Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 5


Alfred Doppler: Die Lyrik Georg Trakls. Beiträge zur poetischen Verfahrensweise und zur Wirkungsgeschichte, Trakl-Studien Bd. XXI, Otto Müller Verlag Salzburg, 2001, ISBN 3-7013-1038-6, 198 Seiten, 25 EUR

Doppler war bis zu seiner Emeritierung Professor für Österreichische Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck und ist Mitherausgeber der Trakl-Studien. Die überarbeiteten und ergänzten Aufsätze dieses Bandes stammen aus den Jahren 1967 - 1999 und spiegeln somit drei Jahrzehnte der Forschungsarbeit am Werk des expressionistischen Dichters.

Das besondere Augenmerk Dopplers gilt der "spezifische(n) Musikalität der Gedichte Trakls" (S. 12); er beschreibt deren "musikalische Strukturen und (...) Simultanitätseffekt" (ebda.). "Dabei hat sich gezeigt, dass die musikalischen Formen der Wiederholung, der Variation, der kontrapunktischen Setzung, des Akkords und der Kadenz, der Konsonanz und Dissonanz, der Melodie und der Klangfarbe von den vertrauten semantischen Inhalten wegführen und unaussprechliche Empfindungen und sprachlose Erfahrungen evozieren; sichtbar werden die Grenzen der Sprache, spürbar wird die Wirkung der Stille. Unter dem Titel "Musikalisierung der Sprache" sind daher nicht die traditionellen Klangebenen der Lyrik gemeint, sondern "Gedichtkompositionen", die darauf gerichtet sind, den Gegensatz von Sprache und Musik aufzuheben" (S. 12f).

An der frühen 'Romanze zur Nacht' etwa verdeutlicht Doppler das Strukturelement des Akkords. Die Reihung von Bildern, jene häufig zitierte "heiß errungene Manier", "die in vier Strophenzeilen vier einzelne Bildteile zu einem einzigen Eindruck zusammenschmiedet" (Brief an Erhard Buschbeck, Juli 1910, Historisch-kritische Ausgabe, hrsg. von Walter Killy und Hans Szklenar, Bd. I, S. 478) entspreche, statt einen weiten melodischen Bogen zu beschreiben, "mehr einer Akkordkonstellation, wie sie die Musik Anton von Weberns kennt, einer Konstellation, die durch das Ineinanderschieben eines Melodiebogens entsteht. Der Akkord als vertikal angeordnete Melodie ermöglicht eine Simultansynthese, die das zeitliche Nacheinander in ein Miteinander transponiert" (S. 22).

In dem Aufsatz "Die Musikalisierung der Sprache" geht Doppler diesen Verbindungen von moderner Lyrik und Zwölftonmusik weiter nach. Trakl setze "analog zur Musik Schönbergs Konsonanz und Dissonanz gleichwertig nebeneinander" (S. 113); im 'Kaspar Hauser Lied' werden "Themen nicht mehr ausgesponnen und durch Übergänge verbunden, sondern zu Tongruppen verkürzt (...). Das Anklingenlassen von Themen und ihre Reduktion oft bis auf ein Wort (bei Webern bis auf einen Akkord) ist ein durchgehendes Stilprinzip Trakls" (S. 119).

Der "Simultanitätseffekt" einer solchen Lyrik ist also offenbar das Resultat eines Bemühens, das einen spezifisch modernen poetischen Raum stiften will. In ihm gelten andere Zeit-Gesetze als in dem profanen der Alltagswelt. Die Abfolge von Momenten geht in ein Zugleich über, das aber wiederum eine sich ineinander spiegelnde und so miteinander kommunizierende Konstellation verschiedener Ebenen oder Augenblicke eines Prozesses aus sich entlässt. Doppler zeigt in zwei wichtigen Arbeiten des Bandes ("Orphischer und apokalyptischer Gesang. Zum Stilwandel in der Lyrik Georg Trakls" und "Die Stufe der Präexistenz"), wie besonders in den späten Gedichten Trakls eine Verschärfung der Innenspannung auftritt: aus der akkordischen Struktur entstehe "eine Entgegensetzung von Heil und Unheil, Licht und Finsternis, Verklärung und Verzweiflung, Konsonanz und Dissonanz" (S. 23). In diesem Verweisungszusammenhang bedingen sich die Extreme gegenseitig. Gutes und Böses, Verdammnis und Erlösung sind verklammert und scheinen auseinander hervorzugehen, sodass das eigentlich "Unsagbare" erst aus dem schonungslosen Aufeinanderstoßen der antagonistischen Elemente des dichterischen Prozesses hervorginge.

Doppler stellt einen Zusammenhang zwischen dem akkordischen Stil Trakls und dem innersten Movens seiner Dichtung her, der einen Einblick in ihren Inspirationsbezirk gewährt: "Die Fähigkeit, die Welt zum Tönen zu bringen, sie in Musik zu verwandeln, schafft einen Identitätsglauben von Ich und Du, Ich und Ding, ein ständiges Gefühl des Sinkens und Versinkens im "Unbekannten" (S. 27). In diesem Bezirk bedarf es keiner Wie-Vergleiche mehr, weil eine reale nach-mythische poetische Schöpfungsbewegung diese Identität von Ich und Welt neu stiftet. Sie ist das Numinose, das eigentlich "Unbekannte". Im Kern der Inspiration entspringt ein bildloses Bild, gleichsam die "Idee" des sichtbaren, das aus seinen antagonistischen Bezügen eine Synchronizität schafft, die nun aus sich einen numinos aufgeladenen Zeitverlauf entlässt.

Dennoch ist auch der gelingende innere Prozess eines Gedichts nur ein Verweis auf den ausbleibenden äußeren: "Die ästhetische "Annihilation des Todes", "die Aufhebung des Unterschieds zwischen Leben und Tod" [Novalis] ist in Gefahr, bloß nichtige Verklärung zu werden" (S. 54), wenn sie ihren Bildcharakter verkennt.

Die poetologischen Reflexionen Dopplers sind immer an die genaue Betrachtung von Gedichten angeschlossen. Der 'Psalm' wird ebenso analysiert, wie die jeweils dreiteiligen 'Der Spaziergang', 'Heiterer Frühling' und 'Im Dorf', um nur einige Beispiele zu nennen. Die letzten fünf Beiträge des Bandes befassen sich mit "Georg Trakl und Otto Weininger", der Beziehung Alfred Kubins zum Werk des Dichters, dem "Brenner", sowie Motif-Verwandtschaften zwischen Trakl und Thomas Bernhard.

Insgesamt bietet das Buch, auch durch die Bezugnahme auf wichtige Sekundärliteratur, die Möglichkeit, sich in die enigmatische Bildstruktur eines der größten Dichter der Moderne einzuarbeiten oder die eigenen Kenntnisse in der Auseinandersetzung mit Dopplers immer erhellenden Analysen zu vertiefen.

Max Lorenzen

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