Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 3


Lars Fr. H. Svendsen: Kleine Philosophie der Langeweile. Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag, 2002, 189 S., ISBN: 3-458-17109-6, 16,90 €

Gewiß hat Lars Svendsen recht mit seiner Behauptung, Langeweile sei in erster Linie etwas, in dem wir leben - wenn wir uns denn langweilen, wie wohl zu ergänzen wäre -, aber nichts, worüber wir systematisch nachdenken. Nun will dies vermutlich als eine Feststellung gelesen werden, die den alltäglichen Umgang mit Langeweile betrifft. Denn auch und gerade die Langeweile ist durch die Jahrhunderte immer wieder zum Gegenstand systematischen Nachdenkens gemacht worden: von Literaten etwa, oder von Philosophen, Theologen, Psychologen und Soziologen, denen die eminent existentielle Bedeutung, die die Langeweile im Leben einzelner Menschen und gar ganzer Gesellschaften gewinnen kann, nicht verborgen geblieben ist. Was sich diesbezüglich an Befunden in der europäischen Geistesgeschichte insbesondere der letzten drei Jahrhunderte so alles angesammelt hat, präsentiert Svendsen ausschnittsweise in seiner "Philosophie der Langeweile", die er nicht als analytische Abhandlung, sondern eher als eine Anthologie oder als eine Art kompilatorischen Essay verstanden haben will und die der deutsche Verlag - aus welchen Gründen auch immer - meinte im Titel verkleinern zu müssen.

Svendsen begreift die Langeweile als ein neueres Phänomen (s. S. 23 f.), gar als "ein Hauptproblem der Moderne" (S. 165). Das will sagen, für ihn stellt die Langeweile ein Phänomen dar, das erst seit der Epoche, die man als "Romantik" zu bezeichnen pflegt, weite Verbreitung erfährt und in der Folge in einem größeren Ausmaß thematisiert wird. Infolgedessen konzentriert sich Svendsen bei seinem Versuch, der Langeweile gedanklich etwas auf den Leib zu rücken, auf Autoren, die vergleichsweise neueren Datums sind. Diese Konzentration führt dazu, daß vormoderne Formen der Langeweile weitgehend ausgeblendet oder nur kurz gestreift werden: so zum Beispiel das taedium vitae, der aus der Erfahrung des immer Gleichen entspringende Lebensüberdruß, dem beispielsweise Seneca sehr erhellende Analysen gewidmet hat, oder die acedia, die in manchen frühen Klöstern geradezu epidemische Ausmaße annahm und von der klassischen Theologie der Kirche zur schwerwiegendsten Sünde erklärt wurde, weil sie den Ursprung für alle anderen Sünden bildete.

Wieso jedoch, so läßt sich fragen, wird das Problem der Langeweile, wie Svendsen es eingrenzt, vornehmlich in romantischer Zeit virulent? Um Svendsens Antwort nachvollziehen zu können, ist zunächst zur Kenntnis zu nehmen, was er als das entscheidende Charakteristikum von Langeweile ansieht: nämlich daß sie grundlegend als ein "Abwesendsein" zu begreifen ist, des näheren als "ein Abwesendsein von persönlichem Sinn" (S. 47). Langeweile, so verstanden, breitet sich seiner Überzeugung nach dann aus, wenn traditionelle Sinnstrukturen wegfallen. Und genau das ist nach seiner Sicht der Dinge in der Romantik und der sich an sie anschließenden Moderne der Fall. "Die romantische Langeweile", so hält er fest, "ist dadurch gekennzeichnet, daß der, der sich langweilt, nicht konkret weiß, was er sucht, und nur eine vage Idee seiner ‘Lebenserfüllung’ im Kopf hat" (S. 65). Also macht sich das moderne Individuum auf die Suche nach neuem Sinn. Finden kann es ihn, wie Svendsen ausführt, (s. S. 71 f.), nur durch Transgressionen - also Überschreitungen - verschiedenster Art. Und in der Tat scheint die Transgression dadurch, daß sie das Selbst in Berührung mit etwas Neuem bringt, eine durchaus lindernde, ja in manchen Fällen gar eine das Selbst rettende Funktion zu besitzen, droht dieses doch ohne sie im immer Gleichen zu ertrinken. Die Frage ist nur, ob solche Transgressionen auf die Dauer tatsächlich das halten, was sie zu versprechen scheinen. Nach Svendsen fällt die Antwort negativ aus, denn letzten Endes, so legt er dar, steht das moderne Subjekt nach jeder Überschreitung etwas ärmer da (s. S. 165), so daß die Transgression, aufs Ganze gesehen, weder befreiend noch selbstverwirklichend ist - und für den Romantiker doch die einzige Alternative zur Langeweile bildet.

Svendsen belegt diese These mit ausführlichen Analysen von drei literarischen Werken, von denen eins - Ludwig Tiecks William Lovell (1793/96) - in romantischer Zeit entstand, wohingegen die beiden anderen neueren Datums sind, gleichwohl den Geist romantischer Transgression atmen: nämlich Bret Easton Ellis’ American Psycho (1991) und James G. Ballards Crash (1973; 1996 unter gleichem Titel von David Cronenberg verfilmt). Alle drei Werke dokumentieren den engen Zusammenhang von Langeweile und Transgression. William Lovell - laut Svendsen "vielleicht der klassische Roman über die Langeweile" (S. 69) - führt eindringlich vor Augen, daß die durch die Flucht vor der Langeweile ausgelöste Suche nach stets neuer Befriedigung zu Unbeständigkeit, Ungewißheit und am Ende zu einem Grenzzustand führt. Dieser wird dadurch markiert, daß kein Genuß mehr als eine höchstens kurzfristige Befriedigung gewährt und von einem neuen übertroffen werden muß (S. 71). Ähnlich wie William sind auch die Helden von Ellis und Ballard krank vor Langeweile. Aber zweihundert Jahre später suchen sie andere Linderungsmittel als jener: Patrick Bateman, die Hauptfigur in American Psycho, erblickt sein Heil in Bestialität, und die zentralen Personen in Crash greifen zu immer extremeren Transgressionen, die letztlich in der Verbindung von Erotik und Tod kulminieren.

Um seine These vom engen Zusammenhang zwischen Langeweile, Sinnverlust und Transgression weiter zu stützen, zieht Svendsen die Linie aus bis zu Samuel Beckett, Andy Warhol und Songs der Pet Shop Boys. Hier, wie auch schon zuvor, gelingen ihm originelle, interessante Deutungen. Und ohne Zweifel stellen diese Analysen und Verbindungslinien die eindrucksvollsten und aussagekräftigsten Abschnitte seiner Philosophie der Langeweile dar. Allerdings sind sie erkauft um den Preis, daß Autoren wie Blaise Pascal, Kant, Kierkegaard, Schopenhauer, Leopardi, Nietzsche und Thomas Mann, die nun wirklich substantielle Beiträge zum Problem der Langeweile beigesteuert haben, in einem gerade einmal acht Seiten umfassenden Abschnitt summarisch abgefertigt werden. Das ist mehr als schade. Ausführlicher hingegen kommt Heidegger zu Wort, dessen Unterscheidung dreier Formen von Langeweile - nämlich ‘von etwas gelangweilt werden’, ‘sich bei etwas langweilen’ und ‘es ist einem langweilig’ - er insgesamt recht präzise herausarbeitet, wenngleich er dessen ‘Lösung’ des Problems der Langeweile - daß sie auf einen großen, verborgenen Sinn verweist - kritisch gegenübersteht.

Aber gibt es denn - grundsätzlich gefragt - überhaupt eine Lösung für dieses Problem? Läßt man die Analytiker der Langeweile Revue passieren, so scheint mancher durchaus optimistisch zu sein. Pascal etwa empfahl, ein Verhältnis zu Gott aufzubauen. Andere - insbesondere der eine oder andere Aufklärer - erblickten das Heilmittel in der Arbeit, Friedrich Schlegel in einer alles verschlingenden Liebe und Schopenhauer in der ästhetischen Erfahrung. Solche Positionen, sowie ein, zwei weitere Lösungsvorschläge, werden von Svendsen kurz referiert - für meinen Geschmack zu kurz, denn dadurch fallen durchaus bedenkenswerte Aspekte jener Überlegungen einfach unter den Tisch - und mit dem sicherlich berechtigten skeptischen Hinweis, daß all das in der Regel doch nur vorübergehend Linderung bringen kann, als problematisch beurteilt. Sind wir demnach der Langeweile völlig hilflos ausgeliefert? Nicht ganz, meint Svendsen. "Statt ein direktes Gegengift für Langeweile zu finden", so schlägt er vor, "sollte es vielleicht gerade darum gehen, sich mit ihr zu beschäftigen und vielleicht eine Art von Sinn in der Langeweile zu finden" (S. 152). Nur: Wie sähe der aus? Lapidare Antwort Svendsens: "In der Langeweile steckt eine Selbsterkenntnis oder genauer die Möglichkeit zur Selbsterkenntnis" (S. 154). Bei dieser dürren und recht dürftigen Auskunft läßt Svendsen es im wesentlichen bewenden. Das ist die Moral von der Geschichte, will sagen "die Moral der Langeweile", wie das letzte Kapitel seines Essays überschrieben ist. Das dürfte aber doch wohl etwas wenig sein.

Svendsens Fazit also enttäuscht. Nicht zuletzt hängt das damit zusammen, daß seinen Ausführungen ein, wie mir scheint, verkürzter Begriff von Langeweile zugrundeliegt, wenn er unter ihr nichts weiter als Abwesendsein von persönlichem Sinn begreift. Hier rächt sich möglicherweise, daß er die subtilen Analysen etwa Pascals, Kants, Schopenhauers, Leopardis oder Kierkegaards nicht eingehender würdigt, denn aus ihnen hätte er tiefgehende Einblicke in die das Wesen der Langeweile zumindest mitkonstituierende Entleerung des Daseins, die mit tiefer Langeweile einhergeht, gewinnen können. Zudem versäumt er es, einen Zusammenhang näher zu beleuchten, der beim Thema Langeweile doch eigentlich von selbst ins Auge springt: der zwischen Langeweile und dem Erleben von Zeit. Zwar kommt er gelegentlich auf diesen Zusammenhang zu sprechen, aber immer nur am Rande und beiher. So wundert es nicht, wenn er es diesbezüglich nur zu dem wenig aufschlußreichen Befund bringt, Langeweile entstehe, "wenn ein Mißverhältnis auftritt: zwischen der den Dingen eigenen Zeit und der Zeit, in der wir die Dinge antreffen" (S. 127 f.). Das vermag das "Wesen der Langeweile" (S. 128), wenn überhaupt, dann höchstens ansatzweise aufzuschließen. Darüber hinaus ist das als Antwort auf die Frage, "welches Verhältnis wir zum Inhalt der Zeit haben", um die der Langeweile eigentümlich zugehörige Leere zu ergründen (S. 127), entschieden zu wenig. Offenbar scheint Svendsen entgangen zu sein, daß beispielsweise Emile M. Cioran, den er zwei- oder dreimal in anderen Kontexten zitiert, ungemein luzide Analysen vorgelegt hat, wie Zeit im Zustand tiefer Langeweile erlebt wird. Diesbezüglichen Aufschluß hätte er darüber hinaus zum Beispiel auch aus Michael Theunissens Buch Negative Theologie der Zeit erhalten können, das eine enorme Fülle an einschlägigem Material liefert, unter anderem auch aus dem klinisch-psychiatrischen Bereich, das es ihm ermöglicht, die Übergänge zwischen Langeweile, Melancholie und Depression, an denen sich Svendsen zumindest interessiert zeigt, zu beleuchten. Möglicherweise wäre Svendsens Moral der Langeweile dann etwas gehaltvoller ausgefallen. So jedenfalls bleibt mancher weiße Fleck auf der Karte seiner Philosophie der Langeweile.

Friedhelm Decher

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