Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 3


"Immer das Hemd zuerst ..."

Aspekte einer Philosophie der Langeweile

von

Friedhelm Decher

 

Möglicherweise werden Sie sich angesichts des Titels dieses Artikels verwundert gefragt haben: Was um alles in der Welt hat denn ein Hemd mit Langeweile zu tun? Nun, dem ersten Eindruck nach wohl nicht allzuviel - aber beim zweiten vielleicht um so mehr. Lassen Sie mich diesbezüglich zunächst Georg Büchner zitieren, der nicht nur das Hemd mit der Langeweile in Verbindung bringt, sondern auch sehr erhellend die Dimensionen ausleuchtet, die die Langeweile in unserem alltäglichen Leben annehmen kann. In seinem Drama Dantons Tod läßt Büchner seine Titelgestalt übellaunig und mißmutig jammern: "Das ist sehr langweilig, immer das Hemd zuerst und dann die Hosen darüber zu ziehen und des Abends ins Bett und morgens wieder heraus zu kriechen und einen Fuß immer so vor den andern zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll. Das ist sehr traurig, und daß Millionen es schon so gemacht haben, und daß Millionen es wieder so machen werden, und daß wir obendrein aus zwei Hälften bestehen, die beide das nämliche tun, so daß alles doppelt geschieht - das ist sehr traurig".

Demnach empfindet der Büchnersche Danton allein schon eine bestimmte, tagtäglich wiederkehrende Reihenfolge des Sich-An- und Auskleidens sowie das Sich-zu-Bett-Begeben am Abend und das Aufstehen am Morgen als dermaßen langweilig, daß ihn das zu einem Lamento über das Elend des Lebens veranlaßt. Aber das ist noch längst nicht alles! "Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben!", läßt Büchner zudem seinen Leonce in dem satirischen Lustspiel Leonce und Lena sagen: "Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile, und - und das ist der Humor davon - alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken, warum, und meinen Gott weiß was dazu".

Das alles klingt zunächst einmal ziemlich lustig - aber es entbehrt zugleich nicht eines sehr ernsten Hintergrunds. Denn was Büchner hier im frühen neunzehnten Jahrhundert am Horizont aufscheinen sieht, tritt vollends erst im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts mehr und mehr in die Helle unseres Bewußtseins: Glaubt man nämlich den sogenannten Freizeitforschern, dann nimmt die Langeweile in modernen Gesellschaften in erschreckendem Maße zu. Andererseits gibt kaum jemand bereitwillig zu, sich zu langweilen. Langeweile, so scheint es, kann sich heutzutage kaum jemand mehr leisten. Wer nicht unter Zeitnot leidet, ständig unterwegs und immerfort beschäftigt ist, scheint in dieser Gesellschaft geradezu sein Daseinsrecht verwirkt zu haben. Daher hat die Freizeitindustrie der Langeweile den Kampf angesagt: Ein Vergnügen jagt das andere, immer neue Mittel der Zerstreuung werden erfunden.

Aber - so ist zu fragen - läßt sich die Langeweile tatsächlich durch Zerstreuungen verscheuchen? Und: Ist Freizeit nicht vielleicht viel zu kostbar, als daß man sie durch die Suche nach ständig neuen Zerstreuungen gleichsam vergeudet? Diesen Fragen möchte ich nun einmal etwas näher auf den Leib rücken. Ich beginne mit einem Blick auf die Zeitsphären des individuellen menschlichen Lebens.

Das Leben erwachsener Menschen, die in entwickelten Gesellschaften leben, teilt sich in die zwei großen Bereiche Arbeit und Freizeit auf. Gemeinhin wird angenommen, im Bereich der Arbeit, das heißt im Bereich des zielgerichteten Handelns, das an Erfolg und Mißerfolg gemessen wird, komme so etwas wie Langeweile nicht vor. Daher wundert es nicht, wenn - besonders von Moralisten und Aufklärern - Arbeit gern als Allheilmittel gegen jede Art von Langeweile und Müßiggang empfohlen wird. Ganz von der Hand zu weisen ist eine solche Sicht der Dinge wohl nicht. Als Bestätigung könnte sie etwa das Eingeständnis des bekannten französischen Anthropologen und Ethnologen Claude Lévi-Strauss für sich in Anspruch nehmen, er habe eigentlich immer gearbeitet und geschrieben, um der Langeweile zu entfliehen. Im Grunde hasse er es, wie er in einem Interview offen zugab, zu arbeiten und zu schreiben; es sei für ihn geradezu eine Qual. "Aber", so fügte er hinzu, "wenn ich nicht arbeite, dann langweile ich mich zu sehr". Bei ihrem Plädoyer für die Arbeit ignorieren Moralisten und Aufklärer jedoch gern das Faktum, daß es auch monotone Arbeit - und zwar sowohl körperliche als auch geistige - gibt, die geradewegs zur Langeweile hinführt. Auf die Dauer bietet Arbeit demnach keine Garantie, sich nicht zu langweilen. Und folglich bilden sie und Langeweile nicht den Gegensatz, den einige gern in ihnen sehen möchten.

Wenden wir uns nun dem zweiten großen Lebensbereich - der Freizeit - zu, so dürfte viel für die Vermutung sprechen, daß in der Hauptsache wohl sie der Ort der Langeweile ist. Freizeit ihrerseits läßt sich unterteilen in die von der Freizeit- und Kulturindustrie bestimmte freie Zeit und den reinen, durch keine zielgerichtete Tätigkeit charakterisierten Müßiggang, wie er etwa im Bild des faul auf dem Sofa lungernden Individuums sinnfällig wird. Obwohl die gesamte Freizeitindustrie letzten Endes auf nichts anderes aus ist, als beispielsweise mittels Spielhallen, Diskotheken, Disneyworlds, Funparks und immer gigantischeren Kinocentern mit integrierter "Erlebnisgastronomie" Jagd auf Langeweile zu machen, kann Freizeit in diesen modernen Tempeln des Zeitvertreibs und der organisierten Zerstreuung als ebenso langweilig erlebt werden wie reines Nichtstun. Mancher nämlich geht ins Kino, ins Theater oder ins Konzert, um für ein paar Stunden vor der Langeweile sicher zu sein - womit natürlich nicht behauptet werden soll, jeder, der ins Theater oder ins Konzert ginge, handelte aus diesem Motiv. Jedoch - was passiert? Man langweilt sich zu Tode! Ein anderer versucht sich die feierabendliche Langeweile mit ein wenig Fernsehen zu vertreiben - aber statt daß er von der Langeweile loskäme, wird sie beim Zappen von einer öden Talkshow zu einer noch öderen nur noch drückender und lastender. Und selbst bei Tätigkeiten, die, wie es so schön heißt, den Geist fordern und das Erlebnis einer erfüllten Zeit versprechen, kann es passieren, daß einen die Langeweile überfällt: beim Spiel, beim Lesen eines Buchs, beim Hören eines philosophischen Vortrags... Aber könnte es nicht auch sein, daß gerade das und anderes mehr gedacht war als Maßnahme, um der Langeweile zu entfliehen? Dann aber wäre man wieder einmal gut vom Regen in die Traufe gekommen...

Insbesondere in Anbetracht von Beschäftigungen wie den letztgenannten stellt sich die Frage: Was eigentlich ist die spezifische Differenz zwischen Langeweile und erfüllter Zeit? Sicher ist: Langeweile und erfüllte Zeit können beide sowohl bei der Arbeit als auch in der Freizeit erlebt werden. Aber besteht die gesuchte Differenz darin, daß dem Erleben einer erfüllten Zeit im Gegensatz zur Langeweile ein autonomes, frei bestimmtes Verfolgen selbstgesetzter Zwecke zugrundeliegt - und das sowohl bei der Arbeit als auch in der Freizeit? Auch wenn man geneigt sein mag, dem zuzustimmen, so ist doch zu bedenken, daß man selbst der Tätigkeiten und Beschäftigungen, denen man aufgrund freier Selbstbestimmung und Zielsetzung nachgeht und die einem für eine gewisse Zeit durchaus das Erlebnis einer erfüllten Zeit vermitteln, nach einer Weile überdrüssig werden kann. Mithin gewährt auch das autonome Verfolgen selbstgesetzter Ziele auf Dauer keinen wirklichen Schutz vor der Langeweile. Woran aber dann ist der gesuchte Unterschied zwischen erfüllter Zeit und Langeweile fest zu machen? Liegt er vielleicht in der geistigen Anregung, da ja, wie wir sahen, eintönige körperliche Arbeit äußerst langweilig sein kann? Nachdrücklich sei davor gewarnt, hier allzu schnell mit einem forschen Ja zu antworten. Denn dem steht die Erfahrung entgegen, daß zum Beispiel sportliche Betätigung, die großenteils völlig geistlos ist und oftmals in einer Wiederholung immer gleicher Bewegungen und Abläufe besteht, in der Regel nicht als langweilig empfunden wird.

So kommen wir aufgrund des Problemaufrisses aus dieser auf die Zeitsphären des individuellen menschlichen Lebens gerichteten Perspektive wohl nicht um die Einsicht herum, daß sowohl Arbeit als auch Freizeit als langweilig empfunden werden können - selbst dann, wenn die jeweiligen Aktivitäten selbstbestimmt und geistig anregend sind. Keine dieser beiden Zeitsphären, innerhalb derer sich unser Leben abspielt, ist mithin gegen Langeweile gefeit.

Darüber hinaus dürfte auch klar sein: All die Aktivitäten, zu denen Menschen in der Hoffnung greifen, sich durch sie die Langeweile zu vertreiben, finden irgendwann ihr natürliches Ende. Und was ist dann? Werden Überdruß und Langeweile vielleicht um so drückender und lastender, je mehr die vielfältigen Arten des Zeitvertreibs und der Zerstreuung ausgereizt sind? Nimmt die Langeweile dann womöglich noch an Intensität zu? Das steht in der Tat zu befürchten! So einfach ist ihr also nicht beizukommen. Und so stellt sich die Frage: Was ist das für eine Macht, der es offensichtlich ein leichtes ist, einem das Leben zu vergällen? Wie schafft sie das? Was genau ist das für ein Zustand, in den sie einen versetzt? Was ist, in der Begrifflichkeit der philosophischen Tradition des Abendlands gesprochen, das ‘Wesen’ der Langeweile?

Auf solche Fragen versuche ich jetzt eine Antwort zu finden. Dabei ist zunächst wichtig: Langeweile darf nicht mit Müßiggang und Muße verwechselt oder gar gleichgesetzt werden. Natürlich kann Müßiggang durchaus in Langeweile einmünden; aber Müßiggang muß nicht zwangsläufig Langeweile zur Folge haben. Müßiggang nämlich kann auch als ein Zustand der Muße begriffen werden, den sich jemand, der von Arbeit entweder weitgehend entlastet ist oder als Erholung von der Arbeit bewußt leistet, um Dinge, die er für schön erachtet und die für ihn einen hohen Wert darstellen, zu genießen oder selbst hervorzubringen, wie es etwa bei Werken der Kunst der Fall ist. Es dürfte wohl unmittelbar einsichtig sein, daß so verstandener Müßiggang das Produkt von Zivilisierung und Kultivierung von Gesellschaften ist. Klar dürfte aber auch sein, daß es in früheren geschichtlichen Epochen die eher kleine Klasse von Müßiggängern nur deshalb geben konnte, weil es eine um vieles größere Klasse von Menschen gab, die sich mittels Arbeit ihren Lebensunterhalt zum Teil mehr als sauer verdienen mußte. So genoß, wie Bertrand Russell in seinem Essay Lob des Müßiggangs darlegt, die Klasse der Müßigen Vorteile, die fraglos auf sozialer Ungleichheit beruhten. Zwar wurde sie, wie Russell herausstellt, dadurch gelegentlich tyrannisch und gefühlsarm, und zum Teil mußten die Müßiggänger ihre Muße dazu nutzen, Theorien zur Rechtfertigung ihrer Vorrechte zu erfinden, was alles natürlich ihre Verdienste stark schmälert; dennoch verdankt sich nahezu alles, was wir Zivilisation und Kultur nennen, der vergleichsweise kleinen Klasse derjenigen, die sich Müßiggang leisten konnten, so daß man mit gutem Grund Russells Feststellung unterschreiben kann, ohne die Klasse der Müßiggänger wären die Menschen heute noch Barbaren. So gesehen handelt es sich beim Müßiggang also um einen durchaus produktiven Zustand. Von der Langeweile hingegen läßt sich das nicht so einfach behaupten. Für sie, so scheint es, ist in erster Linie lähmende Unproduktivität kennzeichnend. Aber Langeweile ist nicht gleich Langeweile, so daß es hier einer Differenzierung bedarf. Insbesondere Martin Heidegger hat in seiner Freiburger Vorlesung Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, die er im Wintersemester 1929/30 gehalten hat, drei Formen von Langeweile unterschieden. Diese drei Formen sind zu begreifen als Steigerungsformen der Langeweile: während die erste noch relativ harmlos daher zu kommen scheint, entfaltet die dritte ein dermaßen bedrohliches Potential, daß das Dasein an der Wurzel angegriffen wird. Sehen wir uns diese drei Formen von Langeweile also einmal im einzelnen an!

Eine dem ersten Eindruck nach eher leichte Form von Langeweile scheint dann vorzuliegen, wenn man von etwas gelangweilt wird. Dieses Etwas, das einen langweilt, kann beispielsweise ein Buch, ein anderer Mensch, ein bestimmtes Ereignis - ein formeller Festakt etwa - oder eine bestimmte Örtlichkeit sein. Entscheidend ist hierbei allemal, daß es einen genau identifizierbaren Gegenstand gibt, der auf einen eine Wirkung ausübt, die man nicht anders als langweilend nennen kann. Heidegger hat diese Form der Langeweile am Beispiel eines kleinen, geschmacklosen Provinzbahnhofs in einer reizlosen Gegend, auf dem man geschlagene vier Stunden auf den nächsten Zug warten muß, verdeutlicht. Irgendwie versucht man sich die Zeit zu vertreiben: man liest die ausgehängten Fahrpläne oder die Entfernungstabellen, die über die Distanzen dieses Bahnhofs zu anderen Ortschaften informieren. Dann wieder geht man auf und ab, zählt vielleicht die Bäume an der Landstraße. Oder man setzt sich auf einen Stein und zeichnet mit einem Stock Figuren in den Sand. Nach einiger Zeit wird man auch dessen wieder überdrüssig und man nimmt etwas anderes in Angriff oder wendet sich erneut den Fahrplänen zu. Was auch immer man in einer solchen Situation unternimmt: die Zeit will und will nicht vergehen; die vier Stunden dehnen sich zu schier endloser Dauer aus.

Solche oder ähnliche Erfahrungen kennen wir wohl alle. Und in der Regel nehmen wir sie als etwas Unabänderliches einfach so hin. Auch wenn der Zustand solchen Wartens alles andere als angenehm und erfreulich ist, so versucht man sich vielleicht selbst mit dem Gedanken zu trösten: manchmal verrinnt die Zeit nun einmal zögernder als sonst. Denkt man jedoch einmal näher über das nach, was da geschieht, dann wird rasch ersichtlich: Diese scheinbar endlose Warterei übt eine lähmende Wirkung auf einen aus; man kommt nicht von der Stelle, man fühlt sich, wie Heidegger sagt, hingehalten; es ist, als hielte einen jemand fest, als möchte einen jemand daran hindern, voran zu kommen. Augenscheinlich hat dieses Gefühl, daß man durch den quälend langsamen Verlauf der Zeit hingehalten wird, auch damit zu tun, daß keiner der Gegenstände, die der Bahnhof und seine Umgebung bieten, dazu angetan ist, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Natürlich gibt es da eine Vielzahl von Dingen; aber keines davon regt einen an, keines hilft einem dabei, sich nicht zu langweilen. Sie haben einem nichts zu bieten, sie lassen einen, wie Heidegger diesen Sachverhalt formuliert, leer. Da sie es nicht vermögen, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, zwingen sie uns gewissermaßen, unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst zu richten. Das aber heißt: sie überlassen uns uns selbst, sie werfen uns auf uns selbst zurück. Und exakt in dem Augenblick, in dem man dessen gewahr wird, wird man sich zugleich dessen bewußt, daß man hingehalten und von den Dingen leer gelassen wird. So vermittelt bereits dieses Von-etwas-gelangweilt-Werden das Erlebnis des Hingehaltenwerdens und der Leere: Die Zeit verrinnt allzu träge und zögernd; und die Dinge lassen uns, weil sie uns nichts zu bieten haben, leer.

Nun gibt es bei dieser ersten Form von Langeweile immerhin noch Gegenstände, auf die man sozusagen die Schuld für den Umstand, daß man sich langweilt, abschieben kann. Was aber wäre, wenn sich das nun nicht mehr so einfach bewerkstelligen ließe, wenn es, anders gesagt, kein bestimmtes Langweiliges gibt, also keines, das eindeutig und gegenständlich identifizierbar ist? Dann, so Heidegger haben wir den Fall, daß man nicht von etwas gelangweilt wird, sondern sich bei etwas langweilt. Was das konkret besagen soll, verdeutlicht Heidegger am Beispiel einer Abendgesellschaft. Man ißt und trinkt, plaudert mit diesem und jenem, lauscht der Musik. Insgesamt ist es nett und recht unterhaltend. Und so geht man irgendwann nach Hause, und während man an den morgigen Tag zu denken beginnt, steigt in einem plötzlich die Gewißheit hoch: eigentlich hat man sich ja doch gelangweilt. Und man fragt sich: wieso? Vergegenwärtigt man sich den Abend noch einmal, so wird man schwerlich etwas Bestimmtes finden, von dem man eindeutig behaupten könnte, es sei es, was einen gelangweilt hat. So bleibt nur übrig zu sagen: es hat mich gelangweilt. Aber was besagt das genau? Das Problem hierbei ist, daß sich dieses Es nicht präzise fassen läßt. Man hat es hier mit etwas Unbekanntem, etwas Unbestimmtem an der ganzen Situation zu tun. Analysiert man diese Situation im nachhinein genauer, dann wird deutlich: Man hatte die Einladung angenommen in der Hoffnung, sich von den Anstrengungen des Tages ein wenig erholen zu können. Und so entspannt man sich, man plätschert so mit, wie Heidegger sagt, man sucht nichts weiter bei dieser Einladung. Aber genau das ist das Problem: Indem man nichts weiter dabei sucht und an der Oberfläche des Geschehens so mitplätschert, läßt man nach Heideggers Deutung sein eigentliches Selbst in gewisser Weise zurück. Man entgleitet sich - und eben dadurch entsteht in einem eine Leere, eine Leere, die sich dadurch bildet, daß man sein eigentliches Selbst zurückläßt, wenn man einfach nur so mittut bei dem, was da so vor sich geht. Anders als bei der ersten Form der Langeweile ist hier durchaus Fülle vorhanden. Aber gerade weil man sich dieser Fülle überläßt, entgleitet einem sein eigentliches Selbst. Man gibt es in solchem Mittun geradezu auf, so daß es zu einem leeren Selbst mutiert. Folglich füllt einen die vorhandene Fülle letzten Endes doch nicht aus: es bildet sich eine Leere - und diese sich bildende Leere ist das Langweilende: man langweilt sich bei etwas. Diesmal entsteht die Leere also nicht dadurch, daß einen die Dinge nicht anzuregen vermögen; sondern hier bildet sich die Leere, weil man sich selbst entgleitet, weil das Selbst sich entleert, indem es sich dem Geschehen um es herum ausliefert.

Noch verheerendere Folgen für das Selbst sowie das Dasein insgesamt bringt die dritte Form der Langeweile, die Heidegger herausarbeitet, mit sich, nämlich die des es ist einem langweilig. In dieser für Heidegger tiefsten und existentiell gesehen bedrohlichsten Form der Langeweile werden dem Ich die es umgebenden Dinge völlig gleichgültig. In keiner Hinsicht erwartet es von ihnen noch etwas. Am Seienden gibt es schlechterdings nichts mehr, was das Ich noch locken könnte. Aber nicht nur die Dinge werden dem Ich gleichgültig - gleiches gilt von seinem eigenen Selbst: auch das wird einem gleichgültig. Wenn es einem langweilig ist, dann sagen einem die Dinge nichts mehr; mit Heidegger gesprochen: sie versagen sich einem im Ganzen. Diesem sich im Ganzen versagenden Seienden ist das Dasein ausgeliefert. Und eben weil es einem Seienden ausgeliefert ist, das sich einem im Ganzen versagt, ist das Ich leer, inhaltslos, bar jeglicher Fülle. Diese Form der Langeweile erweist sich mithin als eine Weise der Befindlichkeit, die einen auf sein nacktes, bloßes Da, das heißt auf ein all seiner Möglichkeiten beraubtes Dasein reduziert. Das Resultat ist: Das Dasein hört auf, Zeit zu zeitigen, man hört auf, sich auf Zukunft hin zu entwerfen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind einem dann, wenn es einem langweilig ist, völlig gleichgültig. In dieser Gleichgültigkeit versinken gleichsam die Zeitdimensionen. Der Fluß der Zeit, der unser Dasein ist, gerät ins Stocken. Und diese Stockung bannt einen dermaßen, daß sich eine umfassende Lähmung einstellt. Schlechterdings nichts mehr interessiert einen jetzt noch, zu nichts kann man sich aufraffen, wie erstorben fühlt man sich, die Ermöglichung des Daseins selbst scheint hinzuschwinden.

Und jeglicher Sinn, der bisher das Leben getragen hat, geht verloren. In dieser tiefen Langeweile verliert man aber nicht nur den Sinn des eigenen Lebens. Die Sachlage stellt sich nun vielmehr so dar, daß Leben und Dasein als solche keinerlei Sinn mehr zu haben scheinen. So ist das Erleben dieser tiefen Langeweile gekoppelt mit der Erfahrung einer tiefgreifenden Sinnlosigkeit. (Sehr instruktiv geschildert ist das übrigens in Alberto Moravias Roman La Noia.)

Mit einer solchen Diagnose steht Heidegger nicht allein. Auch früheren Epochen war die Langeweile mitsamt ihren verheerenden Folgen nicht unbekannt. Im Grunde genommen läßt sich ihre Spur durch die ganze Geschichte verfolgen. So verwundert es denn auch nicht, daß die hervorragendsten Geister der jeweiligen Epoche auf den Plan traten, um ihre geradezu unheimliche Macht zu ergründen, ihre Ursachen zu erforschen und auf Abhilfe zu sinnen. Wie ich in meinem der Philosophie der Langeweile gewidmeten Buch Besuch vom Mittagsdämon gezeigt habe, wurde dabei von im einzelnen so unterschiedlichen Denkern wie etwa Seneca, Pascal und Kant, über Schopenhauer, Leopardi und Kierkegaard bis hin zu Russell, Heidegger und Cioran einhellig die eminent existentielle Bedeutung betont, die der Langeweile im Leben des einzelnen zukommen kann. Auch wenn diese und andere Diagnostiker der Langeweile bezüglich eher unwesentlicher Einzelheiten gelegentlich unterschiedlicher Meinung sind, so besagt ihre Diagnose im Kern doch das eine und selbe, nämlich folgendes: Der Zustand tiefer Langeweile wird als Erfahrung der Leere, der Öde, des Nichts erlebt. In solcher Langeweile gerät der Lebensprozeß ins Stocken und ist die Fülle des Daseins absent. Diese Absenz der Fülle aber bedeutet gerade: In der Langeweile macht sich, weil schlechterdings keine anderen Erlebnisinhalte gegeben sind, das Dasein rein als solches, das heißt in seiner puren Faktizität, bemerkbar. Das einzige, was jetzt noch erlebt wird, ist, daß man da ist. Dazu kommt: Wenn man sich langweilt, wird die Zeit selbst auffällig. Sie wird erlebt als Aufeinanderfolge von Augenblicken ohne jeglichen Inhalt. Leer und sinnlos folgt Augenblick auf Augenblick; so etwas wie Zukunft, die neue Hoffnung verhieße, scheint suspendiert.

Der einzige ‘Gegenstand’, zu dem derjenige, der sich langweilt, noch in Beziehung steht, ist also sein eigenes Dasein. Aber in der Langeweile wird ihm gerade das zur unerträglichen Last. Wie vornehmlich Schopenhauer wiederholt betont hat, spüren wir unser Dasein dann am wenigsten, wenn wir glücklich sind und uns unser Dasein als sinnvoll erscheint. Langweilen wir uns hingegen, dann macht sich alsbald unser Dasein bemerkbar. Aber das, was wir dann da spüren, ist ein - weil all seiner Fülle entkleidetes - leeres, kahles, ödes Dasein, ist ein auf das bloße Vorhandensein, auf ein factum brutum reduziertes Dasein, ist ein pures, nacktes Da. Dieses nackte, kahle Da lastet wie ein Alp auf dem Gemüt. Es wird zu einer Bürde, deren man sich so schnell wie eben möglich zu entledigen sucht. Nur wie? So einfach nämlich läßt sich diese Last nicht abschütteln. Zu erstarrt, zu gebannt ist man, als daß sich das so ohne weiteres bewerkstelligen ließe. Und da zudem in solchen sich endlos ausdehnenden Momenten nicht abzusehen ist, ob jemals überhaupt wieder und wenn ja: wann diese lastende Erstarrung und Lähmung ein Ende findet, ist es nur zu plausibel, wenn Schopenhauer feststellt: mit solcher Last zu leben, das halte man auf die Dauer nicht aus. Von hierher sei es, wie er betont, nur zu verständlich, daß die Langeweile dem, den sie oft überkomme, zuletzt wahre Verzweiflung auf das Gesicht male.

Was das konkret heißt, hat insbesondere der rumänisch-französische Autor Emile M. Cioran mit ungemein plastischen und eindrucksvollen Wendungen immer wieder versucht vor Augen zu führen. In der Langeweile, so führt er etwa aus, erleben wir die Zeit als eine "inhaltslose Aufeinanderfolge"; wir erleben eine Zeit, "die ihre Substanz verloren hat". In der Langeweile erleben wir eine Zeit, die "mit keinem Ding, keiner Tat, keinem Objekt mehr ausgefüllt" ist. Die Zeit, so schreibt er, gleicht jetzt "einem Vakuum, das schrittweise ins Dasein vorrückt". Was man einzig jetzt noch vernimmt, ist das "rhythmische Pochen der Zeit" in einem selbst. Im Zustand der Langeweile, in dem die Zeit bar jeglichen Inhalts ist, passiert nichts weiter, als daß ein Augenblick dem anderen folgt: die Augenblicke spulen sich ab, wie sich Bild um Bild von einer Filmrolle abspult - selbsttätig, ohne daß wir in der Lage wären, die Spule anzuhalten. Und ein Augenblick ist dabei so nichtssagend wie der nächste. Das einzige, wozu wir in solchen Momenten noch in der Lage sind, ist, in einer Art stumpfen Wahrnehmens dem Verfließen der Augenblicke zuzusehen. Kein Wunder also, meint Cioran, daß das einzige, was man jetzt noch empfindet, eine Art "brütender Blödigkeit" ist, die alles einebnet.

Was durch die Langeweile demnach letztlich erzeugt wird, sind im Grunde nichts anderes als psychische Ruinen. Diese "in Adern gegossene Zeitgalle", wie Cioran die Langeweile einmal mit einer bestechend sinnfälligen Metapher charakterisiert, hat die Angewohnheit, einen in den namenlosen Stunden, in denen sie durch die Adern rinnt, zu zerfressen und auszuhöhlen.

Cioran hat diese zersetzende Wirkung der Langeweile anhand einiger sehr sprechender Beispiele eindringlich vor Augen geführt. Die Langeweile, so kann man bei ihm etwa lesen, "deklassiert den Geist, sie macht ihn oberflächlich, zerfahren, sie unterhöhlt ihn von innen und bringt ihn durcheinander", sie "plündert die Hirne und reduziert sie auf einen Haufen zerbrochener Begriffe". Jegliche Idee, die auftaucht, wird sogleich von ihr vereinnahmt und zermahlen, so daß sich die Tätigkeit des Geistes in eine Reihe unzusammenhängender Momente auflöst. Kein kontinuierliches Denken ist nun mehr möglich; Vorstellungen, Gefühle und Wahrnehmungen sind, wie Cioran sagt, "in Fetzen gerissen". Die Folge ist: in der Langeweile erscheint im Vergleich zu ihr alles bedeutungslos. So sehr hat sie Macht über den Geist gewonnen und ihn dermaßen unter ihre unsichtbare Vorherrschaft gezwungen, daß ihn nichts mehr wirklich interessiert. Teilnahmslos brütet der, der sich langweilt, vor sich hin. Blödigkeit schleicht sich ein. Nichts ist mehr von Bedeutung. Alles ist einem gleichgültig.

Angesichts dieser - gelegentlich geradezu verheerenden - Macht, die die Langeweile entfalten kann, ist nach Ansicht Ciorans jeder Versuch, der Langeweile dadurch Herr werden zu wollen, daß man die Zeit totschlägt, bestenfalls noch lächerlich. Mehr noch: Derjenige, der unter Langeweile leidet und es als seine Aufgabe ansieht, die Zeit totzuschlagen, verkennt, daß die Zeit ihrerseits es als ihre Aufgabe ansieht, ihn totzuschlagen. Mit anderen Worten: Ciorans Überzeugung nach entzieht sich die Langeweile schlechterdings jedem Therapieversuch. So, wie er die Sache sieht, bleibt uns nichts anderes übrig, als daß wir mit ihr leben und unter ihr leiden müssen, wenn sie uns überkommt.

Das ist wahrlich keine Perspektive, die einen freudig stimmen könnte. Die Frage jedoch ist: Ist gegen die Langeweile wirklich kein Kraut gewachsen? Gibt es schlechterdings keinerlei Heilmittel? Und: Wenn man sie vielleicht auch nicht vollends ausrotten kann - gibt es nicht doch vielleicht effiziente Linderungsmittel?

Seit den Anfängen unserer abendländischen Geistesgeschichte sind immer wieder die bedeutendsten Geister der Epoche auf den Plan getreten und haben auf Abhilfe gesonnen. Aufs Ganze gesehen lassen sich dabei Therapieversuche, die schon von ihrem Ansatz her wenig oder keinen Erfolg haben werden, von solchen unterscheiden, die einigen Erfolg zu versprechen scheinen.

Im Blick auf die erste Gruppe von Therapieversuchen - die erfolglosen - läßt sich generell feststellen: Unter den Menschen gibt es eine weit verbreitete Tendenz, etwas als Heilmittel anzusehen, was von seiner Struktur her jedoch nie und nimmer ein solches sein kann: nämlich die Zerstreuung. Und zwar kommt die Zerstreuung deshalb nicht wirklich gegen die Langeweile an, weil sie unweigerlich immer wieder zu ihr zurückführt. Zwar sucht man sich zu zerstreuen in der Hoffnung, mit Hilfe der Zerstreuung der Langeweile zu entfliehen. Da aber jede Zerstreuung über kurz oder lang ihr natürliches Ende findet, steht man am Ende um nichts besser das als zuvor. Zudem steht der, der sich permanent zu zerstreuen liebt, in der Gefahr, daß gerade die Zerstreuung Langeweile und Überdruß zum Ergebnis hat. Diese Erfahrung mußten bereits die untätig in den Tag hineinlebenden Müßiggänger an den Königshöfen vergangener Jahrhunderte machen: Man kann dem Hasen ja gut und gerne ein paar Stunden nachjagen - aber einen ganzen Tag lang? Und morgen schon wieder? Schon allein die Aussicht darauf dürfte einigermaßen demoralisierend wirken... Nicht viel anders ergeht es auf die Dauer denjenigen, die sich weitgehend kritiklos von den Zerstreuungsangeboten der Freizeit- und Unterhaltungsindustrie steuern lassen.

Die Zerstreuung kann natürlich vielerlei Gestalt annehmen. Eine von ihnen ist der Versuch, vor der Langeweile durch Reisen zu fliehen. Aber das funktioniert allein schon deswegen nicht, wie bereits der römische Philosoph Seneca wußte - der die ‘Reisewut’ seiner Zeitgenossen zum Anlaß nahm, diesem Phänomen einmal etwas näher nachzuspüren -, weil man den, der sich da langweilt und sich durch Reisen zu zerstreuen sucht, überall mit hinschleppt.

Eine andere Art der Zerstreuung besteht in der Geselligkeit und dem gemeinsam ausgeübten Totschlagen der Zeit. (Schopenhauer führt für letzteres insbesondere das Kartenspiel an.) Sicherlich ist zuzugeben, daß das eine Zeit lang von der Langeweile ablenkt. Aber was ist, wenn sich die Gesellschaft auflöst und jeder allein seinen Heimweg antritt? Spätestens dann, wenn man wieder mit sich allein ist, wird man gewahr, daß man der Langeweile für Stunden durchaus entrinnen, sich ihr jedoch nie grundsätzlich entziehen kann. Und dabei kann man noch froh sein - so sah es jedenfalls Schopenhauer -, daß man, ist man der Langeweile glücklicherweise für ein paar Stunden entronnen, nicht sogleich der Sorge, der Not und dem Schmerz - dem anderen Pol unseres aus seiner Sicht elenden Daseins - in die Fänge gerät.

Erschwerend kommt hinzu: Auch und gerade in Gesellschaft kann man sich - obwohl das anfangs gar nicht so schien und man meinte, sich zu entspannen - entsetzlich langweilen. Heideggers Analyse des Sich-langweilens-bei-etwas führte das ja sehr plastisch vor Augen.

So kommt also heraus: Zerstreuungen kommen gegen die Langeweile auf Dauer nicht wirklich an. Bei all unseren Versuchen, uns zu zerstreuen, gleichen wir nach Schopenhauer im Grunde "dem Affen, der nach zwanzig abgewickelten Papieren einen Stein gefunden hat".

Wenden wir uns nun von den erfolglosen Therapieversuchen ab und solchen zu, die einigen Erfolg zu versprechen scheinen. Diesbezüglich lassen sich zwei sehr unterschiedliche Therapievorschläge unterscheiden. Zum einen sind da zunächst diejenigen zu erwähnen, die auf Aktivität in irgend einer Form setzen. Zu ihnen zählt der besonders im Zeitalter der Aufklärung, aber auch später immer wieder beschworene Vorschlag, der Langeweile mit einer Arbeit zu begegnen, die mit Freuden der Erwartung verknüpft ist und die die Kräfte des Betreffenden nicht übersteigt. Hierbei jedoch sollte nicht übersehen werden, daß der Arbeit selbst - wenn sie monoton und nicht sonderlich abwechslungsreich ist - die Tendenz innewohnen kann, langweilig zu werden. Man braucht hier nur an Fließbandarbeit oder ähnliches zu denken.

Auch jemand wie Kant sieht das Heilmittel gegen die Langeweile in der Aktivität. All das, was dem Prozeß des Lebens analog ist und ihn befördert, hält er für geeignet, die Langeweile zu verscheuchen. Dazu zählen etwa: Spiel, Schauspiel, Liebesroman, eine Kutschfahrt, aber auch Tabakgenuß. Aber auch und gerade Kant ist sich völlig darüber im klaren, daß die Reichweite und Durchschlagskraft solcher und ähnlicher Vergnügen begrenzt ist. Höher als diese vergleichsweise profanen Maßnahmen erachtet er von daher folgerichtig die planmäßig fortschreitende Arbeit, sich sowohl in pragmatischer als auch in moralischer Hinsicht zu vervollkommnen. Mit diesen Überlegungen erweist er sich zwar ganz und gar als Kind des Aufklärungszeitalters - dennoch hat er damit etwas Wesentliches erfaßt: hält doch solches Streben nach Vervollkommnung nicht nur den Lebensprozeß in Gang, sondern ermöglicht es zudem, lebenssatt zu werden, was ja nichts anderes heißt, als dem Dasein eine Fülle zu geben, die vor dem räuberischen Zugriff der Langeweile sicher zu sein scheint.

Soviel vielleicht zu der ersten, die Hoffnung in die Aktivität setzenden Grundströmung. Für die zweite ist eine eher rezeptive, gelassene, kontemplative Haltung charakteristisch. Hier möchte ich mich diesbezüglich beschränken auf die Überlegungen, die der zeitgenössische Philosoph Michael Theunissen in seinem 1991 erschienenen Buch Negative Theologie der Zeit angestellt hat. Theunissen hat den Gedanken entwickelt: die Herrschaft, die die Zeit über uns Menschen aufrichte, sei eine entfremdende und belastende, keine befreiende. Diese Hypothese schließt die Behauptung ein, daß wir an der Zeit leiden können. Dieses Leiden an der Zeit kann zu schweren psychischen Störungen und Ausfallerscheinungen, wie beispielsweise Melancholie und Depressionen, führen. Indessen ist das nicht der Regelfall. Für gewöhnlich leiden wir nicht an der Zeit. Das aber kommt daher, daß wir sie in der Regel nicht zu einem eigenen Erlebnisinhalt machen. Und das wiederum hat seinen Grund darin, daß die Zeit als Medium unseres Daseins unauffällig und ihre Erfülltheit die Sinnerfülltheit des Lebens ist. Damit jedoch ist gesagt, daß im selben Maß, in dem der Sinn unseres Lebens sich entleert, Zeit auffällig wird. Diese Feststellung kann man nach Theunissen auch umkehren. Und dann gilt: "Je auffälliger Zeit wird, desto sinnleerer wird unser Leben". Zeit wird dann selbst zu einem Gegenstand. Und das Leiden, das die gegenständlich werdende Zeit erzeugt, ist die Langeweile. In ihr wird die auf sich fixierte Zeit unmittelbar erfahren: Die Langeweile "protokolliert haargenau den Ablauf, in dem Zeit sich selbst reproduziert: die ständige Wiederkehr des Gleichen. In der Langeweile tritt Zeit nackt vor uns hin. Demzufolge müßten wir uns immer langweilen, könnten wir die Zeit nicht vergessen".

Die Zeit vergessen: das tun wir beispielsweise bei all jenen Beschäftigungen, die unsere ganze und ungeteilte Aufmerksamkeit erfordern. Bei solchen Beschäftigungen wird man der Zeit selbst nicht gewahr. Man geht, wie es so schön heißt, in der Sache auf. Man geht dann nicht mit der Zeit mit, sondern fühlt sich gleichsam dem Zeitstrom enthoben. Eine ausgezeichnete Weise solchen Nicht-Mitgehens mit der Zeit und Aufgehens in der Sache ist das Verweilen bei etwas, insbesondere das Verweilen in der Gestalt des ästhetischen Anschauens. Indem man bei etwas verweilt, geht man nicht mit der Zeit mit, tritt man aus ihrem Fluß heraus, befreit man sich von ihr. Auf diese Weise garantiert solches Verweilen die (Sinn-) Erfülltheit des Lebens.

Ich komme zum Schluß: Auch bei all diesen erfolgversprechenden Therapievorschlägen bleibt doch nach wie vor das Problem: Letzten Endes taugen auch sie alle nur dazu, die Langeweile für eine gewisse Zeitspanne aus dem Bewußtsein zu verbannen; keine von ihnen jedoch ist in der Lage, das Übel an der Wurzel zu packen und es mit Stumpf und Stiel auzureißen. Bei ihnen allen, anders gesagt, handelt es sich um Therapien, die zwar das Leiden lindern, seine Ursache jedoch nicht beseitigen und folglich keine endgültige Heilung in Aussicht stellen können. So wird man sich trotz einiger vielversprechender Gegenmittel damit abfinden müssen, daß letztlich kein Kraut gegen die Langeweile gewachsen ist. So gesehen wäre die Langeweile also ein integraler Bestandteil der conditio humana. Was bleibt angesichts dieser Sachlage? Wenn dem denn so ist - und wie es scheint, führt kein Weg an diesem Befund vorbei -, dann wäre der Vorschlag Russells und anderer, der darauf zielt, das zeitweilige Ertragen von Langeweile und Einförmigkeit zu einem Bestandteil der Erziehung zu machen, möglicherweise gar nicht so abwegig, wie es dem ersten Eindruck nach scheinen könnte. Zwar schützt einen auch das nicht davor, daß sich die Langeweile hin und wieder in einem breit macht. Aber immerhin brächte das den Vorteil mit sich, daß sie einen nicht unvorbereitet trifft. Und das allein könnte schon dazu führen, der Langeweile gelassener zu begegnen.

Aber ganz unproblematisch ist ein solches Plädoyer für eine Pädagogik des Ertragens nicht. Denn wenn einer der Motoren für die Evolution des Menschen und seiner Kultur darin zu erblicken ist, daß der Mensch einen Sinn für die Suche nach Neuem entwickelt hat, dann wäre das geforderte stoische Ertragen gelegentlicher langweiliger Phasen genau die falsche Strategie. Statt sich in das Ertragen von Langeweile einzuüben, käme dann vielmehr alles darauf an, sich durch sie zu neuer Aktivität anstacheln zu lassen und sie produktiv zu wenden. Dadurch würde der Sinn für die Suche nach Neuem, der sowohl dem einzelnen Menschen als auch ganzen Gesellschaften einen evolutionären Vorteil zu versprechen scheint, geschärft, wohingegen er im Zuge einer Pädagogik des Ertragens zu verkümmern droht.

So gesehen käme dann erneut heraus, daß die Langeweile offenbar unabdingbar zum Menschsein dazugehört. Vielleicht hilft uns diese Einsicht, dem Sachverhalt, daß wir ein Leben lang immer das Hemd zuerst anziehen, etwas gelassener zu begegnen.

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