Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 1


Totentanz um Blumen

O’Neills Tragödie „Trauer muß Elektra tragen“ im Marburger Schauspiel

 

Inszenierung: Ekkehard Dennewitz
Ausstattung: Klaus Weber
Dramaturgie:  Anne-Kathrin Guder

SchauspielerInnen: Fred Graeve (Ezra Mannon),
Christine Reinhard (Christine Mannon),
Regina Leitner (Lavinia),
Harald Preis (Orin),
Jochen Nötzelmann (Adam Brant),
Arthur Werner (Peter Niles),
Johanna Bönninghaus (Hazel Niles),
Gabriel Spagna (Seth Beckwith)

Premiere: Freitag, 21. Februar 2003 im Fürstensaal

Ein sperriges Stück, diese 1929-31 entstandene Tragödie des amerikanischen Autors Eugene O’Neill (1888-1953): ein Familiendrama aus dem amerikanischen Bürgerkrieg; Charaktere, in ihren Rollen weitgehend festgelegt; überdeutliche Anspielungen in Struktur und Handlungsführung auf die „Orestie“ von Aischylos; O’Neills Anstrengung, eine Tragödie nach antikem Vorbild zu schreiben; und ein Wortschwall der Figuren, der jede Geste und Handlung ankündigt, kommentiert und begleitet. – Aber – und das zeigt die Größe des Dramatikers O’Neill – „Trauer muß Elektra tragen“ ist auch ein Stück über Liebe, Eifersucht, Neid, Wahnsinn, Rache, inzestuöse Gefühlsverstrickungen, Hoffnungslosigkeit und seelische Qual und Verkümmerung, von zeitloser Aktualität, weil – vielleicht die wichtigste Aufgabe des Theaters – Menschen in ihren Beziehungsängsten und -nöten, in ihren Sehnsüchten und Konflikten gezeigt und vorgeführt werden.

Orin: Harald Preis, Lavinia: Regina Leitner (Foto: M. Kreutter)

Daß das Hessische Landestheater am Freitag, dem 21. Februar, mit O’Neills Drama eine erfolgreiche, beeindruckende Premiere feiern konnte, hatte wohl vor allem mit dieser Lesart des Stücks als Psychodrama zu tun. Dennewitz interessierte – und das war ein, wie sich im Laufe des Abends mehr und mehr erwies, richtiger Ansatz – nicht die Frage nach dem Elektra-Mythos oder gar das akademische Problem, ob es O’Neill gelungen sei, dem amerikanischen Publikum eine Tragödie nach griechischem Vorbild vorzusetzen. (Das Programmheft führt mit zwei Texten dazu in eine eher verkehrte Richtung.) Dennewitz ließ sich in seiner Inszenierung ganz auf die Motive ein, die die Figuren zu ihrem Handeln treiben, und konnte so das Bühnengeschehen auf Eifersucht, Rache und Haß fokussieren und erschreckend nah an die Zuschauer heranrücken. Die klugen Streichungen des Textes – hier muß sicherlich auch die Leistung der Dramaturgin Anne-Kathrin Guder hervorgehoben werden – auf etwa ein Drittel des Originaltextes, machen diese Konzentration auf die zeitlosen emotionalen Verwicklungen und Konflikte in O’Neills „Elektra“ erst möglich.

Das Geschehen, das in über zweieinhalb Stunden auf der Bühne abrollt, führt vor allem drei Figuren in eine ausweglose Handlungssituation: Christine Mannon, ihre Tochter Lavinia und ihren Sohn Orin. Christine hat sich in der langjährigen Abwesenheit ihres Mannes Ezra, eines Brigadegenerals im amerikanischen Bürgerkrieg, in den Kapitän Adam Brant verliebt. Lavinia, die Brant ebenfalls liebt, entdeckt die heimliche Liaison der Mutter und macht ihr deshalb heftigste Vorwürfe. Sie warnt sie: Falls sie die Beziehung nicht aufgebe, werde sie darüber dem Vater berichten. So in die Enge getrieben, beschließen Christine und Brant, den General, der aus dem Krieg heimgekehrt ist, umzubringen. Der Plan wird mit Gift ausgeführt; Lavinia aber schöpft Verdacht und beschuldigt ihre Mutter des Mordes. – In der Zwischenzeit ist auch Lavinias Bruder Orin aus dem Bürgerkrieg nach Hause zurückgekehrt. Lavinia will mit ihm Rache an der Mutter für den Tod des Vaters nehmen. Sie überredet Orin, ein Gespräch zwischen Christine und Brant zu belauschen. Orin sieht Lavinias Verdacht bestätigt und erschießt Brant. Als Christine vom Tod des Geliebten erfährt, verübt sie aus Gram Selbstmord. – Der letzte Teil der Tragödie spielt etwa ein Jahr nach diesen Vorgängen: Lavinia und Orin kehren von einer Südseereise zurück, die vor allem Orin die schrecklichen Ereignisse in der Familie vergessen lassen sollten. Das stellt sich aus Trugschluß heraus. Orin sieht sich, besonders als er glaubt, die geliebte Schwester an einen Freund zu verlieren, weiterhin von den Schreckensbildern der Morde und Selbstmorde im Haus der Mannons verfolgt und bringt sich ebenfalls um. Lavinia bleibt allein übrig. Sie erkennt, daß sie einsam bleiben muß, um für alles zu büßen, steigt, so in der Marburger Interpretation, am Ende in die Familiengruft und wird nie wieder mit den Menschen zusammen leben.

Das Gespinst aus selbstquälerischen und selbstzerstörerischen Beziehungs-Verstrickungen inszeniert Dennewitz als Totentanz um Blumen. „Ich möchte das ganze Haus voller Blumen“ sagt Lavinia im letzten Teil. Unentwegt ordnet sie langstielige Lilien in einem großen Vasenkrug auf der Mitte einer mächtigen schwarzen Platte, die eine Art Verlies oder Totengruft – vier Tote gibt es ja im Stück – abdeckt. Es ist der verzweifelte Versuch, etwas Schönes, Freundliches, Hoffnungsfrohes in das Haus und das Leben der Mannons zu bringen. Dort hat sich aber bereits die tödliche Atmosphäre aus Lebenslügen, Haß, Betrug und Rache ausgebreitet. Blumen sind da nur eine hilflose Geste.

Lavinia wird am Ende des Dramas Christine, ihre Mutter, die zuvor ebenfalls bis zu ihrem Tod unaufhörlich Blumen in die Vase steckt, sie ordnet, die Vase nachfüllt. Lavinia trägt das Kleid ihrer Mutter, ahmt ihre Gesten nach, beschützt wie diese vorher Orin, ihren Bruder, und versucht eine Fassade aus Wohlanständigkeit und Normalität aufzurichten. Mit Orins Selbstmord muß sie sich jedoch ihre Hilflosigkeit eingestehen. Sie scheidet aus dem Leben, nicht wie Christine durch Selbstmord, sondern dadurch, daß sie freiwillig – „Ich bin die letzte Mannon. Ich muß mich selber strafen!“ – in die Gruft hinabsteigt, um dort mit den Toten, die sie mitverantwortet, weiter zu leben.

In den gelungenen Momenten der Inszenierung – und solcher hat es viele – baut Dennewitz eine intensive Spannung zwischen den Personen des Stücks auf, oft durch kleine Gesten der Schauspieler, die zeigen, wie genau alle Beteiligten an der Bühnenumsetzung des Textes gearbeitet haben. Als Christine beispielsweise ihren Geliebten, Adam Brant, zum Mord an Ezra Mannon überredet, berührt sie – beide sind etwas voneinander weggedreht – leicht seine Hand; Brant entzieht ihr seine Hand wieder; eine Sekunde später fallen sie einander verzweifelt in die Arme. Es sind solche Szenen, die die Spannung des Ganzen halten, erhöhen und Neugierde auf die weitere Handlung machen.

Adam Brant, Kapitän: Jochen Nötzelmann, Lavinia: Regina Leitner (Foto: M Kreutter)

Das Bühnenbild von Klaus Weber, der zum ersten Mal die Ausstattung in einer Inszenierung im Fürstensaal übernommen hat, unterstützt den positiven Gesamteindruck der Aufführung. Die schwarze Bretterbühne – die Zuschauer sitzen auf den Längsseiten des Bühnenaufbaus – integriert die beiden mächtigen Pfeiler in der Saalmitte. Von der Decke hängen vier eher bedrohlich wirkende Ahnenbilder, eine Art Begrenzung der Bühne auf den Kopfseiten. Selten hat sich ein Bühnenbild so nahtlos in das mittelalterliche Ambiente des Fürstensaals eingepaßt. Es ist der angemessene Spielraum für ein Stück, in dem sich alle Dramatik ausschließlich aus der Sprache heraus entwickelt, und für eine Inszenierung, die die dramatischen Beziehungen der Figuren in den Mittelpunkt des Bühnengeschehens stellt.

Der Erfolg der Inszenierung verdankt sich vor allem aber auch dem hervorragend aufspielenden Ensemble. Johanna Bönninghaus und Arthur Werner als Hazel und Peter Niles machen aus dem Geschwisterpaar kleine Charakterstudien unglücklich Verliebter. Fred Graeve ist der etwas steife, zurückhaltende Ehemann von Christine und der glückliche, stolze Vater von Lavinia. Jochen Nötzelmann spielt intensiv und überzeugend Christines Liebhaber Brant. Gabriel Spagna kommt die schwierige Aufgabe zu, das Geschehen im Hause der Mannons zu kommentieren und zu beschreiben: Er meistert die Rolle als halb-betrunkener Seth beeindruckend. – Die schauspielerische Hauptlast des Abends ruht auf den Schultern von Christine Reinhardt (Christine Mannon), Harald Preis (Orin) und Regina Leitner (Lavinia). Zu Recht wurden sie bei der Premiere mit viel Applaus gefeiert. Allen dreien gelingen differenzierende, bravouröse schauspielerische Leistungen. Christine Mannon ist nicht nur die Ehebetrügerin, sie ist auch die von ihrer Ehe enttäuschte Frau und Orin gegenüber eine liebende Mutter. Christine Reinhard gibt eine eindringliche Problemstudie dieser Frau. – Orin ist der Ahnungslose, Verführte, jemand, der zwischen Mutter und Schwester hin- und hergerissen ist, der die Liebe von Lavinia am Ende mehr sucht als alles andere und verzweifelt aus dem Leben scheidet, als er glaubt, sie zu verlieren. Harald Preis löst seine Aufgabe in beeindruckender Weise. – Herausragend in der Intensität und Treffsicherheit ihres Spiels ist Regina Leitner. Ihre Lavinia ist eine rachedurstige, intrigierende Tochter, aber auch eine schutzbedürftige Frau mit Sehnsüchten und Wünschen. „Dramatische“ Rollen wie die der Lavinia scheinen der jungen Schauspielerin zu liegen.

Marburgs Theater hat mit „Trauer muß Elektra tragen“ wieder ein großes, ernstes Stück auf dem Spielplan. Nach „Dantons Tod“, dessen Premiere bereits Monate zurückliegt, überwogen komische, kabarettartige Stücke und Inszenierungen. Dafür gibt es natürlich gute Gründe. Aber es gibt auch gute Gründe für Stücke wie das von O’Neill. So wie es über die Bühne des Fürstensaales lief, wird es sicherlich ein Publikumserfolg werden.

Herbert Fuchs

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