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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
Text und Regie: Rodrigo García
Mit: Patricia Lamas, Juan Loriente
Vor Beginn der Vorstellung gibt Manuela Weichenrieder vom German Stage Service im Foyer eine fünfminütige Einführung. Wir hören, dass das Stück mit einer Lesung des Phaëton-Mythos beginne; sein Inhalt - der Sohn des Sonnengottes will dessen Wagen über den Himmel steuern, stürzt jedoch ab und entzündet die Erde - wird kurz resümiert: "Griechenland war ja das Land, wo es diese Mythen gab, aber keine Angst, das wird hier jetzt nicht theorielastig". Sonst erfährt man leider weder über La carnicería teatro (das Schlachthoftheater), noch über die Aufführung Nennenswertes.
Im dunklen Bühnenraum liest Patricia Lamas den Text, den sie mit einer Taschenlampe anleuchtet. Eine Übersetzung wird, auch im weiteren Verlauf des Abends, an die Wand projiziert. Danach folgt die von Rodrigo García vorgenommene Adaption des Mythos an die Jetztzeit: unter Drogen und Alkohol stehende Jugendliche rasen mit ihren Motorrädern oder Autos bis zum unvermeidlichen Unfall-Ende über die Straßen.
Nun löst eine Performance die andere ab. Zunächst berichten die beiden Schauspieler, in Englisch, von ihrer Ankunft in Frankfurt und Marburg, die sie traurig gemacht habe - diese Stadtautobahn müsse doch weg (man kann ihnen nur zustimmen), jemand solle sich mit Blumen auf sie stellen, damit die Autos nicht mehr fahren könnten; Lamas macht nun einen Yoga-Kopfstand und Loriente klemmt ihr eine Plastik-Blumenvase zwischen die Füße. Es folgen Slapstick-Sterbeszenen. Ein Schwein stirbt, der Papst bei seiner Parkinson-Segnung (hier bekomme ich das erste Mal massive Probleme, denn "linke" Behindertenwitze sind doch genauso beschissen, wie alle anderen auch), endlich "ein Mensch" usw. Eine fürchterliche lange Passage heißt: "Ich möchte ... sein", nämlich Boris Becker, Georges Bush, dieser oder jener Filmschauspieler, endlich der Fußballer Maradona: jetzt wird dem Publikum vor Augen geführt, was falsche Lebens-Intensität ist, eine von den Medien, der eigenen Familie, Drogen fremdbestimmte Existenz. In einer weiteren Szenen wird der brutal-betrügerische Umgang mit anderen Menschen demonstriert. Der Mann gibt der Frau die Hand und greift ihr mit der anderen zwischen die Beine oder zieht sie auf die Erde, um ihr auf den Kopf zu treten usf.
All das ist bisweilen von Musik begleitet, und auch die Stimme wird als Instrument eingesetzt. Der Text wird manchmal nicht gesprochen, sondern herausgeschleudert, Lamas und Loriente zischen, pfeifen oder stöhnen, und es gibt Momente, in denen ich diese dadaistisch-hyperrealistische Collage gut finde. Im Ansatz entsteht ein Zwischen-Raum, weder Theater noch Wirklichkeit, aber von beiden etwas, das sozusagen, wie der Phaëton-Bericht, quasi-mythisch sein könnte. Aber so weit kommt es nicht. Das, was da vorne geschieht, wird immer brutaler und vulgärer. Schließlich holt Loriente, nachdem er sich eine schwarze Sado-Kappe über den Kopf gezogen hat, zwei ausgewachsene Kaninchen aus einem Pappkarton, hält sie mit Nackengriff gewissermaßen triumphierend über den Kopf, setzt sie dann auf einen Tisch oder die Erde, packt sie wieder, scheint dem einen einen Finger in den After (der Titel des Stücks bekommt so eine neue Bedeutung) zu stecken, den er dann ableckt, wird von angstvoll abgelassenem Urin bekleckert und deponiert die Tiere endlich auf einem Tisch am Bühnenrand, wo sie sich selbst überlassen bleiben.

Ein wenig später hat Lamas ihre Turnschuhe, in denen wohlgemerkt ihre Füße noch stecken, auf dem Tisch festgenagelt und fällt nun nach links oder rechts oder tanzt auf der Stelle, so überdeutlich machend, was es in dieser Gesellschaft mit unserer Existenz auf sich hat. Die brennenden Kerzen ihrer Geburtstagstorte werden von Loriente mit einem Motorradhelm, den er sich übergestülpt hat, ausgedrückt, sodass sein Gesicht hinter dem leicht angesengten, mit Tortenmatsch überzogenen Helm nicht mehr sichtbar ist. Erwähnt sei noch ein "spontan" eingefügter Bericht des Schauspielers über seinen psychischen Zusammenbruch nach einem Philosophie-Studium, der dazu geführt habe, dass er nun eine fünf-Punkte-Theorie aufgestellt habe, darunter "mit den Eiern denken", "sich seine Ideen in den Arsch stecken" usw. Das wurde alles anschaulich demonstriert, und ich glaubte schon das Ende der Vorführung gekommen, aber nun folgte noch die Szene, die zeigt, wie ein neu angestellter Arbeiter bei McDonald's in die Hamburger-Herstellung eingewiesen wird. Er verweigert sich letztlich, als ihm klar wird: "Unsicherheit ist das Salz des Lebens. Und jetzt ist es vorbei mit der Unsicherheit. Ich habe den Job, ich habe keine Unsicherheit, das heißt, ich habe auch nicht das Salz des Lebens."

Platter geht es ja eigentlich nicht mehr. Auch die zwischen dem Tohuwabohu immer wieder wie in Ruhe-Phasen rezitierten Gedichte reduzierten sich auf diese simple Antithese à la "der Name eines Menschen darf nicht in einem Alphabet stehen - niemand kennt den wirklichen Namen eines Menschen, er ist etwas Heiliges". Was gezeigt werden sollte, war sehr schnell klar. 'Wir leben in einer völlig brutalisierten Welt, in der die individuelle Hoffnung auf Besserung nur denjenigen, die uns beherrschen, nützt, soll sich etwas ändern, so macht kaputt, was euch kaputtmacht, kotzt es aus, brecht die Tabus, seid unregierbar.' Ist das Anarchismus? Nein, ganz sicher nicht. Die Haltung, die sich hier zeigt, ist nicht getragen von irgendeiner Form von ethischer Verantwortung für andere Menschen und auch für sich selbst, sondern drückt ausschließlich Sinnlosigkeit und Gewalt aus.
Umso überraschender war für mich die Reaktion des überwiegend jungen Publikums. Es stimmt zwar, die Aktionen der Schauspieler führten eine merkwürdige Mischung aus "Humor" und Brutalität vor, aber das fröhliche Gelächter, das selbst die schwärzesten "Witze" begleitete, wie auch den Sturz des einen verschreckten und desorientierten Kaninchen vom Tisch, berührte mich doch unangenehm. Drückte es Verlegenheit aus - ich glaube nicht - oder eine gewisse rohe Zustimmung zur Enttabuisierung, der Respektlosigkeit vor allem Menschlichen? Konnte sich die Häme gegenüber der politischen Macht und Herrschaft ungebrochen äußern, oder zeigte sich, unter dem Anschein von Kritik, die von den Medien Film und Fernsehen hergestellte gänzliche Unempfindlichkeit gegenüber jeder Sensibilität? Ich weiß es nicht. Aber die Frage, welche Bedürfnisse von einer solchen Aufführung eigentlich bedient werden, stellt sich, wie man sieht, mit einer gewissen Dringlichkeit.
Ich würde übrigens gern einmal eine Inszenierung sehen, die wirklich - etwa inspiriert von Antonin Artauds "Theater der Grausamkeit" und den frühen, noch ernstzunehmenden Stücken von Fernando Arrabal - einen quasi-mythischen Gegenwarts-Raum der Grausamkeit und des völlig Sinnleeren und doch und gerade Intensiven errichtete. E.M. Cioran berichtet von solchen Erfahrungen, von denen die spanische Gruppe weit entfernt war. Was sie auf die Beine brachte, war obszön, banal, gemein, simplifizierend und hinterließ ein mieses Gefühl - das sich heute, einen Tag nach dem Spektakel, schon völlig aufgelöst hat: ich stelle mit Erstaunen fest, dass eigentlich von dem Stück nichts übrig ist, es also keine Wirkung hat.
Sollte man so folglich nicht spielen? Dürfte man auf diese Weise nicht mit Gewalt im Theater umgehen? Ich antworte zunächst für mich: der schlechte Geschmack, der mir nach der Vorstellung blieb, rührte wohl daher, dass ich mich als Zuschauer vergewaltigt fühlte. Das freie und aktive Publikum, das sich Rolf Michenfelder, Sigrid Giese und Claudia Weiss vom Marburger German Stage Service wünschen (s. ihre Äußerungen im Forum-Beitrag: "Was ist "alternatives Theater?""), wurde in der Performance des Madrider Ensembles gleichsam in ein starres und instrumentalisiertes zurückverwandelt. Trotzdem, scheint mir, ist es legitim, auch so Theater zu machen. "After Sun" zeigt die Welt aus der Perspektive von Gewalt und Exzess. Wer sie ebenso sieht, wird seine Bedürfnisse, Ängste und Lüste in dem Stück ausgedrückt finden. Eine Totalisierung dieser Weltsicht jedoch ist nicht mehr möglich. Sie spiegelt ein existierendes Segment der Gegenwartsgesellschaft, und das ist alles. Seiner Gewalt wohnt nichts Befreiendes inne. Der Anspruch des "carnicería teatro", zu realem politisch-emanzipativem Engagement hinzuführen, ist scheinhaft.
Max Lorenzen