Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 3


Mein Buch des Monats Juni

Sylvia Plath: Die Glasglocke. Sprecherin: Nina Hoss, Regie: Ralf Schäfer. 7 CD, Laufzeit ca. 500 Minuten. Vollständige Lesung. Produktion: Der Hörverlag/Sender Freies Berlin 2001. Der Hörverlag 2002, ISBN 3-89584-755-0, 84 €

 

Offenbar hat in der jüngsten Zeit eine höchst erfreuliche Entwicklung stattgefunden - und schon das ist, gemessen an den gewohnten Katastrophenmeldungen und Abwärtstrends, bemerkenswert. Ein Zeichen dieser Entwicklung sind neue Regalabteilungen in den Buchläden und entsprechende Schaufensterauslagen. Hier findet sich ein wachsendes Angebot von Hörbüchern: Romane, Gedichte, Briefe, Hörspiele und anderes, Wiederveröffentlichungen und neue Produktionen.

Es gibt also, so ist mein Eindruck, eine Renaissance des Hörens - in einer Welt, die alles mit visuellen Reizen ausstattet. Warum sollte ich nicht meine eigene Erfahrung als Beweis anführen? Selbst nach einem anstrengenden Arbeitstag bereitet es mir zunehmend Freude, die Augen ruhen zu lassen und mit den Ohren wahrzunehmen. Merkwürdigerweise entsteht in der Konzentration auf das Akustische eine Art Stille, das Gegenteil des Lärms, der unwillkürlich, auch in der permanenten Musikberieselung, auf die Menschen eindringt. Die Stimmen, die so zugleich im umgebenden Raum und im eigenen Kopf präsent werden, sind gleichermaßen nah und fern, denn obwohl sie direkt an oder in meinem Körper sprechen (ich setze gerne einen Kopfhörer auf), bleibt ihnen eine Distanz, die etwas Schonendes hat.

Sicherlich spielt hierbei das Medium eine Rolle. Man erträgt Geschrei weder aus dem Radio, noch von der Hör-CD. Die Produzenten wissen das und tragen dem Rechnung. So ist auch die Lesung des einzigen Romans von Sylvia Plath, der einen Monat vor dem Selbstmord der amerikanischen Schriftstellerin unter dem Pseudonym Victoria Lucas in London erschien, auf eine Weise aufgenommen, die wohl unter die Haut geht und doch niemals vereinnehmend beeindrucken will.

Die Schauspielerin Nina Hoss, am Deutschen Theater Berlin und am Berliner Ensemble beschäftigt, liest den Text so, dass man die Stimme der zwanzigjährigen Esther Greenberg, der Erzählerin und Hauptperson, unmittelbar zu vernehmen glaubt. Klar und distinkt, manchmal ein wenig schnippisch-ironisch, mit der jugendlichen Scheinüberlegenheit und einer wirklichen Beobachterdistanz zu sich selber, erklingt sie und nimmt den Hörer mit in die amerikanische Welt der fünfziger Jahre. Unglaublich genau - und mitleidlos - entsteht das Bild einer brüchigen Gesellschaft, in der die Ausrichtung auf Erfolg und Konsum mit den unhinterfragten moralischen Postulaten nicht zusammenpassen will. Mädchen sollen jungfräulich in die Ehe gehen, aber Esther beschreibt drastisch und gänzlich ohne ethische Kategorien, wie sich ihre Begleiterinnen in New York alkoholisieren und wahllos von Männern "abschleppen" lassen.

Esthers Zusammenbruch und Selbstmordversuch bringt sie in verschiedene psychiatrische Kliniken, wo sie auch einer Elektroschocktherapie unterzogen wird. Eine frühere Freundin, Joan, wird ebenfalls stationär behandelt. Im Gegensatz zu Esther, die, jedenfalls auf einer Ebene der Romanhandlung, ihre Krise überwindet, wird Joan sich umbringen. Sie ist das scheiternde "Double" (Sylvia Plath: Die Glasglocke, Frankfurt a. M. 1997, S. 214, vgl. auch etwa S. 229, 235, 245) der Erzählerin, die sich befreit, indem sie jener, auf gleichsam mythische Weise, ihre Unzulänglichkeiten aufbürdet und sie in den Tod gehen lässt. Esther nimmt an der Beerdigung teil und fragt sich "die ganze Zeit während der einfachen Zeremonie, was ich da eigentlich zu Grabe zu tragen glaubte" (S. 253). "Irgendwo dort war ein schwarzes, zwei Meter tiefes Loch in den harten Boden gehackt worden. Jener Schatten würde sich mit diesem Schatten verbinden, und die eigentümlich gelbe Erde unserer Gegend würde die Wunde in all dem Weiß verschließen, und der nächste Schnee würde auch die Spuren von Neuheit an Joans Grab auslöschen. Ich holte tief Luft und lauschte dem Prahlen meines Herzens. Ich bin, ich bin, ich bin" (S. 254).

Joans Tod hat auf untergründige Art etwas mit Esthers Entjungferung zu tun, die diese wie ein durchkalkuliertes Projekt betreibt: "Außerdem wollte ich, um ganz sicher zu gehen, jemanden, den ich nicht kannte und mit dem ich auch nichts weiter zu tun haben würde ..." (S. 238). Nachher, und nach der Genesung von ihrer Verletzung, weiß sie: "Ich war vollkommen frei" (S. 253).

Macht man sich diese untergründige Verbindung der beiden Mädchen klar, so enthüllt eine Stelle, wie die folgende, ihre ganze Unheimlichkeit: "Vielleicht hatte mich Irwin auf irgendeine schreckliche, unklare Weise verletzt, und in Wirklichkeit lag ich hier auf Joans Sofa schon im Sterben" (S. 242).

Ted Hughes, der englische Dichter und Ehemann von Sylvia Plath, hat in einem Essay über sie diese zweite Schicht des Romans offengelegt: "Im vollen Bewusstsein dessen, was sie da tat, formte sie die Abfolge der Episoden und die verschiedenen Charaktere zu einem rituellen Szenario um den symbolischen Tod der Heldin und deren Wiedergeburt" (Ted Hughes: Wie Dichtung entsteht, Essays, Frankfurt a.M. 2001, S. 132). "Die Haupthandlung vollzieht sich in der Verwandlung der Heldin, des ‚Ich‘, ‚von einem künstlichen Ego zu einem authentischen Ich‘ durch einen schmerzvollen ‚Tod‘. (...) Die innere Falschheit und das Unangemessene des Ganzen führen die suizidale Krise herbei. Mit dem Selbstmordversuch wird beides erfolgreich freigesetzt, einem Sündenbock in Gestalt der Doppelgängerin der Heldin, Joan Gilling, aufgeladen und zu guter Letzt, am Ende des Buches, physisch vernichtet, als Joan Gilling sich erhängt. Gleichzeitig geht das authentische Ich zu wütender Rebellion gegen alles über, was mit dem alten Ego zusammenhängt. Der entscheidende Akt (die ‚positive‘ Wiederholung ihres ‚negativen‘ Suizids) nimmt die von der Heldin sorgfältig inszenierte Form einer blutigen Defloration an, mit der ihr authentisches Ich frei und unabhängig wird" (S. 132f).

Nach Ted Hughes schlägt dieser Befreiungsversuch jedoch letztlich fehl. Die geplante Verwandlung gelingt nur scheinbar: "Auf dieser unteren Ebene deckt die Symbolik ein tragisches Muster auf, das wie ein Magnetfeld wirkt auf dem tiefsten Grund ihres Seins: diese unveränderliche Wahrheit der Realität ist die tiefere, negative Stimme ihrer Geschichte. Denn in jeder Episode des Romans widerspricht dieses tiefere Muster dem Ritual, ja allen Vorgängen auf der oberen Ebene und gesellt zu jedem Schritt des rituellen Tanzes, der das ‚Gute herbeizwingen will‘, einen tragischen Schatten" (S. 140).

Hughes Interpretation deutet an, dass der Roman scheinbar paradoxerweise erst im Scheitern gelingt. Die Intention seiner Autorin, ihr Material - die eigenen Lebenserfahrungen - auf rituelle Weise zu organisieren, schlüge fehl; aber die Wahrheit dieses Materials setze sich im Buch durch und mache sein existenziell Lebendiges aus. Es ist unbezweifelbar, dass die sichtbare Handlungsebene der "Glasglocke" von unsichtbaren Strömungen und Strukturen bedingt, ja erzeugt wird. Die Oberfläche des Geschehens bleibt gleichsam blind: wir erfahren wenig oder nichts von den Gefühlen oder Gedanken der Personen, und die Motive für Esthers Selbstmordversuch werden ebenso wenig dargelegt, wie etwa die Gründe der Ärzte, sie schließlich zu entlassen. Weil die Sprache dieses Buches in gewisser Weise stumm bleibt, wirkt sie so beunruhigend. Man spürt auf jeder Seite, wie die eigentlichen Gründe oder Motivationen der Handlungen sich aus der Oberflächenstruktur zurückziehen. Deswegen kann es keine wirklichen Gespräche oder gar Verständnis zwischen den Menschen des Romans geben: "Auch diese Mädchen saßen jedes für sich unter einer Art Glasglocke" (S. 248). Die Freiheit, die Esther sich erringt, realisiert sich auf einem Gipfelpunkt der Einsamkeit und beinhaltet folglich ihr eigenes Scheitern.

Die Erzählerin, die in einer engen Symbiose mit der schreibenden Sylvia Plath lebt, weiß um diese Bedingungen ihrer Existenz. Deswegen akzeptiert sie stillschweigend das Misslingen der Verwandlung, von der Ted Hughes spricht. Diese Zustimmung zum Untergang - als Steigerung der Freiheit - scheint mir, gegen Hughes, den innersten Impuls des Romans auszumachen. Der "tragische Schatten" des Suizids läge nicht über Leben und Schreiben Sylvia Plaths‘, weil die "genuine, alchimistische Verwandlung" (Hughes, S. 139) von Lebenserfahrung in Literatur nicht zu Stande käme, sondern weil die von der amerikanischen Autorin angestrebte Unbedingtheit eine Tragik überhaupt erstehen lässt, in deren unheimlichem Bild Leben und Tod eine schrankenlose Verbindung eingehen. In dieser Zone stoßen Zerstörerisches, auch Autodestruktives, und Freiheitsempfinden auf eine Weise aufeinander, die sich jedem Begriff entzieht.

Kann man auf eine Art lesen, die die untergründigen Schichten des Textes vernehmbar macht? Aber natürlich. Liest Nina Hoss die "Glasglocke" so vor? Ich stelle fest, dass ich nach einmaligem Hören diese Frage nicht beantworten kann, jedenfalls auch nicht negativ. Vielleicht muss man seine Ohren trainieren, um derartige Schwingungen und Nuancen wahrnehmen zu können. Ich verspüre durchaus Lust zu diesem Versuch: die CDs ein zweites und vielleicht auch ein drittes Mal aufzulegen, um, mit und ohne Text vor den Augen, genauer hinzuhören - keinesfalls nur, um den Vortrag zu kritisieren, sondern um das Hörbild eines Romans auf mich einwirken zu lassen, der zu den wichtigen des vergangenen Jahrhunderts gehört.

Max Lorenzen

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