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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 1
Mein Buch des Monats: Januar 2003
Moränen [franz.], der von Gletschern verfrachtete Gesteinsschutt ... Alle diese Schuttmassen häufen sich am Ende des Gletschers als End-M. auf – In Gebieten ehemaliger Vereisung bestimmen die M. das Landschaftsbild. So das Lexikon. In dem Roman von Monika Maron gewinnen die „Endmoränen“ doppelten Sinn – als die Gegend um das kleine Dorf Basekow, aber auch als Bild für das Ende der Eiszeit, ein Ende, das nach 1989 einen Anfang fordert – den Anfang, um den es Johanna geht, deren Stimme in dauernder Selbstverständigung von den Mühen eben eines Neubeginns spricht.
Zuerst die Landschaft: Die vierzehn Häuser von Basekow entlang des ansteigenden und auf der Höhe nach rechts abbiegenden Sandweges waren von keinem Punkt der Straße aus gleichzeitig zu sehen, so dass der Ort noch weniger wie ein wirklicher Ort, sondern wie die zufällige Ansammlung einiger Häuser wirkte, wie gar nicht zugehörig der realen Welt, sondern zurückgelassen von der Zeit wie die als sanfte Hügel sich breitenden Endmoränen, die ihn umschlossen. Und auf allem lag dieses ungeheure Licht, von dem wir später, als unser ganzes Leben sich geändert hatte und auch wir in die Toskana fahren durften, sagten, in Basekow gäbe es ein Licht wie in der Toskana.(S.21)

Wir erfahren allmählich, dass wir einer Schriftstellerin zuhören, die sich aus Berlin (Ost) in ihr Sommerhaus zurückgezogen hat: Ich hatte mir geschworen, Basekow nicht zu verlassen, ehe ich die ersten fünfzig Seiten der Biografie über Wilhelmine Enke geschrieben hätte ... (S.36). Weiter heißt es: Da ich, nachdem ich die Universität verlassen hatte, nichts anderes getan habe, als Nach- und Vorworte zu verfassen, Begleittexte zu literarischen Schallplatteneditionen zu schreiben oder eben kürzere oder längere Biografien, fragte ich mich, warum mir die Zweifel an der Sinnhaftigkeit meiner Arbeit nicht früher, sondern erst jetzt gekommen waren. (S.37) Eine Begründung für ihre Schreibhemmung findet Johanna im Altern, wichtiger aber ist die Einsicht, dass sie vor der Wende alles, was sie schrieb, zur Versendung heimlicher Botschaften gebraucht hatte, und dass jetzt keinerlei Notwenigkeit mehr bestand, die Zensur zu überlisten, da doch offen über alles gesprochen werden konnte. Sie meint, sie hätte mit dem Schreiben von Biografien aufhören sollen. Im ersten Jahr nach dem Wunder konnte, wer die Zeichen der Zeit wirklich erkannt hatte und nicht lange zögerte, sein bisheriges Leben schließen wie ein Buch und einfach ein neues beginnen ...(S:41) Ich habe damals vor allem das Ende dessen, was wir für ewig gehalten hatten, gefeiert und darüber wohl den Anfang vergessen ... (S.214) Nun sind Jahre vergangen und Johanna plagt sich mit der Lebensgeschichte Wilhelmine Enkes, der Mätresse des Preußenkönigs Friedrich Wilhelms II. – ihre Vorarbeiten, meist Notizen, sind in den Roman ebenso aufgenommen wie eine Reihe von Briefen.
Auch die Menschen aus Johannas Umkreis, die wir durch ihre Augen sehen, haben keinen wirklichen Neuanfang vollzogen. Achim, ihr Mann, der Kleistforscher, dessen Institut aufgelöst wurde, arbeitet jetzt in einem Team an einem ‚Kleist-Projekt’. Er ist in Berlin geblieben, ohnehin sehen wir mit Johanna meist nur seinen Rücken am Schreibtisch. Laura, ihre achtundzwanzigjährige Tochter, Physikerin, taucht nur kurz auf – sie strebt nach Amerika und kann jetzt ihre Schwangerschaft nicht gebrauchen.
Brieflich ist die Ich-Erzählerin, die eigentlich nicht erzählt, sondern spricht, mit Christian P. verbunden, einem Münchner Verlagsmitarbeiter, den sie in Sicherheit glaubt, dem aber der Verlag über seinen Kopf hinweg verkauft wurde und der jetzt ins Abseits geraten ist, auch wenn er noch Arbeit hat. Außerdem hat ihn seine Frau verlassen ... Dann sind da noch Elli, Redakteurin, nach kurzer Ehe geschieden, die Malerin Karoline Winter aus Berlin (West), die ein Haus in der Nähe von Basekow geerbt und nach der Wende hergerichtet hat, ihr Kunsthändler Igor, der eine Galerie in Moskau aufmachen will und Friedel Wolgast aus dem Dorf, die einen neuen städtischen Nachbarn zum Feind gewinnt.
Jede dieser Figuren erlebt auf ihre Weise das Neue, wird besser oder schlechter damit fertig – für Johanna sind diese Herbstwochen mit ihnen ein Klärungsprozess, der schließlich mit ihrer Rückkehr nach Berlin endet: unterwegs befreit sie einen an der Autobahn ausgesetzten Hund, den sie mitnimmt. Das Buch endet mit dem Satz: Ein wunderlicher Anfang, dachte ich – aber immerhin ist es ein Anfang.
Die schwierige Situation der Menschen in der Endmoränenlandschaft wird mit einer gewissen Trockenheit und gar nicht wehleidig dargestellt, mit vielen genau beobachteten und nicht ohne Humor dargestellten Einzelzügen. Ein wichtiges Motiv ist das Älterwerden, dem sich Johanna stellt: ... wir alle hatten plötzlich das Gefühl, dass unser wirkliches Leben erst beginnt. Und jetzt, ein paar Jahre später, hat mich die Ahnung, eher die Furcht befallen, es könnte schon wieder vorbei sein mit dem eigentlichen Leben, weil es so spät angefangen hat, weil wir gar nicht mehr dran sind mit dem richtigen Leben, sondern dass für uns bald diese öde lange Restzeit beginnt, zwanzig oder dreißig Jahre Restzeit ... aber ... soweit ist es ja auch noch nicht. Schlimmer ist: ich habe jetzt schon das Gefühl, dass ich nichts kann, was diese Welt noch braucht. Ich konnte Botschaften in Biografien verstecken und das ist über Nacht eine ganz überflüssige Fähigkeit geworden. (S.55/56) Es sei nicht verraten, wie die Autorin für ihre Protagonistin den Stimmungsumschwung erreicht.
Monika Maron, selbst mit reichlich DDR- und BRD-Erfahrung, gelingt eine glaubwürdige und differenzierte Vergegenwärtigung der Veränderungen nach der als „Wunder“ erfahrenen Befreiung im Osten, ein genauer Blick auch auf das Alltägliche – beides zusammen macht das Buch überaus lesenswert.
Renate Scharffenberg