Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 6


Über Sterbehilfe, Krankheit und Leiden des Körpers und der Seele, menschliche Würde und göttliche Gebote

Ein E-Mail-Gespräch zwischen Dr. Klaus Widdra, Pfarrer Franz Langstein und Max Lorenzen

 

Wie möchte ich sterben?

1 (Lorenzen)
Herr Dr. Widdra, Pfarrer Langstein, unser E-Mail-Gespräch, das wir führen werden, hat zwar einen öffentlichen Charakter - aber wir sind doch als Einzel-Personen an ihm beteiligt, die eine entsprechende Überzeugung, einen Glauben oder Nicht-Glauben vertreten. Deswegen dürfen wir uns wohl Fragen stellen, die auch unsere persönlichen Ansichten und Erfahrungen betreffen (ohne ins Private zu gehen). 

Sie beide, der eine als ehrenamtlicher Mitarbeiter eines Marburger Hospizes, der andere als Pfarrer, erleben mit, was andere scheuen, nämlich den Sterbe-Prozess von Menschen. Wenn Sie nun an Ihren eigenen Tod denken: welcher Verlauf - den ja niemand in seiner Hand hat - entspräche Ihren Hoffnungen und Wünschen?

2 (Widdra)
Sehr geehrter Herr Lorenzen, sehr geehrter Herr Pfarrer Langstein,

ich freue mich auf unser Gespräch über das Thema Sterben und Tod. Es verspricht, sehr intensiv und interessant zu werden. Wir haben ja offenbar sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Einschätzungen. Das lässt sich aus unseren Beiträgen im Marburger Forum leicht ablesen.

Und nun soll ich darüber Auskunft geben, wie ich mir meinen eigenen Tod vorstelle, und was ich mir für den Verlauf meines Sterbens erhoffe. Das ist ein überaus persönliches und schwieriges Thema.

In meiner Arbeit im Hospiz begegne ich Leiden und Sterben in vielfältigen Formen; ich erlebe Hinfälligkeit und Schwäche, Not und Angst, aber auch Hoffnung, Zuversicht und Gelassenheit. Es wird geklagt, und es wird gelacht. Ich treffe Menschen - so unterschiedlich wie sie im alltäglichen Leben vorher auch gewesen sein mögen. Ich begleite sie in ihren letzten Tagen und Stunden, und ich sehe sie, wenn wir uns, nachdem sie gestorben sind, von ihnen endgültig verabschieden. Dabei werde ich immer wieder von der Majestät und verklärten Gelöstheit unserer toten Gäste berührt. (Die Worte geben hier das Gemeinte nur ganz verschwommen und unangemessen wieder.)

Dass ihnen die mitmenschliche Solidarität unterwegs hilft, dafür erhalte ich viele verbale und nonverbale Bestätigungen. Was ihnen jedoch in ihrem Sterben dann wirklich begegnet, das bleibt endgültig verborgen. Und je mehr Erfahrung ich gewinne, desto sicherer bin ich, dass für mich angesichts des Sterbens Sokrates´ "Ich weiß, dass ich nichts weiß" angemessen ist.

Am Bett eines Sterbenden begegne ich immer auch meiner eigenen Sterblichkeit. Ich weiß, dass ich Schicksalsgefährte des Sterbenden bin, und dass mich der Tod jederzeit - vielleicht sogar noch vor ihm erreichen kann. Es gibt viel Gelegenheit zur "meditatio mortis", zum Todestraining, wie Seneca es nennt. Und dabei begleitet mich Bonhoeffers Vers: "Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Du bist bei uns am Abend und am Morgen, / und ganz gewiss an jedem neuen Tag."

Was ich mir für mein Sterben erhoffe? Nichts Bestimmtes, vielleicht diese letzte Geborgenheit.

Leichter kann ich sagen, was ich nicht möchte: Z.B. Entmündigung, soziale Kälte, Verlassensein, Hektik und Betriebsamkeit, unnötige Schmerzen, Übelkeit, Verwirrtsein und andere Unpässlichkeiten.

Mit besten Grüßen
Klaus Widdra

3 (Langstein)
Sehr geehrter Herr Lorenzen,

Sie fragten mich, wie ich mir meinen eigenen Tod vorstelle oder wie ich selbst sterben möchte? Als Katholik kenne ich noch die Tradition meiner Eltern, um einen guten Tod zu beten. Diese Tradition gehört mehr und mehr der Vergangenheit an. Mir ist jedenfalls bewusst, dass man sich wohl die Art und Weise des Sterbens nicht aussuchen kann: Ob plötzlich, langsam dahinsiechend, bei Bewusstsein, bewusstlos…  Ich würde gern bewusst sterben, so dass ich das Sterben erlebe und vielleicht gestalten kann. Für mich als Christen ist dabei wichtig, bewusst den Übergang im Dialog mit Gott zu gestalten, nochmals das Leben zur Sprache zu bringen, um Vergebung zu erbitten, um zu danken, um zu vertrauen. Es ist wohl eine Gnade, so zu sterben. Deshalb beteten wir früher um eine gute Todesstunde.

Natürlich suche ich mir nicht aus, wie ich sterbe. Es kann auch anders kommen: Siechend, geistig umnachtet, „gottfern“. Aber selbst wenn es so kommen sollte, dann ist es auch gut. Die christliche Tradition kennt ja die in der Mystik genannte „dunkle Nacht“. Gemeint ist jene Situation des Menschen, wo er nicht mal mehr an Gott glauben kann, wo Angst und Zweifel übermächtig geworden sind, wo der Geist des Menschen nicht mehr fähig ist, einen Gedanken zu fassen. „Dunkle Nacht.“ So wie Christus am Kreuz rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Die Mystiker haben immer betont, dass gerade in der dunklen Nacht, wo der Mensch sich kein Bild mehr von Gott machen kann, erst für Gott es möglich wird, sich ganz den Menschen zu schenken, weil der Mensch mit seinen doch oft sehr menschlichen Gottesbildern Gott selbst eine Schranke auferlegt, zu ihm zu kommen. Also selbst wenn ich den Tod nicht bewusst erleben sollte, vertraue ich darauf, dass der Tod die intensivste Stunde der Begegnung Gottes mit den Menschen ist. Daher ist wichtig, weil ich nicht weiß, wie ich sterben werde, schon jetzt mit dem Tod zu rechnen, ihn im Leben nicht als Unfall, sondern als künftige Station des Lebens wahrzunehmen. Also würde ich die Frage am Ende umdrehen: Nicht, „Wie will ich sterben?“  sondern „Wie will ich leben, um im Tod, ob bewusst oder geistig umnachtet, vor Gott hintreten zu können?“

4 (Lorenzen)
Die Frage, die ich Ihnen beiden gestellt habe, möchte ich nun auch beantworten. Ich unterziehe mich also jetzt dem Versuch, meinen eigenen Tod, genauer: mein Sterben zu denken. Dabei ist eins sehr merkwürdig. Eine gewisse Furcht vor Krankheit - Krebs - ist mir nur zu bekannt, aber diese Furcht erstreckt sich  viel weniger, wie ich nun erstaunt feststelle, auf den Tod. Ich ziehe das Leben vor. Aber die Vorstellung, nicht mehr zu sein, hat nichts Schreckliches für mich. Sie ruft eine Art Wehmut hervor, einen melancholischen Anflug angesichts der Vergänglichkeit meiner Existenz, aber keine grundsätzliche Auflehnung gegen ein Dasein ohne ihm einbeschriebenen Sinn.

Ich glaube nicht an einen Gott. Nichts ist mir selbstverständlicher, als der Gedanke, über mein Leben und Sterben zu verfügen. Also imaginiere ich die folgende Situation: von Krankheit gezeichnet, über deren unausweichliche Verschlimmerung ich informiert bin, doch noch im Besitz einer gewissen physischen und psychischen Kraft, führe ich den lange gefassten Entschluss, meinen Tod selbst herbeizuführen, aus. Mein Sterbe-Ideal wäre es, den Prozess des Ablösens von dieser Existenz nicht nur bewusst, sondern bis in die tiefsten Schichten meiner Person hinein zu erleben und zu vollziehen. Wie schön, wenn mich jemand, den ich schätze und liebe, bis an einen gewissen Punkt begleiten könnte. Jenseits seiner werde ich allein sein und möchte es auch. Und wenn es mir gelänge, dem Tod, der Auslöschung, dieser großen Gleichgültigkeit im Universum gegenüber aller einzelnen Kreatur, mit einem traurigen Lächeln zu begegnen! Ich möchte in heiter-trauriger Gemütsverfassung aus dem Leben gehen und in selbstironischer Melancholie die eigene Vergänglichkeit akzeptieren. Warum sollte man nicht auch gerade dem Tod mit einem gewissen Humor begegnen können?

Vermutlich wird es nicht so kommen. Ich traue mir die Kraft zu einem solchen Verhalten nicht unbedingt zu. Außerdem lässt sich, wie bekannt, gerade unser Ende nicht vorherbestimmen. Aber die Möglichkeit zu einem solchen Tod und die entsprechenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: vergleichbar der Situation in der Schweiz, wünsche ich mir. Mein Hausarzt würde nach entsprechender Rücksprache mit mir das Rezept über zehn Gramm Natrium-Pentobarbital ausstellen, das zum Beispiel ein Vertreter einer Sterbehilfeorganisation aus der Apotheke holen und zu mir nach Hause bringen würde, nachdem ich den Tag der Einnahme selbst bestimmt hätte. Bereits die Sicherheit, nicht einem qualvollen Siechtum, womöglich noch unter dem sinnlosen Einsatz der Apparatemedizin, ausgeliefert zu sein, gäbe mir die Kraft, meine Gedanken dem Leben, das ich gelebt habe und seinem Ende zuzuwenden.

Dies wäre meine Weise, Leben und Tod aufeinander zu beziehen, ja, sie sich begegnen zu lassen. Daraus ergeben sich für unser Gespräch die folgende Fragen: Wären Sie, als gläubige Menschen, prinzipiell bereit, auch mir, wie ich Ihnen, meinen eigenen Umgang mit dem Sterben zuzugestehen - mit den entsprechenden rechtlich-gesellschaftlichen Konsequenzen? Könnten Sie meine von den Ihrigen doch stark abweichenden Vorstellungen nicht nur tolerieren, sondern sogar akzeptieren? Ich gebe zu, ein nach meinen Begriffen sinnleeres Leiden möglichst vermeiden zu wollen. Können Sie, in dieser Hinsicht gestärkt durch Ihren Glauben, dem Leiden und dem Schmerz im Sterbeprozess anders gegenübertreten? Gibt es für Sie vielleicht sogar einen Sinn in Krankheit und Tod?

 

Haben Krankheit und Tod einen Sinn?

5 (Langstein)
Ich habe großen Respekt vor Menschen, die nicht in tiefster Verzweiflung, sondern bewusst, in der totalen Akzeptanz ihrer Vergänglichkeit, einen selbst herbeigeführten Tod einem langen Siechtum vorziehen. Dennoch halte ich diesen Schritt für zu voreilig. Zudem besteht die Gefahr, dass man sich eben doch etwas vormacht. Ob nicht doch ein Rest an Verzweiflung, ein Rest an Sinnlosigkeit, ein Rest an Angst mitschwingt, und zwar so, dass eben der handelnde Mensch nur ein scheinbar handelnder ist, in Wahrheit ein von Angst und Verzweiflung getriebener? Ich möchte nochmals das Leiden in den Vordergrund stellen als Teil des Lebens.

Die Frage ist für mich vielmehr eine ganz andere: Wie sinnvoll ist es, durch Selbsttötung einem Leidensweg auszuweichen? Dahinter steht aber nun noch einmal die Frage: Kann Leiden sinnvoll sein? Ich glaube, dass das die zentrale Frage ist, um über aktive Sterbehilfe nachzudenken. Es geht also überhaupt nicht darum, einem „demokratischen Gottesbild“ oder einem Opfer fordernden Gottesbild gerecht zu werden, - es geht grundsätzlich im christlichen Glauben überhaupt nicht um Gottesbilder, es geht immer um den Menschen, um sein Heil, kurz: um die Menschwerdung des Menschen. Das ist die zentrale Botschaft des Christentums. Daher nun nochmals die Frage: Kann das Leiden eines Menschen so sein, dass darin eine große Chance zur Heilwerdung des Menschen, zur Menschwerdung des Menschen, zur Vollendung des Menschen liegt?

Die Frage ist also völlig verkehrt, wenn sie lautet: „Dürfen wir aktive Sterbehilfe deshalb nicht zulassen, weil Gott es uns verbietet?“, sondern vielmehr muss die Frage lauten: „Dürfen wir aktive Sterbehilfe deshalb zulassen, wenn wir dem Menschen damit einer ihm wesensgemäßen Chance berauben, ihn daran hindern, heil zu werden, Mensch zu werden, Vollendung zu finden?“  Ich bin also nicht um Gottes willen gegen aktive Sterbehilfe, sondern um des Menschen willen. Denn ich sehe, wie ich bereits an anderer Stelle ausführte, im Sterbeprozess eine große Chance für den Menschen. Um aber auch gleich ein Missverständnis auszuräumen: Ich wehre mich genauso gegen eine unnötig künstliche Verlängerung des Sterbens, wie es heute manchmal in der Apparatemedizin vorkommt.

Soviel also für heute. Es ging mir darum, Sterbehilfe nicht im Lichte Gottes zu sehen, das würde uns nicht weiterhelfen, es geht mir darum, das Sterben im Licht des Menschen zu sehen und zu fragen: Birgt das Sterben nicht ungeahnte Chancen, Chancen für den Menschen, nicht für Gott?

Ich glaube, dass auf dieser Ebene durchaus ein Gespräch auch mit Atheisten denkbar wäre, weil nicht strittige Gottesvorstellungen erst diskutiert werden müssten.

Herzliche Grüße:
Franz Langstein, Pfr.

6 (Widdra)
Einerseits habe auch ich - wie Herr Pfarrer Langstein - großen Respekt vor Menschen, die sich nach reiflicher Entscheidung für die Selbsttötung frei entscheiden und habe wie er Zweifel an der Freiheit einer solchen Entscheidung. Andererseits ist mir, Herr Lorenzen, Ihr "Gedanke, über mein Leben und Sterben zu verfügen," überaus frag-würdig: Auf meinen Eintritt ins Leben habe ich keinen Einfluss gehabt, und auch mein Ende kann ich - wie Sie selbst schreiben - "nicht vorherbestimmen". Überall im Ablauf meines Lebens muss ich zudem mit der Möglichkeit eines von mir nicht gewünschten oder bestimmten Todes rechnen.

Herr Pfarrer Langstein sieht im Leiden und im Sterbeprozess eines Menschen eine große Chance "heil zu werden, Mensch zu werden, Vollendung zu finden." Dazu hat die von Seneca vertretene nichtchristliche Auffassung (ep.mor. 102 , 23), dass das Leben von der Kindheit bis in den Tod einen Reifeprozess "zu einer anderen Geburt" ... in "jenes bessere und auch längere Leben" darstellt, erstaunliche Berührung. Ich selbst neige mit aller Zurückhaltung (denn ich weiß ja, wie ich oben geschrieben habe, dass ich in diesen Fragen nichts weiß) dieser Vorstellung zu und sehe in einem "vorzeitig" gesetzten Ende den willkürlichen Abbruch eines an sich gewollten Reifungsprozesses. Nach meiner Überzeugung wäre es aber ein Missverständnis, durch eine künstliche Verlängerung des Sterbeprozesses diesen Reifungsvorgang zu strecken. In diesem Punkt sind wir drei offenkundig einer Meinung.

In der Beurteilung von Leiden und körperlichen Qualen stimme ich eher Herrn Lorenzen zu. Allerdings vertraue ich aufgrund langjähriger eigener Beobachtungen im Hospiz darauf, dass die Möglichkeiten der Palliativmedizin, der intensiven psychosozialen und (falls gewünscht) seelsorgerlichen Begleitung des Sterbevorgangs Leiden, Angst und Schmerzen in den meisten Fällen so lindern können, dass der Sterbende seinem Ende ruhig werdend und geduldig begegnen kann.

Zwei Fragen sind jetzt noch zu beantworten:

1. Gibt es für mich einen Sinn in Krankheit und Tod?
2. Bin ich prinzipiell bereit, den Freitod bzw. die Tötung auf Verlangen als rechtlich-gesellschaftlich abgesicherte Möglichkeit einzuräumen?

Zu 1. Ich halte den Tod für eine segensreiche und notwendige Einrichtung Gottes (oder der Natur). Wie sähe unsere Welt ohne ihn aus! Griechen des Altertums haben diesen Gedanken exemplarisch durchgespielt; der Mythos von Eos und Tithonos bringt das Entsetzen auf den Punkt:

Eos, die Göttin der Morgenröte, entbrennt in Liebe zu einem Sterblichen. Für ihren Geliebten Tithonos erfleht und erhält sie von Zeus die Unsterblichkeit. Leider hat sie an ewige Jugend nicht gedacht, und so altert ihr Partner, schrumpft und schrumpelt ohne Ende. Und Zeus versagt sich Eos´ Bitten und Flehen. Das Geschenk der Unsterblichkeit wird nicht zurückgenommen. In alle Ewigkeit wird die Göttin den unsterblichen Menschen-Partner nicht mehr los. Zu einer Zikade geschrumpft, darf er in einem Käfigkästchen seine Klagen hinaussingen.

Und wenn es der Medizin gelänge, ausser dem Leben auch die Jugendlichkeit unendlich zu verlängern, wie sollten dann neue Generationen Raum finden, wie könnte die Erstarrung und tödliche Langeweile des nichts Neues mehr bietenden Lebens vermieden werden?

Vielleicht ist auch die Krankheit eine sinnvolle Einrichtung. Sie hilft uns ja gelegentlich sehr nachdrücklich, uns mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen, und häufig erhöht sie auch die Bereitschaft, das Leben loszulassen und andererseits - bei einer Genesung - das Leben neu zu erfahren.

Zu 2. Auch wenn ich es wollte, dürfte ich Ihnen, Herr Lorenzen, aufgrund meiner Überzeugung die erbetene Legalisierung von Suizid und aktiver Sterbehilfe nicht als Möglichkeit einräumen. Damit würde ich ja über etwas verfügen, worüber mir nach meinem Glauben eine Verfügungsgewalt gerade nicht zusteht. Um es in Sokrates' Bild von der Schafherde drastisch zu verdeutlichen: Ich wäre ein Herdentier, wie die anderen, und würde denen, die sich gegen den Willen ihres Besitzers töten wollen, zuraten und ihnen sagen, sie hätten dazu durchaus das Recht als Schafe. Was meinen Sie, wie würde ich mit solchem Verhalten meinen Herren erzürnen?

Und noch eine Schlussanmerkung zu 2): Zwischen Suizid und aktiver Sterbehilfe gibt es noch einen fundamentalen Unterschied. Dem trägt das deutsche Recht dadurch Rechnung, dass es die aktive Sterbehilfe - anders als den Suizid - als strafwürdig einstuft.

Mit den besten Grüßen
Klaus Widdra

 

Muss die Seele leiden, um zu reifen?

7 (Lorenzen)
Wir sind, glaube ich, in der Klärung unserer Positionen einen Schritt weitergekommen. Ich wünsche mir eine Rechtslage, die unterschiedliche Haltungen und Praktiken in Leben und Sterben gestattet, Sie, Herr Widdra, beanspruchen von Ihrer religiösen Sichtweise her, für die Gesamtgesellschaft sagen zu können, welche Werte und entsprechenden Gesetze akzeptabel sind und welche nicht.

Sie, Herr Langstein, hatten auf meine diesbezügliche Frage nicht eindeutig geantwortet. Darf ich Sie bitten, das nachzuholen?

Friedhelm Hufen, Prof. für Verfassungsrecht in Mainz, schreibt in seinem Aufsatz: "In dubio pro dignitate - Selbstbestimmung und Grundrechtsschutz am Ende des Lebens" (Neue Juristische Wochenschrift, Nr. 12/2001, S. 850-57): "Menschenwürde schützt den Menschen auch davor, zum Objekt der Menschenwürdedefinition eines anderen zu werden" (zit. nach: Karl-Heinz Blessing: "Menschenwürde und Selbstbestimmung am Lebensende" - dieser Aufsatz des Vizepräsidenten der DGHS ist soeben im Schwerpunkt des Forums erschienen). Das scheint mir der springende Punkt zu sein. Was "Menschenwürde" ist, kann in einem demokratischen Rechtsstaat nicht von einer Gruppe, Organisation, oder gar von einem Einzelnen allgemeinverbindlich, also für alle anderen Mitglieder dieser Gesellschaft, definiert werden. Versucht man das dennoch, etwa sich auf eine bestimmte Glaubens- oder Gottesvorstellung berufend, so kann man meines Erachtens eine solche Handlungsweise und den sie legitimierenden Begriff ("Gott") "vordemokratisch" nennen.

Solche vordemokratischen Züge meine ich nun in dem Gottesbild der evangelischen und katholischen Kirche und entsprechend in der Gesellschaftspolitik dieser beiden Institutionen wahrnehmen zu können. Beide beanspruchen für sich die absolute Deutungshoheit über unsere ethischen Begriffe - also auch hinsichtlich derjenigen Menschen, die keiner oder einer anderen Kirche angehören. Dem halte ich entgegen, dass niemand, weder sein Leben, noch sein Sterben betreffend, gezwungen werden sollte, fremde Wertmaßstäbe zu übernehmen (vgl. auch hierzu den Aufsatz von Karl-Heinz Blessing).

Nun zum zweiten Punkt, der mich auch philosophisch sehr interessiert. Sie halten beide, der eine ausdrücklich, der andere vorsichtiger, Krankheit und Leiden für wesentliche Momente des menschlichen Lebens. Sie, Herr Widdra, sprechen immerhin von einer "sinnvollen Einrichtung" (wer anders als Gott sollte sie getroffen haben), Sie, Pfarrer Langstein, von einer durch Leiden und den Prozess des Sterbens verursachten "Reifung" der Seele, bzw. von einer "Chance zur Heilwerdung des Menschen". Ich möchte an dieser Stelle, die mir tatsächlich der  Angelpunkt unserer Diskussion zu sein scheint, ganz genau nachfragen und bin sehr gespannt auf Ihre Antworten.

Worin bestünde ein durch Leiden verursachter Reifeprozess der Seele? Welche positive Entwicklung würde in ihr durch Schmerz und Krankheit bewirkt?

Sie werden mir die (uralte) Frage, wonach Gott einem jeden sein Teil Qual bemisst, nicht beantworten können, oder doch? Dieser Gott schickte also auch die Krankheiten: den Krebs mit seinen Metastasen? Gestatten Sie mir, ein Beispiel zu geben: "Seit ihrer Erkrankung musste sich Marianne nicht weniger als 40 Operationen unterziehen. Ihr linkes Auge war schon vor anderthalb Jahren entfernt worden, und in der Folge mussten auch die Schädelknochen der linken Gesichtshälfte abgetragen werden. Der Krebs hatte in ihr Gesicht richtige Löcher gefressen, die nicht mehr zu schließen waren, und ihr Mund bestand noch aus einer kleinen, ungefähr ein Zentimeter kleinen Öffnung, die jede feste Nahrungsaufnahme verunmöglichte. Infolge der steten Reibung des Kiefergelenks an einem Gesichtsnerv litt sie zu allem Überfluss unter permanenten Schmerzen, die sich weder durch Morphium noch andere palliative Mittel wirksam bekämpfen ließen. "Ich habe nur noch einen Wunsch", eröffnete mir Marianne mit kaum wahrnehmbarer Stimme, "helfen Sie mir zu sterben" (Gabriele Fricker: Aus freiem Willen. Der Tod als Erlösung. Erfahrungen einer Freitodbegleiterin, Oesch Verlag, Zürich 1999).

Wäre dieser Wunsch und seine Einlösung wirklich der "willkürliche Abbruch eines an sich gewollten Reifungsprozesses", wie Sie, Herr Widdra, schreiben? Ich gestehe Ihnen offen, dass ich mich gegen einen Gott, der uns solches: zu unserem Heil!, zumutete, empören würde. Er wäre in meinen Augen weder gütig, noch liebevoll, sondern böse.

Das Konzept des Lernens durch Schmerz und Leiden hat in der menschlichen Geschichte eine äußerst unheilvolle Rolle gespielt. - Aber ich bremse mich jetzt, Sie merken, für wie wichtig ich diese Diskussion halte. Mein Beitrag ist zu lang geworden, da Sie jedoch beide eine vergleichbare Position vertreten, der ich opponiere, ist das vielleicht entschuldbar.

Meine Fragen zielen also auf zwei Bereiche, der eine ist ein demokratietheoretischer, der andere ein theologisch-philosophischer.

Herzliche Grüße Ihnen beiden - ich empfinde unser Gespräch auch für mich persönlich als Bereicherung.

 

8 (Widdra)
Herr Lorenzen, Sie schreiben, “Wir sind, glaube ich, in der Klärung unserer Positionen einen Schritt weitergekommen”. Ich habe in dieser Hinsicht meine Zweifel: Mir scheint, dass Sie meine Position durchaus verzerrt sehen.

Ich beanspruche durchaus nicht, “für die Gesamtgesellschaft sagen zu können, welche Werte und entsprechenden Gesetze akzeptabel sind und welche nicht”. Ich habe Ihnen vielmehr meine persönliche Auffassung mitgeteilt und  mit der gebotenen Zurückhaltung (ich erinnere an das von mir wiederholt zitierte Sokrates-Wort “Ich weiss, dass ich” - in den letzten Fragen - “nichts weiss”) versucht, meine zugrundeliegenden Überlegungen darzustellen.

Für den von Ihnen so dringend geforderten “demokratischen” Dialog wäre es ganz falsch, wenn wir die gegensätzlichen Positionen verwischen wollten. In einem demokratischen Willenbildungsverfahren einer Gesellschaft  müssen kontroverse Standpunkte möglichst deutlich herausgearbeitet werden, ehe es zu einer für alle bindenden gesetzlichen Regelung kommt.

Wieder werfen Sie, Herr Lorenzen, in Ihrem letzten Schreiben (wie in Ihrer Einführung in den Forum-Schwerpunkt “Sterbehilfe”) den Gegnern aktiver Sterbehilfe eine “vordemokratische” Handlungsweise vor und sprechen von einem “vordemokratischen” Gott als “sie  legitimierendem Begriff”.

Vielleicht darf ich noch einmal daran erinnern, dass die von mir in meinem Forum-Beitrag zitierten vorchristlichen Autoren Hippokrates, Sokrates und Cicero, welche aktive Sterbehilfe und Suizid ablehnen, sehr lebendigen Demokratien angehörten, die geradezu als Wiege der modernen  abendländischen Demokratievorstellungen gelten dürfen.

Überhaupt  scheint mir die Messlatte “Demokratie” in Zusammenhang mit Göttern oder mit Gott (um es nachchristlich zu sagen) viel zu kurz. Demokratie ist eine von Menschen für Menschen geschaffene Staatsform, die - wie uns Platon in seinem “Politikos” zu bedenken gibt - der Einsicht Rechnung trägt, dass die Demokratie angesichts menschlicher Fehlbarkeit und moralischer Defizite die am wenigsten schlechte Staatsform ist.

Sie bezeichnen die Vorstellung, das Leben sei ein Reifeprozess von der Kindheit bis in den Tod  als “Angelpunkt unserer Diskussion”. Sie fragen deshalb “ganz genau nach”. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich meine Zurückhaltung in genau der Frage nicht aufgebe, von der ich ausdrücklich geschrieben habe, über kein Wissen zu verfügen. In einer Anmerkung möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass diese Vorstellung, die mich so angesprochen hat, nicht aus dem Christentum stammt, sondern auf den stoischen Philosophen Seneca (ep. Mor. 102, 23) zurückgeht.

Ausdrücklich habe ich auch meine Überlegung zur Krankheit mit dem Wort “Vielleicht” eingeleitet. Das ist keine Floskel, auch nicht Bereitstellung eines Notausgangs für eine evtl. nötige Flucht. Es ist Ausdruck der Einsicht, dass wir uns bei der Beschäftigung mit Fragen nach dem Sinn von Krankheit und Tod m. E. auf einem Gebiet bewegen, für das unserer menschlichen Vernunft Grenzen gesetzt sind, die ich akzeptiere. Und meine Überlegungen führen gewisslich nicht dazu, dass ich die intensive Bekämpfung von Krankheiten für unnötig oder gar schädlich einstufe. Aber Krankheiten sind trotz aller Vorsorge und Therapie aus dem menschlichen Leben nicht wegzudenken.

Nicht akzeptieren will ich unnötiges Leiden am Lebensende. In diesem Punkt, Herr Lorenzen, stehe ich auf Ihrer Seite.

Wir beide unterscheiden uns jedoch  in der Beurteilung der Möglichkeit, Leiden zu bekämpfen.  Mir machen die Fortschritte der Palliativmedizin Mut angesichts körperlicher Leiden. Gegen die psychische Not Schwerstkranker und Sterbender, die aus ihrer Schwäche, Vereinsamung und  ihren Ängsten erwächst, versuchen wir im Hospiz durch menschliche Nähe und Solidarität anzugehen.

Nicht einlassen möchte ich mich auf die von Ihnen angesprochene Theodizee-Problematik. Sie geht bereits bis ins Alte Testament und bis auf Epikur zurück und hat auch in der Neuzeit bei Philosophen und Theologen sehr kontroverse Diskussionen ausgelöst. Eine Lösung kann es m.E. in dieser Frage auch gar nicht geben, da menschliches Denken in diesem Kontext notwendig zu kurz gerät. Für unser e-mail-Gespräch würde sie auch endgültig den Rahmen sprengen.

  

Menschenwürde - ein fester Begriff?

 9 (Langstein)
„Menschenwürde schützt den Menschen auch davor, zum Objekt der Menschenwürde-definition eines anderen zu werden“,  so darf ich, sehr geehrter Herr Lorenzen, ein Zitat wiederholen, dass Sie in Ihrem letzten Diskussionsbeitrag brachten und gleich anfügen, weil eben die Menschenwürde davor schützt,  einer beliebigen Definition einer beliebig anderen Gruppe unterworfen zu werden, braucht es eben die Menschenwürde, als eine bestimmte definierte Größe. Es war doch gerade die Erfahrung der Nachkriegsgeneration, dass es einen festen Begriff von Menschenwürde geben muss, damit dieser Begriff nicht mehr der Beliebigkeit anheim fällt. So entstand unser Grundgesetz. Keiner käme doch auf den Gedanken zu sagen, unser Grundgesetz wäre „vordemokratisch“, weil sich darin ein bestimmtes Menschenbild widerspiegelt, das nun alle zu akzeptieren haben. Vielmehr ist es doch so, dass wir eine Wertegemeinschaft sind. Die christlich-abendländische, die europäische, durch die Aufklärung gegangene Geschichte, hat bestimmte Werte hervorgebracht, die eben nicht Ergebnis einer demokratischen Abstimmung waren, sondern Ergebnis eines Geschichtsprozesses. Aufgrund dieser Geschichte, mit ihren Höhen und besonders mit ihren Tiefen, haben wir die Einsicht erlangt, dass der Wert von der Unantastbarkeit der Menschenwürde zum Allgemeingut gehört. Es kann nun nicht sein, dass eine Gruppe von Menschen diesen Wert als vordemokratisch bezeichnet, weil sie sich durch die Formulierung dieses Wertes übergangen bzw. nicht in Übereinstimmung damit sieht. Werte, die durch den geschichtlichen Prozess errungen wurden, unterliegen nicht der demokratischen Abstimmung. Auch kann es in Bezug auf die Sichtweise der Menschenwürde keine Pluralität geben. Es ist immer die Menschenwürde zu favorisieren, die das menschliche Leben am höchsten definiert und am besten schützt. Hier widerspreche ich auch der gesellschaftlichen Tendenz von der Gleichwertigkeit der Kulturen. Eine Kultur, in der Ehebrecherinnen gesteinigt werden, ist nicht auf gleicher Stufe anzusiedeln wie unsere europäische Kultur. Ich kann nicht zustimmen, wenn Sie schreiben: „Was Menschenwürde ist, kann in einem demokratischen Rechtsstaat nicht von einer Gruppe, Organisation, oder von einem Einzelnen, also für alle anderen Mitglieder dieser Gesellschaft, definiert werden.“ Sehr wohl, denn der Rechtsstaat hat die Aufgabe, die Menschenwürde durch Festschreibung zu schützen. Was wäre denn, wenn die Muslime in unserem Land plötzlich die Scharia anwenden wollen. Die Definition von Menschenwürde kann nicht der Beliebigkeit oder der Pluralität preisgegeben werden.  Die Weimarer Republik ließe dann wieder grüßen. Damit habe ich mein Versäumnis nachgeholt, Position zu beziehen für eine gesamtgesellschaftliche Rechtslage.

Zum zweiten Punkt möchte ich nur anmerken: Sie, Herr Lorenzen, fragen: „Gott schickt also auch die Krankheiten: den Krebs mir seinen Metastasen?“ und weiter unten schreiben Sie: „Ich gestehe Ihnen offen, dass ich mich gegen einen Gott, der uns solches: zu unserem Heil!, zumutete, empören würde.“ Herr Widdra hatte hier die Theodizeefrage vermutet, ich sehe eher die Frage nach dem Gottesbild angesprochen. Ich habe mich von einem Gott verabschiedet, der vom „Himmel“ aus, also irgendwie von oben (und genau das assoziiert ja schon eine Art von Regieren und Beherrschen), die Geschicke der Welt lenkt. Die Frage, „wieso hat Gott das zugelassen“, ist dann immer unausweichlich. Die Vorstellung also, dass Gott uns wie Marionetten an Fäden beherrscht, ist mir mittlerweile fremd. Wenn das so wäre, müsste man in der Tat Gott der Grausamkeit bezichtigen. Ich glaube, das Problem der Theodizeefrage ist das Problem der Gottesvorstellung. Solange wir Gott als allmächtig definieren, ihm also die Möglichkeit einräumen, Leid zu verhindern, er aber von dieser Möglichkeit nicht gebrauch macht, dann ist in der Tat der Verdacht eines grausamen Gottes nahe liegend. In der Theologie nach Auschwitz sprechen wir mittlerweile auch vom „ohnmächtigen“ Gott. Und ich glaube, wir gelangen wieder zurück zu den biblischen Offenbarungsquellen. Gott hat sich in Christus geoffenbart als Gott, der mit sich geschehen lässt. Der Mensch konnte Christus kreuzigen, gegen den Willen Gottes. Aber gerade dies zeigt einen Gott, der „leidend“ ohnmächtig seinen „Schmerz“ kundtut über den Zustand der Menschen. Die Kreuzigung Jesu ist die Offenbarung Gottes als eines Gottes tiefster Solidarität mit dem Leid in der Welt, das er nicht verhindern kann. Er kann es nur solidarisch mittragen. Dass aber sich das Leid der Welt nicht erschöpft im Kreuz, ist die Botschaft von Ostern. Dem Geschundenen, dem ans Kreuz Gehängten, ist das Leben gewiss. Ostern ist die Botschaft des Sieges der Liebe über die Gewalt, des Vertrauens über das Leid. Ostern ist nicht die Botschaft des Sieges der Allmacht Gottes, sondern des Sieges der Liebe und des Vertrauens über den Tod.

Ich habe jetzt erst einmal genug geschrieben. Aber an diesen Gedanken ist schon deutlich geworden, welche Rolle nun dem Leiden und dem Sterben als Reifeprozess des Menschen zukommen kann, wenn es hier um Liebe und Vertrauen geht.

Ich möchte aber hier nur am Rande anmerken, dass sich auch die Naturwissenschaft, besonders die Biologie, mit dem Phänomen des Leidens auseinandersetzt und zu einem positiven Ergebnis in dem Sinn kommt, dass das Leiden Voraussetzung der Höherentwicklung des Lebens ist. Nur durch Mutation (also durch „Behinderung“, die sich im Nachhinein als Vorteil ausgewiesen hat), klettert das Leben die Evolutionsleiter empor.

So, genug für dieses Mal. Viel Stoff zum Gespräch, zur Auseinandersetzung. Ich bin dankbar dafür, für dieses Provozieren (= positiv: hervorrufen) von Gedanken und Anregungen.

Herzlichst:
Pfr. Franz Langstein

 

10 (Lorenzen)
In Ihren beiden Antworten liegt allerdings viel Stoff zum Gespräch und zur Auseinandersetzung. Zunächst, Herr Widdra, beziehe ich mich in meiner Argumentation nur auf gegenwärtige Positionen zum Suizid bzw. zur aktiven Sterbehilfe. Der Eid des Hippokrates etwa ist in einem völlig anderen Umfeld angesiedelt (vgl. dazu etwa die Ausführungen von Rolf Sigg:  Warum Menschen freiwillig aus dem Leben gehen. Eine Dokumentation der Menschlichkeit, 1998); die griechische und römische Demokratie unterscheiden sich von der unsrigen sehr stark.

Schmerz und Leiden haben in allen Religionen, ja auch schon in den Mythen und Kulten von Stammesgesellschaften ihren zentralen Ort. Die indische Yoga-Philosophie führt an, es könne durch Schmerzen, den Tod nahestehender Menschen, aber auch durch Freude zur Erlösung kommen. Leider wurde in der Geschichte, gerade auch des Glaubens, das, was Qual hervorruft, favorisiert: es ist wohl auch leichter herzustellen, als sein Gegenteil. Was bezweckt nun etwa ein Initiationsritus, der dem in die Stammesgeheimnisse Einzuweihenden zunächst Entbehrungen etc. auferlegt? Durch sie wird - wie auch noch durch das im Christentum eingesetzte Fasten - das Gefüge der individuellen Psyche ins Schwanken gebracht. Dies ist die Voraussetzung jeder numinosen Erfahrung (des "Heiligen" oder "Göttlichen"). Auch Heidegger beschreibt, wie durch Angst (s. Kierkegaard) - oder Langeweile - eine Erfahrung des Seins im Ganzen möglich wird. Die Seele soll also nicht und kann auch gar nicht durch 'normales' Leid reifen, sondern dieses kann höchstens (vielleicht!) den Zugang zu einer Zone des numinosen Schmerzes öffnen, um dessen Erleben es eigentlich geht.

Dieser 'eigentliche' Schmerz, gesteigert zu einer Todes-Erfahrung im Dasein, schlägt, so die Hoffnung aller Mystiker, in sein Gegenteil, die Neuwerdung des Lebens, um: dies ist der ersehnte Reifeprozess der Seele. Ich vermute hierin den Hintergrund der ernsthaften philosophischen oder religiösen Ablehnung des Suizids, bzw. einer Abkürzung des Krankheits- und Sterbeprozesses. Halten wir fest: ein bloßes Erdulden noch so großer Qualen körperlicher oder psychischer Art bis zum eintretenden Tod verläuft solcherart möglicherweise völlig ohne wirkliche Anteilnahme der Seele, die sich vielleicht irgendwo furchtsam zusammenkauert und von alldem nichts wissen will. Ohne innerste und d. h. freiwillige Zustimmung zu dem, was geschieht, gibt es keine seelische Erfahrung des Reifens.

Das Fazit: 1. Es gibt sicherlich, gerade heute, viele Menschen, die diese Vorstellung seelischer Erfahrung für sich ablehnen und damit nichts zu tun haben wollen. Das ist ihr gutes Recht. 2. Das Erleben einer solchen Neuwerdung kann auch gänzlich ohne Bezug auf eine religiöse Sphäre, also ohne Gott, auskommen. 3. Schmerz oder Leid sind kein notwendiges Ingredienz dieser Erfahrung, sie kann auch durch das Gegenteil (s. o.) ausgelöst werden. 4. Das für mich Wichtigste: die innere Loslösung vom Leben, das Akzeptieren des Todes und hierin die Begegnung mit den tiefsten Schichten unserer Existenz kann sehr wohl auch in einem selbst eingeleiteten Sterben geschehen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich um all das, worüber wir hier sprechen, kaum noch kümmert. Man mag das bedauern. Aber selbst aus inneren Gründen, die Geschehnisse im seelischen Bereich betreffend, geht es nicht an, ein rechtliches Verbot auszusprechen, die Stadien des äußeren, körperlich-psychischen Leidens selbstbestimmt abzukürzen.

Nun noch zur "europäischen Wertegemeinschaft", ein Begriff, den ich eher ablehne. Wenn Sie, Pfarrer Langstein, schreiben, eine Kultur, in der Menschen gesteinigt werden, könne nicht als gleichrangig mit der europäischen angesehen werden, so berücksichtigen Sie nicht, dass bei uns vor noch nicht sechzig Jahren Millionen von Menschen in Kriegen und Konzentrationslagern umgekommen sind. Dazu jetzt nichts weiter. Die europäische Geschichte, von der Sie sprechen, scheint mir ein Konglomerat unterschiedlichster Richtungen, die sich in der Vergangenheit bis aufs Messer bekämpft haben. In der gesamten Neuzeit gibt es zwei große gegensätzliche Ströme, den christlich-religiösen und den wissenschaftlich-glaubenslosen, die sich voneinander abspalten und auch wieder durchdringen (wie in der Renaissance). Beide bestimmen auch noch das politisch-kulturelle Leben der Gegenwart. Wenn nun aus dem Kampf, der Inquisition und Ketzerverbrennung, eher ein Diskurs wird - daran arbeiten wir gemeinsam - , dann müssen selbstverständlich beide Richtungen in die Gesetze unserer Gesellschaft Eingang finden. Der gesellschaftliche Prozess selber verlangt also eine gewisse Pluralität von Werten.

Dem stellen Sie, Pfarrer Langstein, die " Unantastbarkeit der Menschenwürde" wie einen Block entgegen und sagen dann: "Es kann nun nicht sein, dass eine Gruppe von Menschen diesen Wert als vordemokratisch bezeichnet, weil sie sich durch die Formulierung dieses Wertes übergangen bzw. nicht in Übereinstimmung damit sieht". - Vielleicht, nein sicher meinen Sie es nicht so, aber das ist eine sehr polemisch-ideologische Formulierung. Was "Unantastbarkeit der Menschenwürde" ist (ja selbst, ob es das überhaupt gibt), lässt sich gerade nicht eindeutig definieren und ist erst recht kein unbezweifelbares Resultat eines Geschichtsprozesses. Die "Gruppe von Menschen", von der Sie sprechen, stellt die Mehrheit unserer Bevölkerung - über 70 Prozent sind für aktive Sterbehilfe - , und es wäre wohl paradox, sie aus der "Wertegemeinschaft" des Staates auszuschließen. Hier schimmert noch sehr deutlich durch, dass dieser Begriff der "Wertegemeinschaft" ein Kampf-Begriff ist, also seinem vorgeblich allgemeinen Inhalt selber widerspricht.

Es muss also auch hinsichtlich der Definition der Menschenwürde Pluralität geben, und es gibt sie faktisch. Der Anspruch an Gesetzeskodierungen ist gerade, Pluralität und Eindeutigkeit zu vereinen und zu einem immer prekären Ausgleich zu bringen. Darin sehe ich die Aufgabe des gegenwärtigen nachmodernen Demokratieprozesses. Die Kirchen haben wohl mit ihrer Vorstellung des "ohnmächtigen Gottes" einen Schritt in die nachmoderne Gesellschaft getan, bleiben aber meines Erachtens mit ihrem Primat des Leidens noch viel zu sehr ihrer gewaltsamen Tradition verhaftet. Wollen sie aus dem jahrhundertelangen Rückzugsgefecht herauskommen, so werden sie dieses Terrain aufgeben müssen, um neues gewinnen zu können.

Nach dieser theoretischen Diskussion habe ich eine ganz andere Frage an Sie beide: werden Sie in Ihrer Praxis der Sterbebegleitung mit dem Wunsch nach einer Abkürzung des Leidens konfrontiert und wenn ja, wie reagieren Sie darauf?

 

Religiöse Grunderfahrungen und der Prozess des Sterbens

11 (Widdra)
Herr Lorenzen,

es wäre für den Dialog zwischen den unterschiedlichen Positionen sicherlich hilfreich, wenn Sie sich in Ihrer Argumentation nicht nur auf gegenwärtige Positionen zum Suizid bzw. zur aktiven Sterbehilfe bezögen.

Sie weisen darauf hin, dass der Eid des Hippokrates ... in einem völlig anderen Umfeld angesiedelt sei, und dass sich die griechische und römische Demokratie sehr stark von der unsrigen unterscheiden.

Recht haben Sie. Aber gerade das macht deutlich, dass es offenbar religiöse Grunderfahrungen gibt, die unabhängig von der jeweiligen Gottes-/Göttervorstellung zur Ablehnung von Suizid und aktiver Sterbehilfe führen.

Der Hinweis auf die griechischen und römischen Demokratien der Antike sollte darüber hinaus zeigen, dass Ihre Angriffe gegen das Christentum als eine Religion mit einem vor demokratischen Theokraten und einem autoritär-dogmatischen Gottesbegriff aus absolutistischen Staats- und Glaubensformen unangemessen und historisch falsch sind.

Nach dem, was Sie über Schmerz und Leiden schreiben, müsste Ihnen die Hospizbewegung ihrer Zielsetzung nach eigentlich sympathisch sein. Sie bemüht sich ja darum, Sterbehilfe in dem Sinne zu betreiben, dass sie die körperlichen und seelischen Schmerzen und Leiden der Menschen in ihrer letzten Lebensphase im höchst möglichen Maße lindert und eine Situation schafft, die es ihnen ermöglicht, sich mit den allerletzten Fragen ihres Lebens in Ruhe auseinanderzusetzen, ihr Sterben zu akzeptieren und den tiefsten Schichten ihrer Existenz zu begegnen.

Und nun zu Ihrer Schlussfrage:

In den fünf Jahren, in denen wir im Hospiz Sterbende begleiten, ist weder meiner Frau noch mir der Wunsch nach einer vorzeitigen aktiven Beendigung des Lebens begegnet, der Wunsch nach einem baldigen Tod durchaus.

12 (Langstein)
 Es gäbe bezüglich der Begriffe „Wertegemeinschaft“  und  „Bedeutung von Kulturen“ in Hinblick auf ihre Vorgegebenheit bzw. ihr Unterliegen von Mehrheiten vieles zu sagen. Ich bezweifle nach wie vor, wie weit der Wert der Unantastbarkeit des Lebens abstimmungsfähig ist und einer Pluralität unterliegt. Gerade das Beispiel unserer eigenen Geschichte, das Sie, Herr Lorenzen, ansprachen, dass inmitten unseres Kulturkreises Millionen von Menschen im Krieg und in Konzentrationslagern umkamen, zeigt doch eher, wie gefährlich es ist, Werte zu liberalisieren bzw. den Wert der Unantastbarkeit des Lebens der Mehrheit zu unterwerfen. Die Verfassungsväter haben diese Lehre aus der Geschichte gezogen. Das meinte ich, als ich schrieb, dass Werte oft das Ergebnis eines Geschichtsprozesses sind.

Aber es geht ja hier um „Sterbehilfe“, nicht um das Thema der Wertigkeiten von Kulturen.

Sie fragten an, ob ich in meiner Praxis der Sterbebegleitung mit dem Wunsch nach einer Abkürzung des Leidens konfrontiert wurde und wie ich darauf reagiere. In all den Jahren, in denen ich sterbenskranke Menschen besuche, hat noch niemand mir gegenüber den Wunsch geäußert oder die Ankündigung gemacht, sein Leben aktiv beenden zu wollen.

Sehr wohl aber kamen Sätze wie: „Wenn ich doch endlich sterben könnte“, oder „Hat der liebe Gott mich vergessen?“ oder „Ich bin bereit zu sterben, ich weiß nicht mehr, warum ich hier noch bleiben soll. Ich habe mein Leben gelebt.“ So oder so ähnlich höre ich schon manches Mal. Aber niemand sagte: „Ich werde jetzt mein Leben beenden.“.

Es ist für mich als Pfarrer und als Christ eine bereichernde Erfahrung, Menschen im Sterben so zu erleben, als ob sie von uns gingen in einem Wissen darum, vorbereitet zu sein. Mein Ziel bei Sterbenden ist, diesen Menschen zu helfen,  die Erfahrung der Ewigkeit zuzulassen. Und manchmal darf ich erleben, wie Menschen mit sich wieder ins Gleichgewicht kommen, wenn es gelingt, dass sie sich versöhnt wissen und ihr ganzes Leben angesichts des bevorstehenden Todes annehmen können. 

Man kann es drehen oder wenden, wie man will, im Sterben – so wie ich es bisher bei den meisten, ja ich glaube sogar, bei allen Menschen erlebt habe – bricht sich plötzlich eine Transzendenz Bahn, die vorher im Leben mitunter total verschüttet gewesen sein kann. Aber hier, an diesem Punkt des Hinübergangs, wo der Mensch alle Sicherheiten, alle falschen Identitäten (z.B. in einer weit verbreitet anzutreffenden primitiven Form: „Ich bin so cool, weil mein Auto breite Reifen hat“), alle Ablenkungen ihm nicht mehr die Sicht seines wahren Menschseins versperren, da taucht plötzlich diese Dimension der Transzendenz auf, die vorher oft verdrängt war. Ich habe immer wieder beglückend erlebt, dass ein Mensch dann bereit ist im Frieden zu gehen, wenn er diese Dimension der Transzendenz annehmen lernt und bereit ist, sich auf sie einzulassen. Ob nicht Transzendenzerfahrung ein Teil wahren Menschseins ist?

Das ist das, was ich meinte mit „Reifeprozess“ im Sterben. Freilich ist dies insofern als lächerlich abzutun, dass man sagen kann, wozu soll ein Mensch im Sterben noch reifen, wenn ohnehin gleich Schluss ist. Zu was soll er reifen? Die Rede vom „Reifeprozess“ des Sterbens hat freilich nur einen Sinn angesichts der Dimension der Ewigkeit.

Jedoch frage ich mich, selbst wenn diese Erlebnisse einer starken Transzendenz-Erfahrung nur psychologisch zu deuten wären, ob mit dieser Deutung das Problem gelöst wäre. Die Frage bliebe: Warum empfinden wir so im Tod? Selbst eine rein weltimmanente Erklärung könnte die Frage nach dem Woher von Transzendenzerlebnissen nicht auflösen. Letztlich läuft es auf die Frage hinaus, die selbst die Rede von der „Religion als Projektion“, wie wir sie bei Feuerbach finden, nicht lösen konnte: Wie kann man von Gott reden, woher kommt die Idee Gottes, wenn es ihn doch gar nicht gibt. Woher also kommt die angebliche Projektionsfläche? Sie dürfte doch gar nicht da sein! Und die Rede von der Religion als Projektion hat eigentlich nur gezeigt, dass inwendigst in uns „etwas“ ist, was sich uns ausstrecken lässt nach Gott. Ob das nicht die Erfahrung im Sterben ist, wo alles Äußere wie eine Schale von uns abfällt? Eine heilsame Erfahrung?

 

Können sich Transzendenz-Erfahrungen ändern?

13 (Lorenzen)
Wir kommen - mehr aus äußeren Gründen: um eine gewisse Länge nicht zu überschreiten - zum Ende unseres Gesprächs. Ich möchte zunächst auf Ihre Argumente, Herr Widdra, eingehen.

Gibt es "religiöse Grunderfahrungen (...), die unabhängig von der jeweiligen Gottes-/Göttervorstellung zur Ablehnung von Suizid und aktiver Sterbehilfe führen", wie Sie schreiben? Ich halte das, was die Vergangenheit angeht, für sehr wohl möglich. Die Gottesvorstellungen spiegelten den hierarchischen Aufbau der Gesellschaft - und nichts schien selbstverständlicher zu sein, als das die Menschen ihrem Gott "gehörten", also Untertanen seiner Gesetzgebung waren. Der Suizid wurde von den Interpreten dieser Gesetze (kirchliche und staatliche Obrigkeit) als Akt der Revolte gegen sie angesehen.

Das Entscheidende heute scheint mir zu sein: dass wegen einer fundamentalen Änderung der Gesellschaftsstruktur (ich kann das hier nur andeuten) der Verfügungsanspruch des Einzelnen über sein Leben und seinen Tod von der Gemeinschaft nicht mehr als Affront gegen sie empfunden wird. Es gibt parallele Bewegungen auch bei gläubigen Christen. Ich weise hier noch einmal auf das Buch von Rolf Sigg, Schweizer Pfarrer und Mitbegründer von Exit, hin. Sigg schreibt:

"Der neutestamentliche Gott ist kein Despot, der dem Menschen kommunikationslos seine Willkür auferlegt, sondern ein Begegnungsgott, an den zu glauben heißt, mit ihm im Gespräch zu sein. Weil der neutestamentliche Gott ein Gott der Liebe und ein Gott der Begegnung ist, fällt sein Wille niemals mit dem zusammen, was durch den Lauf der Natur und ärztliche Verrichtungen "einfach" geschieht. (...) Der Mensch ist dadurch ausgezeichnet, daß er - im Un­terschied zu allen übrigen Lebewesen - Gottes Mitar­beiter sein und dadurch handeln kann. (...)

Es war mir in meiner Arbeit als Begleiter entscheidend wichtig, jeden Schwerstkranken spüren zu lassen, daß ich ihm die Fähigkeit zuspreche, seine Entscheidungen frei von Gewissensmanipulation und Fremdbestimmung zu fällen. Falls er als Christ zu leben versucht, nehme ich es ihm ab, daß er nicht aus eigener Machtvollkommen­heit Freitod begeht, sondern aus seiner persönlichen Ver­bindung mit der Transzendenz. Ich habe es denn auch in zahlreichen Fällen erlebt, wie der als lebendig erfahrene Gott dem Schwerkranken die Gewißheit zu schenken ver­mochte, mit seinem Freitodentscheid den richtigen Weg zu gehen[Hervorhebung von mir].

Passives Hinnehmen des scheinbar Unabänderlichen als in Gottes Rat beschlossen gehört so sehr zur Kennmarke un­seres landläufigen Christentums, daß viele Christen sich kaum dessen bewußt sind, wie unbedacht sie eindeutig aktiv gemeinte Grundtexte der Bibel passiv umdeuten, so daß ein Christ, der seine Religiosität darin findet, bis zu­letzt ein Handelnder zu sein, immer noch befremdet" (theologische und anthropologische Grundthesen, a. a. O., S. 19ff).

Ein solcher nicht-bevormundender Glaube lässt offenbar andere Transzendenz-Erfahrungen zu! Ich bin der Ansicht, dass das sich hier dokumentierende Christentum einen wichtigen Platz in der heutigen Gesellschaft hat. Es liegt mir also völlig fern, das Christentum, wie Sie, Herr Widdra, schreiben, anzugreifen. Aber ich weise mit allem Nachdruck darauf hin, dass die Interpretationshoheit, die von den Amtskirchen in Deutschland nach wie vor in den Fragen des Lebens und des Todes beansprucht wird, rückschrittlich ist und - hoffentlich - nicht zu halten sein wird. Eine Hospiz-Bewegung, die sich auch (nicht nur!) den von Rolf Sigg beschriebenen anderen Transzendenz-Erfahrungen öffnen würde, wäre mir äußerst sympathisch - nein, das ist nicht der richtige Ausdruck, ich ersehne ihre Existenz geradezu.

Pfarrer Langstein, ich möchte ein Missverständnis beseitigen. Der "Wert der Unantastbarkeit des Lebens" ist nicht abstimmungsfähig; würde sich eine Gesellschaft gegen ihn entscheiden, so wäre sie nicht länger demokratisch. Aber der Inhalt dieser Wertvorstellung ist diskutabel und muss es sein.

Sie fragen, "ob nicht Transzendenzerfahrung ein Teil wahren Menschseins ist?" Ich würde antworten: ja und nein. Es gibt viele Menschen, die diese Erfahrungen nicht machen und auch im Tod ohne sie auskommen, ohne dass ich ihnen das "wahre Menschsein" absprechen möchte. Ihrer Vermutung, dass sich im Sterben eine Transzendenz Bahn bräche halte ich die Berichte über die kurz vor Kriegsende stattfindenden sogenannten Todesmärsche entgegen. Die Gesichter der am Wegrand zurückbleibenden Toten seien noch von Entsetzen und Qual gezeichnet gewesen. Sie verstehen: gerade dem Gedanken, ein gnädiger Gott erlaube jedem Sterbenden zumindest die Moment-Erfahrung der Erlösung, gesellte sich hier notwendig ein anderer von der Übermacht des Bösen.

Das bedeutet aber doch letztlich, kein Glaube, keine Philosophie, kein Weltbild erreicht eine wirkliche innere Schlüssigkeit, sondern muss in sich selber blinde Flecken, Zonen des Nichtverstehbaren akzeptieren. Und eben hier, in der Unangemessenheit, bzw. Unvollständigkeit der eigenen auch moralischen Haltung, liegt doch die Möglichkeit, andere Einstellungen und Werte anzuerkennen.

Wäre ich an der Seite eines Sterbenden, der wünschte, dass ich mit ihm bete, so täte ich es und glaubte vielleicht sogar für einen Augenblick an seinen Gott - in dem Augenblick, da ich die Gemeinsamkeit unseres Menschseins erführe. Ebenso sollten Mitarbeiter eines Hospizes und Pfarrer die Transzendenz-Erfahrung eines Todkranken, der sein Leiden durch Suizid abkürzen will, zulassen - erst recht aber den entsprechenden Wunsch eines Nichtgläubigen.

Die Welt lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Die moderne und nachmoderne Gesellschaft und ihr Rechtssystem beruht auf christlichen, wie auf areligiösen Werten. Beide müssen sich in ihrer jeweiligen Vielfalt ausdrücken können. Ich schlage vor, wir sollten damit aufhören, die Äußerungen anderer Überzeugungen als "Verfall" oder gar "Zusammenbruch" unserer Wertegemeinschaft abzuqualifizieren.

Natürlich wäre es besser, wenn sich alle ernsthaft engagierten Menschen in erster Linie um die Abschaffung des Hungers und der Unterdrückung auf dieser Welt kümmern würden. Dieser Fall jedoch wird nicht so bald eintreten. Deswegen kommen diejenigen, die für das Recht auch auf den eigenen Tod plädieren, nicht umhin, gegen die Institutionen und Verbände, die ihnen dieses Recht bestreiten, mit allen demokratischen Mitteln offensiv zu kämpfen.

 

Drei Schlussbemerkungen

Fazit (Lorenzen)
Dieses Gespräch war ein Experiment. Es ging nicht um den "Sieg" der eigenen Meinung, also darum, andere von der Wahrheit seiner Position zu überzeugen. Aus dem Dialog, den Fragen und Antworten, gehen die unterschiedlichen Haltungen Leben und Tod gegenüber, wie ich meine, klar hervor. Sehr deutlich geworden ist mir die Ernsthaftigkeit meiner Gesprächspartner. Nach wie vor lehne ich jegliche angestrebte Definitionshoheit über den Begriff "Menschenwürde" ab. Ich glaube, dass den Leserinnen und Lesern der Nachvollzug unserer Argumente bei der Ausbildung oder Überprüfung der eigenen Position hilfreich sein wird.

Fazit (Widdra)
Ein Konsens in der „Sterbehilfe“-Frage konnte sich über unsere e-mail-Diskussion nicht herbeiführen lassen. Kein Wunder. Denn die Kluft zwischen religiös gebundenen und agnostisch oder atheistisch eingestellten Menschen ist in dieser Frage m. E. prinzipiell unüberbrückbar. Ich habe aber mit zunehmender Freude beobachtet, wie im Verlauf unseres Gesprächs das zwischenmenschliche Verständnis und die Achtung für die Haltung des anderen gewachsen ist. Herzlichen Dank Ihnen beiden, Herr Lorenzen, Herr Pfarrer Langstein.
Ich bedaure, dass wir in unserem Gespräch die „Handlungsebene“ weitgehend außer Acht gelassen haben. Der Frage, welch schreckliche Folgen für die Schwächsten in unserer Gesellschaft aus einer weiteren „Aufweichung des Tötungstabus“ erwachsen können, sollte sich niemand entziehen. Ich empfehle den Schlussteil von Hans Joachim Türks Beitrag im Marburger Forum Jg 3 (2002), Heft 3 als Ausgangspunkt.

Fazit (Langstein) 
Abschließend möchte Ihnen, Herr Lorenzen wie auch Ihnen, Herr Widdra, danken für den anregenden Austausch von Gedanken, Argumenten und persönlichen Meinungen. Es ist gut, einander zu hören und auch den anderen zu verstehen zu suchen.
Diesem meinem Fazit möchte ich noch ganz im eben genannten Sinn drei Bemerkungen anfügen:

Immer wieder wurde als Grund für die absolute Ablehnung der aktiven Sterbehilfe und des Selbstverfügungsrechtes des Menschen ein vordemokratisches Gottesbild ausgemacht. Auch wenn wir heute andere Gottesvorstellungen haben, bleibt dennoch die Frage: „Darf der Mensch so über sich selbst verfügen, dass er seinem Leben ein Ende bereiten darf?“ Mir war wichtig aufzuzeigen, dass völlig unabhängig vom Gottesbild diese Frage behandelt werden muss. Es geht bei der Frage nicht um Gott, sondern um den Menschen. Gewinnen wir etwas dabei? Ich glaube, dass wir im Umgang mit Sterbenden noch mehr verlieren würden. Wie viel Druck lastet auf einem Schwerkranken, der nur noch ein Pflegefall ist, wenn in ihm der Gedanke kommt: „Eigentlich bin ich den anderen nur noch eine Last, - auch finanziell -, es ist im Sinne der anderen vielleicht besser, wenn ich mein Leben beende.“  Die aktive Sterbehilfe öffnet die Türen für „leichte Lösungen“ im Umgang mit Kranken, erhöht den Druck auf Menschen, die pflegebedürftig sind, und missversteht den Wunsch nach dem Tod als Selbstverfügungsrecht, wobei er lediglich ein einziger Hilferuf ist nach Annahme, Geborgenheit und Begleitung.

Nochmals danke ich Ihnen für die sehr interessante und zur eigenen Positionsfindung hilfreiche „Dreierkonferenz“.
Mit herzlichen Grüßen:
Pfr. Franz Langstein

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