![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
Die Erwartungshaltung war groß: Eilt doch dem gastierenden Ensemble aus Münster und Leipzig ein Ruf der Superlative voraus: Ein „Höllenspektakel“ war angekündigt, tausende Liter Wasser sollten fließen, Feuer und Rauch um den Titanic-Mythos. Deutschlands erfolgreichstes Aktionstheater auf Tour... und all dies in Marburg?!
Klar, dass man sich das nicht entgehen lassen wollte. Diese Aussicht lockte Freitag-Abend nahezu tausend Besucher auf das Messegelände und das in den Semesterferien. Auch der Eintrittspreis mit 6 € sehr erfreulich und dementsprechend einladend.
Und? Wie war’s? – Alle kamen auf ihre Kosten – ein Riesenerfolg - soviel vorweg.
Würstchenbuden und Bierstand sind auch recht gut besucht, da man sich als Gast zunächst auf dem Großgelände überhaupt zu recht finden muss und deshalb gern erst mal zum Bierstand abbiegt, um anschließend in Ruhe die Titanic und die Sitzplätze anzupeilen: Rechts und links am Spielfeld deren Anordnung – wie in einer Arena. Also: Ab nach rechts.
Großer Andrang, große Spannung allenthalben. Rolf Michenfelder (german stage service, Organisation) wirkt mit seiner freundlich-leisen Begrüßung fast ein bischen eingeschüchtert vom Ausmaß dieses Top-Events.

Und dann geht es unvermittelt los: Das Publikum staunt nicht schlecht, wie da eine gigantische Titanic -Skulptur vom Maschinenraum zum Oberdeck entsteht, vom Stapel läuft, mit einem Eisblock (man beachte die Symbolkraft, nein das Omen!) getauft wird, um schließlich mit sprühender Gischt am Bug in See zu stechen. Glänzend die Art, derlei gewaltige Bewegung zu inszenieren.
Das Spiel mit dem Raum ebenfalls grandios. Nicht nur die Spielfläche von 100 x 20 m wird ausgenutzt und erweist sich bei einer rasanten Mopedfahrt fast noch als zu klein, sondern vor allem das Spiel mit den Möglichkeiten der Vertikale ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend: So manchem Zuschauer steht der Mund offen, als sich die 5m hohe Brücke des Kapitäns aufrichtet - und erst recht, als sie später bedenklich schiefzuliegen kommen soll.
Eine derartig große Spielfläche verlangt große Gesten. Braucht überzeichnete Figuren. Diese agierten dementsprechend, Sprachfetzen reichen somit zum Verständnis des Geschehens völlig aus. Grandios der Kommandante, eine Mischung aus Käpt’n Ahab und Long John Silver. Er humpelt und klettert in rasantem Tempo, er schreit obsessiv seinen häufigsten Befehl: „Weitermachööön!“. Ladung wird vertäut. Säcke werden umgewuchtet. Die Stuarts ziehen Koffer mit Seilwinden hoch. Und hängen als Gegengewicht selbst am Seil, eine Suppenküche wird vom buckligen Kellner gezogen. Die Bordkappelle spielt Barmusik wie aus dem Traumschiff. - Eine Wahnsinns-Fahrt ist im Gange. Der „Eisberg-Ruf“ kommt. Und verhallt ungehört.
Es wird sich derweil lieber fein gemacht zum Dinner. Die dicke Madame sitzt in der Badewanne, kreischt heiser ihre Arien und kreist per Seilwinde selbst wie ein Geier über dem zum Sinken bestellten Schiff.
Das folgende Dinner ist ein Höhepunkt dieser absurden Farce. Champagner aus Trichtern, ein ganzes Schwein wird zerfleddert. Man frisst und ist obszön in schwindelnder Höhe. Längst dringt Wasser von unten ein. Oben wird noch zum Tanz aufgefordert. Der Heizer arbeitet sich bis zur totalen Erschöpfung ab. Er steht noch allein. Wasser läuft und läuft und ebnet sich seinen Weg (auch unter die ersten Stuhlreihen der Zuschauer...). Es trieft und sprudelt aus sämtlichen Ritzen. „Alles in die Rettungsboote!“ schreit der Kommandante. Die Dickmadame ist als erste im Schwimmreifen. Sie steckt fest. Die Bordkapelle ächzt und quietscht dem Szenario voran.
Es brennen Tauwerk und Wanten, es brennt auch der Schornstein. Alles wird schief. Droht umzukippen. Das Wasser, nun aus dicken Feuerwehrschläuchen, trifft den längst kopfüber an der Winde für Rettungsboote hängenden Stuart mit voller Gewalt. Die Dicke wird vom Dinnerplateau gefegt... Untergang auf allen Ebenen. Und dann wird’s leise. Aus. Fertig. Gesunken – anscheinend, das irre Geisterschiff.
Großer Applaus für das zwölfköpfige und nicht mehr ganz junge Ensemble. Fragt man sich noch, was wollten die Akteure unter der Regie von José van Tuijl uns eigentlich sagen?
Dass da keiner „Eisberg!“ hört, wo doch jemand gerufen hat? Dass da auch heute (etwa bei uns?) eine Fahrt von Wahnsinnigen läuft, die obligatorisch im Untergang endet? Dass unten bis zum Umfallen geschuftet wird und oben bis zum Umfallen gefressen. Dass die Seelen auf dem Fliegenden Holländer immer noch unterwegs sind und sich nach Erlösung sehnen. Dass....