Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 5


Georg Büchner: Dantons Tod

Das Hessische Landestheater Marburg

Premiere: Samstag, 12. Oktober 2002

 

Inszenierung: Ekkehard Dennewitz
Ausstattung: Klaus Weber
Dramaturgie: Anne-Kathrin Guder

Spielfassung basierend auf der Fassung des Deutschen Theaters/Berlin

Georg Danton: Peter Radestock
Robespierre: Thomas Streibig
St. Just/Camille Desmoulins/Junger Mann: Bernhard Hackmann
Lacroix: Stephan Gille
Legendre/Fouquier-Tinville/Öffentlicher Ankläger/ Erster Bürger/Bürger/Henker: Jochen Nötzelmann
Simon/Souffleur/Herman/Präsident des Revolutionstribunals: Jürgen Helmut Keuchel
Hérault-Séchelles/Collot d’Herbois/Dritter Bürger: Peter Meyer
Mercier/Zweiter Bürger/Ein Deputierter: Michael Boltz
Philippeau/Ein Lyoner/Junger Herr: Gabriel Spagna
Julie/Madame/Guillotinenbetschwester/Robespierres Schatten: Uta Eisold
Lucile/Grisette/Adelaide/Dame: Johanna Bönninghaus
Marion/Erste Bürgerin/Grisette/Dame/Guillotinenbetschwester: Nadine Pasta
Weib Simons/Rosalie/Grisette/Dame/Eugenie/Zweite Bürgerin/ Guillotinenbetschwester: Iris Stibbe

 

Was hält Theaterstücke jung, obgleich die Zeit, in der sie geschrieben wurden, längst vergangen ist? "Dantons Tod" wäre auch schon für Büchners Zeitgenossen schwere Kost gewesen: der Text enthält eine nihilistische Philosophie, ein politisch-revolutionäres Programm, Reflexionen über das Theater, er setzt in vielen Anspielungen Kenntnisse des Verlaufs der französischen Revolution voraus, und seine Sprache ist hochkomplex. Aber die Lektüre, und erst recht eine gute Inszenierung des Schauspiels dringen unter die Haut und lösen im Leser oder Zuschauer unweigerlich eine Konfrontation mit den Bedingungen der eigenen Existenz aus.

Es ist also keineswegs ein leichter Zugang, der Stücke spielbar bleiben lässt, sondern im Gegenteil eine innere Radikalität, ja Rücksichtslosigkeit sich selbst und den Rezipienten gegenüber. Wer sich auf Büchner einlässt, gelangt in eine Zone, in der das Leben, des einzelnen Menschen, der Gesellschaft, ja, der Welt überhaupt, auf ungeheuerlichste Weise in Frage steht. Man vergleiche etwa die literarisch in sich völlig lügenhafte Modernisierung - vielmehr ein Total-Ausverkauf des Theaters - der "Nibelungen" von Moritz Rinke, mit deren schmierenkomödiantischer Aufführung sich Worms als Festspielstadt etablieren möchte, nur eine Minute lang mit Büchners Drama. Man begreift sofort, dass es bei Büchner ums Ganze geht, bei dem Autor des "Nibelungen"-Verschnitts aber um einen Augenblickserfolg, erkauft mit schrankenloser Anpassung an den vorgeblichen Zeitgeschmack. Ein solches Unternehmen veraltet mit rasanter Geschwindigkeit.

Die Antwort auf die Frage, was Stücke jung hält, kann also mit der, was andere alt werden lässt, gegeben werden. Diese sind gänzlich (oder jedenfalls überwiegend) auf äußere Wirkungen hin konzipiert, zu Lasten ihrer Binnenstruktur, die verkümmert oder sogar abstirbt. Die Auseinandersetzung mit der jeweiligen Gegenwart muss mit dem inneren Schwerpunkt eines Schauspiels kommunizieren, sonst bleibt sie hohl und phrasenhaft. Das gilt aber auch für Inszenierungen sogenannter klassischer Stücke. Mancher Regisseur glaubt heute, es genüge, Romeo mit einer Elektrogitarre auftreten zu lassen, um einen Zeitbezug herzustellen. In Marburg gab in der letzten Spielzeit Gabriele Gysi ein Beispiel solch absolut platitüdenhafter Umsetzung von Goethes "Clavigo".

Thomas Streibig (Robespierre)   Peter Radestock (Danton)

Ekkehard Dennewitz geht anders mit seinem Stoff um, gekonnter und verantwortungsvoller. Er scheut sich nicht davor, den Zuschauern die Begegnung mit einer anderen Epoche zuzumuten - und zuzutrauen! - und ermöglicht so in seiner Inszenierung den Bezug zweier verschiedener Ebenen. Die Schauspieler agieren in einem Raum, der von wenigen Treppen- und Podest-Elementen, sowie ständig wechselnden Stoffbahnen gebildet wird. Das Bühnenbild von Klaus Weber unterstützt auf hervorragende Weise, was Dennewitz intendiert: den ambivalenten Eindruck einer stillstehenden und sich dennoch, in der Auseinandersetzung zwischen Robespierre und Danton, dramatisch zuspitzenden Zeit zu vermitteln.

Diese merkwürdige, ja paradoxe Zeitstruktur gehört zum Kern des Dramas. Mitten in der französischen Revolution, "zu einer Zeit, wo der Gang der Geschichte rascher ist", wie St. Just sagt, gelangt Danton zu der Erkenntnis von der unausweichlichen Langeweile unseres Daseins. Die Menschen sind nur Maschinen, "Automaten", wie es in den Briefen Büchners oder in "Leonce und Lena" heißt, "Puppen (...) von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst! Die Schwerter, mit denen Geister kämpfen, man sieht nur die Hände nicht, wie im Märchen" (Danton). Die Einsicht in die völlige Sinnlosigkeit unserer Existenz soll erstaunlicherweise ebenso eine republikanische Staatsform ermöglichen (Hérault: "Wir Alle sind Narren es hat Keiner das Recht einem Andern seine eigentümliche Narrheit aufzudringen"), wie sie andererseits eine Weltsicht erzeugt, die jedes Handeln unmöglich macht: "Das Nichts hat sich ermordet, die Schöpfung ist seine Wunde, wir sind seine Blutstropfen, die Welt ist das Grab worin es fault" (Danton); "Das leiseste Zucken des Schmerzes und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riss in der Schöpfung von oben bis unten" (Payne, in dieser Fassung gestrichen; Lucile drückt dasselbe aus: "Der Strom des Lebens müsste stocken, wenn nur der eine Tropfen verschüttet würde. Die Erde müsste eine Wunde bekommen von dem Streich.").

Peter Radestock (Danton)   Nadine Pasta (Marion)

Die Hellsicht, die Büchner sich und uns abverlangt, hat etwas gleichermaßen zerstörerisches wie intensivierendes. Das wirkliche, unverstellte Leben ist eine "Hure", es existiert, sagt uns seine Inkarnation Marion, als "ununterbrochenes Sehnen und Fassen, eine Glut, ein Strom". Und Camille, das Spiegelbild Dantons, beschreibt es so: "Von der Schöpfung, die glühend, brausend und leuchtend, um und in ihnen, sich jeden Augenblick neu gebiert, hören und sehen sie nichts. Sie gehen in’s Theater (...)", nämlich die Menschen-Automaten, die sich Anblick und Erkenntnis dieses Lebens zu ersparen suchen.

In Büchners Drama treffen revolutionäres Engagement und Nihilismus in krassester Form aufeinander. Aus der Unmöglichkeit einer beruhigenden Synthese entsteht die ungeheure Spannung dieses Stücks. Wir können uns ihr nicht entziehen, weil beide Momente zu den Bedingungen der Moderne und, in abgewandelter Form, Nachmoderne gehören.

Die Marburger Aufführung arbeitet diese Komponenten des Dramas präzise heraus und setzt sie wirksam um. Immer wieder und über weite Strecken entsteht so der Eindruck, authentisches Theater zu erleben. Die dreizehn Schauspieler, die insgesamt fünfundvierzig Rollen verkörpern!, spielen konzentriert und mit vollem Einsatz. Sie schaffen, geleitet von einer äußerst überlegt operierenden Dramaturgie, eine Atmosphäre, die die Zuschauer emotional und existenziell anspricht. Nadine Pasta überzeugt als Marion - sie stellt die "göttliche Hure" ohne jeden Zug ins vulgäre dar, Bernhard Hackmann gibt einen beklemmenden St. Just, dann wieder einen noch jugendlich-enthusiastischen Camille. Thomas Streibig und Peter Radestock arbeiten gleichsam gemeinsam an dem Bild des Gegensatz-Paares des Dramas, dem ressentiment-geladenen, alles seiner Tugend-Vorstellung, in Wirklichkeit aber seinem Machthunger opfernden Robespierre und dem "epikureischen" Philosophen und müde gewordenen Revolutionär Danton.

P. Radestock (Danton)   Johanna Bönninghaus (Lucile)   Bernhard Hackmann (Camille Desmoulins)

Die Höhepunkte der Inszenierung scheinen mir im ersten Teil, vor der Pause, zu liegen. Der dritte und vierte Akt, immerhin das halbe Stück, machen weniger als ein Drittel der Spielzeit aus. Die Gefängnis-Szenen wurden so stark gekürzt, dass auch wesentliche Text-Passagen fortfielen. Die Figur der Lucile (Johanna Bönninghaus), der Büchner die Gestaltung der Schlusspassagen seines Dramas überträgt, scheint mir falsch konzipiert. Der unbefangene Zuschauer dürfte kaum verstehen, dass sie wahnsinnig wird, ihr großer Monolog, aus dem das oben angeführte Zitat stammt, trägt nicht recht, und das von ihr auf den Stufen der Guillotine gesungene "Es ist ein Schnitter, der heißt Tod", mit dem sich um diesen Menschen - wie eigentlich um jeden - eine furchtbare Zone der Einsamkeit und des Schmerzes bilden müsste, geht in Geschrei unter.

Uta Eisold (Julie)   Peter Radestock (Danton)

Weiterhin ließe sich noch kritisieren, dass die Gestalt des Robespierre insgesamt zu linear gezeichnet wird, die Brüche in seiner Psyche, der Versuch, sich selbst vom eigenen Tugendbegriff zu überzeugen, zu wenig Berücksichtigung finden. Übrig bleibt so eine Art Großinquisitor. Danton hingegen wirkt zu sehr als müder alter Mann, über dessen ständigen erotischen Appetit man sich ein wenig verwundert. Büchner schildert den Fünfunddreißigjährigen als ebenso desillusionierten, wie lebens-begierigen Mann, der dem Nichts, das seine Philosophie ihm zeigt, im Dasein nicht standhält und nicht standhalten will. Seine Frau, wie die Geliebte des Freundes, Lucile, hingegen treten damit, dass sie ihren Männern in den Tod folgen, für eine andere Welt ein, die nicht das "Chaos", das "Nichts" (Danton), sondern die am Ende von "Leonce und Lena" geschilderte Utopie der Liebe wäre - sie ist jenes x, für das Danton "keinen Namen" hat. Büchner lässt hier nicht etwa ein Schlupfloch: der Bereich dieser Liebe, wie überhaupt des wirklichen Lebens, ist das Sterben, das Hingehen zum Tod, in dessen Zone sich beinahe alle Hauptpersonen des Stücks von Anfang an bewegen.

Die genannten Kritikpunkte ändern jedoch nichts am Gesamteindruck. Das Marburger Schauspiel bietet einen großen Theaterabend. Der Inszenierung von Ekkehard Dennewitz gelingt ein Brückenschlag von Büchners Revolutionsdrama zu den Problemen der Nachmoderne, die sich unter anderem, und nicht zuletzt, auch darin zeigen, dass wir gar keine Stücke haben, die unsere Existenz mit einer Büchner vergleichbaren Rigorosität zur Sprache brächten.

Max Lorenzen

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