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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3
(2002), Heft 6
Marburger Kunsthalle: Klaus Hack und Bernd Schwarting: Skulpturen, Holschnitte, Druckgraphik und Ölbilder (29.11. 2002 - 9.1. 2003)
Die letzte Ausstellung der Marburger Kunsthalle in diesem Jahr bietet fraglos einen Höhepunkt, auch was das Konzept der Doppel-Repräsentation betrifft. Jeder der beiden Künstler beherrscht die Räume, die seine Arbeiten beherbergen und könnte sehr wohl für sich allein stehen; dennoch baut sich zwischen den Werken von Klaus Hack und Bernd Schwarting eine Spannung auf, die nicht nur aus dem offensichtlichen Kontrast von Farbe und Material resultiert. Dieser ins Auge springende Kontrast erfrischt: wer die weiß übertünchten Holz-Skulpturen und die schwarz-weißen Holzschnitte Hacks im Foyer, dem unteren Saal und dem oberen Vorraum gesehen hat, fühlt sich eigentümlich belebt, wenn er im ersten Stock die Schwartingsche Farbwelt betritt - und freut sich wiederum, wenn er, nach dem Betrachten der auswuchernden Dschungellandschaften, zu den nüchtern-strengen Skulpturen und Holzschnitten zurückkehrt. Aber wenn man sich so von Hack zu Schwarting und von diesem zu jenem schicken lässt, beide Male vom ästhetischen Rang der Arbeiten überzeugt und dennoch den Wechsel zwischen ihnen als "Belebung" empfindend, so drängt sich nun die Frage nach dem Grund dieses Gefühls auf. Man begreift plötzlich, dass der bloße Übergang von den "Nicht-Farben" Schwarz und Weiß zu etwa Gelb, Rot, und Grün und vice versa keineswegs ausreicht, um die belebende oder befreiende Empfindung, die sich jeweils einstellt, wenn man vom Parterre in den ersten Stock und dann wieder herunter steigt, zu begreifen.

Blick in den unteren Raum
Klaus Hack wurde 1966 in Bayreuth geboren und studierte in Nürnberg und Berlin, in dessen Umgebung er heute lebt. Er bearbeitet seine Skulpturen mit Stemmeisen und Kettensäge (Hermann Wiesler: Baumstämme, Messer, Papier, Deckfarbe. Die Kunst von Klaus Hack, in: Katalog der Ausstellung in der Kunsthalle Dominikanerkirche Osnabrück und galerie tamen & busch, Berlin, 1998). Wiesler weist darauf hin, dass die verwendeten Baumstämme "berserkerhaft geschunden" seien, ihre Tektonik jedoch gewahrt bleibe. Sie "markieren bedeutungslose Zeichen. Keine Totemsäulen. Keine magischen Drohungen. Nichts von Mythologie oder Volkskunde. Erinnerungen an sie mag der Betrachter noch und noch aufstöbern." So ist es. Natürlich gliedern sich Hacks Arbeiten nicht in längst vergangene mythologisch-magische Kult-Traditionen ein, sondern beruhen auf den heute selbstverständlichen Postulaten autonomer Kunst. Aber von hier aus greifen sie zurück und konstituieren ein urzeitliches Gebiet neu, mit eigener Formgesetzlichkeit.

Klaus Hack, Reifrock, 1999
Die in den Skulpturen sichtbar werdenden Gestalten bleiben gleichermaßen unsichtbar. Man erkennt Gliedmaßen und ausdruckslose Schädel, die selbstredend an vor-individuierte Plastiken früher Völker erinnern. Die großformatigen Leinwände im ersten Stock lassen paradoxerweise an einen Stein-Untergrund und auf ihn aufgetragene Malereien, wie in Höhlen, denken. Die im Parterre befindliche reliefartig aus dem Holz hervortretende Figur mit dem Reifrock scheint wie eingelassen in ihre Umgebung - oder sich umgekehrt gerade erst aus ihr zu bilden. Von diesen Wesen geht eine rätselhafte Drohung aus, etwas Menschlich-Unmenschliches, das in ihrer Stummheit kulminiert. Zugespitzt formuliert ist sie ihre Sprache, eine Form der Nichtäußerung, die eigentlich eine Aura von Macht und Gewalt darstellen müsste. Aber ist das der Fall?
Die Holzschnitte sind unheimlich. In manchen, etwa "Kleid" von 1996, sind Anklänge an die Skulpturen erkennbar. Zumeist lassen sich menschenähnliche Gebilde oder Teile davon identifizieren. Die schwarzen Massen, vor hellem Hintergrund, dieser Körper bilden einen starken Kontrast zu den vor oder neben ihnen befindlichen weißen Figuren. Besonders der untere Raum der Kunsthalle wird auf großartige, sehr beeindruckende Weise von diesem Hell-Dunkel gegliedert, sodass man, noch mit dieser Struktur im Kopf, im ersten Stock auf die gänzlich anders gearteten Arbeiten Schwartings trifft.

Klaus Hack, Vorkoster, 1996
Schwarting, drei Jahre älter als Hack, wurde 1964 in Stade geboren. Er studierte zunächst Bildende Kunst und Musik in Oldenburg und arbeitete dann selbstständig als Fotograf, bevor er Schüler von Walter Stöhrer in Berlin wurde, wo er jetzt noch lebt und arbeitet. Die gezeigten Arbeiten Schwartings, überwiegend großformatig, stammen aus jüngster Zeit. Man erkennt dunkle röhrenförmige Gebilde, die ebensowohl Pflanzen oder Tieren zugehörig sein könnten, in Windungen und Verschlingungen, aus deren Enden sich Blüten wie Farb-Protuberanzen ergießen. Der Maler trägt die Farbe, die manchmal zentimeterdick auf der Leinwand steht, mit den Händen auf. Die Bilder haben keinen Zentralpunkt, legen also auch den Standort des Betrachters nicht fest.
Auch Schwarting will, wie er in einem Gespräch äußerte, das "Unsichtbare" darstellen. Er bewege sich in einer Arbeit, gegen deren Kräfte er sich auch verteidigen müsse, noch in Unkenntnis des Resultats, lasse sich also von den einzelnen Struktur-Zusammenballungen selbst überraschen - trete aber dennoch immer wieder zurück, um sich durch einen Blick auf die Gesamt-Formen zu orientieren. Die Windungen des Pflanzen-Tiers, wie die von ihm ausgespienen Farb-Explosionen liegen im Grunde in einer zweidimensionalen Bildfläche, sie konstituieren keinen Raum, bewegen sich mithin nicht in eine Bild-Tiefe. Dazu passt, dass es eigentlich keinen Lichteinfall gibt. Vielmehr scheinen die Farbwerte der einzelnen Blüten ihre eigene Leuchtkraft zu besitzen.

Bernd Schwarting, Elysium III, 2002
Auch diese Bilder haben etwas Bedrohliches. Die Darm-Stauden bilden, so kann man vermuten, eine unendliche Struktur, aus der das jeweilige Bild nur einen Ausschnitt zeigt. Was hier scheinbar miteinander ringt und sich in Lebens-Äußerungen zu übertrumpfen sucht, könnte der Schopenhauersche Welt-Wille sein, der in ewiger Unfreiheit von sich selber zehrt. Aber dieser Vergleich ist unangemessen. Auf Schwartings Bildern findet keine "überwältigende Assimilation", keine Einverleibung der unterlegenen Materie, statt. Zwar ist die zur Verfügung stehende Fläche dicht gefüllt, es gibt weder Lücken noch Freiräume. Dennoch entdeckt man keine Anzeichen des Kampfes, von Unter- oder Überlegenheit. Im Gegenteil treten Fülle und Balance in ein Gleichgewicht, um das man, wie es scheint, nicht eigentlich besorgt zu sein braucht.
Wird man also von der nach-mythischen Stummheit der Hackschen Plastiken zu den Farb-Strukturen Schwartings getrieben, deren Sprache laut und deutlich vernehmbar ist, so drängt einen deren raumlose Fülle zurück zu den Einzel-Formationen Hacks. Das Starre, das offenbar wie ein Bann über den Skulpturen und Holzschnitten liegt, könnte die "Erlösungsbedürftigkeit" (Benjamin, Adorno) der verrätselten Menschenleiber darstellen - wie die Dschungel-Welten Schwartings den gequälten Drang, in Erscheinungen auszubrechen, deren unfreie Schönheit das Gesetz der Kunst, im "falschen Ganzen" nur Vor-Schein des Wahren sein zu können, reflektierte. Beides ist falsch.

Bernd Schwarting, In Elysien I, 2002 (Ausschnitt)
Es sind die offen gezeigten Momente von Unfreiheit in den Arbeiten der Künstler, die den die Ausstellungsräume wechselnden Betrachter, der glaubt, ihnen jeweils entfliehen zu können, wieder zum eben verlassenen Werk zurückschicken. Dieser Unfreiheit korrespondiert jedoch eine Freiheit, die ein gänzlich anderes Blickfeld öffnet. Schwartings Bilder schaffen nachmoderne Strukturen, in denen Schönheit und Düsternis koexistieren. Aus den Welten, die sie zeigen, gibt es keinen Ausweg, aber es wird auch keiner benötigt. Auf unvorhersehbare Weise bilden sich Lebensformen, die in ein relativ stabiles Gleichgewicht treten können (wenn der künstlerische Überblick über das "Ganze" sich selbst aufhebt und zur Arbeit an den Teil-Gefügen zurückkehrt). Sie sind nicht länger auf ein "Ziel" bezogen, sondern existieren in den Prozessen ihres Werdens. Eine künstlerische Metaphysik der Nachmoderne könnte so aussehen. Sie zeigte uns die direkt nicht sichtbaren Linien der Verläufe unseres Daseins, in denen Schönes und Schreckliches ineinander verwoben sind.
Anders aber doch vergleichbar demonstriert Hack das Beieinander von Helligkeit und Schwärze. Seinen Skulpturen eignet etwas Drohendes und dennoch keine Macht oder Gewalt, weil die Drohung dem Leben nicht von außen, sondern von innen begegnet - sie ist kein abschaffbares gesellschaftliches Verhältnis. Erst im eigenen Inneren, unserem Ich, stoßen wir auf ein Fremdes, das uns vernichten kann. Aber das Weiß, das sich über diese gesichtslosen Gestalten legt, ist keineswegs nur Maske und auch nicht Zeichen einer wie immer beschaffenen Hoffnung: sondern, dem Schwarz der Holzschnitte kontrastierend, zeigt es ein Zugleich von Leben und Tod, das uns ängstigen und gleichermaßen mit Freude erfüllen kann.
Wer diese Ausstellung durchschritten hat, der hat, sei es in der bloßen Betrachtung, sei es zusätzlich in der Reflexion über sie, wichtige Erfahrungen mit nachmodernen Werken gemacht. Insgesamt ist im vergangenen Jahr soviel Neues und Interessantes von Vorstand und künstlerischem Beirat der Kunsthalle nach Marburg geholt worden, dass es angebracht erscheint, Dr. Pätzold und den ihn Unterstützenden dafür zu danken - und mit diesem Dank die Erwartung zu verbinden, dass die Begegnung mit zeitgenössischer Kunst auch weiterhin auf diesem Niveau stattfinden wird.
Max Lorenzen