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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
Mit: Maxim Isaev, Pavel Semchenko, Barbara Seifert
Die russische Gruppe (die aus Erlangen stammende Barbara Seifert ist auf der Tournee für Yana Tumina eingesprungen) kommt aus Brasilien und Mexiko nach Marburg. Akhe, informiert uns Sigrid Giese vom TNT, wurde 1989 gegründet und war ursprünglich keineswegs aufs reine Theaterspielen ausgerichtet. Vielmehr gab es Produktionen und Performance-Projekte, die zwischen den verschiedenen Kunstrichtungen angesiedelt waren; entsprechend gehörten zum Beispiel auch Maler, Designer oder Filmregisseure zu den Mitarbeitern. "Pukh i Prakh", so Giese, biete jedoch "optisches Theater", in dem es nicht um psychologisch gezeichnete Charaktere gehe. Statt einer dramatischen Handlung werde die logische Entwicklung von Bildern gezeigt. Es komme zu einer Fusion zwischen Bühnenfiguren und Gegenständen, die im Ausdruckswert gleichberechtigt seien. Eine Liebe, so das Grundgeschehen, sei zuende, aber Mann und Frau könnten sich nicht voneinander lösen. Ohne direkten Kontakt finde doch noch eine gegenseitige Beeinflussung, eine Art Kettenreaktion, statt, die nichts mit einem Ursache-Wirkungs-Schema zu tun habe.
Über einem Tisch deutet eine Stoffbahn eine Puppenbühne an; eine weiße Scheibe mit aufgezeichneter Spirale dreht sich, zwei Stockpuppen erscheinen, die schließlich aufeinander schießen: zusammen mit dem Knall verschwindet die Bühne, die drei Schauspieler springen auf die Erde, das "Paar" kommt nach vorne und beginnt, sich von links und rechts herabhängenden Bügeln mit den Kleidern für seine Rollen zu versorgen.

Das ist ein schöner Anfang, der gleichsam schon enthält, was nun folgt. Immer wieder werden eine leise Melancholie und Knalleffekte aufeinander treffen. Die dritte Person, eine Art Spielleiter oder Regisseur im Stück, dann wieder so etwas wie der symbolhafte Ausdruck der Gesamtsituation, wird Mann und Frau zu Beginn noch zusammenführen - er verbindet sie mit Stäben, die der Frau auf die Fingerspitzen, dem Mann aufs Gesicht gesetzt werden - , aber im weiteren Verlauf und erst recht am Schluss agieren die Personen eigentlich nur noch abwechselnd und immer mehr in ihrer Verlassenheit verfangen.
Eine direkte Kommunikation zwischen den Menschen findet nicht statt. Wird sie versucht, scheitert sie. Wohl aber nimmt der eine ein Requisit auf und spielt mit ihm weiter, das der andere gerade zurückgelassen hat. Auf diese Weise berühren sich gleichsam die beiden Einsamkeiten und vertiefen so den Ausdruck von Melancholie, weil in der Isolation ein Gemeinsames auftaucht: die Verlorenheit. An den Dingen haftet etwas von der Existenz dessen, der sie berührt hat. Nun ergreift sie der andere - die Sphären vermischen sich, aber nur, um in dieser Begegnung das Getrenntsein zu akzentuieren. Wir verstehen jetzt, warum die Bühnenfiguren und die Gegenstände, mit denen sie hantieren, gleichberechtigt sind. Diese werden atmosphärisch aufgeladen und bekommen so etwas menschliches, jene werden zu Darstellern oder Puppen, die ein Immergleiches vor Augen führen, das Spiel von Beziehung und Beziehungslosigkeit. In dieser Fusion von Figuren und Dingen entsteht die Ebene des Stücks: es muss nicht gesprochen werden, weil die Handlungsbilder selber Sprache sind - es können keine Folgen von Ursachen-Aktionen gezeigt werden, denn in der Kommunikation von Gegenständen liegt immer eine tiefe Gleichzeitigkeit - Mann und Frau brauchen keine Namen, die ein individuelles Schicksal vorspiegelten, das es nicht gibt.

Echt sind in diesem Theater also nur die Puppen. Sie stammen scheinbar aus einer vergangenen Zeit; so zieht der Mann einen Radfahrer aus Blech auf, der auf eine Bierdose zufährt und sie dann, sinnlos in sich selbst verfangen, umkreist. Das Spielzeug setzt, was geschieht, in Beziehung zu den Bereichen von Kindheit und Märchen. Ein Mensch kann kaum trauriger dreinsehen, als die an Andersen erinnernde Papier-Prinzessin, die der Mann, an einem Korken befestigt, auf seinem übervollen Weinglas schwimmen lässt. Mischen sich hier solcherart Vergangenheit und Gegenwart, ohne Zukunft, so entsteht ein zeitloser Raum als Zirkus-Bühne, auf der Clowns-Puppen oder -figuren agieren. Ihre Gesichter bleiben ausdruckslos, aber ihre Gesten stimmen wehmütig. Weil wir jedoch im Zirkus sind und einer Clowns-Szene zusehen, wird auch gelacht. Selbst die völlige Einsamkeit, in der der Mann am Schluss versinkt, in eine merkwürdige Besen-Posaune blasend, um seine Trostlosigkeit als Hilferuf vernehmbar zu machen, hat auch etwas Komisches. Das Stück ist nicht kalt. Es hinterlässt eher einen Eindruck von kindlich-hoffnungsloser Menschlichkeit.
Am Schluss erscheint wieder die Spiralscheibe. Sie dreht sich ganz allein auf der Bühne. Es dauert eine ganze Weile, bis die Zuschauer, es ahnend aber nicht wissend, dass dies der Schluss ist, zu klatschen beginnen. Dafür ist der Beifall dann umso anhaltender.
Es nimmt für die Aufführung ein, dass die Darsteller durchaus gekonnt, aber zugleich ein wenig laienhaft spielen. Die eine oder andere Aktion geht etwas schief, was aber gar nicht stört. Auch die Abfolge der Szenen ist nicht raffiniert verzahnt, sondern eher schlicht additiv. Die Schein-Spontaneität (die mich so abgestoßen hat) der spanischen Gruppe war natürlich professioneller, dafür rührt dieses Theater der einfachen Mittel durch seine Ehrlichkeit an. Die Veranstalter haben richtig gehandelt, indem sie dieses Stück an den Schluss des gesamten Programms gesetzt haben. Insgesamt sind durch "Exciting Neighbours" interessante Produktionen nach Marburg geholt worden. Man kann sich also darüber freuen, dass das Festival künftig alle zwei Jahre stattfinden soll.
Max Lorenzen