Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 6


 

Theater-Zeitung, 1 ( Nov.-Dez. 2002 )

 

Das Hessische Landestheater Marburg im November und Dezember

 

Die Vorschau:   Premieren

  „Sonny Boys“ von Neil Simon

Nach „Spiel’s noch mal, Sam“, einer Komödie von Woody Allen, steht ab 23. November, dem Premierenabend, eine weitere bekannte amerikanische Komödie auf dem Spielplan des Marburger Schauspiels: „Sonny Boys“ von Neil Simon. Das Stück behandelt eine Komödiantenproblematik: Zwei alternde Mimen, Willie Clark und Alex Lewis, standen 43 Jahre lang Abend für Abend gemeinsam als Entertainer, Witzeerzähler, Sketchspieler auf der Bühne. Jetzt aber haben sie sich auseinander gelebt, sind miteinander verfeindet und haben seit 11 Jahren kein privates Wort mehr gewechselt. Wie reagieren sie auf die Chance, nach so langer Zeit noch einmal mit ihrem seinerzeit berühmten „Doktor-Sketch“ im Fernsehen – es winkt eine hohe Gage – auftreten zu dürfen? Begreifen sie, daß ihre Karriere längst vorbei ist und eigentlich niemand mehr etwas von ihnen wissen will?

Den „Napoleon des Boulevardtheaters“, sogar den „amerikanischen Molière“, haben amerikanische Kritiker den New Yorker Schriftsteller Neil Simon (geb. 1927) genannt. Er ist seit vielen Jahren einer der meistgespielten Broadway-Stückeschreiber und weltweit einer der erfolgreichsten Theaterautoren. Sein Markenzeichen sind unterhaltsame, aber auch bissige, melancholische, gesellschaftskritische Komödien.

Der Siegeszug von „Sonny Boys“ begann 1972. Die Bravourrollen für zwei alternde Komödianten wurden schon von so berühmten Schauspielern wie O. E. Hasse, Martin Held, Siegfried Lowitz, Bernhard Minetti, Heinz Rühmann, Harald Juhnke, Dieter Hildebrandt, Werner Schneider und nicht zuletzt von Jack Lemmon und Walter Matthau gespielt. In Marburg stehen Fred Graeve und Peter Radestock als das Komikerpaar Willie Clark und Al Lewis in einer Inszenierung von Manfred Gorr auf der Bühne im TASCH.

 

Gespräch mit Manfred Gorr, dem Regisseur des Stücks:

Herr Gorr, können Sie bitte sich und Ihre Theaterarbeit dem Marburger Publikum vorstellen?

Ich bin Jahrgang 1953, in Merseburg (ehem. DDR) geboren und dort aufgewachsen. Nach dem Abitur und der Ausbildung an der Schauspielschule in Leipzig begann ich 1978 als junger Schauspieler am Rostocker Theater. Dort bekam ich auch erste Gelegenheiten, Regie zu führen. Neben meiner Theaterarbeit hatte ich in den achtziger Jahren mehrere Film- und Fernsehauftritte. Meine eigentliche Regietätigkeit begann in den neunziger Jahren mit der Gründung der „Compagnie de Comedie“ in Rostok, einer privaten, aber staatlich bezuschußten Theatergruppe mit eigenem Haus als Spielstätte. Wir spielen hauptsächlich Komödien. Molière ist fast so etwas wie unser „Hausautor“.

Manfred Gorr

Was reizt Sie an dem Stück von Neil Simon?

Vor allem die großen Möglichkeiten, die „Sonny Boys“ Schauspielern mit komödiantischem Talent bietet. Es ist Vaudeville-Theater im besten Sinn des Wortes. Die perfekte komödiantische Struktur, die Konstellationen der zwei so unterschiedlichen Charaktere Alex und Willie, die Menschlichkeit der Figuren, ihre psychologische Nuancierung reizen natürlich einen Regisseur. Außerdem wollen wir musikalische Nummern in das Stück einbauen. Mit Musik zu arbeiten hat mich schon immer interessiert.

Spüren Sie bei Ihrer Arbeit, dass Sie „Sonny Boys“ an einem vergleichsweise kleinen Theater inszenieren?

Überraschenderweise gar nicht. Ich habe natürlich nur einen begrenzten Etat zur Verfügung. Das war mir – und übrigens auch dem Bühnenbildner Axel Pfefferkorn – von vornherein klar. Ich wußte also, daß ich nicht unbezahlbare Forderungen stellen konnte. Außerdem: Wichtiger als die finanziellen Mittel sind gerade bei diesem Stück die Schauspieler. Und mit Peter Radestock und Fred Graeve habe ich für die „Sonny Boys“ Vollblutschauspieler zur Verfügung.

Wie gefällt Ihnen die Stadt Marburg?

Ich kenne Marburg von einer früheren Regiearbeit her. Die Stadt mit ihren engen Gassen und alten Häusern hat viel Charme, gerade jetzt im Herbst. Ich bin gerne hier.

Welches sind Ihre nächsten Inszenierungspläne?

Nach der Premiere von „Sonny Boys“ bereite ich an unserer Rostocker „Compagnie“ ein Silvester-Programm vor. Es wird ein Musikabend mit Schlagern sein, deren Text wir umschreiben.

 

„Die Schneekönigin“ von Jewgeni Schwarz

Die zweite Premiere ist das Märchen „Die Schneekönigin“ von Jewgeni Schwarz nach Hans Christian Andersen. – Kai und Gerda leben glücklich und zufrieden bei ihrer armen, aber herzensguten Großmutter, bis eines Tages die reiche und mächtige Schneekönigin auftaucht und Kai als Adoptivsohn zu sich nehmen will. Die Großmutter jedoch ist nicht bereit, ihren Jungen herzugeben, und so muß die kalte Frau allein in ihr Winterreich zurückkehren. Zum Abschied aber küßt sie den Jungen – und bei diesem Kuß gefriert Kais Herz zu Eis. Zu Hause kann ihm niemand mehr etwas recht machen, nichts interessiert ihn mehr. Stillschweigend nimmt er seinen Schlitten und verschwindet spurlos.

Gerda, die ihren Bruder innig liebt, will sich mit seinem Weggang nicht abfinden und folgt ihm durch das ganze Land. Auf ihrer weiten Reise warten viele Hindernisse, aber sie trifft auch auf Menschen, die ihr weiterhelfen. Ob sie ihren Bruder findet und aus den eisigen Fängen der Schneekönigin befreien kann?

Der russische Journalist und Schriftsteller Jewgeni Schwarz (1896-1958), der auch auf deutschen Bühnen zu den meistgespielten Kinderstückautoren gehört, machte sich besonders mit seinen zahlreichen Märchenstücken für Kinder und Erwachsene einen Namen. Häufig schrieb er sie nach Motiven bekannter Märchendichter und –sammler.

In der Marburger Inszenierung werden die Rollen des Kai von Harald Preis, der Gerda von Johanna Bönninghaus, der Schneekönigin von Nadine Pasta und der Großmutter von Jürgen Helmut Keuchel gespielt. Aber natürlich kommen in diesem Märchenstück auch eine Prinzessin, ein König, eine Räuberhauptmännin mit Räubern und neben einem Raben und einer Krähe auch das weihnachtliche Rentier vor.     
Premiere des Familienstücks ist am 30. November um 16.00 Uhr im Erwin-Piscator-Haus.

 

Porträt

 Peter Radestock

Einer der profiliertesten und bekanntesten Schauspieler des Hessischen Landestheaters Marburg ist Peter Radestock. Mit vielen großen Rollen auf den Bühnen des Erwin-Piscator-Hauses und des TASCH, mit Chanson- und Kabarett-Auftritten im Deutschhauskeller, mit Regiearbeiten und als Oberspielleiter hat er in den letzten zehn Jahren das Schauspiel geprägt. — Radestock wurde 1945 in Leipzig geboren, ist dort aufgewachsen und besuchte die Theaterhochschule in Leipzig. Sein erstes Engagement führte ihn nach Gera, wo er in „Romeo und Julia“ den Mercutio spielte. Die zweite Station seiner Theaterkarriere hieß Rostock. 14 Jahre arbeitete er dort, war auch Dozent an der Schauspielschule und zeitweilig Mitglied der Theaterleitung. 1988 ging er als Intendant nach Plauen. Mit Ekkehard Dennewitz kam er 1991 nach Marburg. Daß die Dennewitz-Ära in Marburg bisher so erfolgreich verlief, ist auch Radestocks Verdienst.

Herr Radestock, Sie proben in diesen Wochen „Sonny Boys“ von Neil Simon. Die Rollen des Willie und des Al müßten Schauspielern wie Ihnen auf den Leib geschnitten sein.

In der Tat sind das zwei interessante Rollen für ältere Schauspieler. Willie und Al schwelgen in der Welt ihrer Theatervergangenheit, in der alles besser war. Jetzt in ihrem Alter bleiben ihnen nur Nörgeleien und eine Art gegenseitiger Haßliebe. Ein ganzes Schauspielerleben spiegelt sich in diesem Stück. Ich bin gespannt, wie das Publikum die Premiere am 23. November aufnimmt.

Sie spielen in dieser Spielzeit auch den Danton. Was an dieser Büchner-Figur möchten Sie auf der Bühne lebendig werden lassen?

Ich möchte eigentlich das Scheitern, die Resignation von Danton zeigen. Er hat die Brutalität und damit die Sinnlosigkeit der Revolution erkannt, führt noch einmal ein Leben vor, das im Widerspruch zur Robespierreschen Revolution steht, aber in sich auch bereits  brüchig ist.

Sie inszenieren in jeder Spielzeit kabarettistische Abende, Liederabende. Wie wichtig ist Ihnen diese „kleine“ Theaterform?

Ja, wir machen so etwas wie Kleinkunst im Deutschhauskeller. Es ist fast ein Hobby von mir. Allerdings erfordert die kabarettistische Lockerheit, die für Kleinkunst wichtig ist, viel Kraft. Wir haben den Deutschhauskeller als eine unserer Spielstätten entdeckt und etabliert. Immer wieder erreichen wir dort auch ein anderes Publikum, das dann hoffentlich über die Vielfältigkeit des Marburger Schauspiels erstaunt ist.

Zu dieser Vielfältigkeit Ihrer Arbeit gehört beispielsweise eine neue Gesprächsreihe, die Sie am 30. November im TASCH starten.

In einer Art Talk-Show werde ich mit Marburgern über Marburg reden und streiten. Am 30. November ist Käthe Dinnebier mein Gast. Ich hoffe, Sie wird ein bißchen aus dem Nähkästchen plaudern.

Welche Rollen und Regiearbeiten haben Sie in der Rückschau auf die Arbeit am Marburger Schauspiel in besonders guter Erinnerung?

Da fallen mir „Peer Gynt“ ein, „Hexenjagd“, „König Ödipus“ von Sophokles, „Urfaust“ und Brechts „Arturo Ui“.

Was braucht das Marburger Schauspiel aus Ihrer Sicht, damit die erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre auch künftig gesichert werden kann?

Wir brauchen vor allem eine starke Lobby im Marburger Publikum und bei den städtischen Gremien. Alle müssen erkennen, daß sie mit ihrem Theater eine kulturelle Perle in der Hand haben, ein Pfund, mit dem gewuchert werden muß. Das Theater ist in einer so relativ kleinen Stadt wie Marburg etwas Besonderes, nicht vergleichbar mit anderen kulturellen Einrichtungen. Wenn das Theater eine wirkliche kulturelle Lobby hat, dann wird es auch die Mittel und Spielmöglichkeiten bekommen, die es für eine Weiterentwicklung benötigt.

 

Empfehlung

Das Stück „Bash – Stücke der letzten Tage“ von Neil LaBute steht seit seiner deutschen Uraufführung vor eineinhalb Jahren auf dem Spielplan vieler deutscher Bühnen. In drei Spiel-Sequenzen erzählen vier Menschen jeweils von einem schrecklichen Ereignis. Ein Geschäftsmann schildert den merkwürdigen Tod seiner fünf Monate alten Tochter. Ein junges Pärchen berichtet von einer glamourösen Partynacht, in welcher ein Homosexueller ums Leben kam. Eine Frau erinnert sich, wie sie mit 14 Jahren von ihrem Lehrer verführt und verlassen wurde.

In der Inszenierung von Uta Eisold spielen Nadine Pasta, Regina Leitner, Arthur Werner und Harald Preis. Ihre schauspielerische Leistung ist bemerkenswert. „Eisold inszeniert stringent und ohne jede Effekthascherei. Sie und ihr Dramaturg Jürgen Sachs beachten eine Sprechregie, die es möglich macht, den Monologen der Schauspieler den ganzen Abend ohne Ermüdung zu folgen.“ (Auszug aus einer ausführlichen Besprechung des Premierenabends im Marburger Forum).

Harald Preis (John)   Nadine Pasta (Sue)

Zu „Bash“ ein Gespräch mit der Regisseurin Uta Eisold:

„Bash“ ist mittlerweile ein viel gespieltes Stück auf deutschen Bühnen. Worin liegt für Sie die Bedeutsamkeit des Stückes?

Das Stück scheint eine große Nähe zu den Menschen unserer Zeit zu haben. Es zeigt, welche Gewalttätigkeit unter einer glatten gesellschaftlichen Oberfläche schlummern und in bestimmten Situationen aufbrechen kann. Die Figuren im Stück gehören dabei nicht zu sozialen Randgruppen, sondern sind eher Kleinbürger, Menschen sozusagen wie du und ich. Sie sind aber bereit, Gewalt anzuwenden.

Welchen Akzent wollten Sie in Ihrer Inszenierung setzen?

Mir kam es darauf an, den halb-dokumentarischen Charakter des Stücks zu erhalten, seine Dramatik für sich selbst sprechen zu lassen. Die Schauspieler sollten auf keinen Fall auf irgendwelche Effekte hin spielen, sondern die innere Spannung des Textes sich entwickeln lassen.

Wie kommt das Stück beim Marburger Publikum an?

Die Aufführungen waren vor der Sommerpause gut besucht. Im Moment könnten wir ein paar mehr Zuschauer brauchen. Wir hatten auch gehofft, daß „Bash“ ein Stück sein könnte, das eine größere Zahl von Studentinnen und Studenten dazu bringt, einmal ins TASCH zu gehen. Wir warten noch darauf.

Frau Eisold, was sind Ihre nächsten Theaterpläne?

Ich werde sicherlich nicht schon wieder ein Stück wie „Bash“ oder vorher „Wer“ inszenieren. Eher denke ich an etwas anderes, vielleicht die Umsetzung eines Films in ein Bühnenstück. Möglicherweise werde ich mich auch wieder stärker der Kleinkunst im Deutschhauskeller zuwenden. Außerdem stehe ich in der nächsten Zeit als Julie in „Dantons Tod“ auf der Bühne, bin also einigermaßen ausgelastet.

„Bash“ wird am 20. November und am 13. Dezember im TASCH 2 gespielt.

 Herbert Fuchs

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