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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
Buch des Monats Oktober
Paul Celan / Gisèle Celan-Lestrange: Briefwechsel. Gelesen von Bodo Primus und Eva Garg. Auswahl und Einleitungstexte: Barbara Wiedemann, Regie: Peter König. 3 CDs, Gesamtlaufzeit ca. 222 Minuten, Produktion: Saarländischer Rundfunk. Der Hörverlag, München 2002, ISBN 3-89584-719-4, 23,90 €
Wer den Beginn dieses Briefwechsels rezipiert, meint zu wissen, worauf er sich einlässt. Gisèle Lestrange, die adelige Künstlerin, ebenso formbewusst wie sensibel, schreibt 1951 an den seit drei Jahren in Paris lebenden Paul Celan, sie "möchte, dass du sehr glücklich bist (...) Es muss sehr schwierig sein, einen Dichter zu lieben, einen schönen Dichter. Ich fühle mich deines Leben, deiner Dichtung, deiner Liebe so unwürdig." Celan antwortet, er empfinde Freude und Angst; die Freude müsse "umso größer gewesen sein, (...) als die Angst, die immer gegenwärtig ist, wenn das Herz überrascht wird, sich zu Anfang gefährlich eingemischt hatte." Gisèle Lestrange wiederum weiß ihren Geliebten "zugehörig dem Geschlecht der ganz Seltenen und ganz Hohen" und versichert ihm: "Wir beide werden immer zusammenbleiben" - "Es wird ganz wunderbar sein, an deiner Seite zu leben." Diese beiden Voraussagen sind, wir wissen es, nicht eingetroffen. Trotz dieses Vorwissens jedoch stellt sich bei demjenigen, der nun die Stationen des Lebensweges Gisèle Celan-Lestranges und ihres Mannes in der Lesung ihrer Briefe verfolgt, ein immer stärkeres Erschrecken ein. Man wusste nicht, gar nicht, worauf man sich einließ.

Die Auswahl, die Barbara Wiedemann aus den 737 Briefen für diese Aufnahme getroffen hat, erlaubt es, die Entwicklung und das schreckliche Scheitern einer Beziehung, sowie der Existenz Celans überhaupt, nachzuvollziehen. Bodo Primus und Eva Garg lesen, unter der Regie Peter Königs, ebenso zurückhaltend wie eindringlich; dazwischen erklingt von Zeit zu Zeit die härtere Stimme Barbara Wiedemanns, die wünschenswerte Erläuterungen gibt. An den drei CDs des Hörverlags ist schlechterdings nichts auszusetzen. Sie lassen in akustischer Präsenz zwei Jahrzehnte eines Schicksals erstehen, das in seiner Bodenlosigkeit den Hörer ergreift und ihn in die tiefsten Abgründe der Melancholie hinabziehen könnte, wenn ihn nicht eben der Wille, standzuhalten, der beiden Menschen, die hier miteinander reden, davor bewahrte. Also verfolgt man beinahe wie in einem Hörspiel den Dialog eines realen Lebens. Aber sein Unausweichliches erfasst einen gleichsam hinterrücks: die Freiheit des Rezipenten, die von der Aufnahme niemals beschnitten wird, erzeugt es von sich aus mit.
Die anfängliche Hoffnung Gisèle Celan-Lestranges’, dem Dichter in seiner gefährdeten Existenz beistehen zu können, drückt sich in Sätzen wie dem folgenden aus: "(...) man darf den Bösewichten keinen Platz mehr lassen, und ich möchte sie aufzuhalten im Stande sein, bevor sie deine Ruhe und deinen Frieden stören, diese unbedachten, niederträchtigen Hampelmänner". In den ersten Jahren variieren die liebevollen Anrede- und Schlussformen der Briefe gleichsam kunstvoll. Auch dieses Ehepaar jedoch bleibt von den üblichen Krisen nicht verschont. 1957 kommt es zu einer Zuspitzung, als Paul seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann wieder aufnimmt. Ab 1960 eskaliert die Goll-Affäre. Die Witwe des großen, 1950 gestorbenen Dichters tut dem Werk ihres Mannes wahrlich keinen Gefallen, als sie Plagiats-Vorwürfe gegen Celan erhebt. Das Widerwärtige dieses Vorgehens zerrüttet zusätzlich dessen psychisches Gleichgewicht, sodass er sich 1962/63 das erste Mal zur Behandlung in eine psychiatrische Klinik begeben muss. Weitere Aufenthalte - auch Zwangseinweisungen - folgen in den Jahre 1965 - 1969. Um den gemeinsamen Sohn Eric zu schützen, entscheidet sich Gisèle 1967, getrennt von ihrem Mann zu leben. Sie weiß inzwischen längst: "Es ist so schwer, jemandem helfen zu können. Auch das mitzuerleben, ist hart, weißt du". Schon früher hat sie geschrieben: "Die Welt ist wirklich voller Abscheulichkeiten. Das Unglück ist grenzenlos, und man kann nichts dagegen tun. Jedesmal, wenn es kommt, erinnert es uns daran, wie wenig wir auf Erden sind, und von neuem überkommt uns das Unverständnis vor dem Leben, das Aufbegehren angesichts der Ungerechtigkeit (...)".
Immer wieder im Verlauf der Jahre finden sich in den Briefen beider Sätze, die wie Beschwörungsformeln klingen. Aus den Briefen Celans: "Ich weine, aber ja, doch in diesen Tränen komme ich mit Ihnen zusammen, mit Ihnen und unserem Sohn Eric, mit Ihnen und unserem Leben, unserem Leben zu dritt, das, nicht wahr, seine Helligkeit bewahrt und bewahren wird, seine Sterne, seine Sonnen, sein Haus"; "daher finde ich in dem Augenblick, in dem ich diese Zeilen schreibe, das Leben wieder, die Wirklichkeit, die Zukunft. Wir werden standhalten, mon amour". Gisèle antwortet etwa: "Unsere Liebe, die in großen Schwierigkeiten steckt, wird die stärkere sein. (...) Sie wird dafür sorgen, dass wir standhalten (...). Aber wir werden wieder hochkommen", und sie zitiert den Vers "Wir sind es noch immer" aus der Niemandsrose.
Schließlich jedoch schreibt sie die vielleicht traurigsten Sätze des Briefwechsels: "Ich kenne die Worte, auf die du hoffst und die ich nicht sagen kann. (...) Das Leben ist sehr böse". Und wenig später: "Aber für meine Stunden schlimmster Verzweiflung sind allein die Wände meines Zimmers Zeugen".
Diese Frau, auch sie Künstlerin, und der egozentrische jüdische Dichter, der an der schlimmsten kollektiven Leidensgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts partizipiert, haben sich geliebt und in ihrer Liebe eine solche Einsamkeit erfahren, eine solche furchtbare Unmöglichkeit, einander zu helfen, dass der immer erneute Versuch: trotz dieses Wissens, durch die Betonung des gemeinsamen Schicksals den Schmerz des jeweils anderen zu lindern, wie ein letztes Sich-Auflehnen gegen die Bösartigkeit der Welt anmutet. Wenn Gisèle Celan-Lestrange ihrem Mann sagt, "die Realität (sei) oft so hart, dass ich nicht vermag, die Tatsachen anzuerkennen", so begreift und empfindet sie in diesem Moment, wie schonungslos die Wirklichkeit auf ihn eindrängt.
Man ist versucht, den Untergang der Beziehung dieser beiden Menschen, gerade weil sich ganz am Schluss, kurz vor dem Selbstmord Celans, wieder andere Töne in die Briefe mischen, doch auch als im Scheitern quasi gelingende Bemühung um echte, liebende Kommunikation anzusehen. Eine solche einseitige Interpretation wäre jedoch eine Beschönigung. Das, was das Paar erhoffte und erstrebte, ist misslungen: es zerbrach an der äußeren - und inneren - Brutalität des Daseins. Dennoch wäre es genauso falsch, ja unzulässig, den Finger einfach darauf zu legen, dass im Grunde das letztendliche Stranden aller Glückserwartung der anfänglichen Hoffnung schon einbeschrieben sei. Vielleicht käme man der Wahrheit dieses Lebens näher, wenn man die beiden genannten Aspekte, wiewohl sie sich ausschließen, zusammennähme. Der Untergang ist unvermeidlich, jede Liebe ist dem Gesetz der Zeit, der Vergänglichkeit, unterworfen und erfährt in der Bedrängnis vielmehr ihre Schranken, statt Bestätigung und Vertiefung. Wenn sich aber das Gefühl gegen seine eigenen Bedingungen auflehnt, appelliert es an ein Unmögliches und schafft so ein Bild von Treue und Verständnis, das uns wie ein schöner Schein fesselt und wahr und falsch zugleich ist.
Dieses Bild stiftet gerade keinen Trost in unserem täglichen Dasein. In ihm haben wir zudem meistens keinen tieferen Trost nötig. Brauchen wir ihn, so merken wir, dass es ihn nicht gibt. Ein wahres Leben - nicht ein gutes, sondern ein solches, dass der Realität mitten ins Gesicht schaut - kann es vielleicht erst jenseits des Trostes, mitten in seiner gänzlichen Abwesenheit, geben. In diesen Bezirk einer völlig offenen, schonungslosen Welt, führt die Lyrik Celans. Der Briefwechsel der Eheleute geleitet den Hörer an seine Schwelle.
Max Lorenzen