Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 4


Thomas Reichert

Die Martin Buber-Gesellschaft und die Zeitschrift „Im Gespräch“

 

Martin Buber (geb. 1878 in Wien, aufgewachsen in Lemberg/Lwow, gest. 1965 in Jerusalem) hinterließ ein vielfältiges Werk:

Einige Jahre in der zionistischen Bewegung aktiv, stand er zeitlebens, wie in vielen Schriften niedergelegt, für eine Verständigung mit den Arabern; er übersetzte (bis 1929 mit Franz Rosenzweig) die hebräische Bibel ins Deutsche, schrieb zur Bibel, zum Judentum, speziell zur ostjüdischen Bewegung des Chassidismus, zum utopischen Sozialismus; er war einer der bekanntesten Vertreter einer dialogischen Philosophie – bei ihm eng mit seinem Verständnis des Judentums verbunden –, die er auch für Pädagogik und Psychotherapie fruchtbar machte.

Sich mit Martin Buber zu beschäftigen heißt, sich mit dem zu beschäftigen, worum es Buber ging. Buber hat keine Lehre entwickelt, bei der es Sinn machte, sie nur für sich zu studieren – er zielte auf Lebenspraxis. Seine Bücher bedeuten eine Infragestellung des Einzelnen in seiner jeweiligen Lebenshaltung und -praxis. Die Frage „Wo bist du in deiner Welt“, die, wie Buber erzählt, der chassidische Rabbi Schnëur Salman stellt, weist in Richtung dieser Infragestellung. Man kann das, worum es Buber ging, verschieden beschreiben: etwa mit dem auf Dt. 22,3 fußenden Satz „Du sollst dich nicht vorenthalten“ aus seinem Aufsatz „Was ist zu tun?“ (1919). Dabei ist dieses „Nichtvorenthalten“ für Buber die Antwort des Menschen darauf, dass er vom Anderen angesprochen wird, dass er darin von seinem „ewigen Du“ angesprochen wird: wie aus Sicht des Judentum die Welt, die Schöpfung, dem Menschen zugesprochen ist, damit er in all seinem Tun auf diese Anrede antworte, damit er dem Schöpfer antworte.

Aus Bubers Denken ergeben sich viele Fragen und Anstöße, die in verschiedenen heutigen Diskursen relevant sind. Etwa für den Bereich der Psychotherapie, aber auch die Pädagogik: Was ist seelische Gesundheit, was ist das gesunde, heile Menschsein, zu dem dem Patienten verholfen werden soll bzw. welches das Kind entwickeln soll? Und welche Haltung setzt dies beim Therapeuten bzw. den Eltern, dem Erzieher voraus? Geht es in der Erziehung um die Vermittlung des rechten Normengerüsts oder vielleicht um Grundlegenderes, nämlich von klein auf erfahrene Menschlichkeit und Bestätigung im je eigenen Menschsein, um die Entwicklung existentiellen Vertrauens? Solche Gedanken sind auch relevant bei der Frage, wie Gewalt entsteht bzw. vielleicht zu verhindern (gewesen) wäre: man kann hier an die Gewalt von Skinheads und Neonazis und an die Gestörtheit ihrer Weltwahrnehmung denken oder an Menschen wie den Amokschützen von Erfurt am 26. April.

Oder zur Rolle des Fremden! des Anderen: Ist der Andere derjenige, der die freie Selbstentfaltung stört, ihr Grenzen setzt, oder kann er mit Buber (und anderen) als der gesehen werden, der in der Begegnung dem Ich gerade eine sonst unerreichbare menschliche (existentielle) Dimension er- öffnet? - Oder zur Frage der Religiosität bzw. des Sinns von Religion: Im Judentum und bei Buber ist die Zuwendung zu Gott, „Glaube“, nicht denkbar ohne die Zuwendung zum anderen Menschen. Umgekehrt kann man fragen, ob eine Ethik, welche die Verantwortung gegenüber dem Anderen herausstellt, nicht letztlich gegründet sein muss im Bezug zu einem „ewigen Du“, von dem die überpersönliche Gültigkeit der Wahrheit kommt. – Oder, ein letzter Bereich: Denkt man an die Erinnerung der deutschen nationalsozialistischen Vergangenheit und der Menschen, die zu Opfern gemacht wurden, so stellt sich von Buber her die Frage, ob man den Dialog auf die Lebenden beschränken kann, ob sich aus einer dialogischen Haltung nicht notwendig ergibt, dass Vergangenheit erinnert wird und die Toten in den Dialog (die Vergegenwärtigung des Anderen) einbeschlossen sind. Diese Bemerkungen verweisen nur auf einen Teil der Fragen, mit denen es eine Gesellschaft zu tun hat, die sich nach Martin Buber benennt und mit seinem Leben und Werk befasst, aber sie vermitteln einen ersten Ein- druck von dem Rahmen, in dem unsere Arbeit steht. Die Martin Buber-Gesellschaft wurde im Februar 2000 in Heidelberg auf Initiative von Lothar Stiehm (von Ende 1970 bis 1991 Verleger des Lambert Schneider Verlags, in dem damals die meisten Bücher Bubers erschienen) und Hans-Joachim Werner (Prof. für Philosophie an der PH Karlsruhe) gegründet. Bisher hat die Gesellschaft über 180 Mitglieder, v.a. in der Bundesrepublik Deutschland, aber auch in Österreich, der Schweiz und anderen Ländern. Zwischen der Buber-Gesellschaft und anderen Initiativen wie dem Deutschen Hilfsverein/Albert Schweitzer Zentrum, der Hermann Cohen-Akademie, den Freunden von Neve Shalom/Wahat al-Salam ist gegenseitige Mitgliedschaft vereinbart.

Es geht der Martin Buber-Gesellschaft zum einen um die Erforschung der Bereiche von Bubers Werk und Wirken wie seines lebens- geschichtlichen Umfelds. Themen, die hier berührt werden, sind etwa: Bubers Verhältnis zum Judentum und zur jüdischen Tradition; Bubers Rezeption (Anverwandlung? Abwandlung?) des ostjüdischen Chassidismus; seine Bezüge zu anderen Persönlichkeiten (etwa Franz Rosenzweig, Albert Schweitzer, Hugo Bergman); Parallelen zu anderen Denkern und Traditionen (zu anderen Philosophen aus dem Judentum, aber auch z.B. dem Zen-Buddhismus); Bubers geschichtliches Umfeld (also etwa das Ostjudentum, später das deutsche Judentum, dann Israel); Buber und der Zionismus, Buber und Israel; Buber und der religiöse Sozialismus/gesellschaftliche Utopie; die Wirkungsgeschichte von Buber in den verschiedenen Bereichen seines Werks.

Eine weitere Aufgabe ist, Bubers Denken zu verbreiten bzw. die aktuellen Anstöße, die daraus kommen, aufzunehmen; außerdem soll, mittelfristig, eine Wanderausstellung organisiert werden und sollen Veranstaltungen stattfinden – so war die Buber-Gesellschaft im vergangenen Jahr an einer Vortragsreihe im Buber-Haus in Heppenheim beteiligt, und für den Herbst 2002 ist, gemeinsam mit dem Albert Schweitzer-Zentrum und dem Evangelischen Regionalverband Frankfurt, ein Symposion zum Thema „Ethische Bildung/Wege zum Dialog“ geplant.

Es versteht sich, angesichts der Vielfalt der Aufgaben, von selbst, dass wir mit deren Verwirklichung noch recht am Anfang stehen. Ein wichtiger Schritt war die Gründung einer pädagogischen Sektion am 22./23. März anlässlich einer Tagung in Heppenheim, die zu Bubers Erziehungsdenken arbeiten will; eine philosophische und eine psychotherapeutische Sektion sind geplant. – Ein anderer Schritt ist das Erscheinen der Zeitschrift Im Gespräch im Verlag für Berlin-Brandenburg, herausgegeben von der Buber-Gesellschaft. Seitdem das erste Heft im November 2000 veröffentlicht wurde. erscheinen jährlich zwei Hefte im Umfang von je gut 90 Seiten. Im Gespräch ist von der Konzeption her nicht speziell Mitgliederzeitschrift; Mitglieder erhalten sie im Rahmen ihrer Mitgliedschaft. sie kann aber auch völlig unabhängig davon beim Buchhandel oder der Buber-Gesellschaft/Redaktion bestellt werden (ISSN 1616-6094; Preis je Heft 13 Euro, im Abo 23 Euro); für den Inhalt, die Zusammenstellung der Aufsätze, Berichte, Rezensionen ist die Redaktion verantwortlich, der Francesca Albertini, Dominik Klenk, Wolfgang Krone und Thomas Reichert angehören. Das Programm der Zeitschrift ist dem der Gesellschaft parallel, aber freier, d.h. kann weiter über die Person Bubers hinausgehen; so bringt sie etwa Aufsätze zu jüdischen Philosophen, mit denen sich die Buber-Gesellschaft natürlich nicht speziell und für sich befassen kann. Eine Art Leitlinie sind für uns Bubers bekannte Sätze aus seiner „Antwort“ auf Beiträge zu seinem Werk in dem Band Martin Buber (hrsg. von Schilpp/Friedman, Stuttgart 1963): „Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit. was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. [...] Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch“. In der Konsequenz dieses Satzes kann es (sollte es) keine „Buberianer“ geben, wie es „Kantianer“ oder „Hegelianer“ gibt. Es geht letztlich nicht um Bubers „Lehre“ (nicht darum, in Anschluss an ihn eine „Lehre“ zu propagieren), sondern um die Wirklichkeit, auf die er abzielte. Auf diese Wirklichkeit – eine Beziehungswirklichkeit, eine grundlegende ethische Haltung, aus der das Handeln kommt und in der es steht – weisen Menschen verschiedener kultureller und religiöser Traditionen hin, und entsprechend können (über Buber hinaus) verschiedene Traditionen Thema von Im Gespräch sein bzw. können Beiträge aus Sicht verschiedener Traditionen wiedergegeben werden.

Die größte Bedeutung hat für uns aber die Tradition, aus der Buber kam und von der her auch seine Philosophie motiviert war: das Judentum. Anders als Zeitschriften aus dem Spektrum christlich-jüdischer Verständigung gehen wir nicht vom Christentum als Basis und Grundeinstellung aus, um uns von da aus dem Judentum zuzuwenden (was nicht heißt, dass nicht Autorinnen und Autoren aus diesem Spektrum mitarbeiteten und wertvolle Beiträge liefern würden). Wir möchten, dass die ungeheuer reiche philosophische und religiöse Tradition des Judentums wie auch seine Gegenwart in unserer Zeitschrift eine Stimme (bzw. über viele Autorinnen und Autoren viele Stimmen) hat. Darüber hinaus wird es Beiträge im ganzen o.g. Umfeld von Bubers Werk geben; zeitgeschichtliche und Gegenwartsthemen haben einen Platz; manche Hefte werden in der Zusammensetzung heterogener sein, manche werden einen Themenschwerpunkt haben; so hatte Heft 2 den Schwerpunkt „Religion als Dialog“, Heft 4 „Perspektiven auf den Anderen/Fremden“ und ist für Heft 5 (Herbst 2002) ein Schwerpunkt zu jüdischer (mittelalterlicher wie neuzeitlicher) Philosophie geplant. Nun einige Beispiele aus den bisherigen Heften:

Beiträge zum Judentum kamen bisher etwa von Eveline Goodman-Thau (zu Buber u. dem ethischen und religiösen Auftrag Israels, Heft 3; zu jüdischer Geschichte als Aufgabe, Heft 4), Francesca Albertini (zum dialogischen Prinzip als Grund der sinaitischen Offenbarung bei Rosenzweig u. Buber, Heft 2), Michael Löwy (zu Scholem, Heft 2) oder Evelyn Adunka (zur Wiener liberalen Jüdischen Gemeinde Or Chadasch, Heft 3). Marcus van Loopik schrieb u.a. über „Josef im rabbinischen Midrasch“ (Heft 4), Frank Miething zu Levinas' Talmud-Lesungen (Heft I), Wilhelm Schwendemann zur Ethik des Maimonides (Heft 3).

Um den politischen und gesellschaftlichen Bereich ging es in Aufsätzen von Siegbert Wolf (zu Landauer und Buber, Heft 2), Michael Löwy (zu Bubers’ „Utopie der Gemeinschaft“, Heft 3) oder Hermann Sieben (über das Friedensdorf Neve Shalom/Wahat al-Salam in Israel). Andere Ansätze dialogischen Denkens stellten Petra Plieger (zu Gadamer u. Ferdinand Ebner, Heft 2), Holger Helting (zu Kierkegaard, Heft 4) und Matthias Burchardt (zu Eugen Fink, Heft 4) vor, Bubers Wirkung auf die evangelische Theologie beschrieb Martin Leiner („Martin Buber und Friedrich Gogarten“, Heft 3). Darstellungen von Bubers Denken gaben Wolfgang Krone (unter verschiedenen Aspekten in Heft I u. 4) und Bemhard Schleißheimer (zu Freiheit u. Verantwortung bei Buber, Heft 1), ein Forschungsprojekt zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Nationalsozialismus im Schulunterricht stellten in verschiedenen Beiträgen Wilhelm Schwendemann, Georg Wagensommer und Stephan Marks vor (in Heft 2 u. 4). - Dazu kommen Berichte von Veranstaltungen, eine annotierte Bibliographie und Rezensionen sowie umfassendere Literaturberichte, etwa zur Neuausgabe von Mendelssohns Tora-Übersetzung (Francesca Albertini), zu Benno Jacobs Exodus-Kommentar (Wilhelm Schwendemann), zu Eleonore Lappins Buch über Bubers Zeitschrift Der Jude (Lothar Stiehm; alle Heft 3), zu Literatur über die neuen Ostjuden (Yizhak Ahren), zum ersten Band der neuen Buber-Werkausgabe (T. Reichert; beide Heft 4).

Die Zeitschrift hat – was auch für die Buber-Gesellschaft gilt – ein zentrales Anliegen: auf eine grundlegende Humanität hinzuweisen, die Auftrag ist für alle Menschen (aller Kulturen, aller Religionen) und gegenüber allen Menschen (aller Kulturen, aller Religionen) und die in keiner Situation ausgesetzt werden kann. Dieses Anliegen, das in den Beiträgen unserer Hefte implizit enthalten, ist, mag heute als altmodisch erscheinen – es bleibt gleichwohl zeitlos gültig.

Zu erwähnen sei an dieser Stelle noch der Vorstand der Martin Buber-Gesellschaft:

Vorsitz: Lothar Stiehm, Verleger und Freier Lektor in Heidelberg
Stellvertretender Vorsitz: Prof. Dr. Ursula Frost, Prorektorin und Professorin für Allgemeine Pädagogik am Pädagogischen Seminar der Philosophischen Fakultät an der Universität zu Köln.
Schatzmeister: Stefan Brandel, Steuerberater und Geschäftsführer in der Treuhandgesellschaft Heidelberg
Schriftführer: Dr. Hans Maaß, Kirchenrat i. R., Karlsruhe
1. Beisitzer: Prof. Dr. Hans-Joachim Werner, Pädagogische Hochschule Karlsruhe
2. Beisitzer: Thomas Reichert, Freier Lektor, Stuttgart

Adresse: Geschäftsstelle der Martin Buber-Gesellschaft: c/o Lothar Stiehm, Marstallstr. 13, 69117 Heidelberg;

Adresse Redaktion „Im Gespräch“: c/o Thomas Reichert Gehenbühlstr. 21, 0-70499 Stuttgart, E-Mail: thj.reichert@t-online.de

Homepage: http://www.buber-gesellschaft.de (Verantwortlich Wolf-Thorsten Saalfrank / webmaster@buber-gesellschaft.de)

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