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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3
(2002), Heft 6
Die insgesamt zwölf Aufsätze und Gespräche des Schwerpunkts lassen Befürworter und Gegner der Sterbehilfe zu Wort kommen. Eben das war uns wichtig: wir verheimlichen nicht unsere Einstellung und möchten doch, dass sich jede Leserin und jeder Leser selber ihre bzw. seine Meinung bildet. Nimmt man die Argumente der Gegner ernst, so lernt man vor allem in einem wichtigen Punkt, nämlich dass der Möglichkeit des Missbrauchs von vornherein entschieden entgegengetreten werden muss. Weiß denn jemand wirklich, wohin sich die nachmodernen Gesellschaften bewegen? Nein, ein solches Wissen ist nach wie vor unerreichbar. Also gibt es vielleicht die Gefahr eines "Dammbruchs", der Zersetzung eines Grundwerts der demokratischen Gesellschaften, nämlich des Rechts auf Leben selber. Nichts Zukünftiges lässt sich wirklich prognostizieren. Folglich sollte man möglichen Gefährdungen gerade bei der Sache, die man unterstützt und die einem am Herzen liegt, ins Auge sehen.
Die Befürworter der Sterbehilfe sind nicht besser - aber auch nicht schlechter - , als ihre Gegner, sondern nur anderer Meinung. Die einen wie die anderen sind fehlbar. Vielleicht unterscheiden sich jene von diesen darin, dass sie Normen für veränderbar, also nicht für absolut gültig, halten. Deswegen können sie möglicherweise leichter verstehen und akzeptieren, dass es Wertvorstellungen gibt, die anders sind als die eigenen. Aber mit diesem Vorteil, keiner Letztbegründungen mehr zu bedürfen, geht der Nachteil einher, grundlegende Werte - etwa die Menschenwürde - nicht mehr in unbezweifelbarer, göttlich verbürgter Dignität und Geltung ansetzen zu können. Die eine, wie die andere Position ist lückenhaft.
Ausgehend von dieser Schwierigkeit macht es Sinn, an gläubige Christen zu appellieren, an einer Transformation ihres Gottesbegriffs zu arbeiten, sodass andere Transzendenz-Erfahrungen (Loslösung vom Leben auch im selbstgewählten Tod) formulierbar werden - die, so scheint es, mit den Strukturen der nachmodernen Gesellschaften besser im Einklang sind, als solche, in denen der Gott als, sei es liebender, Übervater wahrgenommen wird. Soll der Glaube nicht immer mehr zu einer Randerscheinung werden, so muss er sich wandeln: ein Reifeprozess der Seele sollte auch durch Freude, nicht nur durch Leid und tödliche Krankheit möglich und denkbar sein, jedenfalls aber bedarf er der freiwilligen Einstimmung, nicht der fraglosen Einordnung in hierarchische Verhältnisse.
Wir benötigen gegenüber der Bedrohung durch eine globale Zweckrationalität, in der auch der Mensch zum bloßen Kostenfaktor wird, der Unterstützung auch der Gläubigen - wenn sie nur, mindestens partiell, ihre Fixierung auf autoritäre Vorgaben aufgeben könnten. Wir leben in einer Zeit, in der große Chancen zu einer weitergehenden Demokratisierung durch eine schleichende Gegenentwicklung gefährdet werden: gerade in Deutschland etablieren sich auf prekäre Weise wieder Autoritätsverhältnisse, die längst überwunden schienen. In Wirtschaft und Politik, in Kirchen und Berufsverbänden (etwa der Ärzte und Juristen) greift eine Lähmung Platz, die erheblich mit dazu beiträgt, dass Deutschland in Bürokratie und einem neuen obrigkeitlichen Denken zu ersticken droht. Diese fatale gleichsam unterirdische Entwicklung dokumentiert sich auch im Verhalten der Kirchen, der Hospiz-Bewegung und der Ärzteschaft gegenüber dem Verlangen der Bürger nach einem Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Tod. Deswegen ist der Kampf für dieses Recht synonym mit dem für mehr Demokratie und Gleichberechtigung.
Wir müssen uns gegen eine schrankenlose Funktionalisierung des Lebens und Todes wehren. Auch sie ist eine Tendenz der modernen und nachmodernen Gesellschaft. Wäre es nicht großartig, wenn uns die Christen, statt sich wie bisher überwiegend mit dem Standesdenken der Ärzte und Juristen zu verbünden, bei der Abwehr dieser Gefahr zur Seite ständen? Vielleicht wird das einmal der Fall sein - aber nur, wenn die Befürworter der (auch aktiven) Sterbehilfe zuvor ihre eigene Position nicht nur formulieren, sondern auch vehement in der Öffentlichkeit vertreten und durchzusetzen trachten. So könnte auch ein Prozess des Umdenkens der Ärzte, der in Ansätzen bereits begonnen hat und auf eine Transformation des Berufsethos’ zielt, unterstützt werden. Ein solches neues Ethos würde das Recht der Menschen, über ihre medizinische Behandlung zu bestimmen (Patientenverfügungen) ebenso anerkennen, wie dasjenige auf einen eigenen Tod.
Mündige Bürger werden vor der Endlichkeit ihres Daseins nicht die Augen verschließen. Die Idee, nicht nur das Leben, sondern auch das Sterben betreffend, möglichst autonom entscheiden zu können, liegt in der Konsequenz der europäischen Aufklärungsbewegung. Ihre juristisch-medizinische Umsetzung, die Folge ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz, wäre ein wichtiger Schritt, mit dem die Etablierung eines in sich pluralen, autonomen und doch nicht transzendenzlosen Menschenbildes näher rückte.
Zum Schluss ist es mir ein Bedürfnis, mich bei der Präsidenten von Exit, Frau Elke Baezner-Sailer, Pfarrer Werner Kriesi, dem Ressortleiter Freitodbegleitung bei Exit, sowie bei Susanne Dehmel, der Pressesprecherin der DGHS und deren Vizepräsidenten Karl-Heinz Blessing für die Zusammenarbeit zu bedanken, ohne die dieser Schwerpunkt nicht in der nun vorliegenden Form hätte gestaltet werden können. Das Marburger Forum wird auch künftig in Kontakt mit diesen beiden Organisationen bleiben und über wichtige Entwicklungen, das Problemfeld der Sterbehilfe betreffend, berichten.
Max Lorenzen