Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 6


Christian F. Feest/Karl-Heinz Kohl (Hrsg.): Hauptwerke der Ethnologie, Kröners Taschenausgabe Bd. 380, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-520-38001-3, 568 Seiten, 24,60 €

Natürlich wird der vorliegende Sammelband "seine Leser wohl vor allem (...) unter den Studierenden des Faches finden" (Vorwort, S. XIV), aber hoffentlich auch unter Psychologen, Philosophen, Theologen, Soziologen, sowie überhaupt kulturwissenschaftlich Interessierten, denn ohne eine gewisse Kenntnis der ethnologischen Hauptwerke fehlt dem Blick auf die menschliche Psyche und Gesellschaft etwas Wesentliches. Die Werke und ihre Autoren werden in dem Kröner-Buch in relativ kurzgefassten Artikeln vorgestellt, die von vornherein nicht den Anspruch erheben, die Lektüre der Originale zu ersetzen, sondern zu ihr hinführen möchten.

Was enthält der Band nun und was nicht? Zunächst lesen wir im Vorwort: "Wenn der Leser gerade für das Zeitalter der Aufklärung dennoch die eine oder andere wichtige Abhandlung wie etwa Georg Forsters Reise um die Welt oder Herders Ideen zu einer Geschichte der Menschheit vermissen wird, dann liegt dies zum Teil daran, dass aus dem kleinen Kreis der an der frühen Geschichte ihres Faches interessierten Ethnologen nicht für jedes, ursprünglich für eine Besprechung vorgesehene historische Werk eine Autorin oder ein Autor gefunden werden konnte. Gleichzeitig bekennen sich die Herausgeber zu einer für eine Zusammenstellung dieser Art unumgänglichen Subjektivität ihrer Auswahl" (S. XII).

Sympathisch ist an dieser Äußerung zunächst ihre Offenheit - wenn auch der Zusammenhang der beiden genannten Kriterien etwas rätselhaft bleibt. Aber ist es nicht erstaunlich, ja vielleicht sogar beunruhigend, dass so wenig heutige Ethnologen sich noch um Werke kümmern, die nicht nur für die Geschichte ihres Faches bedeutsam sind? Wer nicht Ethnologe ist und trotzdem die wichtigsten Vertreter dieser Disziplin kennenlernen möchte, zeigt damit eine Blickweite, die also offenbar manchen Angehörigen der Zunft selber fehlt.

Man wird in dem Band selbstredend alle großen Namen dieser Wissenschaftsrichtung finden. Erwähnt seien nur Bachofen, Frazer, Durkheim, Marcel Mauss, Morgan, William Robertson Smith, Strehlow (Vater und Sohn), Tylor, Lévy-Bruhl, van Gennep, Edmund Leach, Evans-Pritchard, Mary Douglas, Franz Boas, Ruth Fulton Benedict, Claude Lévi-Strauss, Bronislaw Malinowski, Margaret Mead, Radcliffe-Brown, Marshall Sahlins, Viktor Witter Turner. Der Laie oder Studienanfänger kann hier manche Entdeckung machen. In der Regel informieren die Kurzaufsätze gut über die Hauptpunkte des Inhalts der vorgestellten Werke. Allerdings werden nur in seltenen Fällen, etwa bei Boas und Lévi-Strauss, zwei Titel referiert, bei Lévi-Strauss "Les Structures élémentaires de la parenté" und "Tristes Tropiques", die vierbändigen "Mythologiques" bleiben aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen unberücksichtigt.

Nun zum zweiten Teil der obigen Frage - was fehlt? Ich gebe einige Beispiele: Roger Caillois (sein wichtiges Buch über das Heilige), Georges Bataille ("L’Erotisme), Pierre Clastres ("La Société contre l’Etat), René Girard, Georges Dumézil, Rudolf Otto, Mircea Eliade. Natürlich handelt es sich etwa bei den letzten beiden nicht um Ethnologen, sondern um Religionswissenschaftler. Sollten jedoch diese Fachgrenzen der Grund sein, warum sie nicht aufgenommen wurden, so hätte man sie eben zu eng gezogen.

Die Kenntnis der ethnologischen Forschung, etwa über die Verwandtschaftsverhältnisse in Stammeskulturen, wie natürlich über religiöse Riten und Opfer, generell über Vorstellungen des Numinosen oder Heiligen, aber auch über den Austausch von Gütern, ist im Wortsinn unverzichtbar für jedes heutige Nachdenken über gesellschaftliche Strukturveränderungen. Die Ethnologie des 19. und 20. Jahrhunderts hat einen erstaunlichen Reichtum an bedeutenden Werken hervorgebracht. Aber auch die Reisebeschreibungen früherer Zeiten, die in dem vorliegenden Band referiert werden, stellen wichtige kulturhistorische Zeugnisse dar. Insgesamt blättert und liest man gerne und mit wachsender Neugier auf die Originale in dem Buch. Die angehängten Register, zum Beispiel der Ethnien und der Erscheinungsdaten aller in Artikeln dargestellten Schriften, sind nützlich. So fällt auch gleich in die Augen, dass das letzte aufgenommene Werk, Eric Wolfs "Europe and the People without History", von 1982 stammt. Wieso auch sollte sich die Ethnologie der Tendenz der Kultur- und Sozialwissenschaften oder auch der Philosophie, gegenwärtig nichts Bedeutendes hervorzubringen, entziehen können?

Johannes Lechner

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