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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 3
Der deutsche Außenminister Joschka Fischer sieht, wie er Anfang Juni auf dem "Fazit-Forum über Europa" in Berlin mitteilte, den wachsenden Rechtspopulismus in Europa "als Chance, wenn man mit demokratischen Mitteln streitet". Der europäische Rechtspopulismus sei eine Herausforderung für die Politiker, aus den geschlossenen Räumen hinaus und mit demokratischen Diskursen auf die Straße zu gehen. Er sei wesentlich ein Kristallisations- und Sammelpunkt für Leute, die sich zurückgesetzt und von den Politikern nicht ernst genommen fühlten.
Natürlich wird man diesen Feststellungen Fischers angesichts der objektiven Symptomatik zustimmen. Aber warum die Situation so ist, wie er sie beschreibt, sagt Fischer nicht. Und wie es dazu kommen konnte, auch nicht.
Dabei wären das die entscheidenden Fragen, wenn man eine Antwort darauf finden will, wie dem Aufschwung rechter Tendenzen in Europa substantiell - und nicht bloß rethorisch - entgegenzuwirken ist. Es sind Fragen nach den geistigen Hintergründen, nach den idellen Entwicklungen, die die gegenwärtige Symptomatik überhaupt erst möglich gemacht haben.
Aber statt diese Fragen zu stellen, schlägt Fischer vor, durch Agitation, durch Mobilmachung zu reagieren - indem man halt auch unter die Leute geht wie die Rechtspopulisten selbst. Es ist für die gegenwärtige Politiker-Generation typisch, daß sie die Tendenz hat, Fragen nach geistigen Hintergründen und nach möglichen ideellen Ursachen nicht zu stellen, sondern sondern sofort in die Bewegung einzutreten. Ja daß sie geradezu eine Scheu vor "substantiellen" Fragen über die größeren Zusammenhänge und über das Wesen von Entwicklungen hat. Solche Fragen, die von sich aus immer von den "Realfaktoren" zu den "Idealfaktoren" (Max Scheler) führen, sind augenscheinlich ein Tabu für die postmoderne Politiker-Generation. Das ist nicht nur eine Tendenz in Deutschland, sondern in ganz Europa.
Möglicherweise liegt aber genau hier: im postmodernen Tabu, ernsthaft die Idealfaktoren des Politischen zu berühren, die Antwort auf die Frage, warum die neuen Rechtsbewegungen in Europa in den vergangenen Jahren so leichtes Spiel hatten.
Das zentrale Tabu der postmodernen Demokratie besteht darin, daß Ideen und Ideale nicht als wirklich angesehen werden dürfen. Das ist ein wesentlicher Effekt des postmodernen akademischen Denkens der vergangenen Jahrzehnte, das in die Kultur ausgestrahlt ist. Über die Wirklichkeit von Ideen und Idealen sollte man, so die postmoderne Grundüberzeugung, nicht reden. Und am besten vertritt man sie auch nicht explizit. Denn das könnte gefährlich, jedenfalls aber mißverständlich sein. Schließlich haben auch die Nazis, haben auch die Kommunisten von einer angeblichen Wirklichkeit von Ideen und Idealen geredet – von Ideen und Idealen, die man, auch gegen den Widerstand der Realität, nur noch durchsetzen müsse, weil das eben das Beste für die Realität sei.
Wohin das geführt hat, hat man gesehen. Also gelte es sich statt an Idealen an der Realität selbst zu orientieren. Und in dieser Realität finden sich eben keine Ideale, sondern nur konkrete, materiell bedingte funktionale Zusammenhänge. Diese gilt es so gut wie möglich aus ihrem eigenen Prozeß heraus zu steuern. Die Realfaktoren sind die Wirklichkeit, nicht die Idealfaktoren. Was das humanistische Denken des 20. Jahrhunderts, was Martin Buber, Max Scheler, Erich Fromm, Emanuel Levinas und viele andere auch noch lange nach den ideologischen Katastrophen propagierten: daß Ideen Wirklichkeitskräfte sind, ist im Grunde ein Irrtum. Es hat sich als Schwärmerei herausgestellt. Ideen sind nur Vorstellungen. Sie sind Namen, die die Wirklichkeit nicht erreichen können. Demokratie kann nicht der Widerstreit zwischen Ideen, gedacht als geistige Wirklichkeiten, Demokratie kann nicht der Widerstreit zwischen Idealen sein. Sondern Demokratie ist der Widerstreit zwischen Diskursen, die artifizielle Namensformationen sind, welche auf die Wirklichkeit einwirken wollen. Und eben weil die widerstreitenden Diskurse alle nur Namensformationen ohne Bezug auf irgendeine ideelle oder gar geistige Wirklichkeit sind, sind sie grundsätzlich alle gleichberechtigt. Und nicht nur das: eben deshalb sind sie auch grundsätzlich alle gleich "wahr". Es gibt keine "Wahrheit", denn schließlich ist ja jede Idee nur ein Konstrukt, und auch "Wahrheit" ist nur eine Idee. Deshalb kann es in einer Demokratie nur den unendlichen Widerstreit zwischen Worten und Namen, nicht zwischen den unterschiedlichen "Wahrheits- oder Wirklichkeitsgraden" von Ideen und Idealen geben.
Und deshalb halte man Abstand zu den Idealfaktoren. Diese Idealfaktoren sind grundsätzlich undemokratisch, denn sie neigen meist zu Wahrheitsfantasien. Das einzig Demokratische sind die Realfaktoren. Denn diese orientieren sich nicht an Wahrheit, sondern am konkreten Geschehnis der Wirklichkeit. Also rede man stets möglichst nur über diese Realfaktoren: über Funktionen, soziale Ursachen und Wirkungen, und man bewege sich möglichst in ihrem Bannkreis. Man bewege sich möglichst weitgehend in der Sphäre der Realfaktoren. Die Sphäre der Idealfaktoren dagegen spare man so weit als möglich aus - schon aus purer Vorsicht, denn man kann ja letztlich nie wissen, was so alles in ihr steckt und was irgendwann vielleicht wieder aus ihr hervorbricht.
Die Sphäre der Idealfaktoren ist unberechenbar, so die postmoderne Politikergeneration in der bewußten oder unbewußten Nachfolge der postmodernen Philosophie. Es kann in ihr das Beste und Menschlichste stecken (siehe zum Beispiel das Wirken Mahatma Gandhis). Es kann aus ihr aber auch das Schlechteste und Irrationalste hervorbrechen (siehe den Nazionalsozialismus). Also beschränke man sich als postmodernen Demokrat, der die Erfahrungen der Moderne kennt und verarbeitet hat, weise auf die Neutralität der Sachlichkeit. Man beschränke sich auf eine Art sublimes, pragmatisch tolerantes Homofabertum. Und zwar vorbeugend, einfach aus Vorsicht vor den möglicherweise weiterhin schwelenden ideellen Abgründen im Innern Europas.
Diese an sich einfache und nachvollziehbare Überlegung ist in sich vernünftig. Denn sie beruht auf Erfahrung. Sie ist das Ergebnis eines Verarbeitungsprozesses, den die postmoderne Philosophie in den vergangenen Jahrzehnten mit den Ideologien der Moderne vorgenommen hat. Und sie ist das, was das postmoderne Denken in die soziale und politische Wirklichkeit als Weisheit hat einfließen lassen. Sie ist das, was die soziale Atmosphäre konkret von diesem postmodernen Denken aufgenommen hat.
War diese Überlegung über einen gewissen Zeitraum noch das Nachwirken einer Art Nachkriegs-Stimmung, die durch den Aufbruch der 60er Jahre kurz "irritiert" wurde, so wurde sie in den "postmodernen" Jahren seit Mitte der 80er Jahre zu einem unausgesprochenen Dogma. In den vergangenen Jahren ist sie - auch unter dem Einfluß des neben ihr wirkenden Denkens des Neoliberalismus - zu einer allgemeinen Grundüberzeugung und Grundhaltung des politischen Establissments geworden.
Ich möchte noch einmal betonen: in dieser Grundüberlegung steckt zweifellos viel Richtiges, und sie baut auf gute Gründe. Aber in ihr steckt auch eine - meist zu wenig beachtete - verborgene Gleichung, die entscheidend ist für die Wirklichkeit des Politischen im heutigen Europa. Diese Gleichung ist meines Erachtens die eigentliche Ursache für das Versagen der postmodernen Politikergeneration vor der Herausforderung des Rechtspopulismus. Wie lautet diese verborgene Gleichung?
Sie lautet: alle Ideale sind letztlich aus demselben Stoff gemacht. Alle Ideale sind im Grunde gleicher Natur - sowohl die von Gandhi als auch die der Nazis. Alle Ideale sind letztlich dieselben willkürlichen Illusionen. Deshalb sind sie alle subjektiv und künstlich, weil sie auf Einbildungskraft beruhen. Zweitens: jedes Ideal ist im Grunde gleich Ideologie. Es ist eine subjektive Wahrheitsphantasie. Das macht es potentiell gefährlich, weil Wahrheit eine Einheit mit sich selbst bedeutet, die das Andere der Wahrheit ausschließt. Und also bedeutet im Grunde das Verfolgen von Idealen im Keim immer schon Intoleranz.
Das Fazit dieser Gleichung ist von vornherein klar. Es muß lauten: Weg mit den Idealen, weg auch von den Idealen. Hin zum Pragmatismus, hin zu einer funktionalen Nützlichkeits- und Interessens-Toleranz. Das ist sicherer. Dort steht man mit beiden Beinen auf der Erde. Laßt die Probleme sprechen. Konzentriert euch auf das Erkennen von funktionalen Zusammenhängen und auf die Verbesserung der Lebensumstände – ohne Ideale. "Nicht philosophieren, arbeiten."
So nachvollziehbar diese Haltung des "Weg mit den Idealen aus dem offiziellen Demokratieverständnis" gerade in Kenntnis der mitteleuropäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts auch ist: es ist diese Haltung, was indirekt in den letzten Jahren den Aufstieg des Rechtspopulismus wie kaum etwas anderes gefördert hat. Es ist die verborgene Gleichung Ideal = Ideologie, was dem Rechtspopulismus wie kaum etwas anderes in die Hände gearbeitet hat.
Es ist nämlich gerade das ideelle Vakuum, was die postmodernen Politiker vielleicht mehr als anderes in den vergangenen Jahrzehnten unglaubwürdig gemacht hat. Es ist ihre ideelle Unglaubwürdigkeit, was diese postmodernen Politiker von den Leuten entfernt und in geschlossene Räume gebracht hat. Es ist der Mangel an personaler Authentizität kraft Idealen, was den Menschen den Eindruck gegeben hat, sie würden von den Politikern wie austauschbare Nummern behandelt und persönlich, nämlich in ihren eigentlichen menschlichen Anliegen, weder ernstgenommen noch vertreten.
Die Politik hat sich unter dem Einfluß des postmodern produzierten ideellen Vakuums mehr und mehr als eine in sich abgeschlossene Maschine präsentiert, die ihren Grund in sich selbst hat und deren Zweck in der Aufrechterhaltung des Funktionierens besteht. Die Menschen spürten in den vergangenen Jahren immer stärker die Abwesenheit von ideellen Motivationen und das postmoderne Ausufern eines trockenen, funktionalen Pragmatismus. Also suchten sie nach Alternativen. Diese Alternativen fanden viele in außerpolitischem Engagement, in den sogenannten NGO´s, bei Greenpeace und Global 2000, aber auch in persönlicher Spiritualität und zum Teil im Rückzug in konfessionelle Weltbilder. Noch viel mehr Menschen aber glaubten, diese Alternativen viel einfacher und mit weniger persönlichem Aufwand zu finden. Sie glaubten sie in neuen, großen Einzelnen zu finden, die scheinbar direkt "eine Wahrheit sprechen" und auf irgendeine Weise "ein Ideal leben". Sie glaubten, sie in einer scheinbar "anderen" Art von Politiker zu finden.
Was Jürgen Möllemann genießerisch-provokant die "Emanzipation der Demokraten" quer durch Europa nennt, ist nichts anderes als der Aufstieg neuer Massen-Helden, die alle auf ihre Weise eben solche Einzelne sind: Jörg Haider in Österreich, Jean-Marie Le Pen in Frankreich, Pim Fortuyn in den Niederlanden, Silvio Berlusconi in Italien, und nicht zuletzt Möllemann selbst in Deutschland. Diese neuen Helden haben im wesentlichen folgende Kennzeichen gemeinsam:
sie haben ursprünglich Teil am Diskurs der Demokratie, treten aus ihm hervor;
sie brechen diesen Diskurs ab einem bestimmten Punkt auf, indem sie ihn scheinbar in eine höhere Wirklichkeitsnähe hin überschreiten, den sie auch "größere Bürgernähe" oder "stärkeren Wirklichkeitssinn" nennen;
sie können das tun, weil sie von einem Ideal, von einem hohen Ziel ergriffen sind, das die gegenwärtige "politische Klasse" nicht kennt;
sie scheinen selbst irgendwie dieses Ideal zu verkörpern;
sie sprechen dieses Ideal allerdings nicht explizit aus, sondern umreißen es nur in Andeutungen oder in konkreten Handlungsvorschlägen, weshalb es selbst meist konfus bleibt;
sie sind dieses Ideal eher selbst als Persönlichkeit und wenden es von da aus "flexibel" auf die Umstände an; Ideal und Wirklichkeit sind in der Persönlichkeit dasselbe;
sie wirken dabei irgendwie in sich selbst authentisch und direkt.
Zusammengefasst heißt das: diese "anderen" Demokraten, diese "neuen Einzelnen" vereinen scheinbar Diskurs und Wahrheit (Michel Foucault) in der direkten politischen Tat. In ihnen wird die Idee in der Einheit der Persönlichkeit zu einer greifbaren, direkten Wirklichkeit - auch wenn sie selbst dabei konfus und unklar bleibt. Aber das muß ja auch so sein,, so deuten sie listig an, denn Ideen als Wirklichkeit anzuerkennen ist die gegenwärtige Demokratie eben nicht bereit. Hier muß man eben bis auf weiteres mit dem gegenwärtigen Paradigma arbeiten und schlau sein, um nicht ausgeschlossen zu werden. Dies natürlich im Interesse der zusehenden Durchsetzung einer "wahreren", das heißt einer ideell direkteren Politik.
Kaum jemand übersieht bei alledem, daß dieser ganze Akt von Simulation getragen wird. Kaum jemand übersieht, daß dieser Akt in sich viel zu undeutlich und zugleich intellektuell-listig ist, um das sein zu können, was er vorgibt. Zwar nehmen viele das nicht bewußt wahr. Aber auf der Empfindungsebene "weiß" fast jeder Bürger, daß dem so ist. Trotzdem ernten die Rechtspopulisten anhaltend großen Zulauf. Warum? Weil die Sehnsucht nach der Wirklichkeit der Idee stärker ist als die Empfindung der Simulation, die das Gefühl mitteilt.
Diese Helden, die die subtile Wahrnehmung des Gefühls zu besiegen imstande sind, konnten nur deshalb heranwachsen, weil das Tabu des Ideals in der "pragmatischen" postmodernen Politik zur Entstehung jenes ideellen Vakuums geführt hat, das traditionell der beste Boden für sie ist. Dieses Tabu des Ideals und seine pauschale Gleichsetzung aller geistigen Beweggründe der Politik mit ablehnenswerter Ideologie hat, wie ich bereits angedeutet habe, nicht nur politische Gründe. Sondern es wurde vor allem von der dominierenden intellektuellen Kultur, von der dominierenden Weise der Vernunft der letzten Jahre mit aufgestellt, verteidigt und durchgesetzt: von der sogenannten "Postmoderne". Diesen Aspekt müssen wir uns nun etwas näher ansehen, um die geistigen Hintergründe der Entwicklung zu begreifen.
"Postmoderne" ist seit etwa 15 Jahren die kulturelle Hauptdoktrin in Europa. Das gilt für das Universitäts- und Erziehungssystem, aber auch darüber hinaus. Es ist seltsam: genau in diesen 15 Jahren sind auch die meisten neuen Rechtspopulisten in Europa zu Bedeutung aufgestiegen.
Daß der Aufstieg dieser Helden genau im Zeitraum der Dominanz jener ersten Generation der Postmoderne erfolgte, für die im allgemeinen der Name des französischen Philosophen Jean-Francois Lyotard (1924-1998) steht, gibt zu denken. Daß es zu denken gibt, heißt nicht, daß ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen Postmoderne und Rechtspopulismus vorläge. Im Gegenteil. Hat sich die Postmoderne doch immer ausdrücklich als Gegnerin aller rechten Tendenzen verstanden - und das auch mehr oder weniger mutig und konsequent vertreten. Die Postmoderne hat in überaus verdienstvoller Weise viele Illusionen des idealistischen Denkens, soweit es ideologisch war, abgebaut und neutralisiert. Dies konsequent und systematisch getan zu haben, ist ihr bleibendes geistiges und kulturelles Verdienst. Denn das war nichts weniger als notwendig - vor allem in Mitteleuropa mit seinen nachwirkenden nazistischen Tendenzen.
Aber sie hat dabei das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Sie hat mit der Ideologie allen Idealismus - auch den möglicherweise nicht-ideologischen - diskreditiert. Und dadurch hat sie simulatorischen Ersatz-Idealismen Tür und Tor geöffnet, ohne es zu wollen. Darin liegt ihre Paradoxie und ihre Tragik. Möglicherweise sagt, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, gerade die auffällige Zeitgleichheit zwischen Postmoderne und neuen Rechtstendenzen mehr über beide Seiten aus, als man auf den ersten Blick glaubt.
In Mitteleuropa hat die philosophische Postmoderne in den vergangenen 15 Jahren an den Universitäten die heutige politische Szenerie vorbereitet. Sie hat vor allem die geistige Atmosphäre des heutigen Demokratieverständnisses ausgebildet.
Der geistige Vater der "Postmoderne", Jean-Francois Lyotard, hatte aufgrund seiner eigenen Erfahrungen mit faschistoiden und totalitären Haltungen des 20. Jahrhunderts seit Anfang der 70er Jahre für sich die Erkenntnis gewonnen, daß jeder Beschäftigung mit einem Ideal, daß jeder Suche nach Wahrheits- oder Wesenserkenntnis ein unterschwelliger Absolutsheitsanspruch und also das Totalitäre strukturell innewohnen müsse. Sprach nicht jeder, der von der "Wirklichkeit" eines Ideals sprach, immer schon von der Usurpation des Wirklichen durch etwas, das, erfahrungsgemäß und realistisch betrachtet, nur als Name, nicht als Idee wirklich war?
Auch aufgrund seiner Erfahrung mit seiner eigenen frühen ideologisch-wahrheitsorientieren Position schien für Lyotard im Lauf seiner individuellen Denkbiographie zunehmend jeder Bezug auf das "Substantielle" einer Sache ganz grundsätzlich und allgemein die Tendenz in sich zu tragen, in Totalitarismus zu münden.
Das gilt, so Lyotard, grundsätzlich für jede Art von Erkenntnisanspruch. Es gilt sowohl für die Natur- wie auch für die Sozial- und die Geisteswissenschaften. Aber, so Lyotard, die Naturwissenschaften können diese Gefahr durch ihre beobachtenden, das heißt messend-objektivierenden Verfahren weitgehend bannen; sie tendieren schon in ihrer ganzen Verfahrensweise nicht zum Idealismus, sondern zum Realismus des Faktischen. Aber im geistigen Leben ist jeder Versuch auf objektive Beobachtung und Beurteilung unmöglich, weil es sich hier um Ideen handelt. Die geistige Spähre, das Kulturleben tendiert zu Idealen, die sich aber nicht wissenschaftlich objektiv verifizieren lassen. Ich kann keine Ideale in ihrer Wirklichkeit bestimmen; denn ich müßte sie sehen, wahrnehmen, messen und wägen. Noch niemand hat je ein Ideal inder Wirklichkeit gesehen, und noch niemand hat es gewogen und gemessen. Die Wirklichkeit eines Naturdinges läßt sich nach objektiven Verfahren bestimmen; die Wirklichkeit einer Idee nicht. Ideen - und mit ihnen Ideale - sind also, wissenschaftlich gesehen, nicht objektiv, sie sind nicht als wirklich zu begreifen. Wirklich sind sie nur insofern, als ihnen die unauslöschbare Tendenz innewohnt, sich das Wirkliche zu unterwerfen. Deshalb ist all jenen, die Ideen oder Ideale als wirklich, mithin als wahr behaupten, und sie gar zum Leitanspruch eines politischen Tätigkeit machen, mit Vorbehalt, ja mit dem Verdacht des Totalitarismus zu begegnen.
Lyotard bestimmte diesen grundsätzlichen - und für das gesamte Demokratieverständnis der Postmoderne grundlegenden - Vorbehalt gegen jede Möglichkeit von Wirklichkeit auf dem Gebiet der Ideen (und damit auch gegen jede Möglichkeit eines politisch wirksamen Ideals) in seinem Hauptwerk Der Widerstreit als Unterschied zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Verfahren. Und er begründete ihn so:
"Der Unterschied zwischen dem Kommunismus (einem Ideensystem, R.B.) einerseits und dem Virus oder dem Sternensystem (einem naturwissenschaftlich beobachtbaren Realitätssystem, R.B.) andererseits liegt darin, daß man über Mittel verfügt, diese (das Sternensystem und den Virus) zu beobachten; sie sind Gegenstände der Erkenntnis, während jener (der Kommunismus) Gegenstand einer Idee der historisch-politischen Vernunft ist, und dieser Gegenstand kann nicht beobachtet werden. Es gibt keine beliebig wiederholbaren und nach einem einmütig gebilligten Protokoll definierten Verfahren, um die Wirklichkeit eines ideellen Gegenstands im allgemeinen zu ermitteln... In der Regel ist ein in der Kategorie des Ganzen... gedachter (also ideeller, R.B.) Gegenstand kein Erkenntnisobjekt... Totalitarismus wäre das Prinzip zu nennen, das das Gegenteil behauptet."
Lyotard scheidet hier die Idee der Ganzheit als politische Idee aus. Und er scheidet aus, daß Ideen oder Ideale eine politische Wirklichkeit haben können, wenn Demokratie sein soll. Deshalb kann es in der postmodern aufgeklärten Politik der Demokratie nicht mehr um Ideale, um die Verwirklichung einer Ideen- "Substanz" (und sei es auch diejenige Gandhis oder die eines anderen demokratischen "Substantialisten") oder gar um Wahrheit welcher Art auch immer gehen. Sondern es kann ihr nur noch darum gehen, "wenigstens eine Möglichkeit aufzusuchen, die Integrität des Denkens zu retten" - und zwar ausdrücklich diesseits aller Ideale.
Die "Integrität des Denkens" soll also an die Stelle von Ideal und Wahrheitsanspruch im Politischen treten. Was aber meint Lyotard mit "Integrität des Denkens"? Er erklärt es am Ende seines bereits genannten Werkes Der Widerstreit. Er spricht darin von einer "gesteigerten Sensibilität", die die Menschheit heute statt Ideal und Wahrheitsanspruch brauche:
"Die Menschheit würde... deshalb zum Besseren fortschreiten, weil... die Menschen so kultiviert, so hellhörig für die doch undarstellbare Idee geworden wären, daß sie bereits bei Geschehnissen, die scheinbar am allerwenigsten mit dieser Idee zu tun haben, die entsprechende Spannung verspüren und einzig mit ihrer Sensibilität schon den Beweis für einen Fortschritt liefern würden..." Allerdings sind Hellhörigkeiten, Sensibilitäten und Spannungen selbst keine Argumente. Sie sind implizit. Sie können selbst in der expliziten politischen Auseinandersetzung nicht vorkommen. Das einzige, was deshalb für die explizite demokratische Auseinandersetzung noch übrigbleibt, ist: "Den Widerstreit (zwischen den Namen, R.B.) bezeugen."
Das einzige, was also laut Lyotard an idealistischer "Substanz" für den postmodernen Politiker übrigbleiben darf, ist eine ästhetische Verfeinerung. In dieser ästhetischen Verfeinerung besteht die Rettung der Integrität des Denkens (und des politischen Handelns, versteht sich). Ästhetik als privates personales Vermögen soll an die Stelle von Idealismus und Ideenrealismus treten. Abgesehen davon, daß Lyotard hier mit durchaus esoterischen Vokabeln operiert (hellhörig; man vergleiche die Nähe zu hellsichtig), muß man konstatieren: in der Tat, genau das ist im postmodernen politischen Betrieb geschehen. Ästhetik im weitesten Sinne hat den Idealismus – den ethischen Begriffsrealismus – ersetzt. Wir haben heute einen subjektiv und objektiv ästhetisierten politischen Bereich ohne Idealismus.
Nun, all dies ist nachvollziehbar und hat seine Logik. Aber was bedeutet es in seinen konkreten Folgen?
Das Ideelle neigt laut Lyotard, wie wir gesehen haben, unbedingt zum Totalitären, wenn es sich von der Ebene des "Widerstreits" zwischen den Namen, man könnte auch sagen: von der Ebene der politischen Rethorik auf die Ebene der Wirklichkeit begeben will. Daher soll das politische Sprechen innerhalb des Widerstreits der Namen das Ideal gar nicht explizit einschließen. Und es soll es in seinem Handeln auch nicht als Wirklichkeit zu erreichen versuchen. Denn die demokratische Wirklichkeit, die aus dem Widerstreit zwischen Namen und Worten besteht (diese sind ja, wir wir indirekt gesehen haben, laut Lyotard der einzige Stoff, der wissenschaftlich eine Wirklichkeit darstellt), kann höchstens indirekt auf das Substantielle, auf das Ideelle der Welt anspielen.
Diese Anspielung sei ihr auch nicht verboten. Im Gegenteil. Die Politik kann das Substantielle, die Politik kann das Ideelle in Form einer personalen Sensibilität und ästhetischen Wahrnehmungsfähigkeit durchaus als "Integrität des Denkens" immanent praktizieren: eben als persönliche Haltung, die selbst nicht explizit wird, sondern sich "flexibel" auf alle Umstände anwendet. Sie kann also das Ideal nicht explizit, sondern nur als Einheit der Persönlichkeit mit ihrem Diskurs praktizieren. Aber sie soll das Ideal nicht explizit machen. Sie soll es nicht als eine Wirklichkeit postulieren, und sie soll es auch nicht selbst für eine Wirklichkeit halten. Kurz gesagt: die Demokratie soll sich auf den Widerstreit zwischen Namen, nicht zwischen Idealen konzentrieren. Warum? Damit sie Demokratie bleibt.
Dieses ins Subjektive reduzierte postmoderne Verständnis des Ideellen als personale Sensibilität und ästhetische Wahrnehmungsfähigkeit ist nun aber genau dasjenige, was heute die Rechtspopulisten simulativ praktizieren (vergleiche die oben genannten Kennzeichen der "neuen Einzelnen", der aufsteigenden Massenhelden). Sie nützen den postmodernen Rückzug der Ideale ins Immanente - um sie als scheinbare Einheit von Idee und Persönlichkeit, als scheinbare Einheit von Diskurs und Wahrheit "implizit", und das heißt eben notwendigerweise diffus, unklar und "flexibel", im Sinne einer "Anspielung", einer "erhöhten Sensibilität" und einer personalisierten ästhetischen Haltung in die politische Wirklichkeit einfließen zu lassen. Wer kennt denn nicht die "entsprechende Spannung" (Lyotard), die die Rechtspopulisten auch ohne explizite Ideen zu erzeugen vermögen?
Jedem Anspruch auf Idealismus in der Politik ist, so Lyotard, ein kritischer Nominalismus vorzuziehen – und zwar ausdrücklich auch um den Preis der Verabschiedung jedes ideellen und jedes Wahrheitsanspruchs. Denn auch schon jeder Anspruch auf ein Ideal in der Politik muß vermieden, ja bekämpft werden, um die auf der Dialektik von Sprachspielen beruhende dialogisch-demokratische Gesellschaft zu retten. Unter postmodernem Einfluß triumphiert deshalb die Auffassung, Politik könne keine ganzheitlichen Ideale mehr verwirklichen. Sondern sie "ist vielmehr – so paradox dies klingen mag - von einem Partikularismus des Konkreten geprägt, der zugesteht...", dass Politik "keine systematischen Entwürfe von langfristiger Geltung hervorbringen kann, sondern sich eher am Enzyklopädischen, Zufälligen, Regionalen, zeitlich Begrenzten oder gar Willkürlichen orientiert."
Das ist dasjenige, was das "postmoderne" Denken in den vergangenen Jahren in das europäische Demokratieverständnis – und vor allem in das Selbstverständnis seiner politischen Hauptvertreter – hat einfließen lassen. Demokratie heißt unter postmodernen Auspizien, ausdrücklich nicht mehr auf Ideale hin gerichtet zu sein, sondern auf den "Partikularismus des Konkreten" zu zielen, der sich "am Enzyklopädischen, Zufälligen, Regionalen, zeitlich Begrenzten oder gar Willkürlichen orientiert".
Genau das haben die meisten europäischen Demokraten in den vergangenen Jahrzehnten beherzigt. Sie haben sich auf das Enzyklopädische, Zufällige, Regionale, zeitlich Begrenzte oder gar Willkürliche ausgerichtet. Anders gesagt: sie haben die Realfaktoren und ihren Funktionszusammenhang betont. Und sie haben die Idealfaktoren nicht nur aus der öffentlichen Diskussion, sondern auch aus ihrem eigenen Selbstverständnis verdrängt.
Damit machte die Postmoderne aber letztlich nur den rein lösungsbezogenen politischen Pragmatiker, der auf sein näheres lokales und partikulares Umfeld bezogen ist und höchstens in Tages-Sensibilitäten, nicht aber in ganzheitlichen (geschweige denn globalen) Zusammenhängen und langfristigen persönlichen Idealen denkt, zum Inbegriff des modernen Demokraten. Und sie erklärte umgekehrt jeden Idealisten im politischen und intellektuellen Bereich ohne Unterschied zum potentiellen Gefahrenherd, zum offenen oder versteckten Totalitaristen.
Vielleicht intendierte die Postmoderne das nicht. Aber sie tat es. Der neue Muster-Demokrat aber, den sie propagierte: der nominalistische Pragmatiker, "personale" Ästhetiker und "tolerante" Relativist, steht allen Idealen "neutral" gegenüber. Ist von Idealen die Rede, lächelt er kopfschüttelnd, wie um zu sagen: "Ich bin dafür nicht zuständig, davon verstehe ich nichts". Dazu zwinkert er weise und hintersinnig mit den Augen. "Du verstehst schon, was ich meine." Humanistischen Ideen steht er "aufgeschlossen" gegenüber, und er winkt gutmütig "zurückhaltend" ab, wenn es um ethische oder moralische Grundsatzdiskussionen geht. Das ist nicht sein Zuständigkeitsbereich. Er ist pragmatisch, konkret, funktional, und zugleich ästhetisch-dynamisch.
Diesen Typus von Politiker hat die Postmoderne in den vergangenen 15 Jahren zum Inbegriff des aufgeklärten und fortschrittlichen Demokraten erhoben. Sie hat den Aufstieg dieses Typus seit 15 Jahren legitimiert, indem sie der europäischen Öffentlichkeit eingeredet hat, daß das die einzige Möglichkeit sei, um jeden neuen Totalitarismus zu verhindern. Nur keine Ideale, nur keine "universalen Ideen". Pragmatismus bitte, gepaart mit personaler Ästhetik.
Diesen Typus von demokratischem Politiker hat Europa heute (bis auf wenige Ausnahmen abgesehen). Man hat ihn in seinen Chancen und Grenzen kennengelernt. Man hat sich an ihn gewöhnt. Und man hat an ihm ein steigendes Unbehagen entwickelt.
Dieses Demokratieverständnis hat, im wesentlichen vom "postmodernen" Frankreich aus, überall hin ausgestrahlt, und in Mitteleuropa mit seiner totalitären Vergangenheit und seiner geschenkten Demokratie wurde es aus guten Gründen besonders begierig aufgenommen. Man konnte, auch in Rücksicht auf das europäische Umfeld, nur zustimmen: besser Relativist und Funktionalist als Idealist. Denn der Funktionalist ist Pragmatiker. Der Idealist aber ist bestenfalls ein charismatischer Ideologe. Vorbei die Zeiten eines Olof Palme, eines Dag Hammerskjöld, eines Martin Buber. Solche Persönlichkeiten würden unter postmodernen Gesichtspunkten wohl wegen ihres expliziten Idealismus und Begriffsrealismus als im hohen Grad atavistisch - vielleicht bis zu einem gewissen Grad sogar als potentiell gefährlich eingestuft werden. Zumindest aber würden sie als eine Art Unruheherde und Störenfriede gelten, die vom Wesentlichen, nämlich dem unaufhörlichen Bewältigen von Sachproblemen, durch dauerndes ideelles Gerede ablenken.
Das alles schien eine Zeit lang gut zu gehen. Es schien die richtige Strategie zu sein. Heute dominiert der relativistische und nominalistische Pragmatiker die politische Szene. Es wimmelt von "lokalen und partikularen", sich "am Enzyklopädischen, zeitlich Begrenzten und Willkürlichen orientierenden", funktionalistischen, ideell "neutralen" Homo-faber-Politikern.
Aber genau so wird die Demokratie gefährdet – gerade in Mitteleuropa. Das müssen wir heute erkennen. Die Demokratie, die sich ihrer Ideale beraubt, öffnet das Tor simulatorischen Ersatz-Idealismen, die in der Tat gefährlich sind. Genau durch den "freiwilligen" Verzicht auf die positive Wirklichkeit des Ideals wird abstrusen Schein-Idealismen von Rechts das Tor geöffnet. Denn in der postmodern "aufgeklärten" Demokratie sind, bei allen Vorzügen, zugleich auch immer weniger kraftvollen Ideale da, die man den diffusen, menschenverachtenden Pseudo-"Idealen" der neuen Rechten positiv entgegenhalten könnte. Aber genau darauf kommt alles an: positive, kraftvolle Alternativen zu bieten. Man kann, wie die derzeitige postmoderne Politiker-Generation, immer wieder und immer aufs Neue empört sein über die Simulation der Rechtspopulisten und ihre Unverfrorenheit. Hat man aber nichts Positives in der Hand, das mehr Kraft hat als die Simulation der rechten Vereinfacher und Reduktionisten, dann steht man mittel- bis langfristig auf verlorenem Posten. Das lehrt das Beispiel Österreich, das lehrt das Beispiel Frankreich. Und das beginnt auch das Beispiel Deutschland zu lehren.
Von Vaclav Havel und ganz wenigen anderen politischen "Substantialisten" und Idealisten abgesehen: Europa leidet seit Jahren zum Teil bewußt, aber viel mehr noch unbewußt am Nominalismus und Relativismus des politischen Systems, das sich selbst als aufgeklärt eben dadurch begreift, daß es ideallos ist. Dadurch produziert dieses System einerseits Politikerpersönlichkeiten, die kaum jemand mehr ertragen kann. Und es produziert komplementär dazu die Sehnsucht nach jener "starken" Persönlichkeit, die – auf irgendeine Weise, und sei es im Zwielicht und obskur und menschenverachtend – irgendein Ideal mit der Wirklichkeit verbindet, und sei es auch nur mit der Wirklichkeit der eigenen Person und ihres Interesses. Das politische System ohne Ideale produziert die ungesunde Sehnsucht nach dem starken, direkten Einzelnen, nach jenen Männern, die scheinbar aus persönlicher Bewegung durch irgendein "implizites" Ideal heraus sagen, was sie denken. Das ideallose demokratische System produziert so jene rechten Bewegungen in Europa wenigstens indirekt und wenigstens zum Teil mit, deren Auftreten gegenwärtig so viel Aufsehen und Verzweiflung erregt, weil es sich anscheinend niemand so recht erklären kann.
Natürlich ist das nicht die ganze Wahrheit, sondern nur ein Motiv in einem komplexen Zusammenhang. Natürlich speisen sich die rechten Bewegungen auch aus anderen Hintergründen. Natürlich ist der Gesamtvorgang komplexer und umfassender. Aber das Vakuum des Ideals, der universale politische Nominalismus und Relativismus, der von der Postmoderne zur Vermeidung von Totalitarismen gepredigt wird, ist eben mit ein gewichtiger Grund für die Entwicklung der letzten Jahre. Deshalb sind die neuen Rechtspopulismen auch die Bankrotterklärung zumindest des streng relativistischen und nominalistischen Teils der bisherigen ersten Generation der Postmoderne.
Die Beispiele Österreich, Frankreich und Holland, bis zu einem gewissen Grad auch Italien und Deutschland, zeigen das derzeit nur besonders deutlich. Aber sie sind nur die Spitze des Eisbergs. Die ideallose Demokratie wird zu immer mehr ähnlichen Folgeerscheinungen in ganz Europa führen.
Die postmoderne Selbstkasteiung des Politischen zum "Partikularen" und "Enzyklopädischen", das so konkret und lebensnah sein soll, führt in Wahrheit in die gesellschaftliche Empfindung, daß der ganze öffentliche politische Raum ein Nominalismus - ein Widerstreit zwischen Namen und Worten - ist. Und sie führt zur Suche nach Ersatz-Authentizitäten und nach schnell erreichbaren Pseudo-Idealen, die, weil ja die postmoderne Kultursphäre bei der Suche nach Substanz nicht hilft, sehr leicht mit den alten, bloß auf eine neue Chance lauernden inhumanen Geisteshaltungen verwechselt werden. Diese Verwechslung des in Wahrheit Alten mit einem angeblichen Neuen ist bis zu einem gewissen Grad deshalb möglich, weil eben niemand anders mit positiven Idealen und Leitideen da ist.
Das Lokale und Partikulare ohne jede theoria, ohne positive Weltanschauung, ohne substantiell orientierte "Experimente mit der Wahrheit" bedeutet einen schleichenden Rückfall hinter die positiven Ideale der Demokratie. Die neuere politische Entwicklung in Europa ist auch eine Folge des nihilistischen Strangs der Postmoderne und ihrer Ideologie der Ideallosigkeit. Sie ist ein beunruhigendes Symptom für die Zukunft.
Die postmoderne Doktrin des Nicht-Idealismus und des "neutralen" Nominalismus, der die Demokratie selbst sein soll, ist natürlich nicht nur negativ. Im möchte das abschließend noch einmal ausdrücklich betonen. Im Gegenteil: die kontinuierliche kritische Hinterfragung von idealistischen und "substantialistischen" Ansprüchen aller Art ist für das Bestehen jeder Demokratie ein absolutes Muß. Sie ist eine unverzichtbare Daueraufgabe, die das Werden ihrer Ideale begleitet. Der kritische Nominalismus ist für die Demokratie unverzichtbarer Teil des Ganzen, denn er ist der Garant der individuellen Freiheit - aber vollgültig nur dann, wenn er endlich um einen neuen Idealismus ergänzt wird.
Was die europäische Demokratie als Mittel gegen das Aufkommen von rechten Gedankengut braucht, ist vor allem eines: die Vereinigung von Pluralität und Substanz, von Nominalismus und Ideal. Das ist das Entscheidende für ihre Zukunft. Wer das nicht erkennt, wird diese Demokratie schweren Belastungen durch weiter wachsende rechte Bewegungen aussetzen.
Manche, die diesen Zusammenhang erkannt haben, wählen heute freilich einen anderen Weg. Sie wählen die leichtere Variante. Sie sagen: die Postmoderne, jedenfalls diejenige, die wir in den 80er und 90er Jahren kannten, ist ohnehin vorbei. Das Problem erledigt sich von selbst. Neue Idealismen werden schon auftauchen, und zwar aus den Sachzwängen selbst heraus. Die ökonomische Globalisierung, die zugleich indirekt die Bürgergesellschaft fördert, ist dafür nur ein Beispiel.
Vielleicht trifft das auf die Postmoderne als eine intellektuelle Mode an den Universitäten zu. Aber in der Politik, und vor allem im Hinblick auf das Selbstbild der führenden europäischen Politikerklasse, ist der nominalistische Effekt der Postmoderne noch lange nicht vorbei. Im Gegenteil: er beginnt erst heute richtig wirksam zu werden. Wenn zum Beispiel der deutsche Philosoph Wolfgang Welsch, behauptet, als intellektuelle Bewegung habe sich die Postmoderne mittlerweile überlebt, aber von der Sache her verwirklicht, trifft er den Nagel auf den Kopf. In den vergangenen 15 Jahren hat jene Generation, die hauptsächlich von der Postmoderne und ihren nominalistischen, anti-idealistischen Vertretern erzogen wurde, die Führung Europas übernommen. Diese Generation dominiert heute weitgehend die demokratische Szene.
Die Postmoderne trat in den vergangenen 15 Jahren radikal gegen jede Form von Ideal auf und nahm Ideal und Ideologie einfach als ein- und dasselbe, um alle neuen totalitären Tendenzen schon im Keim zu ersticken. Es mag Teil ihrer inneren Tragik sein, daß sie damit gerade auch die Ideale der demokratischen Szene gefährdete, wenn nicht in Teilen sogar auslöschte. Die Postmoderne hat damit ihre eigenen pluralistischen Grundlagen gefährdet. Sie hat ein ideelles Vakuum erzeugt, in dem neue, clevere Rechtspopulisten gedeihen können.
Wo liegt die Perspektive? Die Menschen wollen, gerade in unsicherer und wandelvoller Zeit, Authentizität. Sie haben eine wachsende, wenn auch oft konfuse Sehnsucht nach allgemeinmenschlichen Idealen, nach unmittelbarer Begegnung mit dem "Anderen" und nach einer direkten Sprache, die aus dem Herzen kommt. Sie haben Sehnsucht nach der begründeten Einheit von Idee und Tat, die der eine am anderen erleben kann. Sie haben, kurz gesagt, Sehnsucht nach einem echten, pluralitätsfähigen Ideenrealismus.
Aber sie finden nichts dergleichen, sie finden keine Ideale im Hauptstrom der gegenwärtigen politischen Vertreter und ihrer Kultur, die sich der "postmodernen" Behandlung in "weisem" Nominalismus und Relativismus unterzogen hat. Und so haben die Rechtspopulisten vergleichsweise leichtes Spiel: sie simulieren, frische, lebendige Ideale zu haben, ein direktes Sprechen, personale Authentizität.
Natürlich ist das ein listiges Simulationsspiel, nicht Realität. Niemand ist weiter von wirklichen Idealen entfernt als die Rechtspopulisten. Aber die Strategie hat trotzdem Erfolg – und zwar genau deshalb, weil die postmoderne Elite der europäischen Politiker den Kontakt zu Idealen weitgehend verloren zu haben scheint. Und weil die Menschen demgegenüber mehr und mehr, wenn auch vorerst noch unbewußt empfinden: wirkliche Politik im eigentlichen Sinn des Wortes ist gar nicht möglich ohne Ideale. Der Mangel an Alternativen macht sie für falsche Ideale empfänglich.
Die Perspektive für die europäischen Demokratien ist deshalb: einen Weg zu finden, Pluralismus und Idealismus im politischen Feld miteinander zu verbinden. Das ist die einzige "wahre Volksnähe", wie sie heute überall gefordert, aber meist mit "beredt tun, was die meisten wollen" verwechselt wird. Die erste Generation der Postmoderne mit ihrer Propagierung der ideallosen Demokratie ist politisch gescheitert. Das zeigt der Aufstieg der neuen Rechtstendenzen in ganz Europa. Um diese Tendenzen noch rechtzeitig in die Schranken zu weisen, braucht es eine zweite Generation der Postmoderne, die Pluralität und Ideal miteinander versöhnt.
Eine solche Versöhnung wird zuerst in der kulturellen Sphäre vorbereitet und vollzogen werden müssen. Die neue Vereinbarkeit von Pluralismus und Idealismus auf politischem Feld muß zunächst auf kulturellem Feld legitimiert werden. Sie vorbereiten heißt, sie geisteswissenschaftlich und praktisch zu begründen. Das kann auf der Basis eines neuen, humanistischen Ideenrealismus geschehen. Dann wird die Vereinigung von Pluralität und Ideal in der nächsten Generation auch politische Wirksamkeit entfalten können. Die europäische Demokratie muß, um diese Vereinigung zu leisten, ihre eigenen Ursprünge reflektieren. Sie muß den Ursprung der positiven, eben nicht nur negativen Ideale und Werte reflektieren, die an ihrer eigenen historischen und qualitativen Basis stehen. Und sie muß diese Ideale aufnehmen, prüfen und entwickeln. Wenn das nicht geschieht, liegen harte Zeiten vor uns.
Über den Autor: Roland Benedikter lehrt praktische Philosophie, Kulturwissenschaft und Anthropologie an den Unviersitäten Innsbruck und Wien. Er ist u.a. Vorstandsmitglied des Instituts für Ideengeschichte und Demokratieforschung Innsbruck-Bozen, Autor des Buches "Zeitgeist-Symptome" (Frankfurt am Main 2000), Herausgeber der Reihe "Postmaterialismus" im Wiener Passagen Verlag. E-Mail: rolandbenedikter@yahoo.de