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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3
(2002), Heft 6
Angst in ihrer letzten, elementaren Form: als Angst vor dem Leben an sich, ist in ihrer emotionalen Darstellung ein bekanntes Thema der Dichtung, ihre Begründbarkeit ist Gegenstand vieler philosophischer Dispute. Hier wie dort tauchen drei zentrale Fragen auf, die im engen Zusammenhang stehen: gibt es für Verzweifelte, nach Orientierung Tastende überhaupt Trost, Heimat und Gewissheit? Yeats und Arnolds kommen in zwei bekannten Gedichten zu sehr unterschiedlichen, optimistischen bis fatalistischen Folgerungen.
William Butler Yeats To his heart, bidding it have no fear
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Matthew Arnold Dover beach
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(Sei still, sei still, mein zitterndes Herz, |
(Der See des Glaubens |
Yeats verbindet in seinem 1899 entstandenen Gedicht eine eindringliche Schilderung des Gefühlszustandes mit einem philosophischen Räsonnement. Das lyrische Ich sucht Trost bei sich selbst, nachdem es erkannt hat, dass die naturhafte Welt der Erscheinungen ihm durch ihre Unbeständigkeit keine endgültige Gewissheit vermitteln kann. Es tröstet sein Herz in einer sich wiederholenden, rhythmischen Sprechweise wie ein aufgewühltes kleines Kind, um es an eine alte Weisheit zu erinnern: nichts vermag Trost zu spenden als das Eigene, nichts Heimat als nur das innerste Ich. Dieses, im mystisch-monistischen Sinne ungeschaffen und ewig, ist in der Lage, alles Geschaffene und Endliche als etwas Fremdes von sich abzuweisen, das gerade aufgrund seiner unvereinbaren Fremdheit die persönliche Identität nicht bedrohen kann. Yeats vollzieht also mit der Abkehr vom momentanen Gefühl der Verzweiflung und des Ausgeliefertseins eine Hinwendung zu einer plotinisch anmutenden Selbstvergewisserung, um die Unbegründetheit von Lebensangst zu rechtfertigen.
Arnold resigniert in seinem 1851 erstmals erschienenen
Gedicht angesichts der scheinbaren Übermacht jener materiellen Welt, die auch
er als trügerisch und unbeständig erkannt hat. Die Liebe nimmt hier die Stelle
einer wahrheitsstiftenden Instanz ein, die eine Illusionslosigkeit schaffen
soll, die der Mensch in einer brüchigen Welt des Scheins so nicht vorfindet. In
einem Ausbruch von wie verzweifelt hervorgestossenen Worten zählt er geistiges
Ideal und materielle Vergegenwärtigung in ihrer Bezuglosigkeit aufeinander auf,
um mit einem fatalistischen Credo zu schliessen: Ignoranz, Brutalität und Dunkelheit
beherrschen die Welt und machen den Menschen zu ihrem Spielball. Arnold geht
also von denselben Prämissen aus wie Yeats, nur ist seine Folgerung eine ganz
andere. Hier wie dort gilt die Welt der Erscheinungen nicht als Trost, Heimat
oder Gewissheit, doch während Yeats diese Erkenntnis als Ansporn zu einer
letztlich beruhigenden Selbsterforschung im augustinischen Sinne: noli foras ire, in te ipsum redi,
auffasst, versteht Arnolds seine Konsequenz im schonungslosen Aufdecken der
Ungeborgenheit und einem radikalen Sich-Anheimgeben an sie.
Claudia
Altmeyer