Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 1


Kurzrezensionen

 

Walter Toman: Familienkonstellationen. Ihr Einfluss auf den Menschen. Verlag C.H.Beck, Siebte, durchgesehene Auflage 2002. IBS 3 406 49407 2, 12,90 Euro

Es handelt sich um ein zuerst 1961 auf Englisch, 1963 auch auf Deutsch erschienenes Standardwerk, inzwischen mehrfach überarbeitet; auch wenn sich die Familienstrukturen geändert haben und sich weiter ändern: lesenswert ist es auch für den Laien. Im Vorwort heißt es: Aus welchen Familienverhältnissen wir kommen, aus welchen Personen sich unsere Herkunftsfamilien zusammensetzen, was unterschiedliche Familienkonstellationen für unser späteres Leben bedeuten können und welche Erfahrungen und Erwartungen wir dementsprechend in unsere Freundschaften und schließlich in unsere Lebenspartnerschaft einbringen, davon handelt das vorliegende Buch in umfassender, kompakter und übersichtlicher Form.

Dies gilt  zunächst für den ersten Teil Theorie und Forschung (S.11-135), es folgt der zweite: Anwendung und Praxis mit einer Fülle von Beispielen. Der Verfasser beginnt mit den Verhältnissen in den meisten Familien   und ergänzt diese durch Hinweise auf Abweichendes. Sein Augenmerk gilt dann den unterschiedlichen Geschwisterfigurationen, z.B. Zwei Brüder   (S.16), Bruder und Schwester (S.18) mit jeweiligen Zusammenfassungen. Er berücksichtigt dabei die sich aus der Geschwistersituation ergebenden Identifikationsformen mit den Eltern. Auch das Verhalten der Eltern den Kindern gegenüber wird durch deren Platz in der Geschwisterschar mitbestimmt. Ein Beispiel dafür ist etwa S,24: Gegenüber der jüngeren Schwester dagegen bleiben die Eltern, auch wenn sie schon herangewachsen ist, toleranter. Sie bestehen nicht so stark auf Gehorsam und der Befolgung des Vorbildes der Eltern wie bei der Älteren. Sie soll machen können, was sie will, scheinen sie unbewußt zu meinen. Dadurch ermuntern sie manchmal die jüngere Schwester geradezu zur Impulsivität, zum Ehrgeiz und zur Opposition. Hervorgehoben wird die Rolle des Einzelkindes. In der Zusammenfassung heißt es hier: dass Einzelkinder im Durchschnitt  weniger gut als Kinder aller anderen Positionen auf den Kontakt mit altersnahen Personen vorbereitet sind. Sie bevorzugen Kontakte mit älteren, mit „höher gestellten“, oder aber mit solchen altersnahen Personen, die ihnen väterlich oder mütterlich entgegenkommen. (S.34)

Unter 2.10 kommt der Verfasser auf die Bedeutung der Altersunterschiede sowohl zwischen den Kindern als auch zwischen den Eltern zu sprechen und geht neben den Veränderungen in Familienkonstellationen, z.B. durch den Tod eines Familienmitgliedes, auf weitere Einflussfaktoren ein. Er sagt: Mehr älteste Geschwister und Einzelkinder als andere Geschwisterpositionen scheinen beispielsweise  das College oder die Universität zu besuchen. Das gilt vor allem für  männliche Jugendliche (S.71). Hier scheint sich eine Veränderung abzuzeichnen, da die Zahl weiblicher Studienanfänger wenigstens an der Universitäten überproportional zunimmt. Es sind gegenwärtig schon mehr als die Hälfte. Auch auf Tierfamilien geht der Autor ein, auf  Sonderformen menschlicher Familien, auf unterschiedliche Partnerbeziehungen und Freundschaften.

In Teil II  Anwendung und Praxis stehen zunächst die unterschiedlichen Geschwisterpositionen im Mittelpunkt und weiter deren Auswirkungen in der nächsten Generation. Als Aufgabenstellung finden wir: Im folgenden sollen die Haupttypen von Geschwisterpositionen nach ihren Verhaltens-, Einstellungs- und Interessenpräferenzen charakterisiert werden. Anschließend werden dann die Elternpaartypen nach ihrem Verhältnis zueinander und nach dem Verhältnis zu ihren Kindern beschrieben. (S.136)

Da geht es dann um den ältesten Bruder von Brüdern und um den jüngsten Bruder von Brüdern usw. durch alle möglichen Positionen in ihren Auswirkungen im Verhalten unter den verschiedensten Lebensbedingungen und in unterschiedlichen Bereichen, z.B. in Ehe und Beruf. Ebenso werden die Schwestern erörtert. Auch Eltern und Elternpaartypen werden dargestellt, die Zahl der Variationen steigt auf ein Vielfaches: Es sollen im folgenden 16 Typen von Elternpaaren, in denen beide Partner Geschwister hatten, und drei Typen von Elternpaaren, unter deren Partnern auch Einzelkinder sind, nach dem psychologischen und  sozialen Milieu charakterisiert werden, das sie jeweils für ihre Kinder  zu schaffen tendieren. Dabei wird auch auf die verschiedenen Arten von Kinderfigurationen eingegangen, insbesondere darauf, ob die Eltern Jungen oder Mädchen oder beides haben. (S.188)

In den letzten Abschnitten werden zwei Fallbeispiele geboten, die aufgrund der vorher gewonnenen Einsichten interpretiert werden, die Geschichten des Emil K. (S.224-230) und der Silvia P. (S.230-238). Für den Leser besteht daher die Möglichkeit, zu überprüfen, wie weit er die vorangegangenen Überlegungen verstanden hat – er wird auch versuchen, sie auf sich selbst und die Mitglieder der eigenen Familie anzuwenden. Es ist daher verständlich, wenn der Autor dem Band zwar ein Leitblatt für Datenerhebungen  beigibt, im Nachwort jedoch warnt: Der Leser sei hier noch einmal zur Vorsicht gemahnt. Zur Vorsicht bei der Befragung von Personen seiner Verwandtschaft, im Freundes- oder Kollegenkreis, vor allem aber bei der Bekanntgabe seiner psychologischen Analysen von Familienbeziehungen und bei seinen Voraussagen ihnen gegenüber. Zwar sind die Menschen im allgemeinen dankbar für Gelegenheiten, über sich und ihre Familienverhältnisse zu sprechen, doch verstimmt es sie, wenn sie hinter vermeintlichem Interesse eine Absicht merken. Wenn ein Leser mit seinen neugewonnenen Kenntnissen über die Gesetzmäßigkeiten von Familienverhältnissen jemandem etwas beweisen möchte, wenn er sie zur Unterstützung seiner Bemühungen um die Gunst von Personen oder zu deren Einschüchterung oder aus heimlichen Rachegelüsten verwendet, dürfte er sich eigentlich nicht wundern, dass ihm kein Dank zuteil wird. (S.253)

Renate Scharffenberg

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