Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 1


Das einfache Nichts

  Der Gottesbegriff bei Meister Eckhart und die aktuelle Gehirnforschung

von Bernd Ehlert

"Denn, liebst du Gott, wie er Gott , wie er Geist, wie er Person und wie er Bild ist, - das alles muß weg. ‚Wie denn aber soll ich ihn lieben?‘ – Du sollst ihn lieben wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit. Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts. Dazu verhelfe uns Gott. Amen." (Quint, S. 355)

 

Frau Altmeyer hat in Ihrem Beitrag „Das übervolle Nichts“ den Gottesbegriff bei Meister Eckhart untersucht. Diesen Begriff und die Beziehung der Menschen oder Kreaturen zu Gott erklärt Frau Altmeyer im Text anhand der Begriffe Sein und Seiendes, wobei sie den Begriff Sein dem Göttlichen zuordnet und den des Seienden den Kreaturen. Meister Eckhart verwendet dagegen, wie es auch aus der von Frau Altmeyer zitierten Morgensternpredigt hervorgeht, für die Bezeichnung des Menschen und allgemein der Kreaturen den Begriff Sein (in Verbindung mit Raum und Zeit) und für das Göttliche (den Grund, die Einheit) den Begriff überseiendes oder lauteres Sein, aber nicht in einer eindeutigen Weise. Ich meine, daß aus den folgenden beiden Stellen der Morgensternpredigt recht klar hervorgeht, daß der Begriff Sein zunächst einmal eindeutig für das Kreatürliche und Weltliche gilt:

"...daß Gott etwas ist, das notwendig über dem Sein sein muß. Was Sein hat, Zeit oder Statt, das rührt nicht an Gott; er ist darüber. Gott ist (zwar) in allen Kreaturen, sofern sie Sein haben, und ist doch darüber." (Quint, S.195)

"Ein jedes Ding wirkt in (seinem) Sein; kein Ding kann über sein Sein hinaus wirken. Das Feuer vermag nirgends als im Holze zu wirken. Gott wirkt oberhalb des Seins in der Weite, wo er sich regen kann; er wirkt im Nichtsein. Ehe es noch Sein gab, wirkte Gott; er wirkte Sein, als es Sein noch nicht gab. Grobsinnige Meister sagen, Gott sei ein lauteres Sein; er ist so hoch über dem Sein, wie es der oberste Engel über einer Mücke ist. Ich würde etwas ebenso Unrichtiges sagen, wenn ich Gott ein Sein nennte, wie wenn ich die Sonne bleich oder schwarz nennen wollte. Gott ist weder dies noch das. Und ein Meister sagt: Wer da glaubt, daß er Gott erkannt habe, und dabei irgend etwas erkennen würde, der erkennte Gott nicht. Wenn ich aber gesagt habe, Gott sei kein Sein und sei über dem Sein, so habe ich ihm damit nicht das Sein abgesprochen, vielmehr habe ich es in ihm erhöht. Nehme ich Kupfer im Golde, so ist es dort (vorhanden) und ist da in einer höheren Weise, als es in sich selbst ist. Sankt Augustinus sagt: Gott ist weise ohne Weisheit, gut ohne Gutheit, gewaltig ohne Gewalt."(Quint, S.196)

Aus dem Zitat wird deutlich, daß Meister Eckhart den Begriff Sein zwar auch als überseiendes, erhöhtes oder lauteres Sein für das Göttliche, Einheitliche verwendet, aber dabei ist zu beachten, daß dieses Göttliche, Einheitliche, wie Frau Altmeyer es auch feststellt, ohne jeden Bezug ist. Wir als Menschen oder Kreaturen können uns dieses göttliche Sein in keiner Weise vorstellen, wir können es nicht bestimmen oder benennen. "Gott ist weder dies noch das." Meister Eckhart benennt es zwar u.a. als überseiendes oder lauteres Sein, als Grund, Einheit oder Nichts, aber letztlich bleiben alle diese Benennungen (im Gegensatz zu dem Seinsbegriff der Kreaturen) nicht eindeutig, unbestimmt, paradox und mystisch. Da Meister Eckhart auch den Begriff des Nichts für das Göttliche verwendet, ist es höchst fraglich, ob dieses "überseiende Sein" irgend etwas mit unserer Seinsvorstellung zu tun hat. Meiner Meinung nach wird der Gottesbegriff bei Meister Eckhart immer wieder viel zu sehr im Sinne eines (kreatürlichen, weltlichen) Seins gesehen, das wir uns vorstellen und das wir als ein "Dies und Das" bestimmen und unterscheiden können.

Ich möchte nun nachfolgend mittels einer anderen Methodik versuchen, den Gottesbegriff bei Meister Eckhart in anderer Weise klarer und anschaulicher darzustellen, gerade auch was die Rolle des Nichts betrifft.

Allgemein steht in der heutigen Zeit ein immenses Maß an Informationen zur Verfügung, was sich unter anderem an ellenlangen Literaturhinweisen wissenschaftlicher Arbeiten ablesen läßt. So vorteilhaft das einerseits auch sein mag, es hat auch gravierende Nachteile.  Die Gefahr ist groß, daß die Übersicht und der Blick für das Wesentliche verloren geht. Ein entscheidender Nachteil ist auch der, daß der Wissenschaftler mehr und mehr zum Spezialisten wird und nicht mehr über den Tellerrand des eigenen Fachgebietes schaut bzw. schauen kann, weil auch die Nachbardisziplin ebenfalls ein enormes Fachwissen voraussetzt. Der amerikanische Biologe Edward O. Wilson fordert in seinem Buch "Die Einheit des Wissens" entgegen diesem Trend  die Vernetzung des Wissens, und zwar nicht nur des Wissens verwandter Fachbereiche, sondern auch die Vernetzung von Geistes- und Naturwissenschaft.

Diese Vernetzungen haben darin viel mit der (natur)wissenschaftlichen Methode an sich zu tun, denn jede wissenschaftliche Theorie bedarf ihrer Überprüfung und Bestätigung. Diese ist jedoch um so umfassender und gesicherter, je unabhängiger, d.h. je fachfremder sie ist. Im Idealfall ist das nichts anderes als die praktische Überprüfung bzw. der praktische Versuch, wie das am einfachsten und anschaulichsten für die Physik gilt. In der Geisteswissenschaft ist die praktische Überprüfung nicht so leicht zu bewerkstelligen, weshalb hier auch die Gefahr am größten ist, die "Bodenhaftung" zu verlieren. Doch die Grundannahme sollte unter allen Umständen sein, daß wir in einer einheitlichen Welt leben und so auch die Vernetzung zwischen Natur- und Geisteswissenschaft grundsätzlich möglich sein muß.

Die widerspruchsfreie Vernetzbarkeit bestimmt Wilson zum Kriterium oder Prüfstein für die Wahrheit einer Lehre, indem er William Whewell zitiert, der 1840 als erster von "Konziliation" sprach,

"einem buchstäblichen "Zusammensprung" des Wissens durch die in-terdisziplinäre Verkettung von Fakten und den darauf basierenden Theorien mit dem Zweck, eine allgemeine Erklärungsgrundlage zu schaffen. Whewell schrieb: "Die Konziliation von Induktionen findet statt, wenn eine Induktion, die anhand einer Kategorie von Fakten er-zielt wurde, sich mit einer Induktion deckt, die anhand einer anderen Kategorie von Fakten erzielt wurde. Diese Konziliation ist der Wahrheitstest für die Theorie, in der sie zutage tritt." (Wilson, 15ff)

Ich möchte nun auf diese Weise einer Vernetzung, und zwar mit nichts anderem als der modernen Naturwissenschaft, versuchen, die oft unverständliche und meiner Meinung nach auch mißverständliche Deutung der verwendeten Begriffe und damit auch den Gottesbegriff bei Meister Eckhart zu klären. Erst durch die Vernetzung mit der modernen Naturwissenschaft wird der Gottesbegriff bei Meister Eckhart in einer bestimmten Weise anschaulich und zugleich als wahr bestätigt.

Wird die Evolutionstheorie unter philosophischen Gesichtpunkten betrachtet, so wird klar, daß der Mensch sich nicht grundsätzlich von allem anderen Sein, das die Evolution hervorgebracht hat, unterscheiden kann. Vorausgesetzt natürlich, daß alles mit "rechten Dingen" zugegangen ist, d.h. daß es in der natürlichen Entwicklung keinerlei äußere, überweltliche bzw. übernatürliche Einflüsse gegeben hat bzw. gibt. Davon geht die moderne Naturwissenschaft grundsätzlich aus, und sie hat mit diesem Ansatz einen durchschlagenden Erfolg erzielt.

Im Sein des Menschen ist unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten keine Substanz erkennbar. Das Sein des Menschen entwickelt sich wie alles andere lebendige Sein auch anhand einer Information, die mittels des genetischen Codes übertragen wird und die dafür sorgt, daß sich die organischen "Bausteine" in einer bestimmten Weise zusammenfügen – und nach einer bestimmten Zeit wieder in diese Bausteine zerfallen. Was von einem menschlichen Sein aus naturwissenschaftlicher, objektiver Sicht bleibt, ist lediglich wiederum die Weitergabe einer Information, genetisch und kulturell. Das Sein eines Menschen ist daher genauso substanzlos, flüchtig und vergänglich wie das eines Tieres, einer Pflanze, einer Schneeflocke oder einer Welle im Ozean. Es existiert eine gewisse Zeit mit ganz charakteristischen Eigenschaften, beeinflußt darin auf sinnlich wahrnehmbare Weise andere Seinsformen, bis es sich wie alle anderen von der Evolution hervorgebrachten Seinsformen wieder in etwas Umfassenderem vollständig auflöst.

Die charakteristischste Eigenschaft des Menschen ist sein Geist. Wurde dieser nicht in dem Evolutionsprozeß hervorgebracht? Dann würde doch eine übernatürliche Macht in den Weltprozeß eingreifen und der so erfolgreiche naturwissenschaftliche Ansatz hätte sich darin als falsch erwiesen. Die (religiösen) Aussagen über diese übernatürliche Einflußnahme widersprechen sich jedoch alle, und Widersprüche sind Zeichen von Unwahrheit. Der naturwissenschaftliche Ansatz ist dagegen vor allem deshalb so erfolgreich, weil er konsequent sich selbst treu bleibt und unter allen Umständen weiter nach natürlichen und widerspruchsfreien Erklärungen sucht.

Die Hervorbringung des Menschen und seines Geistes aus einer materiell-körperlichen Grundlage kann für den naturwissenschaftlichen Ansatz daher lediglich ein natürliches Wunder der Evolution sein. Dieses wiederholt sich dann nicht nur in dem individuellen organischen Entstehen jedes Menschen, sondern selbst in jeder seiner geistigen Tätigkeiten im Gehirn, nämlich darin, wie aus organischem Sein (der neurobiologischen Aktivitäten) Empfindungen und Geist hervorgehen. Das ist die Problematik, mit der sich momentan insbesondere die Gehirnforschung befasst.

Das Wunder bzw. das (Verständnis)Problem ist nach den Worten des Neurobiologen Gerhard Roth die "Neutralität des neuronalen Codes", d.h. die Paradoxie, daß im Gehirn keine Farben, Formen, Töne, keine Gedanken und Erinnerungen entdeckt werden, sondern ausschließlich Nervenzellen bzw. Verbände von Nervenzellen und ihre physikalisch-chemischen Aktivitäten. Die Hirnforschung hat durch Beobachtungen, Versuche und moderne bildgebende Verfahren, bei denen die Aktivität des Gehirns direkt beobachtet werden kann, festgestellt, daß ausnahmslos jede geistige Leistung, jeder einzelne Gedanke mit einer bestimmten neuronalen Aktivität einhergeht. Wenn dabei die betroffenen Nerven aus irgendwelchen Gründen in ihrer Funktionalität geschädigt oder auch durch chemische Stoffe beeinflußt werden, so hat das unmittelbare, kausale Auswirkungen auf die entsprechende geistige Leistung, wie etwa bei einem Schlaganfall oder dem Drogenkonsum. Es besteht so eine direkte Abhängigkeit zwischen der Körperzell-Ebene und der Geist-Ebene und nichts deutet dabei auf übernatürliche Verbindungen hin.

Die neuronalen Grundbausteine und die Grundstruktur des Gehirns sind bei allen (höheren) Lebewesen gleich. Nur durch die besondere Zusammenschaltung dieser Grundbausteine entstehen völlig neue Effekte, die wir subjektiv als Empfindung oder als Geist erfahren, u.a. auch dieses "wir". Gerhard Roth sagt in seinem Buch "Das Gehirn und seine Wirklichkeit", daß das Ich selbst ein Konstrukt des Gehirns ist:

Daraus folgt zugleich: Nicht nur die von mir wahrgenommenen Dinge sind Konstrukte in der Wirklichkeit, ich selbst bin ein Konstrukt. Ich komme unabweisbar in dieser Wirklichkeit vor. Dies bedeutet, daß das reale Gehirn eine Wirklichkeit hervorbringt, in der ein Ich existiert, das sich als Subjekt seiner mentalen Akte, Wahrnehmungen und Handlungen erlebt, einen Körper besitzt und einer Außenwelt gegenübersteht. (Roth, S. 329).

Auch die Ich-Vorstellung bzw. das Selbstbewußtsein existieren auf der Körperzell-Ebene bzw. in den neurobiologischen Gehirnaktivitäten nicht als solche. Es gibt keine "geistigen" Neuronen, es gibt auch in diesem Fall lediglich besondere Zusammenschaltungen der im Prinzip bei allen Lebewesen gleichen neuronalen Grundbausteine. Wie Wolf Singer, der Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, in einem Interview sagte (SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT Februar 2001), gibt es im Gehirn mit Sicherheit nicht ein singuläres (neuronales) Zentrum, in dem ein Bewußtsein zu lokalisieren wäre. Das Ich ist auf der Körperzell-Ebene ein dezentraler Prozeß und darin ein bestimmtes Zusammenspiel der neuronalen Grundbausteine, und es gibt im Gehirn daher ebensowenig ein Ich wie es dort eine Farbe gibt.

Unser Ich, unsere Empfindungen und unser Geist, lassen sich nun aber andererseits nicht auf ein bestimmtes neuronales Aktivitätsmuster reduzieren. Den Schlüssel zur Überwindung dieser Paradoxie liefert Konrad Lorenz in seinem Buch "Die Rückseite des Spiegels". Die dort aus der evolutionären Stammesgeschichtsforschung gewonnene Erkenntnis paßt nicht zufällig exakt auf die Gehirnforschung, denn das evolutionäre Werden hat sich natürlich in den Gehirnen der evolutionären Wesen niedergeschlagen bzw. spiegelt sich dort wider. Konrad Lorenz beschreibt dort in dem Kapitel "Die Schichten des realen Seins" anhand der Kategorienlehre von Nicolai Hartmann, daß und wie das lebendige Sein aus vier großen Schichten besteht: das Anorganische, das Organische, das Seelische und das Geistige. Jede Schicht ruht dabei zwar auf der tieferen auf, hat sich aus ihr entwickelt und ist in gewisser Weise kausal von ihr abhängig, besitzt aber dennoch eine Eigengesetzlichkeit mit völlig neuen Eigenschaften, die vorher auch nicht in Ansätzen vorhanden waren. Die neuen Systemeigenschaften entstanden durch eine bestimmte Zusammenschaltung der Untersysteme, wobei sie wie durch einen "Blitzstrahl" ins Sein traten. Lorenz nennt diesen Vorgang Fulguration. Als anschauliches Beispiel nennt er die Entstehung einer elektrischen Schwingung durch das Zusammenschalten eines Spulen- und eines Kondensatorkreises. Diese Schwingung ist auch nicht in Ansätzen aus den isolierten Untersystemen ableitbar oder darauf reduzierbar. Sie ist als neue Eigenschaft einfach da. Gleiches gilt dann hinsichtlich unseres Empfindens, etwa des Schmerzes oder der Farbe und auch für unseren Geist. Die folgende Aussage Ludwig Wittgensteins über die Farbwahrnehmung gilt so entsprechend für den Versuch, die Ich-Vorstellung aus den neurobiologischen Vorgängen direkt begründen bzw. darauf reduzieren zu wollen:

" Ihr fragt mich, welche Farbe dieses Buch hat; meine Antwort lautet: Es ist rot. Warum, fragt ihr, ist es rot? Ich weiß es nicht; ich kann es nicht begründen. Ich schaue es einfach nur an und sage: Es ist rot."

Die körperlichen Prozesse der Gehirnaktivitäten organisieren sich in der Weise, daß in ihnen neue Systeme mit völlig neuen Systemeigenschaften entstehen, nämlich die Empfindungs-Ebene und die Geist-Ebene. So entstehen innerhalb dieser Gehirnaktivitäten Empfindungen, etwa die der Farbe "rot", und es entsteht die Ich-Vorstellung. Ein und dasselbe Geschehen, das sich auf der Geist-Ebene als frei denkendes und entscheidendes Ich versteht, ist auf der niedrigeren neurobiologischen Ebene nur als ein streng determiniertes und neutrales Geschehen physikalisch-chemischer Prozesse erkennbar. Doch dieser scheinbare Widerspruch ist eben durch die Geschichtetheit der Ebenen mit ihren eigenen Systemeigenschaften bedingt. Die Geist-Ebene wird durch eine Ich-Struktur definiert, und die kann sich nur dann bilden, wenn sich dieses Ich bzw. das Geschehen gerade nicht als das determinierte Geschehen der Körperzell-Ebene versteht bzw. strukturiert. Es hat sich während der Entwicklung einfach als vorteilhaft und effektiv erwiesen, wenn die determinierten Prozesse auf der Körperzellebene sich dermaßen strukturieren, daß sie in ihrer Determiniertheit nicht nur einfach ablaufen, sondern daß in ihnen die Vorstellung entsteht, daß da ein Ich ist, das frei denkt und entscheidet.

Mit dieser Ich-Vorstellung bildet sich eine Struktur (als höhere Ebene), mit Hilfe derer Selbstbewußtsein, überhaupt erst das Denken und ein abgestimmtes Verhalten verschiedener selbstbewußter Wesen ermöglicht wird, das nichts anderes als die Sprache ist. Die Ich-Vorstellung ist so die Voraussetzung für das Selbstbewußtsein (bzw. sie ist schon dieses erste Bewußtsein um sich selbst), das Denken, die Sprache und auch die moralische Ordnung in der Gesellschaft (weil die Ich-Vorstellung nur dann ihrer Funktion gerecht werden kann, wenn ihr ein freier Wille unterstellt wird). Wir können uns selbst und einen anderen Menschen nicht als eine Ansammlung determinierter Prozesse ansehen (trotzdem wir das auf einer tieferen Ebene unseres Seins sind), wir können uns selbst und andere nur unter der Voraussetzung ansehen, daß da ein frei handelndes Ich ist. Durch diese Struktur ergibt sich die Geist-Ebene mit den ihr eigenen Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten bzw. diese Ebene ist nichts anderes als diese Struktur oder Organisationsform determinierter Prozesse.

Dieses so entstandene Ich kann dabei den genauen (kausalen) Hergang einer durch sich selbst verursachten Handlung nie in allen Einzelheiten erkennen. Denn wenn es die scheinbar durch sich selbst frei verursachten Vorgänge in ihrer wahren Determiniertheit unmittelbar erkennen könnte (jeden Gedanken und jede Reflexion, auch die jeweils letzte), würde es damit gleichzeitig erkennen, daß es als handelndes, denkendes und verursachendes Ich gar nicht existiert, sondern daß da ausschließlich determinierte Prozesse am Werk sind (genaugenommen wäre das keine Erkenntnis mehr, es wäre nur noch eine determinierte Reaktion). Das Ich und mit ihm die gesamte geistige Ebene würden im selben Augenblick aufhören zu existieren, und zwar genau und allein durch diese unmittelbare Einsicht in das eigene wahre Wesen. Das Ich ist nicht substantiell, sondern nur geschaffen oder konstruiert. Es besteht nur innerhalb eines Abstimmungsprozesses determinierter Vorgänge. Wenn diese Prozesse auf einer tieferen Ebene in einer bestimmten Weise zusammenspielen, ist die Ich-Vorstellung plötzlich da – und verschwindet genauso plötzlich und spurlos wieder, wenn das besondere Zusammenspiel auf der tieferen Ebene aus welchen Gründen auch immer aufhört. Die Empfindungen und die Ich-Vorstellung kommen blitzartig wie aus einem Nichts und verschwinden genauso wieder in ein Nichts.

Aus der naturwissenschaftlichen Forschung ergeben sich so zunächst zwei Eigenschaften des menschlichen Seins, die hinsichtlich Meister Eckharts Aussagen nicht nur sehr interessant sind, sondern einen Brückenschlag ermöglichen. Das Sein des Menschen ist substanzlos und vergänglich. (In der emotionalen Komponente auf der Empfindungs- oder Instinkt-Ebene liegt das eigentliche Kreuz dieser Aussage für den Menschen).

Aufgrund der naturwissenschaftlichen Betrachtungen und des Schichtenaufbaus des menschlichen Seins könnte es nun möglich sein, daß dieses nicht nur im Tod vollständig und endgültig vergeht, sondern daß vielleicht auch die oberste Schicht, das flexible, geistige Sein, "zeitweise aussetzt". Darin würde der Mensch auf eine existentielle Weise seine Geschaffenheit erfahren, er würde das natürliche Wunder der Evolution, das Entstehen von Geist, unmittelbar an sich erfahren. Doch andererseits kann diese Aussage nicht stimmen, weil "er", das Ich, diese Erfahrung (in ihrer Gesamtheit) gerade nicht machen könnte.

Ich möchte nachfolgend anhand der Aussagen Meister Eckharts darüber spekulieren, ob diese Erfahrung der Vergänglichkeit und Nichtigkeit, aber auch die des ursprünglichen Entstehens (im Hier und Jetzt) nicht das ist, was Meister Eckhart eigentlich meinte. Er hätte dann nicht die Verewigung des menschlichen Seins, seiner persönlichen Identität, im Sinn, sondern genau das Gegenteil: Die Erfahrung seiner Relativität im Hier und Jetzt. Ich meine, daß von diesem Ansatz her die Aussagen Meister Eckharts trotz bzw. gerade wegen ihrer letztendlichen Unverständlichkeit und Mystik viel klarer werden. Dieser Ansatz ermöglicht nicht nur den Brückenschlag zur modernen Naturwissenschaft, mit ihm kann vielleicht auch das Problem der Religionen, die trotz aller Widersprüche das gemeinsame Ziel haben, den Tod (als persönliches und identisches Sein) zu überwinden, umfassend und tiefgreifend gelöst werden.

Diese Erfahrung des "Aussetzens" (des Bewußtseins) kann beim Menschen auf verschiedene Weisen und in unterschiedlichen Stufen geschehen, etwa durch Drogenkonsum, in Trance-Zuständen und in intensiven und monotonen religiösen Gebeten, Rezitationen oder Meditationen. Vielleicht kann es sogar sein, daß es dabei zu einem umfassenden "Blackout", einem vollkommenen Verlöschen allen geistigen Seins kommen kann. Dann würde jedoch die geistige Ebene einem geistigen Urknall gleich wieder ins Sein treten, was von dem Wesen, in dem dies stattfindet, als höheres Geschehen und als ursprüngliche Lebendigkeit erfahren werden könnte. Wie würde das menschliche Wesen mit dieser Erfahrung umgehen?

Wenn die (geistige) Welt nicht in einer absoluten Weise vorhanden ist, wie wir es von unserem Alltagsverständnis her meinen, sondern in dem von der Gehirnforschung vermuteten relativen und konstruktivistischen Sinn, so würde dieses Geschehen auch die Grundlagen und Gesetzmäßigkeiten der geistigen Ebene betreffen. Das geistige Wesen hätte zwar diese besondere Erfahrung gemacht, aber es könnte damit in keiner Weise umgehen, es wüßte sie zunächst nicht in seine Welt einzuordnen. Das geistige Sein und das geistige System würde, genau wie Konrad Lorenz es in der Stammesgeschichtsforschung erkannte, wie ein "Blitzstrahl" (wieder) ins Sein treten, d.h. in der eigentlichen Eigenschaft dieser Ebene ohne jeden Bezug zum Vorhergehenden. In der Verarbeitung dieses Geschehens könnte das Geschehen selbst in der geistigen Welt des Menschen nicht eingeordnet werden, gerade weil in diesem Geschehen die Grundlagen und Gesetzmäßigkeiten dieser Welt bzw. der Geist-Ebene erst ("blitzartig") ins Sein treten.

Bei der Frage, wie tief das "Aussetzen" gehen kann, wäre außerdem zu berücksichtigen, daß von der Funktionsweise der neuronalen Gehirnprozesse her alles, was wir in dieser Welt wahrnehmen und erkennen, eigentlich nur in unserer Vorstellung existiert, also auch das, was wir als so scheinbar "feste" Materie wahrnehmen und erkennen. Alles was wir wahrnehmen, auch die Schichtung des Seins, existiert im Grunde nur in unseren Vorstellungen. Das führt zu der paradoxen Zirkularität, die der Neurobiologe Maturana in seinem Buch "Der Baum der Erkenntnis" darstellt. Wir erkennen, wie sich unser Sein aus einem uns materiell erscheinenden Ausgangsstoff entwickelt, aber dieser Ausgangsstoff existiert selbst erst durch das Endprodukt der Entwicklung, nämlich unsere geistigen Vorstellungen. Die Erkenntnis der Entwicklung unseres Seins in dieser Welt ist so höchstens die verzerrte Widerspiegelung oder der Schatten eines Geschehens, zu dem wir in unserem Sein und in unserer Welt keinen Zugang haben.

Unsere Ich-Vorstellung und unsere Empfindungen wie etwa die der Farbe sind nach den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft jedenfalls nicht in einer absoluten und substantiellen Weise vorhanden. Die Farbe haftet weder einem Gegenstand dieser Welt an noch ist sie in unserem Gehirn vorhanden oder bestimmbar. Gilt diese Geschaffenheit auch hinsichtlich des materiellen Seins dieser Welt, ja der Welt schlechthin? Jedenfalls hat die moderne Physik mit ihren riesigen Teilchenbeschleunigern trotz aller Anstrengungen bis heute noch nicht ein substantielles, unveränderliches Teilchen gefunden, von dem aus sich zumindest die materielle Welt in einer substantiellen und absoluten Weise umfassend erklären ließe.

Wir gehen jedoch wie selbstverständlich von der Absolutheit dieser Welt aus. Sie ist für uns genau wie wir selbst in einer absoluten Weise da, obwohl uns die moderne Naturwissenschaft lehrt, daß dem zumindest in Teilen nicht so ist. Zeit und Raum sind der physikalischen Erkenntnis nach relative Größen, die erst im Urknall entstanden sind. Was "vor" dem Urknall war oder aus was dieser entstanden ist, können wir uns in keiner Weise vorstellen. Die Urknalltheorie gibt dabei allerdings schon das eigentliche Wesen dieser Welt wieder, nämlich ihre relative Geschaffenheit. Wir sehen die Welt (wie auch uns selbst und alles Sein) dagegen als ein absolut in Zeit und Raum existierendes Sein an und meinen wie selbstverständlich, daß auch dieser Urknall selbst in einem Sein in Raum und Zeit stattgefunden haben muß oder durch ein Sein verursacht worden ist, auch wenn wir uns nicht genau vorstellen können, wie das vor sich gegangen sein soll. Das ist aber nicht weiter tragisch, denn wir können gar nicht anders. Wir können in den Strukturen unseres Seins nicht über unser Sein und das unserer Welt hinausgelangen.

Die Kategorien Zeit und Raum lassen sich dabei nicht ohne ein Sein vorstellen. Alle drei sind untrennbar und gesetzmäßig miteinander verknüpft. Die Zeit läßt sich nur vorstellen, wenn ein Sein in einem Raum vorhanden ist, genauso wie ein Raum ohne den Bezugspunkt eines Seins darin oder daneben (und sei es der unseres eigenen, betrachtenden Seins) unvorstellbar ist. Selbst ein Nichts können wir uns so nur als ein Sein in Raum und Zeit und mit einem Bezug zu unserem Sein und unserer Welt vorstellen. Wir können gar nicht anders, weil das die Anschauungsformen sind, die die geistige Ebene und unser Sein darin bedingen, und daher können "wir" uns ein Nichts oder ein Jenseits (der Welt) nur immer als ein Sein in Zeit und Raum und damit als Teil unserer Welt vorstellen.

Je mehr "wir" dann in unseren Anschauungsformen auf der geistigen Ebene versuchen, diese Ebene zu überwinden, um die Grundlage unseres Seins und unserer Welt in ihrer Ursprünglichkeit zu erfahren, umfassend zu erklären und zu wissen, um so mehr entfernen wir uns paradoxerweise von diesem Ziel bzw. wir drehen uns im Kreis. Die ursprüngliche Erfahrung, um die es Meister Eckhart geht, könnte nie durch ein Wissen und auch nicht durch "uns" erreicht werden. Die scheinbare Absolutheit der Welt und unseres Seins ist durch die Formen bedingt, mit denen wir diese Phänomene anschauen. Doch wir können sie nicht anders anschauen, weil sie und wir nur in diesen Anschauungsformen existieren.

Meister Eckhart sagt in der Morgensternpredigt (aber auch an anderen Stellen): "Was Sein hat, Zeit oder Statt, das rührt nicht an Gott; er ist darüber." Das Jenseits der Welt, die Ewigkeit, ist nicht unendlich viel Zeit, sondern keine Zeit, kein Raum und auch kein Sein. Gott, die Einheit, ist für Meister Eckhart ein überseiendes Sein, doch das erscheint "uns" als ein Nichts. Dieses überseiende Sein hat keinen Bezug zu Raum und Zeit und auch nicht zu "uns", es liegt jenseits der Welt, aber nicht in einem räumlichen Gegenüber oder zeitlichen Nacheinander, sondern einem "Anstatt". Der Bezug von uns und unserer Welt zu diesem Jenseits läßt sich am Beispiel eines Vexierbildes veranschaulichen.

Darin existiert entweder die eine Deutung des Kelches oder die andere der sich anschauenden Gesichter. Beide können definitiv nicht zusammen existieren und es kann nie sein, daß ein Teil der einen Deutung in der anderen auftaucht. Daher ist es sinnvoller, wenn wir dieses überseiende Sein als ein Nichts ansehen, denn für "uns" ist es ein tatsächliches Nichts. Sein wäre so wie Raum und Zeit eine Kategorie, die nur innerhalb der Welt Gültigkeit hat. "Wir" können ein Sein immer nur in Zeit und Raum als Welt erkennen. Jenseits der Welt gibt es für uns kein Sein. Wir wissen nicht, was dieser Welt wirklich zu Grunde liegt, und wir werden es niemals erkennen und wissen. Das einzige was wir erkennen können, ist die Relativität und Geschaffenheit unseres Seins, egal auf welchem Weg wir genau diese Erfahrung machen werden.

Meister Eckharts Weg zu dieser Erfahrung und zu diesem Nichts ist ein geistiger Weg, den er eindrucksvoll in seiner Armutspredigt beschreibt:

"Wenn einer mich nun fragte, was denn aber das sei: ein armer Mensch, der nichts will , so antworte ich darauf und sage so: Solange der Mensch dies noch an sich hat, daß es sein Wille ist, den allerliebsten Willen Gottes erfüllen zu wollen, so hat ein solcher Mensch nicht die Armut, von der wir sprechen wollen; denn dieser Mensch hat (noch) einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes genügen will, und das ist nicht rechte Armut. Denn, soll der Mensch wahrhaft Armut haben, so muß er seines geschaffenen Willens so ledig sein, wie er’s war, als er (noch) nicht war. Denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit: Solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen, und Verlangen habt nach der Ewigkeit und nach Gott, solange seid ihr nicht richtig arm. Denn nur das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts begehrt." (Quint, Predigt 32, S.304)

Das "Durchbrechen" von dem Meister Eckhart spricht, wäre darin gleichbedeutend mit dem "Aussetzen" der geistigen Ebene im menschlichen Sein. Beim Wiedereinsetzen würden wir dieses Aussetzen als Sein und Geschehen in unserer Welt erkennen, wir könnten gar nicht anders. Aber das was wir darin erkennen (und verehren), ist nicht das eigentliche Geschehen, denn das gehört nicht zu unserer Welt. Erst in der geistigen Armut würde diese Erkenntnis zu einer wahren Erkenntnis, d.h. wenn wir erkennen, daß selbst die Erkenntnis des Höchsten und Heiligsten mit all ihren speziellen Eigenschaften und ihrer speziellen Ausformung nur eine geschaffene Illusion ist. Nur dann wäre das Höchste und Heiligste wahrheitsgemäß in der Dualität der Welt erkannt worden (und nur dann könnte sich das eigentliche Geschehen in der geistigen Armut wieder ereignen). Wenn das nicht auf geistige Weise erkannt wird, werden sich diese Erkenntnisse eines Höchsten und Heiligsten in der Welt dagegen mit der Zeit auf andere Weise als Illusionen erweisen.

Erkenntnis und damit Sein gibt es nur in der Dualität der Welt, wobei die höchste Erkenntnis die Selbsterkenntnis ist. Wenn die Erkenntnis so sich selbst erkennt, erkennt sie, daß sie nur geschaffen ist und gar kein Sein hat. Daran geht sie und alles getrennte Sein zunichte. Doch dann wird dieses Zunichtewerden in einer umfassenden Einheit wieder in einem ursprünglichen, dualistischen Prozeß erkannt. Nur darin kann die Einheit erkannt werden, und darin erkennt die Erkenntnis ihr eigentliches wahres Wesen als ein Entstehen und Vergehen von Sein. Die in sich ruhende Einheit kann dagegen von und in sich selbst (bleibend) nicht erkannt werden.

Das Streben von "uns" in dieser Welt nach Wahrheit läßt sich dabei treffend mit einem Gedicht von Schiller ausdrücken:

Die Forscher

Alles will jetzt den Menschen von innen, von außen ergründen.
Wahrheit, wo rettest du dich hin vor der wütenden Jagd?
Dich zu fangen, ziehen sie aus mit Netzen und Stangen,
Aber mit Geistesschritt schreitest du mitten hindurch.

Wir werden nach Meister Eckhart die letztendliche Wahrheit dieser Welt nie erkennen, bestimmen und besitzen können, schon gar nicht in der äußeren Welt. "Wir" können nur unsere eigene Relativität erkennen, was sich besonders im Tod offenbart. Das ist emotional natürlicherweise schwer zu ertragen, aber in geistiger Hinsicht bietet gerade die Konfrontation mit dem Tod und der Vergänglichkeit die Chance, die Ich-Vorstellung zu überwinden und der Verbundenheit mit allem Sein in einer mystischen Weise gewahr zu werden.

Literaturnachweis:

Das Gehirn und seine Wirklichkeit, Gerhard Roth, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1996
Die Rückseite des Spiegels, Konrad Lorenz, dtv, München 1987
Meister Eckehart -Deutsche Predigten und Traktate-, Josef Quint, Diogenes Taschenbuch 20642, Zürich 1979),

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