Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 6


 

Selbstvergewisserung oder Untröstlichkeit? – W. B. Yeats: “To his heart, bidding it have no fear“ und Matthew Arnold: „Dover beach“

 

Angst in ihrer letzten, elementaren Form: als Angst vor dem Leben an sich, ist in ihrer emotionalen Darstellung ein bekanntes Thema der Dichtung, ihre Begründbarkeit ist Gegenstand vieler philosophischer Dispute. Hier wie dort tauchen drei zentrale Fragen auf, die im engen Zusammenhang stehen: gibt es für Verzweifelte, nach Orientierung Tastende überhaupt Trost, Heimat und Gewissheit? Yeats und Arnolds kommen in zwei bekannten Gedichten zu sehr unterschiedlichen, optimistischen bis fatalistischen Folgerungen.

 

 

William Butler Yeats

To his heart, bidding it have no fear

Be you still, be you still, trembling heart,
remember the wisdom out of the old days:
Him who trembles before the flame and the flood,
and the wind that blows through the starry ways,
let the starry winds, the flame and the flood
cover over and hide, for you have no part
with the lonely, majestical multitude.

Matthew Arnold

 Dover beach

The sea of love
was once, too, at the full,
and round earth´s shore
lay like the folds of a bright girdle furl´d.
But now I only hear
Its melancholy,
long, withdrawing roar
of the night-wind,
down the vast edges drear
and naked shingles of the world.
Oh love, let us be true to one another,
for this world which seems
to lie before us like a land of dreams,
so various, so beautiful and new,
hath really neither joy, nor love, nor light,
nor certitude, nor peace, nor help for pain;
and we are here as on a darkening plain
swept with confused alarms of struggle and flight,
where ignorant armies clash by night.
 

 

(Sei still, sei still, mein zitterndes Herz, / erinnere dich an die Weisheit aus alter Zeit: / Wer zittert vor der Flamme und der Flutwelle, / und den Windenböen durch bestirnte Wege, / soll die bestirnten Winde, die Flamme und die Flut / sich zurückziehen lassen, denn er hat keinen Anteil / an der einsamen, majestätischen Vielheit.)

 

(Der See des Glaubens / war früher einmal hoch angefüllt, / und die Küste der Erde / lag da wie ein in Falten gelegter heller Gürtel. / Jetzt aber höre ich nur / die Schwermut, / das langgezogene, verebbende Grollen / des Nachtwindes, / und dort unten klafft die Leere / und die nackten Bruchstücke / der Welt. / Oh Geliebte, lass uns ehrlich zueinander sein, / denn diese Welt, die scheinbar / vor uns liegt wie ein traumhaftes Land, / so bunt, so schön und neuerschaffen, / hat in Wahrheit weder Freude, noch Liebe, noch Licht, / noch Sicherheit, noch Frieden oder Hilfe in der Not, / und wir sind hier wie in einer dämmernden Ebene / überschwemmt mit verwirrten Kampf- und Fluchtrufen, / wo unwissende Armeen sich in der Nacht bekriegen.)

 

Yeats verbindet in seinem 1899 entstandenen Gedicht eine eindringliche Schilderung des Gefühlszustandes mit einem philosophischen Räsonnement. Das lyrische Ich sucht Trost bei sich selbst, nachdem es erkannt hat, dass die naturhafte Welt der Erscheinungen ihm durch ihre Unbeständigkeit keine endgültige Gewissheit vermitteln kann. Es tröstet sein Herz in einer sich wiederholenden, rhythmischen Sprechweise wie ein aufgewühltes kleines Kind, um es an eine alte Weisheit zu erinnern: nichts vermag Trost zu spenden als das Eigene, nichts Heimat als nur das innerste Ich. Dieses, im mystisch-monistischen Sinne ungeschaffen und ewig, ist in der Lage, alles Geschaffene und Endliche als etwas Fremdes von sich abzuweisen, das gerade aufgrund seiner unvereinbaren Fremdheit die persönliche Identität nicht bedrohen kann. Yeats vollzieht also mit der Abkehr vom momentanen Gefühl der Verzweiflung und des Ausgeliefertseins eine Hinwendung zu einer plotinisch anmutenden Selbstvergewisserung, um die Unbegründetheit von Lebensangst zu rechtfertigen.

Arnold resigniert in seinem 1851 erstmals erschienenen Gedicht angesichts der scheinbaren Übermacht jener materiellen Welt, die auch er als trügerisch und unbeständig erkannt hat. Die Liebe nimmt hier die Stelle einer wahrheitsstiftenden Instanz ein, die eine Illusionslosigkeit schaffen soll, die der Mensch in einer brüchigen Welt des Scheins so nicht vorfindet. In einem Ausbruch von wie verzweifelt hervorgestossenen Worten zählt er geistiges Ideal und materielle Vergegenwärtigung in ihrer Bezuglosigkeit aufeinander auf, um mit einem fatalistischen Credo zu schliessen: Ignoranz, Brutalität und Dunkelheit beherrschen die Welt und machen den Menschen zu ihrem Spielball. Arnold geht also von denselben Prämissen aus wie Yeats, nur ist seine Folgerung eine ganz andere. Hier wie dort gilt die Welt der Erscheinungen nicht als Trost, Heimat oder Gewissheit, doch während Yeats diese Erkenntnis als Ansporn zu einer letztlich beruhigenden Selbsterforschung im augustinischen Sinne: noli foras ire, in te ipsum redi, auffasst, versteht Arnolds seine Konsequenz im schonungslosen Aufdecken der Ungeborgenheit und einem radikalen Sich-Anheimgeben an sie.   

Claudia Altmeyer