch? Einen Anhaltspunkt für die Antwort gibt ein merkwürdiges Faktum. Die Fugen der Kacheln im ersten Stock der Kunsthalle bilden, je nach Bedarf, kleinere oder größere Rechtecke, in deren eines Rheinsberg die Patronenhülsen eingepasst hat. Strebt aber seine Arbeit so nicht, entgegen der von Kimpel bezeichneten Tendenz der Kunst der Moderne, Rahmen und Sockel abzuschütteln, wieder in eine Umrahmung zurück? Und wird damit nicht die "All-over-Struktur, die [...] fortsetzbar zu denken ist in alle Richtungen" (Kimpel) beruhigt und eingedämmt, sodass der Titel der Arbeit ihrer Ausführung widerspräche? Dann jedoch wäre die Ästhetik der Gewalt auch die unreflektierte eines Kunstwerks, das entgegen allem Anschein zumindest partiell in die Schranken tradierter Gehalte zurück möchte.

Stefanie Unruhs Installation "Ludwig Wittgenstein: Philosophische Grammatik" (1991) zitiert zwei Textstellen aus diesem Buch des Sprachphilosophen, in denen es um die Logik des Verstehens geht. Kimpel informiert: "Wort für Wort hat Stefanie Unruh die beiden Texte Wittgensteins [...] in dreidimensionale Objekte transformiert. So entstanden 96 und 112 Skulpturen, deren Anordnung im Raum das Schrift-Bild aufgreift, auf das sie sich beziehen". Tatsächlich nimmt man weniger die einzelnen Skulpturen, als vielmehr ihre Gesamtheit als eine Art Schrift-Feld wahr. Erst der Wille, diesen "Text" zu verstehen, führt dazu, seine Glieder genauer zu betrachten. Nun entdeckt man einzelne, mehr oder weniger komplexe Gebilde, etwa in der Art eines umgedrehten V, sowie Satzzeichen. Natürlich muss man an Runen denken, an Keilschrift oder Hieroglyphen, in denen noch ein Nachhall der magischen Identität von Symbol und Symbolisiertem lebendig ist.

Auch die Sprache der Kunst beansprucht seit altersher, das bildhafte Wesen der Dinge auszudrücken. Wenn also Stefanie Unruh den Wittgensteinschen Text über das Verstehen in eine skulpturale Struktur überträgt, dann wird so vielleicht hinter seiner allzu logischen Oberfläche eine andersartige Zeichenhaftigkeit sichtbar. Die Schrift, die wir schreiben, die Sprache, die wir sprechen, sind nach Platon nur der schattenhafte Widerhall einer ihnen zu Grunde liegenden Idee wirklicher Kommunikation. Die Rückübersetzung eines gedruckten Textes in sein "Bild" könnte mithin auch der Versuch sein, auf den eigentlichen Prozess des Verstehens zu deuten, der vielleicht vom "bildnerische(n) Erlebnis" (Werner Haftmann, von Kimpel zitiert) des Künstlers, also dem inspirativ-schöpferischen Akt, gar nicht verschieden ist.

In gewisser Hinsicht beantwortet mithin Stefanie Unruh die Frage, ob wir der Zeit-Analyse Bandaus zustimmen müssen, anders als Rheinsberg. Zwischen diese unterschiedlichen Erwiderungen auf die immanente Frage der Kunst nach ihrer eigenen Möglichkeit spannt sich der Bogen der Ausstellung. Immer wieder - auch heute - droht die gesellschaftliche Struktur, sie mag sich noch so dynamisch geben, in Erstarrung zu münden. Deswegen bleibt es die Aufgabe der Kunst, die vorgebliche Realität auf ihren Ursprung zu beziehen und ihn eben hierin lebendig zu erhalten.

Max Lorenzen

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