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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
Vorbemerkung der Redaktion:
Nach der Rezension des Buches von Friedgard
Thoma von Max Lorenzen erschien eine zweite im Marburger Forum von Frank Müller:
Eitle Gedankenkosmetik. Warum man sich den Briefwechsel zwischen E. M. Cioran und Friedgard Thoma getrost abschminken kann,
mit völlig anderer Akzentsetzung. Der Verleger Stefan Weidle fühlte sich ungerecht
behandelt und teilte das seinem Kritiker auch mit; der antwortete und so entspann
sich der folgende Disput. Er scheint uns ebenso reizvoll wie interessant, schon
deswegen, weil er zeigt, wie unterschiedlich bereits drei Leute vom Fach ein
und dasselbe Buch beurteilen können.
Darüberhinaus ist das in den folgenden
E-Mails angeschnittene Thema: "alter Mann und junge Frau" menschlich
bedeutend - ob der alte Mann nun Cioran heißt oder nicht.
Sehr geehrter Herr Müller,
ein bißchen überrascht war ich schon, eine weitere
Rezension unseres Buches in den Seiten des "Marburger
Forums" zu finden, denn Max Lorenzen hatte alles
Wesentliche bereits in seiner Besprechung in Heft 6, 2001
formuliert. Falls Sie den Text nicht kennen, finden Sie
ihn hier:
http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2001-06/thoma-cioran.htm
Selbstverständlich freue ich mich, daß nun ein zweiter
Text zu dem Buch erschienen ist, er beweist, daß die
Publikation wichtig war. Und auch wenn ich in manchem
anderer Ansicht bin, gilt doch Oscar Wildes Satz: "The
only thing worse than being talked about is not being
talked about." In "La Repubblica" erschien gestern eine
ganzseitige, sehr genaue und kluge Besprechung des Buches
von Franco Volpi, der das Buch ganz anders sieht als Sie.
Ohne daß er "arglos meine Beteuerungen nachbetet", wie Sie
schreiben.
In einem Punkt allerdings muß ich Ihnen widersprechen,
weil Sie eine sachlich falsche Behauptung aufstellen: Frau
Thoma hat alle Briefe Ciorans in ihr Buch aufgenommen, es
fand also keine Auswahl statt. Mehr Briefe gibt es
nicht.
Wären Sie ein sensiblerer Leser, wüßten Sie die Antwort
auf die für Sie offenbar einzige interessante Frage: Haben
sie oder haben sie nicht? Aber dann hätten Sie vermutlich
nicht einen so oberflächlichen Artikel geschrieben
(immerhin muß er nicht mehr in den "Jargon des Boulevards"
übersetzt werden).
Mit Dank und besten Grüßen,
Ihr sehr ergebener
Stefan Weidle
Weidle Verlag,
Beethovenplatz 4,
53115 Bonn,
Tel.: 0228 632954,
Fax: 0228 697842
http://www.weidleverlag.de

Sehr geehrter Herr Weidle,
ich habe die Besprechung ursprünglich für
literaturkritik.de verfasst, wo sie im August auch
erscheinen wird. Herr Lorenzen und ich waren aber der
Ansicht, dass die Rezension vorab zusätzlich im Marburger
Forum erscheinen könnte, da es immer spannend ist, wie
unterschiedlich ein- und dasselbe Buch
verschiedene Rezensenten "anspringt".
Danke auch für die Richtigstellung meines sachlichen
Patzers. Daran gibt es sicher nichts zu rütteln. Trotzdem
meine ich, dass in dem Buch eine "Auswahl" (im Sinne von
Urteilsbildung) auch über die Darstellung und
Kommentierung getroffen wird. So finden sie mich zumindest
erkenntnistheoretisch auf der sicheren Seite.
Die Frage "Haben Sie oder haben sie nicht" interessiert
mich sicher - nicht. Vielmehr ist es so, dass die Autorin
eine solche Wahrnehmung provoziert. An mir lag es nur, das
festzustellen. Und bitte grämen Sie sich nicht wegen einer
Kritik, die nur an der Oberfläche kratzt. Ich meine das
ganz unpolemisch.
Schönen Gruß,
Frank Müller
Lieber Herr Weidle,
Frank Müller hat mir Ihre E-Mail an ihn und seine Antwort
zugeleitet. Natürlich habe ich Verständnis für Ihre
Reaktion. Wie Sie wissen, sehe ich das Buch anders, aber
es schien mir tatsächlich lohnend, diese beiden so
unterschiedlichen Kritiken aufeinander zu beziehen.
Wer hat nun Recht, oder liegt die Wahrheit etwa in der
Mitte? Nein, ich denke nicht. Es gibt die Möglichkeit,
verschiedener, sich gegenseitig ausschließender
Standpunkte - die sich paradoxerweise tolerieren und so
vielleicht gar miteinander kommunizieren können.
Die besten Grüße aus Marburg und alles Gute Ihnen und dem
Verlag,
Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen,
ich habe inzwischen recht eifrig mit Herrn Müller
korrespondiert und ihm gestattet, Ihnen die Korrespondenz
zugänglich zu machen. Ich habe dem auch nichts weiter
hinzuzufügen. Es ist in der Tat möglich, zwei so
unterschiedliche Rezensionen nebeneinander zu lesen; dabei
fällt jedoch auf, daß Herr Müller am Wesentlichen des
Buches vorbeigeschrammt ist. Das hätte mich nicht dazu
gebracht, ihm zu widersprechen, wäre da nicht der sehr
unschöne Satz, die Rezensenten hätten meine "Beteuerungen
nachgebetet". Er ist beleidigend und falsch. Und die
Behauptung, Frau Thoma hätte eine Auswahl aus den Briefen
getroffen, ist ebenfalls sachlich falsch. Aber über solche
Kleinigkeiten kann ich hinwegsehen.
Mit herzlichen Grüßen,
Ihr sehr ergebener
Stefan Weidle
Sehr geehrter Herr Müller,
nein, ich gräme mich durchaus nicht und bin wie Sie
meilenweit entfernt von jeder Polemik. Ich frage mich nur,
woher Sie die Informationen über meine Stellung gegenüber
Gallimard haben. Und es gefällt mir nicht unbedingt, daß
Sie mich, wenn Sie mir "Beteuerungen" attestieren,
zumindest zwischenzeilig
einen Heuchler nennen. Das geschieht, weil Sie mein wahres
Motiv für die Publikation des Buches nicht kennen. Mir
ging es nämlich überhaupt nicht um Cioran, der mich als
Philosoph nie besonders interssiert hat, weil ich ihn für
einen Proselytenmacher hielt (vielleicht zu Unrecht). Mir
ging es ausschließlich um die paradigmatische Beziehung
zwischen dem alten Mann und dem jungen Mädchen. Oder
zwischen dem Geist und dem Eros.
Ich kenne viele solcher Beziehungen und habe mich immer gefragt, welche Mechanik es ist, die sie zustande bringt. Denn in allen Fällen hält sich der alte Mann für um seiner privaten Person willen geliebt, während er's doch seiner öffentlichen wegen ist. Es ist dies der Punkt, an dem selbst ein Denker wie Cioran "auf sich selbst hereinfällt" (wie mein Hausgott Doderer das nennt).
Bislang kennt man das Thema nur aus der Darstellung des Älteren, und zumindest ich wußte nicht, wie die Strategien der jungen Damen angelegt sind. Diesen Aspekt der Angelegenheit kann man in Friedgard Thomas Buch ganz wunderbar studieren, und das sehen Sie ganz richtig, nur eben negativ wertend, was Sie nicht sollten. Deshalb auch habe ich an keiner Stelle in das Manuskript eingegriffen (etwa um die Autorin vor sich selbst zu schützen, wie mir mancher Manuskriptleser nahelegte). Nein, die Wahrheit, um die es mir ging, war nur so zu haben, und immerhin war das Manuskript von zwei wesentlich klügeren Menschen als mir abgesegnet: Ulrich Horstmann und Günter Schulte (mit dem Friedgard Thoma lange verheiratet war).
Ciorans Andenken kann man damit nicht schaden, da er deutlich als Opfer erscheint und stets seine Würde behält - wäre es anders, dann und nur dann hätte ich das Buch nicht publiziert. Und seine Briefe haben mit seinem Werk nun wirklich nicht das geringste zu tun: Hätte man den Namen anonymisiert, wäre niemand auf die Idee gekommen, es handele sich um Cioran. Da geht es einfach um einen alten Mann, der etwas sucht, was er nur bei einer jungen Frau zu bekommen meint. Und sich darin, wie vermutlich alle diese alten Männer, irrt. Einer der ersten Leser war übrigens ein eitler älterer Herr mit junger (Zweit- oder Dritt-)Frau: Er las das Buch in einer Nacht und kam am nächsten Morgen wütend zu mir und wollte mir fast die Freundschaft kündigen. Es tat mir wohl zu sehen, daß die Wahrheit, die das Buch enthält, bemerkt wurde. (Sie möge auch mich eines Tages davor bewahren, auf mich selbst hereinzufallen.)
Sie haben diese Wahrheit gesehen, aber nicht erkannt, daß
diese die Botschaft des Buches ist und nicht Ciorans
Philosophie. Max Lorenzen hatte das genau beschrieben,
wenn er Frau Thoma eine Nicht-Autorin nennt. Eine Autorin
nämlich hätte niemals so ungeschminkt geschrieben. Ich
meine das keineswegs negativ: Man kann auch sagen, Frau
Thoma hat Mut gehabt, sich der Wahrheit zu stellen.
Wenn ich also Ihre Besprechung oberflächlich nannte, so
deshalb, weil Sie an diesem Einzelfall kleben geblieben
sind und das darunterliegende "Lehrstück" nicht lesen
konnten.
Mit besten Grüßen,
Ihr sehr ergebener
Stefan Weidle
Sehr geehrter Herr Weidle,
Dank für die ausführliche Stellungnahme. Die
"Beteuerungen" sollten nicht pejorativ klingen, Ihre
Position gegenüber Gallimard konnte ich in einer der
beiden Besprechungen nachlesen, die ich vor Abfassung des
Textes herangezogen habe.
Es liegt mir natürlich fern, über eine private
Korrespondenz eine Philosophie denunzieren zu wollen - das
versucht meine Besprechung doch auch gar nicht. Ich habe,
das sehen Sie schon richtig, vielmehr einen einzigen
Aspekt isoliert und anderes programmatisch ausgeblendet.
Für den aufmerksamen Leser ist diese Beschränkung und
Selektivität doch unmittelbar augenfällig, weshalb er sich
ohne weiteres trotzdem für das Buch interessieren kann.
Die Rezension kann, wenn Sie so wollen, durchaus mit der
von Herrn Lorenzen koexistieren.
Wenn Sie schreiben, die Wahrheit des Buches sei, daß
Thoma sich und ihre Motive unwissentlich selbst darstelle
und der Band damit deutlich über die Intentionen der
Autorin hinausschießt, so haben Sie sicherlich Recht. Das
eben habe ich versucht - den Briefwechsel
"gegenintentional" zu lesen und über das Gegebene
hinauszufragen. Mir schien dies umso wichtiger, da Thomas
Doppelrolle als Briefeschreiberin und Kommentatorin der
eigenen Korrepondenz in dem Buch nur sehr wenig Platz läßt
für das, was nicht die Autorin ist. In einen solchen
Kreislauf greift eben später niemand mehr ungestraft mehr
ein - noch dazu, wenn die Auslegungsdirektiven
gewissermaßen frei Haus mitgeliefert werden.
Mit anderen Worten: Wenn ein Buch so atemberaubend wirkt
wie dieser Band durch seine Selbstimmunisierung, tut der
Rezensent gut daran, die Ohren auf Durchzug zu stellen.
Das wird auch der Grund sein, weshalb sich in der
Bewertung des Beobachteten und Herauspräparierten unsere
Geister scheiden. Ich werde Ulrich Horstmann, den ich
nächste Woche treffe, einmal in dieser Angelegenheit
befragen. (Ich habe schon zu ihm publiziert und war,
ehrlich gesagt, ein wenig erschrocken, als ich las, daß er
zu den Förderern der Ausgabe gehört). Eines noch: Ich habe
mir lange überlegt, ob ich die Besprechung in dieser Form
einreichen kann und die Entscheidung erst nach
sorgfältigem Abwägen getroffen.
Mit besten Grüßen aus Frankfurt am Main,
Frank Müller
Sehr geehrter Herr Müller,
ich verstehe Ihre Position durchaus und sehe mich auch
nicht genötigt, Ihnen gegenüber eine Lanze
für Frau Thoma zu brechen. Herr Lorenzen (der unsere
Korrespondenz natürlich mitlesen darf) liegt mit seiner
Einschätzung zwar meiner Erfahrung nach falsch, aber man
kann Frau Thomas fast selbstentblößende Offenheit sicher
so lesen wie er. Ich akzeptiere diese Einschätzung sogar,
auch wenn sie am Kern der Sache vorbeigeht und sich mit
einem Aspekt des Buches beschäftigt, den ich für
unwesentlich halte, nämlich der Person der Autorin. Wie
sagt Doderer hingegen? "Das einzige argumentum ad rem ist
das argumentum ad personam" (so oder ähnlich). Aber wenn
Sie das für wesentlich halten, sei Ihnen das freilich
unbenommen.
Wenn es noch die Möglichkeit einer Änderung Ihres Artikels
bei literaturkritik.de gibt, so würde ich Sie bitten, das
Wort "Beteuerungen" zu ersetzen, wenn Sie es tatsächlich
nicht pejorativ gemeint haben; es kommt pejorativ beim
Leser an und gibt die Sachlage auch stark verkürzt wieder:
Ich hatte eigentlich darauf gebaut, nie etwas von
Gallimard in dieser Angelegenheit zu hören, und erst als
ich durch deren Rechtsabteilung aufgefordert wurde, das
Buch einstampfen zu lassen, habe ich Position bezogen. Ich
wollte wahrlich niemandem schaden und habe zwar
verstanden, daß der Gralshüter Ciorans das Buch gerne
verhindert hätte, ging aber davon aus, daß er sich mit der
Tatsache der Publikation abfinden würde, schon um einen
Skandal zu verhindern, der dem Buch doch erst richtig
Aufmerksamkeit verschafft hätte.
Übrigens hängt nach wie vor eine Klageandrohung über mir,
ein deutscher Anwalt aus der Hauskanzlei des Suhrkamp
Verlags ist inzwischen betraut worden, mich zu verklagen.
Meine Frist, die Bücher zu vernichten und mich in Sack und
Asche zu gewanden, ist am 25. Juni abgelaufen. So sehe ich
einem sicher endlosen Gerichtsverfahren entgegen, worauf
ich nun wirklich keine Lust habe. Das Buch verkauft sich
außerdem erbärmlich schlecht, erst 500 Exemplare gingen
über jene Bretter, die wirklich die Welt bedeuten, nämlich
die Ladentheke. Da Verrisse mehr Bücher verkaufen als
Lobeshymnen, erreichen Sie mit Ihrem Artikel vielleicht
mehr für das Buch, als Sie wollten.
Ich könnte noch lange mit Ihnen debattieren, doch fürchte
ich, daß unsere Meinungen zu sehr divergieren, um einen
Konsens zuzulassen. So würde ich z.B. immer behaupten, daß
Cioran "unverfälscht" aus seinen Briefen spricht, da jeder
sensible Leser das Rankenwerk, das die Autorin darum
arrangiert, sofort durchschaut und auf den Kern der Sache
blickt. Gerade weil sie sich mit Ciorans Augen sieht und
sehen will, macht Frau Thoma im Grunde gar keinen Versuch,
etwas zu verfälschen, was Ciorans Äußerungen
anlangt.
Etc.pp.
Beste Grüße,
Ihres ergebenen
Stefan Weidle
Sehr geehrter Herr Weidle,
ich werde versuchen, den unliebsamen Begriff
"Beteuerungen" aus der literaturkritik.de-Besprechung
herauszuhalten, falls ich noch die Möglichkeit dazu
habe.
Ich habe mich zeitweise relativ ausführlich mit den
Fallstricken biographischer Interpretationsansätze
beschäftigt und halte es eher mit Roland Barthes ("Der
Literatur das Individuum amputieren!") als mit jenen, die
einen Text auf die Absichten oder die Person des Autors
reduziert sehen wollen. (Ein klug zusammengestelltes
Bändchen dazu ist übrigens 2000 im Reclam-Verlag
erschienen: Fotis Jannidis u.a. (Hrsg.). "Texte zur
Theorie der Autorschaft")
In diesem Fall scheint mir die Sache jedoch anders zu
liegen: Frau Thoma erschafft durch die gewollte oder
ungewollte Inszenierung ihrer Person ja ein textuelles
Konstrukt (sprich: eine Figur), deren Schlüssigkeit sehr
wohl zur Disposition steht. Sie haben es, wenn Sie es
wollen, mit einem Spezialfall einer literarischen
Autobiografik zu tun.
Etwas schmunzeln muß ich über ihre Einlassung, daß der
sensible Leser Frau Thoma durchschauen wird. Bisweilen
wird das sicher der Fall sein. Aber ist es nicht schade,
daß der eigentliche Sinn des Buchs dann nur vermittelt
über eine "List der Vernunft", d. h. über den Umweg einer
(erhofften?) Selbstdenunzierung der Autorin zu haben ist?
Natürlich kann ich die Belastungen der Ihnen ins Haus
stehenden Klage mitfühlen. Das haben das Buch und sein
Verleger nicht verdient. Also trotz allem viel Erfolg mit
dem Titel
und beste Grüße,
Frank Müller
P.S.: Kopie an Herrn Lorenzen, da Sie dies ausdrücklich
gestattet haben.