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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 3
Die Marburger Bantzer-Ausstellung, die inzwischen ihren 5000. Besucher zählen konnte, gewährt anlässlich des 475. Universitätsjubiläums im Jahr 2002 neue Einblicke in das Werk des Malers, wie sie zuletzt vor 25 Jahren die letzte große Bantzer-Ausstellung zum 450. Universitätsgeburtstag unter dem Titel "Synthetischer Realismus" bot.
Diesmal geht es um die ersten Jahrzehnte von Bantzers Schaffen: die früheste der ausgestellten Arbeiten ist ein Aquarell aus dem malerischen Ockershausen von 1876, das späteste Bild die vierte Fassung der zuerst 1909 entstandenen "Abendruhe" von 1916. Drei große Komplexe umfasst die Ausstellung, "Naturbilder", "Historien- und Genremalerei" sowie "Bildnisse". Ergänzt wird sie dankenswerter Weise durch Beispiele aus dem Willingshäuser Freundeskreis Bantzers, vorwiegend aus dem Besitz des Universitätsmuseums. Im Spätsommer 2002 geht die Ausstellung zunächst ins Stadtmuseum nach Dresden, dem langjährigen Wirkungsort Bantzers, und danach ins Landesmuseum in Oldenburg.
Wie Bernd Küster, von dem ein großer Bildband zum Werk und Leben Carl Bantzers vorliegt, im Katalog zur Ausstellung schreibt, stand der Künstler zwischen zwei Epochen – er wurde zum Chronisten "des mit dem 19. Jahrhundert zu Ende gehenden Lebens auf dem Lande" – sein Werk erschöpft sich jedoch keineswegs darin. Die Ausstellung stellt daneben vor allem Bantzers Malerei vor der Natur und seine frühen Porträts.

Der große Saal zeigt die "hessischen" Bilder, zu denen der Maler selbst sagt: "Wenn ich so viel hessische Bauern gemalt habe, so hat das seinen Grund einmal darin, dass mit Land und Leuten der Schwalm sich meine ersten Jugendeindrücke verbinden, dann aber auch, weil es mir besondere Freude machte, die urwüchsigen Menschen in ihrer Eigenart zu schildern" (Ausstellungs-Katalog, herausgegeben von Bernd Küster und Jürgen Wittstock, S.10). Bantzer wurde 1857 in Ziegenhain als Sohn des Kreistierarztes geboren, doch siedelte seine Mutter mit ihm und seinen drei Brüdern nach dem frühen Tod des Vaters 1863 nach Marburg über, wo er bis zum "Einjährigen" Schüler des Gymnasium Philippinum war, das ihn als berühmten Ehemaligen feiert. Dauerhaft kehrte Bantzer erst 1923/24 nach Marburg zurück
Betrachtet man die Bilder hessischer Bauern, so korrigiert sich der Eindruck des Volkstümlichen, den man zunächst haben mag, angesichts der Authentizität des Dargestellten, das geprägt ist von dem Ernst und der Schwere bäuerlichen Lebens. Unverkennbar ist auch die Trauer angesichts des Vergehens einer Tradition – es wundert daher nicht, dass auch die Zeitgenossen gerade "Das Abendmahl in einer hessischen Dorfkirche" von 1892 bewunderten, das den ersten großen Erfolg des 35jährigen mit sich brachte – als erstes Werk Bantzers wurde es 1899 von der Nationalgalerie in Berlin angekauft und 1934 auf Wunsch des Malers nach Marburg ausgeliehen, 1968 dann für das Universitätsmuseum erworben. Sein vielleicht bekanntestes Werk, der "Schwälmer Tanz", diese Musik in Farbe, entstand mit den vielfältigen Vorstudien, die in der Ausstellung zu betrachten sind, 1898 als ‚Synthese von Impressionismus und Bauerngenre mit Anklängen auch des Jugendstils’: "Tradition und Aufbruch" in Einem. Es gehört zu jenen Gemälden, die Bantzer seine "Lebensbilder" nannte: "Wenn das Tanzbild eine seelische Stimmung zum Ausdruck bringen sollte, ohne das der einzelne Mensch dabei besonders hervortritt, so fesselte mich andererseits immer wieder der Mensch in seiner Eigenart" (S.26).

Nach Abschluss seines Studiums an der Berliner Kunstakademie mit der Prüfung zum Zeichenlehrer 1879 zog Bantzer nach Dresden, wo seine Mutter mit den Brüdern seit 1877 lebte, und hielt sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. 1882 reiste er zum ersten Mal für einige Monate nach Paris, wo er die Werke der Impressionisten kennen lernte, ohne doch ihre Malweise für sich zu übernehmen. Eher "diente sie ihm nur als Mittel, das er zur Steigerung der Wirkung der gegenständlich bestimmten Motive und der von diesen ausgehenden Stimmung anwandte" (A.Kippenberger, 1957). Eine zweite Parisreise konnte Bantzer 1888 schon aus dem Verkauf seines einzigen Historienbildes "Pilger am Grabe der heiligen Elisabeth" in die Galerie Neue Meister in Dresden finanzieren.

Während dieser frühen Jahre arbeitete Bantzer bereits als Landschaftsmaler in Goppeln bei Dresden und ebenso bei Besuchen in Hessen, 1887 erstmalig im Schwalmdorf Willingshausen, wohin er fast alljährlich für einige Zeit zurückkehrte. Das "Künstlerdorf" Willingshausen war unter der Schirmherrschaft der Familie von Schwertzell schon früher ein Treffpunkt von Malern gewesen. Bantzer blieb dem Ort bis in die späten Jahre treu. Er selbst schrieb zu seinem ersten Besuch: "Bei diesem mehrwöchigen Aufenthalt in Willingshausen, bei dem ich auch die nächsten Dörfer und ihre Bewohner sowie die schöne Landschaft kennen lernte, wurde mir klar, dass ich hier alles das finden würde, was zu schildern mir am Herzen lag" (Katalog, S.43), und später: "Die Schaffensgebiete, die dann mein ganzes Leben ausfüllten, beginnen nun immer deutlicher hervorzutreten. Einmal war es die Freude an der Darstellung des Menschen in seiner Eigenart, dann aber das Bedürfnis, eigenen seelischen Stimmungen durch Vorgänge aus dem menschlichen Leben oder durch Landschaft Ausdruck zu geben" (S.47).

Die beiden der Landschaftsmalerei Bantzers um 1900 gewidmeten Säle der Ausstellung bezeugen die Bedeutung sowohl Goppelns, wo z.B. das Bild "Wiesenhang im Vorfrühling" (1893) entstand, als Willingshausens (etwa mit der "Neustädter Wiese" von 1902). Hier liegt einer der Schwerpunkte für die Auseinandersetzung zwischen "Aufbruch und Tradition", wobei neben dem Einfluss des Impressionismus auch viel ältere Reminiszenzen sichtbar werden, so die an Bilder Ludwig Richters, die Bantzer in Dresden als jungem Maler so gut gefielen. Dass seine Palette im ganzen dunkler zu sein scheint als die der französischen Maler, verbindet ihn durchaus mit deutschen Zeitgenossen, was unter anderen im Vergleich mit frühen Gemälden Max Liebermanns sichtbar wird. Dabei sprach man in Dresden durchaus von "Hellmalerei" in der Gruppe der "Freien Vereinigung Dresdener Künstler", zu deren Vorsitzendem Bantzer 1893 gewählt worden war.
Der letzte Raum ist dann den Bildnissen vorbehalten, in denen Bantzer von Anfang an seine Fähigkeit bewährte, über den Realismus der Darstellung hinaus das Wesen der Porträtierten zu erfassen. Hervorzuheben sind etwa das Bildnis der Mutter (Aquarell, 1893) und das spätere Porträt seiner zweiten Frau in ganzer Figur: "Helene Bantzer in Grau" (1907/08).

Wer möchte, kann sich anschließend mit den Versuchen Marburger Schüler beschäftigen, die Bilder Bantzers zum Anlass nahmen, sich in anderen Stilformen zu ergehen – mehr oder weniger glücklich gelingend, aber ein gutes Beispiel für die Schule des Sehens im modernen Kunstunterricht.
Die Ausstellung ist in Marburg noch bis zum 14. Juli 2002 zu sehen, ehe sie auf Reisen geht.
Renate Scharffenberg
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