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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 3
Ungewohnte Bilder schon am Eingang: Wo sonst Autos parken und wenden, eine große Zuschauertribüne, die ansonsten schmucklosen Gebäude des Schwanhofs sind blauverhüllt, Stoffbahnen wehen leicht im Abendwind. Es gibt Dunkelbier und Rotwein, Vögelgezwitscher und Würstchenduft: hier grillt der Intendant höchstselbst.
Mit dem Spielort Schwanhof stellt sich das gesamte Ensemble des Hessischen Landestheaters Marburg zum Abschluss der Saison einer Herausforderung, die es im großen und ganzen mit Bravour zu meistern verstand.
Peter Radestock (Regie) und Gunter Bahnmüller (Ausstattung) nutzten das Gelände mit seinen gegebenen Treppen, Eingängen, Gebüschen und Hecken optimal und ergänzten dieses um einen Aufbau für die berühmten Balkonszenen Roxanes mit Cyrano und Christian. Die Spielfläche bot lange Wege, die stimmlich und spielerisch überbrückt sein wollten. Dies schien anfangs ohne Verstärkertechnik bei mehr Nähe zum Publikum besser zu gelingen als später mit der zum Teil verzerrenden Widergabe durch die Lautsprecher.
Insgesamt war es eine große Kunst, die verschiedenen Orte (Feldherrrenzelt der Gascogner Kadetten, die Tafel des Cyrano, den Balkon Roxanes etc.) der weiträumigen Spielfläche zu verbinden, was mitunter einer beachtlichen sportlichen Leistung entsprach.
Vor allem Peter Meyer als Cyrano bewältigte sein großes schauspielerisches Pensum, das in einer Fülle von Verstext, Ablaufen großer Distanzen, Kletter- und vor allem aber Fechtpartien bestand, sehr überzeugend.
Radestock erfüllte die Erwartungen einer echten Mantel- und Degenstory: Einer gegen alle, manchmal jeder gegen jeden. Es wurde viel gefochten und manchmal hätte man sich noch mehr Säbelgerassel gewünscht, noch mehr Angriffslust (indem man z.B. bei Angriffen eine Linie führt, d.h. den Arm in Schulterhöhe durchstreckt). Die Fechtchoreograhie von Ronald O. Staples war am ehesten in den Massenszenen überzeugend. Schade, hier hätte man mehr daraus machen können, zumal der Vizeweltmeister im Theaterfechten auch in Marburg wohnt und trainiert...
Ein großes Kompliment an die vielen Statisten und Nebendarsteller, die mal als Kadetten, mal als Köche fungierten und dem ganzen Spiel viel Plastizität und Fülle verliehen. Wunderschön auch die Idee, echte Pferde und eine "Kutsche des Königs" ins Spiel zu bringen.
Alles in allem ein guter Theaterabend, der auch zum Familienerlebnis einlädt, denn die Geschichte vom unglücklich verliebten Poeten ist auch für jugendliche Zuschauer unterhaltsam. Gutes Aussehen allein bringt’s eben nicht, denn Roxanes Favorit Christian de Neuvillette, den Bernhard Hackmann leider zu zurückhaltend gibt, fehlt etwas Entscheidendes, nämlich Geist: "Was gäb ich für die Kunst der schönen Rede?" Die Kombination wär’s also, denn Cyrano fehlt zum Geist das gute Aussehen, er beneidet den jungen Beaux: "Sieh mich an und sag, was ich mit diesem Gesichtsausdruck noch hoffen kann...!" Cyrano spielt den "Postillion d’amour", er schreibt Briefe, transportiert sie, hält den verliebten Grafen Guiche, den Jochen Nötzelmann mit viel (sogar escht hässischem) Wortwitz spielt, fern. Aber, Cyrano bleibt ungehört und das fast bis zum Schluss.

Foto: Der eine hat, was der andere bräuchte: Cyrano de Bergerac (Peter Meyer) hilft Christian de Neuvillette (Bernhard Hackmann) mit seinen poetischen Liebesbriefen an Roxane.
Aber Roxane (in ihrer Unsicherheit überzeugend flatternd und tänzelnd; Erika Spalke) versteht’s einfach nicht, wer sie am meisten liebt. Erst nach 14 Jahren Kloster begreift sie den Sinn von Cyranos stets treuen Bemühungen der sie auch lange nach Christians Tod verehrungsvoll besucht, aber da stirbt der Held auch schon in ihren Armen.
Der Aufführung sind weiterhin schönes Wetter und noch viel mehr Zuschauer zu wünschen.
Weitere Termine: immer 20.30 Uhr am Theater am Schwanhof 4. , 5. , 6. , 7. Juni (Achtung: 8. Juni als Familienvorstellung um 17.00 Uhr) und 21. – 23. Juni wieder 20.30 Uhr (Theaterkasse: 06421/25608).