Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 5


Iwan Goll: Die Eurokokke. Roman. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Barbara Glauert-Hesse. Faksimile der im Martin Wasservogel Verlag, Berlin 1927, erschienenen Erstausgabe. Mit neun Zeichnungen von Georges Annenkoff. Wallstein Verlag, Göttingen 2002, ISBN 3-89244-515-X, 176 Seiten, 22 €

"Golls Ich-Erzähler, ein junger Bohemien, heimatlos, ohne Beruf, ohne Einkommen, schlendert von früh bis spät durch die Stadt [Paris] auf der Jagd nach Zeichen, die ihm das Ende der abendländischen Kultur, die Bilanz des untergehenden Europas, anzeigen" (Nachwort, S. 166). So könnte man mit der Herausgeberin dieses hübschen Buches, Barbara Glauert-Hesse, gewissermaßen in einem Satz seinen Inhalt skizzieren. Der Protagonist trifft seinen Zimmernachbarn Henry d'Anglade, "ein bekannter Gast der Bar de l'Ennui" (S. 12), der ihn schließlich in die "Bar de la Mort" einlädt; mittlerweile jedoch hat ein "Professor der Chemie an der Universität von Philadelphia" (S. 97) herausgefunden, dass er Träger der "Eurokokke" ist: "Ich fand zuerst die Eurokokke auf den Türmen von Notre-Dame. Da entdeckte ich eine Krankheit des Steins, die bisher noch an keinem Gebäude der Welt bemerkt worden war (...). Äußerlich merkt man gar nichts (...). Aber nach innen wird der Stein bis ins Herz, bis ins Mark hinein schwarz, verliert Gehalt und Gewicht, und gleicht einem Schwamm, der allen Rauch und alle Tränen der Stadt in sich gesogen hätte. Notre-Dame, lieber Herr, existiert schon heute nur noch in unserer Vorstellung, ist nur noch ein eingebildetes Gebäude, das der Realität nicht mehr dient, denn weder der Glaube, noch Gott wohnen mehr in ihm: die Eurokokke hat diese zerfressen" (S. 97f).

Was Walter Benjamin "Erfahrungsverlust" nennt, fängt Goll in dem satirischen Begriff der "Eurokokke" ein. "Diese Menschen glaubten alles, was ihnen der Nachbar in der Tram sagte, aber sie glaubten nichts von dem, was Gott ihnen sagte. Sie glaubten, was auf den Häusern in feurigen Lettern geschrieben stand, nämlich daß Gilletteklingen die besten seien, aber sie glaubten nicht, daß ihr Heil davon abhing, zuzusehen, wie das gelbe Blättchen an der Linde langsam wächst und zur Hand eines Engels wird" (S. 20). Die Menschen der Moderne haben "keinen Glauben und keine Liebe mehr" (S. 108), sie "haben die Krankheit der Leere, auch Langeweile genannt" (S. 109). Henry d'Anglade bestätigt diese Diagnose: "Langeweile ist die andere Epidemie, die Europa für den Untergang reif macht. Langeweile ist das Endergebnis jeder Zivilisation. (...) Langeweile ist der Zustand einer Rasse, die nicht mehr glaubt, und der es trotzdem gut geht. (...) Langeweile ist die lebenslängliche Verdammnis zu einer Daseinsform, die an sich erschöpft ist" (S. 133f).

Spätestens seit Kierkegaard ist "Langeweile" ein philosophischer Begriff. In der 1929/30 gehaltenen Vorlesung: "Die Grundbegriffe der Metaphysik" widmet Heidegger ihm eine ausführliche Untersuchung. Darin heißt es: "Müssen wir uns uns selbst erst wieder interessant machen? Warum müssen wir das? Etwa weil wir selbst uns, uns selbst, langweilig geworden sind? (...) Ist es am Ende so mit uns, daß eine tiefe Langeweile in den Abgründen des Daseins wie ein schweigender Nebel hin- und herzieht?" (Gesamtausgabe Bd. 29/30, S. 115). Die Empfindung der Langeweile ist also weitaus mehr, als ein subjektives Gefühl. Sie ist vielmehr darin der Angst und der Verzweiflung verwandt, dass sie aus dem Quellpunkt unseres Daseins selber aufsteigt. Nur weil wir unserem eigenen existentiellen Anspruch an uns selbst nicht gerecht werden, stürzen wir uns, dieser Analyse zufolge, in Tätigkeiten, die uns im Innersten gleichgültig lassen.

Goll und Heidegger beschreiben mithin einen Zustand der Seele, der im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts die Menschen untergründig gepeinigt hat. Die Ursachen hierfür sind nicht individueller, sondern gesellschaftlicher Natur. Alle tradierten Werte sind ausgehöhlt, der Einzelne - gerade der Intellektuelle, Künstler oder Philosoph - scheint dem Ansturm der Massen-Zivilisation nichts entgegensetzen zu können. Aus dem Aufeinanderprall von alten und neuen psycho-sozialen Strukturen entsteht die Epoche der Moderne. In ihr werden ästhetische Konzepte gestiftet, in denen Untergang und Verwandlung in radikaler Engführung aufeinander bezogen werden (Trakl in der Literatur, Schönberg, Webern in der Musik, um nur diese Beispiele zu nennen). Gegenüber der Zeit vor dem ersten Weltkrieg hat sich jedoch Ende der 20er Jahre ein grundlegender Wandel vollzogen. Heidegger schickt sich an, seinen Begriff der "Entscheidung", mit der die Langeweile der Existenz überwunden werden soll, zu einem philosophisch-politischen Instrument zu machen: deutliche Spuren davon finden sich bereits in der genannten Vorlesung; Golls "Glaube an die Zukunft, an das Leben in der Gemeinsamkeit der Völker, der sich schon während des Ersten Weltkriegs im Exil und noch bis um 1925 im Kontakt mit seinen osteuropäischen Schriftstellerkollegen (...) gezeigt hatte, war in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre endgültig verloren gegangen" (Nachwort, S. 169).

In der "Eurokokke", diesem Werk der mittleren Schaffensperiode Golls, weicht der Ernst des Engagements einer ebenso leichten, wie verzweifelten Ironie. Aber einer der Höhepunkte des Buchs, die Beschreibung der alten Prostituierten der Montjole, gemahnt noch an die Schilderungen der Bettler-Figuren des "Malte Laurids Brigge": "Und wenn die Nacht ganz ins Phantastische hinüberdämmert, weilst du schon fern von Paris, fern dieser Zeit, und ersteigst den Hügel der Montjole. Das ist nicht Mittelalter, nicht Europa, das ist nur noch Allegorie. Einst vielleicht eine Zyklopenfestung. Die meterdicken Mauern verpilzt, verseucht, von Regen, von Tränen und Urin aufgeweicht. Der Viertelmond legt grünliche Tücher über kleine Hütten. Türen, Türen, Türen. In diesen Türen sitzen die ewigen Gestalten des Schreckens, Lemuren, Sphinxe, Parzen, alte, alte Weiber, dicke, sechzigjährige, schwammige, halb erblindete, mit Aussatz geschlagene Weiber. Ein geflicktes Kattungewand, aus dem eine herunterkollernde Brust, ein rotangelaufenes Bein herausfällt. Nicht Mund, nicht Wangen, nicht Augen. Die Galerie des dösenden Fleisches. Sie hocken wie schwarze Felsen am Weg. (...) und Gott gab ihnen zwei Schenkel, um sie auf- und zuzumachen, wie die Nachtfalter ihre Flügel. Elend des Elends, nicht einmal Laster, nicht einmal vergrößernder Tod. Fleisch, billiger als Pferdefleisch. (...) Hier musst du dich bequemen, Europa mein, als letzte Fermate des Mittelalters zu gelten. Als hoffnungsloses Ende der christlichen Symphonie. Deine Atmosphäre ist die der Ruinen, Gesinter und Gestank, deine Melodie ein Totenmarsch" (S. 59ff).

Der Schluss des kleinen Romans (Goll selbst hat das Buch nicht so genannt) fällt ab. Plötzlich wird, so scheint es, eine bestimmte intellektuelle Elite für den Verfall und die Untergangsstimmung verantwortlich gemacht: "An den Tischen saß die Blüte der europäischen Zivilisation und tat absichtlich das Gegenteil von dem, was drei Jahrhunderte Stil, Esprit und Artigkeit ihr eingeimpft hatten. (...) Sie töteten alles, was sie verehren sollten. (...) Sie waren alle blass und leer: das aber kam, ich wusste es, von der europäischen Krankheit. (...) Und wer weiß, ob nicht von dieser Elite der Bazillus eingeschleppt worden war!" (S. 155)

Entsprechend sieht offenbar der Ich-Erzähler, wenn auch in ironischer Brechung, sein Heil in einer Revolte - er verliebt sich in die Edel-Prostituierte La und ruft in der "Bar de la Mort", an deren Tür "DAS WORT HERZ IST BEI TODESSTRAFE VERBOTEN!" geschrieben steht (S. 147): "Mein Herz! Mein Gott! Ich liebe!" (S. 156). Goll selbst traut diesem aufrührerischen Akt keine große Wirkung zu. Aber die ihm zu Grunde liegende Verharmlosung der Zeitanalyse wirkt gleichsam nach rückwärts und bringt etwas Unentschiedenes und Uneinheitliches in das Buch. Dennoch ist es nicht einfach misslungen, sondern ein hochinteressantes, ja auch bewegendes Zeugnis eines Übergangs. Die späte Lyrik Golls wird in Form und Gehalt die letzten Konsequenzen aus den gescheiterten Hoffnungen der Moderne ziehen. Die "Eurokokke", noch vor dem endgültigen Ausbruch des deutschen Faschismus verfasst, ist eine Station auf dem Weg, der von der Sehnsucht nach Erneuerung zum Zusammenbruch ihrer Ideale und in den Grenzbereich des Verstummens führt. Zeugnis von dieser Entwicklung gäbe sicherlich auch schon die fünf Jahre nach ihrem Entstehen geschriebene radikalisierte Neufassung, die jedoch verschollen ist (vgl. den Bericht Barbara Glauert-Hesses im Nachwort); immerhin gibt es ein französisches Pendant, "Lucifer Vieillissant", erschienen 1934, das "das Altern und das Sterben einer Kultur, mein Altern und Sterben dazu" (so Goll an Paula Ludwig über die deutsche Zweitfassung, zit. Nachwort, S. 171) in ähnlicher Weise darstellt. "Ich fühle", schreibt Goll weiter, "das ist eigentlich das einzige Buch [...], das ich in meinem Leben schreiben kann, an dem ich mit meinem ganzen Erleben immer schreibe."

Max Lorenzen

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