Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 1


Geistesblitze aus heiterem Himmel

Hommage à Karl Heinz Bohrer

"Zeit und Form - Konfigurationen ästhetischen und historischen Bewußtseins"

Das Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld hatte - nachträglich zum Siebzigsten - für seinen ehemali gen Professor der Literaturwissenschaft ein dreitägiges Kolloquium (12.-14.12.02) organisiert, das "hochkarätige" Wissenschaftler ver schiedener Disziplinen versammelte (Wissensch. Leitung: Wolfgang Lange/J.P.Schwindt/K.Westerwelle). [Vgl. F.A.Z. v. 18. 12. 02: Andreas Platthaus "Aufs Meer"]

Der Jubilar, seit längerem in Paris lebend, letzten September für seine zahlreichen Veröffentlichungen zur Ästhetik und vergleichen-den Literaturwissenschaft (jüngstes Beispiel: "Ästhetische Negativität", Hanser 2002, 24,90 €) mit dem Deutschen Sprachpreis 2002 ausgezeichnet, bekannt als Herausgeber der Monatsschrift "Merkur - Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken", weilte bescheiden und meist schweigsam mitten unter uns. Im Mai 2001 hatte er die neu eingerichtete Gadamer-Professur in Heidelberg eröffnet mit seinem kritischen Beitrag "Erinnerungslosigkeit - Das Defizit der gesellschaftskritischen Intelligenz". Damit hat er sein Thema angeschlagen: die Zeiterfahrung in der Moderne, ausgehend von der deutschen Frühromantik über Baudelaire und die Surrealisten zur Moderne. Entsprechend trugen fast alle der 14 Beiträge internationaler Referenten schon im Titel den temporalen Bezug.

Als erste Gratulantin überreichte die Literaturwissenschaftlerin   H a n n e l o r e   S c h l a f f e r   ihre (Teil-)Interpretation von Goethes Hymne "Das Ende der Plötzlichkeit. Prometheus" als bescheidenes "Gänseblümchen" bzw. "Fußnote" zu Bohrers "Theorie der Plötzlichkeit". Sie demonstrierte, wie Goethe als Naturwissenschaftler sich den Prometheus-Mythos neu anverwandelt und umgedeutet habe: Die Macht des Zeus, als plötzliche Epiphanie des Gottes im Symbol von Blitz und Donner, erscheint nunmehr gebändigt; man konnte daher durch Benjamin Franklins Analyse des Blitzcharakters und die Erfindung des Blitzableiters (1751) von nun an ohne Angst vor dem Blitzeinschlag leben. Schlaffer legte darauf dar, dass die großen naturwissen- schaftlichen Entdeckungen Wendepunkte im gesellschaftlichen Verhalten zeitigten und belegte dies mit Parallelen aus Goethes "Werther" (Gewitterszene beim Ball) als "prosaischer Replik" des Prometheus-Gedichts - unter Einbeziehung des Klopstock-Zitats aus dessen "Frühlingsfeier" - und Karl Marx' "Kritik der politischen Ökonomie", von der die Hymne sozusagen als "versifizierte Fassung" verstanden werden könne. Der naturwissenschaftliche Mensch habe sich selbst befreit von den mythischen Vorstellungen (anstelle dessen gäbe es dann den "coup de foudre" zwischen Werther und Lotte).

Nach einem 'Trockenblumenstrauß' des Kölner Utopie-Forschers   W i l h e l m   V o ß k a m p   "Entzeitlichung. Utopien und Institutionen" bot der Romanist   W o l f g a n g   L a n g e   (Bielefeld) mit seinem Vortrag "Michel Houellebecq und die Satura Menippea. Über Literatur und Zynismus" Bohrer und dem Auditorium eine ganze Schale frisch-zeitgenössischer Lese-Früchte. Er verkaufte M. Houellebecqs "Elementarteilchen" als wahlverwandt der menippäischen Satire und den griechischen Zynikern (dezenter Beweis: die Identifikation mit Hunden). Nach einem Exkurs über den Einfluss des Zynismus als "Konstante europäischen Denkens" auf die europäische Literatur und Philosophie präsentierte Lange Houellebecqs Text als utopisch gerahmten Roman (Erzählperspektive aus dem Jahr 2080: das Aussterben der Menschheit scheint unausweichbar), als Doppelbiographie stets auf Kollision zwischen Exquisitem und Trivialem, mit dem gattungstypischen Verschnitt unterschiedlichster Textformen, der Vermischung von Ernst und Scherz, dem Eskalieren im Aberwitzigen, Grotesken mit tödlich desillusionierender Wirkung. Retrospektiv wird unsere Jetztzeit in experimenteller Phantastik und zynischer Verfremdung dort ausgeleuchtet. Die Vorliebe der menippäischen Satire für Schwellensituationen findet sich auch hier: Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft. Ebenso der Widerspruch von Ideen, Wirklichkeit bzw. die Dekonfiguration von Zeit und Form (ähnlich wie bei Cervantes). Die menippäische Satire als Epopoe der letzten philosophischen Fragen zeige das Jenseits der Geschichte, den Tod des Subjekts.

R a i n e r  W a r n i n g, emeritierter Romanist der Uni München und Mitglied der Forschungsgruppe für Ästhetik und Hermeneutik, sprach über "Differentielle Epiphanien bei Proust". Er demonstrierte anhand einer Textpassage aus dessen "Recherche du temps perdu" zweierlei Formen der Erinnerung: Neben der "mémoire involontaire" des 1.Teils (Madeleine-Episode) mit quasi religiöser Wiederauferstehung der Erinnerung und Identifikation, deren Dementi im Teil des "roman d'Albertine" mit Schock-Erinnerungen und Imaginationen, die gleich zusammenbrechen (Marcels Interpretation des Elstir- alias Renoir-Bildes "Grandes Baigneuses").

Drei weitere Vorträge arbeiteten mit Exempeln aus der Bildenden Kunst: V i c t o r  S t o i c h i t a "Der letzte Karneval. Goya 1799" über des spanischen Malers "Capriccios": " Todo el mondo è carnaval!". Der Basler Kunsthistoriker und Hermeneutiker  G o t t f r i e d  B ö h m  sprach über "Unendliche Verzögerung. Anmerkungen zur Temporalität bildnerischer Phänomene" und demonstrierte exclusiv an Giorgio de Chiricos Malerei die Maskerade eines ganz jungen "alten" Meisters (versch. Werke der pittura metafisica).   A n d r é  S t o l l   zog zu seinem Vortrag "Mnemosyne, suspendiert" ausführlichst ein Ribera-Gemälde heran.

Mit einer Koproduktion wendeten sich der Bielefelder MA - Historiker  K l a u s  S c h r e i n e r  und die Münsteraner Romanistin  K a r i n  W e s t e r w e l l e  der Interpretation von Charles Baudelaires Gedicht aus den "Fleurs du mal" zu, das entstanden auf dem Hintergrund einer Votiv-Tafel in spanischer Manier: "Form und Zitat in A une Madone".

V i t t o r i a  B o r s ò , Düsseldorfer Romanistin und Germanistin, erläuterte in "Zeitbild. Visualität und Zeitlichkeit in Flauberts Salammbo" die Zeit als Raum strukturierend: Indem die chronologische Zeit still steht, wird die innere wahrnehmbar. Die Wirklichkeit verändert sich in jedem Augenblick in Flauberts Romanen.

H a n s  U l r i c h  G u m b r e c h t  (USA) sprach über "Zeit des Raums". Er unterschied dabei "Zeit im reinen Bewusstsein" (à la Bergson) von "Zeit als historischem Bewusstsein" (à la Reinhart Koselleck), die beide kontrastiven Hintergrund für seine "Zeit des Raums" bilden. Darunter versteht er Wahrnehmung eines Gegenstands im Raum mit Konnotation einer vergangenen 'Gegenwart' bis zum Näherrücken in der eigenen. Die Struktur seiner 'Zeit des Raums' (Beginn und Abschied) erläuterte er mit Zitaten von Romanschlüssen Faulkners und anderen.

V o l k e r  G e r h a r d t s  (Berlin) Vortrag über "Die Geburt der Philosophie aus dem Geist der Literatur" versuchte à la Nietzsche die Dichtkunst aus der Philosophie Platos hervorgegangen zu zeigen am Beispiel von Platons "Laches"-Dialog; darin habe er Philosophie als Dichtung auf den Weg gebracht.

M a r t i n  S e e l s  (Giessener Philosoph) Vortrag "Tun und Lassen. Über die Zeit der Autonomie" meinte, Steuern und Gesteuertwerden seien die Grundlage des demokratischen Staates. Individuelle Autonomie ist für ihn kein Phantom. Man müsse "Schritt halten" mit dem, was einem geschieht in der notwendigen Annahme eines "freien Wollens".

Der Heidelberger Philosoph  R ü d i g e r  B u b n e r  nahm mit seinem Vortrag "Ästhetik der Negativität?" direkt Bezug auf Bohrers jüngste Veröffentlichung, leitete ihren "historischen Kern" zunächst umfänglich über Plato, Aristoteles, Kant, Hegel und Husserl, angereichert durch Literaturbeispiele, ab, um dann die Frage zu stellen, wie Zeit und Literatur in ästhetischer Negativität zusammen hängen. Mit Bohrer erinnerte er Leopardis Subjektivismus: das präsente Glück sei im Augenblick schon vergangen, und meinte, die Philosophie habe zur ästhetischen Negativität in der Literatur gar nichts Entscheidendes zu sagen.

Für das Publikum am brisantesten waren die jeweiligen Diskussionen nach den Einzelreferaten und die Abschlussdiskussion, wobei die Differenz der jeweiligen Standpunkte und Sichtweisen (auch Bohrers) deutlich wurde. Erwarten wir die Veröffentlichung sämtlicher Vorträge durch das ZiF im Herbst 2003, um einiges genauer nachlesen zu können.

Hannelore Schmidt-Enzinger

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