Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 3


 

"Zu einem so höchst-persönlichen Thema wie Sterbehilfe kann man von den "Behörden" natürlich nicht viel erwarten – da müssen die Bürger selber aktiv werden"

Gespräch mit der niederländischen Gesundheitsethikerin Drs. Jeantine Lunshof

 

 

... und da hatte ich das Gefühl, bisher nichts vom "richtigen" Leben mitbekommen zu haben

Marburger Forum: Frau Drs. Lunshof, die Marburger haben Sie als Teilnehmerin an einer Podiumsveranstaltung über Sterbehilfe kennengelernt. Sie haben die holländische Situation erläutert und die dortige Praxis gegen Angriffe verteidigt. Offensichtlich also sind Sie, was dieses Problemfeld anbelangt, sehr gut informiert. Sie arbeiten jedoch in Bad Neuenahr an der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen. Würden Sie uns einiges über Ihren beruflichen Werdegang und Ihre Arbeit in Bad Neuenahr berichten? Zunächst aber: woher aus Holland stammen Sie?

Dr. Lunshof: Ich komme aus dem Westen der Niederlande; geboren bin ich in Den Haag, später habe ich in Haarlem gewohnt.

Mein beruflicher Werdegang ist insofern von Bedeutung, als dieser sozusagen den Stoff für meine Standpunkte geliefert hat. Zunächst habe ich, nach mein Abitur in den Niederlanden, in den 70er Jahren in Hamburg Philosophie und Orientalistik (Schwerpunkt: tibetische Sprache und Kultur, Sanskrit) studiert. Damals war es noch möglich, direkt die Promotion als Abschluss anzustreben. Nach der Zwischenprüfung sollten meine Vorstellungen sich nun konkretisieren, und da hatte ich das Gefühl, bisher nichts vom "richtigen Leben" mitbekommen zu haben: ich hatte z.B, abgesehen von mehreren Studentenjobs als Putzfrau, nie wirklich gearbeitet. Ich bin in die Niederlande zurückgekehrt und habe mir dort - als eine Art von Feldforschung - einen Ausbildungsplatz als Schwesternlehrling gesucht. Meine Absicht war, das etwa ein halbes Jahr lang zu machen. Schliesslich war ich dann 12 Jahre in der Klinik tätig, nach meiner Ausbildung in einem traditionsreichen Allgemeinkrankenhaus noch 9 Jahre in der Klinik des niederländischen Krebsforschungsinstitutes.

Jeantine Lunshof mit ihrem Neffen Amos Chaim

Im zweiten Jahr meiner Lehre nahm ich in Amsterdam mein Philosophiestudium wieder auf mit dem Nebenfach Gesundheitsrecht. Aufgrund der ständigen inhaltlichen Wechselwirkung zwischen Beruf und Studium ergab sich eine Spezialisierung in Richtung Ethik, insbesondere Gesundheitsethik. In diesem Sinne sind meine Ansichten und Argumente sozusagen "klinisch erprobt.

Seit 1988 berate ich den Dachverband der niederländischen Patientenorganisation von Betroffenen von Erbkrankheiten und seitdem bildet die Humangenetik für mich einen Arbeitsschwerpunkt. Seit 1990 bin ich wieder in Deutschland und war im Rahmen von Forschungsprojekten an verschiedenen Universitäten tätig. An der Europäischen Akademie in Bad Neuenahr-Ahrweiler bin ich in erster Linie als Koordinatorin der Arbeitsgruppe Gesundheitsstandards der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften tätig. Außerdem bin ich vor Ort für das Angebot des Arbeitskreises Medizinethik zuständig. Die Europäische Akademie befasst sich mit Technikfolgenanalyse, mit Politikberatung als Zielsetzung.

MF: Eine Folge von wissenschaftlich-technischen Entwicklungen ist die medizinische Möglichkeit, Lebens- und Sterbeprozesse zu verlängern. Natürlich verdrängt jeder gern, was da eventuell auf ihn zukommt. Wird es aber nicht immer wichtiger, über Patientenverfügungen ebenso, wie über das Recht auf den eigenen Tod zu diskutieren?

L.: Patientenverfügungen können erst wirkungsvoll sein innerhalb eines bestimmten rechtlichen Rahmens. Die Schaffung bzw. die Gestaltung und Weiterentwicklung eines solchen Rahmens kann m.E. nur aufgrund breiter gesellschaftlicher Diskussion erfolgen. Auf der individuellen Ebene ist eine Patientenverfügung von Bedeutung, weil sie - wenn auch nie alle denkbaren Situationen und alle Einzelheiten erfasst werden können - die Lebensanschauung und die Vorstellung über das Ende des Lebens einer Person zumindest im Ansatz dokumentiert. Im übrigen darf man nie aus dem Auge verlieren, dass für viele Menschen die medizinisch-technischen Möglichkeiten das Leben zu verlängern, die einzige Chance für das Abwenden eines vorzeitigen Todes sind.

 

Das Handeln von Medizinern spielt sich immer ... innerhalb gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ab

MF: Gibt es Ihrer Ansicht nach eine Verklammerung zwischen dem medizinischen und dem politischen Sektor? Wird so nicht das Thema Sterbehilfe zu einem gesamtgesellschaftlichen?

L.: Ja, selbstverständlich! Das Handeln von Medizinern spielt sich immer – auch beim banalsten – innerhalb gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ab – diese Rahmenbedingungen sind per definitionem politische Konstrukte.

MF: Wie kommt es, dass in Holland der Umgang mit diesem Problemfeld so viel unbelasteter als etwa in Deutschland ist?

L.: Auch wenn es sich trivial anhört, muss man da doch in erster Linie auf die historische Belastung durch den Nationalsozialismus in Deutschland hinweisen.

MF: Insgesamt scheint in Holland nicht nur der Umgang mit dem Tod, sondern etwa auch mit der Drogenproblematik und der Sexualität liberaler als in anderen europäischen Ländern. Sind die Holländer, was die Entwicklung demokratischen Verhaltens angeht, weiter?

Kann man dementsprechend sagen, dass in Holland Tod und Sterben mehr als Teil des Lebens akzeptiert werden? Gehen die Menschen, oder jedenfalls viele, anders mit ihrer Angst davor um?

Werden somit auch die vielen Spielarten der Sexualität eher als normal angesehen - gibt es da vielleicht einen Zusammenhang mit der offeneren Erfahrung des Todes?

 

die Angewohnheit gerade schwierige und belastende Themen nicht zu verdecken, sondern mit anderen zu besprechen ...

L.: Diese Fragen sind nicht ganz leicht zu beantworten - die Antwort beinhaltet immer unvermeidlich eine persönliche, nicht wissenschaftlich gesicherte, Interpretation. Der relativ liberale Umgang mit vielen gesellschaftlich "heissen" Themen hat nicht so sehr mit dem politischen Konzept der Demokratie zu tun. Er beruht m.E. viel mehr auf einer sozial-historisch begründeten Tradition der Toleranz mit sog. Permissivität als Kardinaltugend. Gegenseitigkeit ist hier ein wichtiger Begriff. Der Niederländer ist bereit viel zu tolerieren, wenn seine eigenen Präferenzen ebenfalls toleriert werden und solange die Präferenzen und das Verhalten der anderen ihn nicht negativ tangieren.

Die Frage der Grenzziehung zwischen der Privatsphäre der Bürger und dem Bereich der legitimen staatlichen Einmischung ist traditionell ein großes gesellschaftliches Thema in den Niederlanden. Es gibt bei uns eine große humanistische Tradition und natürlich den Protestantismus in vielen Varianten. In einer neulich erschienenen kulturhistorischen Studie (von einem Kanadier) über die Entwicklung der Akzeptanz gegenüber der Euthanasie wird dargelegt, dass die ausgeprägte Offenheit, d.h. die Angewohnheit gerade schwierige und belastende Themen nicht zu verdecken, sondern mit anderen zu besprechen, zu dem besonderen Umgang mit Sterben und Tod und somit auch mit Sterbehilfe und Euthanasie beigetragen hat. Der Autor, James Kennedy, nennt die Tendenz zur bewußten Enttabuisierung seit Ende der 50er Jahre als bedeutendes kulturspezifisches Merkmal. Nach meiner eigenen subjektiven Einschätzung ist das tatsächlich ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland. Der offenere Umgang mit Sexualität und nicht-traditionellen Formen der Elternschaft beruht m.E. auch auf diesen beiden Faktoren der Permissivität und der Offenheit – mit "Erfahrung des Todes" hat das denke ich, nichts zu tun.

MF: Hat es aber nicht auch in Holland Widerstände gegen das neue Sterbehilfegesetz gegeben? Welcher Art waren diese?

L.: Zunächst ist wichtig, dass dieses Gesetz nicht ganz so neu ist; inhaltlich schon gar nicht, sondern nur juristisch: zum ersten Mal werden nun Befugnisse der Staatsanwaltschaft an einen nicht-behördliche Kommission delegiert. Inhaltlich wird die Praxis, so wie sie sich seit 1985 gefestigt hat, bestätigt. Widerstände hat es natürlich vom Anfang an gegeben, d.h. es gab und gibt immer Kritik, und die Diskussion hat sich auch daran entwickelt. Es gab aber niemals – auch der bereits erwähnte Kulturhistoriker betont dies – Stürme der Entrüstung und Empörung oder gar öffentliche Hysterie; die Diskussion verlief und verläuft überwiegend sachlich.

MF: Beinhaltet diese Liberalisierung auch Gefahren? Wenn ja, wie kann man ihnen begegnen?

L.: Die Liberalisierung als solche halte ich nicht für gefährlich, im Gegenteil, sie ermöglicht eine noch größere Offenheit. Wir sehen eher, da nun freie Entscheidungen in welcher Richtung auch immer möglich sind, dass das Interesse verstärkt in Richtung "sonstige Optionen" geht. Für das Recht auf Tötung auf Verlangen braucht man nicht mehr zu kämpfen – nun kann man sich weiteren Aspekte von Tod und Sterben widmen. Bei der Regelung und Praxis des Schwangerschaftsabbruchs haben wir das ähnlich gesehen.

 

Die Kirchen haben keine wesentliche gesamtgesellschaftliche Macht mehr in Holland

MF: Wenn die Holländer vielleicht ein Stück weit freier - und freizügiger - als ihre europäischen Nachbarn sind, zeigt sich das auch im Umgang mit politischen und kirchlichen Institutionen?

L.: Auf jeden Fall seit Ende der 50er Jahre haben die Kirchen keine wesentliche gesamtgesellschaftliche Macht mehr. Es gibt auch eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat – eine Einrichtung wie Kirchensteuer ist für uns unverständlich. Politisch muss man sehen, dass wir traditionell unheimlich viele Parteien haben (schon alleine drei fundamental-christliche mini-Parteien) und keine 5% Hürde. Diese Vielfalt relativiert die parteipolitische Macht überhaupt.

MF: Wir wollen hier kein holländisches Idealbild ausmalen - dennoch die Frage: Verhalten sich holländische Ärzte weniger autoritär als etwa deutsche?

L.: Es gibt bestimmt sehr viele sehr autoritäre Ärzte auch in den Niederlanden! Bei der Monopolstellung des Hausarztes, der gatekeeper zum weiteren Gesundheitswesen, ist man wirklich aufgeschmissen, wenn die Beziehung nicht stimmt. Allerdings ist der Ärztestand als solcher etwas moderater und mit weniger Macht und Machtssymbolik ausgestattet als in Deutschland . Die Ärzte sind viel strenger im System eingebunden und sind allerhand Pflichten (z.B. was die kontinuierliche Weiterbildung anbetrifft) und Kontrollen unterworfen. Bezeichnend ist auch, dass wir nicht von "Arztrecht" und "Medizinethik" sprechen, sondern von Gesundheitsrecht und Gesundheitsethik. Die nicht-ärztlichen Berufsgruppen haben sehr viel mehr Einfluß und auch mehr Selbstbewußtsein als in Deutschland .

MF: Verbirgt sich also vielleicht hinter dem schwierigen Umgang mit dem Thema Sterbehilfe in Deutschland auch noch eine andere Problematik, nämlich ein autoritärer Ballast von öffentlichen Institutionen?

 

... und deswegen ist die deutsche Gesellschaft so wenig dynamisch

L.: Ich denke ja. Ich bin zwar keine Soziologin, aber es lässt sich beobachten, dass in Deutschland sehr vieles von "Institutionen" bestimmt und geregelt wird, also "Bürokratie" im wahrsten Sinne des Wortes überall präsent ist. Das ist wohl traditionell so und hat zur Folge, dass die Leute das auch erwarten. Der Obrigkeitsstaat und seine gehorsamen und dankbaren Bürger. Das stimmt alle zufrieden, und deswegen ist diese Gesellschaft (siehe Medizin, siehe Bildung, siehe Wissenschaft) so wenig dynamisch. Vielleicht ist das neulich im internationalen Vergleich konstatierte "schlechte" Abschneiden (Pisa - Studie) eine Folge dieser mangelnden Dynamik. Zu einem so höchst-persönlichen Thema wie Sterbehilfe kann man von den "Behörden" natürlich nicht viel erwarten – da müssen die Bürger selber aktiv werden.

MF: Wir selber haben bei der Vorbereitung dieses Schwerpunktes eine unheimliche Erfahrung gemacht. Man trifft bei Vertretern politischer Parteien, der Ärzteschaft und der Kirchen hinter der scheinbaren Liberalität nicht selten auf ein autoritäres Denken und Handeln alten Stils. Es entsteht der Verdacht, dass hier, gleichsam unter der Oberfläche, eine Verkrustung stattgefunden hat, die nicht ungefährlich ist. Deswegen nun unsere Frage: Wie sind in dieser Hinsicht Ihre Erfahrungen mit Juristen, Kirchenvertretern, Politikern, z.B. bei Podiumsdiskussionen?

L.: Wohl die gleichen wie Ihre! Ich bin natürlich aber immer auch einfach ein Exemplar einer exotischen Spezies – da gibt man sich gern als Tierfreund.

MF: Sind die sofortigen Warnungen vor Missbrauch und Dammbruch wirklich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands zu begründen - oder zeigt sich hier zumindest auch eine sonst gut versteckte Angst vor weitergehender Demokratisierung?

L.: Ich weiß nicht genau, welchen Demokratisierungsbegriff Sie verwenden. Wahrscheinlich meinen wir aber das Gleiche, wenn ich sage: hier in Deutschland spielt die Besitzstandswahrung und die zugehörige Symbolik eine große Rolle. Beide sind die spezifischen Attribute des Obrigkeitsstaates und seiner Bürokratie. Vielleicht wäre " Demokratisierung " in diesem Zusammenhang das "Aufweichen" dieser Strukturen.

MF: Auch auf der Marburger Podiumsveranstaltung sagten Vertreterinnen der Hospizbewegung, die Palliativmedizin garantiere heute jedem schwerstkranken Tumor-Patienten einen schmerzfreien Tod. Dagegen führt die Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben, Susanne Dehmel, an, dass nach wie vor 5 - 15 Prozent dieser Sterbenden, jährlich also etwa 11.500 Menschen, auch mit der besten palliativen Versorgung nicht zu helfen sei. Wie ist Ihre Ansicht hierzu?

L.: Über Prozente möchte ich mich gar nicht äußern. Tatsache ist, und das weiß in unserem Fach jeder, dass eben nicht jedem Patienten geholfen werden kann, nicht einmal bei der Schmerzbekämpfung – wobei es andere Beschwerden gibt, die als noch belastender empfunden werden und die wir bisher gar nicht zufriedenstellend unter Kontrolle bringen können. Unerträglicher Juckreiz wäre ein Beispiel. Gerade über die (wohlgemeinten!) fachlichen Beiträge war ich in Marburg sehr erschrocken.

 

Es gibt Zustände, die problematischer sind als Schmerzen

MF: Sollte man Ihrer Ansicht nach auch dann ein Recht auf den eigenen Tod, also ein Sterben in Würde, haben, wenn die Schmerzen nicht unerträglich sind, aber z.B. grundlegende Körperfunktionen nicht mehr kontrolliert werden können, oder eben nichts anderes mehr vor einem liegt, als ein hilfloses Warten auf das Aussetzen eines Organs?

Wie ist es in diesem Zusammenhang zu verstehen, dass ein Arzt in Holland dann aktive Sterbehilfe leisten kann, wenn er sich überzeugt hat, dass das Leiden eines Patienten "unerträglich" sei? Kann mit "unerträglichem Leiden" auch ein seelischer Zustand (der aber körperlich bedingt ist) gemeint sein, oder muss es sich immer um Schmerzen handeln?

L.: Wie oben schon gesagt: es gibt Zustände, die problematischer sind als Schmerzen. Diese Zustände können auch das Kriterium der "Unerträglichkeit" erfüllen. In den Niederlanden spielt auch der subjektiv empfundene "Würdeverlust" (ontluistering) seit Anfang der Debatte eine wichtige Rolle.

Aktuell ist gerichtlich entschieden worden – und es wurde ein Konsens der ärztlichen Profession formuliert - , dass "mit dem Leben fertig zu sein" nicht die Kriterien für eine rechtfertigbare ärztlich assistierte Selbsttötung erfüllen kann. Aus rein philosophischer Sicht kann man das natürlich hinterfragen.

MF: Wie wird Ihrer Meinung nach die Entwicklung in Europa sein: wird eine Demokratisierung das Verfügungsrecht über den eigenen Tod, wie über das eigene Leben beinhalten, oder eine sich mit Wissenschaft und Forschung immer weiter entwickelnde Experten-Gesellschaft den einzelnen Menschen zunehmend entmündigen? Und wenn es diese Gefahr gibt, wie kann man ihr begegnen?

L.: Eine auf rationaler Wissenschaft und Forschung aufgebaute Gesellschaft wird nie Menschen entmündigen, sie würde sich die eigene Grundlage entziehen. Irrationaler "Naturglaube" oder religiöser Fundamentalismus sind unendlich viel gefährlicher für ein Zusammenleben in Freiheit und Gleichheit.

Das Gespräch führte Max Lorenzen

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