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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 1
Ich habe ...niemals die Natur
poetischer Zwecke wegen
betrachtet.
18. 1. 1827 zu Eckermann
Goethe ist in der Geistesgeschichte der Neuzeit wohl der erste und auch der letzte, der sein Verhältnis zur Natur auf eine zweifache Weise ausspricht: in einem dichterischen Werk, das von einer reichen Naturmetaphorik durchzogen ist, und einem Opus von wissenschaftlichen Studien zur Natur, das sich von den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts an, zunehmend aber in den neunziger Jahren neben die poetische Bildlichkeit stellt. Was bedeutet die zweierlei Äußerung?
Während des ganzen 19. Jahrhunderts wurden Poesie und Wissenschaft Goethes fast unbezogen aufeinander betrachtet. In der naturwissenschaftlichen Forschung fand seine Wissenschaft wenig Beachtung - die Morphologie galt mehr, die Farbenlehre schien widerlegt -; ihr andersartiger Wissenschaftscharakter ließ es geraten sein, von der Poesie abzusehen.
Die literarhistorische Forschung der Zeit hat sich zwar im Zusammenhang der Weimarer Edition auch der naturwissenschaftlichen Schriften angenommen und sie in einer eigenen Abteilung veröffentlicht; aber die Ergebnisse dieser Studien und die sich in ihnen dokumentierende Denkweise wurde für die Auslegung der poetischen Texte nicht herangezogen. Erst die Ausgabe der Goethischen Naturwissenschaft durch die Leopoldina zeigt demgegenüber eine Änderung an; indem sie auch die poetischen Aussagen als Zeugnisse für die wissenschaftlichen Einsichten anführt, vollzieht sie eine Synthese zwischen poetischem und wissenschaftlichem Werk.
Dieses Einander in Beziehung Setzen hat zwei Aspekte. Die neuere literarhistorische Forschung, zumal seitdem die Goethische Altersdichtung mehr und mehr in den Blickpunkt gerückt ist, hat erkannt, in welchem Maße die Dichtung - seit Goethes Rückkehr aus Italien etwa - von seinen naturwissenschaftlichen Denkformen geprägt ist. Umstrittener ist das Umgekehrte: wie weit seine Naturwissenschaft von poetischen Anschauungen und Zwecken bestimmt ist - poetisch im weitesten Sinne verstanden, als die sittliche, auf den Menschen bezogene Betrachtungsweise. Goethe selber hat es - wie das Motto zeigt - aufs entschiedenste bestritten. Und immerhin sind sowohl von naturwissenschaftlicher Seite (L. Wolf, W. Troll, R. Matthaei, E. Buchwald, W. Heisenberg, W. Heitler, W.Gerlach) 2 wie von philosophischer Seite (H. Lipps, C. F. von Weizsäcker) 3 seine naturwissenschaftlichen Aussagen ernst genug genommen worden, um darin Positionen formuliert zu sehen, durch die der eingeschränktere moderne Naturwissenschaftsbegriff in Frage gestellt ist. Andererseits haben sich neuere Arbeiten (R. Gray, H. Froebe) 4 ernstlich um den Nachweis bemüht, in welchem Ausmaß Goethe vorwissenschaftlichen Denkweisen, wie Alchemismus, Kabbala, Rosenkreutzern, Emblematik, verpflichtet sei. In diesen Arbeiten erscheint Goethe als der letzte Exponent eines magisch-mystischen Naturverhältnisses, das sich letzten Endes vom Mittelalter herleitet.
Der Wissenschaftscharakter der Goethischen Naturforschung soll hier nicht befragt werden; gefragt ist vielmehr nach dem Verhältnis von Goethes poetischer Bildlichkeit zu seinen Naturanschauungen. Dieses soll an einem Gedichtzyklus untersucht werden, der am Ende der neunziger Jahre entstanden ist - in einer Zeit also, wo Goethes Naturbeschäftigung schon ausgebreitet und entwickelt ist -: den Weissagungen des Bakis 4a, um darin eine Metaphorik zu fassen, in der ein traditionelles Sprechen in Bildern eine neue Funktion erhält.
Liest man etwa die 4. Weissagung dieser Epigrammsammlung, so überrascht der hermetische Charakter der Bilder.
Wenn sich der Hals des Schwans verkürzt und, mit
Menschengesichte,
Sich der prophetische Gast über den Spiegel
bestrebt;
Lässt den silbernen Schleier die Schöne dem Nachen
entfallen,
Ziehen dem schwimmenden gleich goldene Ströme sich
nach.
Die Bilder im einzelnen - der Schwan, dessen Hals sich verkürzt, die Schöne im Nachen, die sich entschleiert - wie ihre Zusammenfügung zum Ganzen eines Bildes weisen auf einen verborgenen Sinnzusammenhang hin, der erst entdeckt werden muß. Die Bilder scheinen die eines Emblems zu sein; sie lassen, als zu entziffernde Chiffren, an die emblematischen Denkbilder des Humanismus und des Barock denken und an das sich in ihnen aussprechende Naturverständnis. Dabei kann es sich im folgenden nicht etwa um eine historische Herleitung der Goethischen aus den emblematischen Naturallegorien handeln, aus den Bildmotiven des `Emblematum liber' des Andrea Alciati 5 etwa, den Goethe, wie wir wissen, in einer späteren Ausgabe neben den `Emblemata' des Ioannes Sambucus 6 in seiner Bibliothek stehen hatte; vielmehr soll auf eine Vergleichbarkeit zwischen beiden hingewiesen werden, um an ihr wiederum die Unterschiedlichkeit der Goethischen Epigramme und die sich in ihnen anzeigende Naturanschauung schärfer fassen zu können.
Zunächst das Wichtigste über den Gedichtzyklus und sein Entstehen. Zu ihm sind 32 von Goethe selbst nummerierte Sprüche vereinigt, Doppeldistichen, die er wahrscheinlich im Frühjahr und Sommer 1798 niederschrieb - das Tagebuch erwähnt die Arbeit an ihnen am 23. März und 27. Juli, 7 die Annalen notieren unter dem Jahr 1798: ... daß. die Weissagungen des Bakis mich nur einige Zeit unterhielten 8 ; im Herbst desselben Jahres wahrscheinlich schickt Goethe sie an Schiller, wohl zum Zwecke der Veröffentlichung im Musenalmanach von 1799; dort bleiben sie zwei Jahre liegen und werden dann von ihm selber 1800, bei der Neuherausgabe seiner Werke, im 7. Band der Neuen Schriften ediert. Erst 1814 wird ihnen, anläßlich des Wiederabdrucks im 1. Band der Werke, Stuttgart/ Tübingen 1815, das aufschlußreiche Motto vorangestellt:
Seltsam ist Prophetenlied
Doppelt seltsam, was geschieht.
Bakis, dem diese Sprüche als Weissagungen in den Mund gelegt sind, ist ein Seher der griechischen Frühzeit, der seine Gabe noch von den Nymphen erhalten haben soll und dem im Altertum umfangreiche Sammlungen von Orakelsprüchen - Chresmologien - zugeschrieben wurden. Aristophanes, im `Frieden' und in den `Rittern', spricht von diesen Weissagungen und dem Weissagen nach Art des Bakis - von ihm bakizein genannt; und dort, im Aristophanes, beim Vorlesen und Lesen der Wieland'schen Übersetzung der `Ritter', 1797 und 1798, ist Bakis wohl Goethe begegnet oder wiederbegegnet; eine ausführliche Anmerkung Wielands jedenfalls gibt über ihn Auskunft. 9
Wie Riemer berichtet, war es Goethes ursprüngliche Absicht, auf jeden Tag im Jahre ein solches Distichon zu machen, damit er eine Art von Stechbüchlein, in der Weise der ehemaligen Spruchkästlein, würde, wie man sonst sich der Bibel, des Gesangbuches usw. dazu bediente, aus einem zufällig aufgeschlagenen Text ein gutes oder schlimmes Omen, Besttätigung oder Abmahnung und dergleichen herzunehmen; oder wie die Altenihren Homer und Virgil brauchten und daraus ihre sortes Homericas und Virgilianas zu ziehen pflegten 10.
Aus den geplanten 365 `Losungen' sind 32 geworden. Die Weissagungen des Bakis sollten eigentlich zahlreicher sein, damit selbst die Masse verwirrt machte. Aber, so schreibt Goethe gelegentlich der Bitte um metrische Durchsicht am 20. März 1800 an August Wilhelm Schlegel, der gute Humor, der zu solchen Torheiten gehört, ist leider nicht immer bei der Hand. 11 Dennoch überrascht, schon für den flüchtigen Blick, der zyklische Charakter der Sprüche: so wie der erste eine Art Eröffnungsspruch ist, so bildet der letzte den alles umgreifenden Schluß; es überrascht, angesichts einer fragmentarischen Spruchsammlung, die von Goethe selbst unternommene Nummerierung; und es überrascht die Zahl: 32. Wir werden davon noch zu reden haben.
Was nun die Ähnlichkeit mit den emblematischen Epigrammen betrifft, so ist es zunächst die metrische Form der Distichen, die beiden gemeinsam ist. Andrea Alciati, der Erfinder des emblematischen Genus, hatte ja für seine Sammlung etwa 50 Epigramme der antiken Anthologia Graeca entnommen, die der Renaissance in den Handschriften der Palatina und der Planudea überkommen war; er hatte ihnen Holzschnitt und Motto beigegeben und die griechischen in lateinische Distichen übersetzt. Das Metrum entstammt hier also unmittelbar antiker Epigrammtradition. - Auch Goethe kannte durch Herders Vermittlung, der sie in Auswahl nachdichtete und als Blumen aus der griechischen Anthologie edierte, 12 die Anthologia Graeca, die auch eine Gruppe von Orakelsprüchen enthält, darunter ein Epigramm des Bakis, das schon Herodot zitiert; andrerseits war ihm in den neunziger Jahren das Distichon ohnehin ganz zur Hand. Die anderen Spruchdichtungen dieser Jahre, die `Venetianischen Epigramme', die `Vier Jahreszeiten' und das Naturgedicht `Die Metamorphose der Pflanzen', das ein halbes Jahr vor den Bakissprüchen im Herbst 1797 entstand, sind in diesem Metrum gehalten, wie auch die Xenien, mit denen die Bakisweissagungen in der Forschung häufig zusammengerückt werden - wie ich glaube, irrtümlicherweise. Die Weissagungen sind die letzte dieser großen Distichen-Dichtungen.
Was nun die Forschung über die Weissagungen betrifft, so sind die Interpretationen an Zahl zwar übersichtlich wie selten sonst bei Goethischer Dichtung, in ihren Ergebnissen jedoch außerordentlich divergierend 13 Im ganzen lassen sich etwa drei Perioden unterscheiden: H. Viehoff (1847), H. Düntzer (1858), M. Ehrlich (1880), G. von Loeper (1882) gehen im wesentlichen pragmatisch vor, beschränken sich auf die Texterklärung im einzelnen und tragen durch Anführung von Goethischen und anderen literarischen Parallelen Klärendes zur Einzelinterpretation bei 14. Ausgehend von Riemers Bemerkung über die Weissagungen alsein von Goethe geplantes Stechbüchlein, wird der fragmentarische Charakter fast durchgängig angenommen 15; sie werden als ordnungslose Spruchsammlung verstanden, die allerdings durch die sogenannten Sprüche zur Prophetie, 1, 3, 15, 16, eine gewisse, wenn auch unsymmetrische Gliederung erfährt. - Durch M. Morris (1897) wird das Verständnis der Weissagungen in eine andere Richtung gelenkt 16; er meinte, mit Hilfe eines glücklichen Fundes: einer kurzen Schrift, die C. A. Böttiger seinen Freunden zum neuen Jahr 1800 widmete, voller Verheißungen und mit einer antiken Lampe auf dem Titelkupfer versehen, auf der Münzen und Früchte als Andeutung verheißener Fülle abgebildet waren, den Anlaß für die 8. Weissagung gefunden zu haben; diese also enträtselt zu haben als eine Glosse Goethes auf den Neujahrsgruß Böttigers; er meinte darüber hinaus, in diesem Fund auch den Schlüssel für die meisten anderen Sprüche zu besitzen: ihr Anlaß sei Momentanes, Individuelles, wie es der Tag bringt 17. Die Weissagungen wären also, nach Morris' Meinung, vor allem Früchte der Tageslektüre der Jahre 1798-1800 und schlössen sich damit auf eine ungefähre Weise den Xenien an. Diese Interpretation - methodisch konsequent, wenn auch häufig ohne Zusammenhang mit dem Text, ja bis zu dessen völliger Vergewaltigung durchgeführt - hat große Wirkung bis in die jüngste Forschung hinein gehabt. E. von der Hellen in der Jubiläumsausgabe 1902, wie auch R. Riemann im Zeitlerschen Goethehandbuch 1916, E. Boucke in der Festausgabe 1927, wenn auch mit Einschränkungen, wie noch E. Staiger in seinen Erläuterungen zu den Goethegedichten (1949) schließen sich diesen Deutungen fast vorbehaltlos an 18. Selbst M. Hecker, 1910 und 1935, der, anläßlich des Fundes einer Goethe zeitgenössischen Nachdichtung der Weissagungen, die Morris'sche Interpretation scharf kritisiert, hat wenig dagegen ausgerichtet 19. Erst F. Weinhandl (1932) setzt der genienartigen, Momentanes aufgreifenden Auslegung eine neue Position entgegen 20. Indem er die Weissagungen in die Nähe des `Märchens' aus den `Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten' rückt und sie in Zusammenhang mit Goethes naturphilosophischen Denkformen bringt, versteht er sie als eine symbolische Aussage und proklamiert einen Zusammenhang zwischen den Sprüchen im einzelnen wie eine Notwendigkeit in ihrer Folge. Leider wird der Nachweis durch Interpretation nur in beschränktem Maße gebracht. - Die die Forschung zusammenfassende Arbeit, eine Dissertation von Wilfried Buch (1957) 21, dem auch der Bakisartikel in der unvollendeten Neubearbeitung des Goethehandbuchs von A. Zastrau 22 verdankt wird, hat sich dieser disparaten Forschungslage gegenüber weitgehend eklektisch verhalten, indem sie teils der symbolisch-naturphilosophischen, teils der xenienhaft-literarischen Auslegungsweise folgt; immerhin wird in dem Handbuchartikel für den Zyklus eine gemeinsame Idee postuliert, die die Sprüche ordnet und deutet 23; jedoch auch hier, wie bei Weinhandl, ist der Nachweis im einzelnen ausgeblieben.
Bei dieser Forschungslage erfährt also eine Weissagung wie die 29. die folgenden unterschiedlichen Auslegungen.
Eines kenn' ich verehrt, ja angebetet zu Fuße;
Auf die Scheitel gestellt, wird es von
jedem verflucht.
Eines kenn' ich, und fest bedrückt es zufrieden die
Lippe:
Doch in dem zweiten Moment ist es der
Abscheu der Welt.
H. Düntzer: Freiheit, die zur Frechheit, Liebe, die zur Eifersucht wird. M. Ehrlich: der Pantoffel. - G. von Loeper: die Polarität. - H. Baumgart: Liebe des Knaben und Knabenliebe. - M. Morris: die Französische Revolution, zunächst verehrt, dann verabscheut; oder auch Kuß und Geschlechtsliebe. R. Riemann: `Sie', auf den Kopf gestellt: `Eis'. - W: Buch: der Mensch als Ausgeburt zweier Welten 24.
Was sich hinter einer solchen divergenten Interpretation verbirgt, ist die Unsicherheit über das Wesen der Bildlichkeit dieser Dichtung 25, wie auch über das Wesen dessen, der sie verwendet: über den Seher. Um hier eine Klärung herbeizuführen, soll im folgenden von der Bildlichkeit der Weissagungen die Rede sein und sie zunächst aus dem Unterschied zu der Emblematik genauer gefaßt werden.
Über die formale metrische Übereinstimmung hinaus, von der zuvor die Rede war, gibt es nämlich zwischen den emblematischen und den Goethischen Epigrammen noch eine Vergleichbarkeit bedeutenderer Art; die in beider Bildersprache begründet ist. Wie die emblematischen Picturae, so sprechen sich auch die Weissagungen in einer Bildlichkeit aus, die von sich aus nicht verständlich ist, vielmehr über sich hinaus auf einen verborgenen Zusammenhang deutet, von dem her sie ihren Sinn erhält. Ein Verweisungscharakter ist der Bildlichkeitbeider eigen. Ich stelle dem bekannten Emblembild von der Ulme und der Rebe die Bilder der 9. Weissagung des Bakis gegenüber.
Das Denkbild von Ulme und Rebe, das Alciati aus der Anthologia Planudea abgewandelt übernahm und das auch bei Goethe zweimal begegnet - einmal in der Elegie `Amyntas’ 26 aus dem Herbst 1797, wo an die Stelle der Ulme der Apfelbaum, an die Stelle der Rebe der Efeu tritt; zum anderen in den späten Aufsätzen über die `Spiraltendenz' 27aus dem Februar 1831, wo es als Symbol steht für das Verhältnis zweier polarer Tendenzen im Wachstumsprozeß der Pflanze: der Vertikal- zu der Spiraltendenz 28 dieses Denkbild also zeigt einen verdorrten, knorrigen Baum und um ihn geschlungen, als wären es seine eigenen Blätter und Früchte, eine üppige Trauben tragende Weinrebe 29. Was bedeutet - so fragt man sich - diese Vereinigung? Das Rätselhafte, der in ihr liegende, ihre bloße Bildlichkeit übersteigende Sinn ist nicht zu übersehen.. Nicht anders verhält es sich bei den Bildern des 9. Bakisspruchs. Da laufen Mäuse - sonst in der Verborgenheit der Häuser hausend - auf offnem Markte zusammen; der Wanderer - sonst zu Fuße - trifft dort auf hölzernem Fuß, nämlich auf vierrädrigem, mit klappernden Rossen bespanntem Wagen fahrend, ein; und schließlich überfliegen die Tauben der Saat, und das heißt Feldtauben, im selben Moment den städtischen Markt. Was bedeutet - so fragt man sich wiederum - diese Vereinigung? Die Weissagung lautet:
Mäuse laufen zusammen auf offnem Markte; der Wandrer
Kommt, auf hölzernem Fuß, vierfach und
klappernd heran.
Fliegen die Tauben der Saat in gleichem Momente
vorüber:
Dann ist, Tola, das Glück unter der Erde dir
hold.
Auch hier also sind die Bilder im einzelnen wie als Ganzes Rätsel, die auf eine geheime Wirklichkeit weisen, von der aus sie sich bedeutend auflösen.
In der Barockemblematik spiegelt dieser Rätselcharakter der Bilder ein Naturverständnis wider, in dem jedes Einzelne nicht nur es selber ist, sondern zugleich Teil der göttlichen Schöpfung. Als solches ist es zugleich Träger eines Sinnes, den Gott in es gelegt hat; es bedarf eines glücklichen Augenblicks der Entdeckung, wo dem Emblematiker diese verborgene Bedeutung aufgeht und das Einzelne ihm zum Schlüssel wird, mit dem Gott ihm ein Stück Lebenswirklichkeit - wir sagen im Zusammenhang des Barocks besser: ein Stück Lebensweisheit oder Lebensmoral aufschließt. In der Vorrede zu seinen `Emblemata Physico-Ethica' beschreibt Nicolaus Taurellus einen solchen glücklichen Entdeckungsaugenblick folgendermaßen 30. :Als ich ein andermal durch die Felder spazierte,... sah ich unter vielen Ähren, die herabhingen und zu Boden gebeugt waren, eine, die zum Himmel sich aufreckte und stolz sich erhob. Die Ursache dieses Unterschiedes habe ich leicht eingesehen, denn diese eine war natürlich wegen ihrer leeren Hülsen leichter, jene aber wurden durch ihre dichteren Körner beschwert. Wir sehen daraus, daß nicht gewichtiges Wissen, sondern eingebildete Gelehrsamkeit hochmütig macht.
Durchaus Ähnliches findet sich nun merkwürdigerweise in den Goethischen Weissagungen; auch hier die Natur, die sinnlich-körperliche Erscheinungswelt, verstanden als Vermummung, wohinter ein höheres, geistiges Leben sich ... versteckt 31. Auch hier derjenige - der Seher nämlich - dem sich, analog dem Emblematiker, dieses geheime geistig Wirkende offenbart; auch hier der glückliche Augenblick der Entdeckung, und endlich auch hier die Musterstücke, die Schlüssel, durch die die Natur das in ihr geistig Wirkende dem Seher aufschließt. Schlüssel liegen im Buche zerstreut, das Rätsel zu lösen, beginnt die 15. Weissagung.
Natürlich liegt zwischen dem Barock und Goethe die Aufklärung, ein rationales Naturverständnis hat das theologische abgelöst; ein Prozeß, an dem das Goethische Denken durchaus teilhat. Es liegt ebenfalls hinter dem Dichter der Bakissprüche die Epoche, da das Gefühl ihm diejenige Kraft war, die zum Einswerden mit der Natur im Ganzen führte, zum Eindringen in ihr Inneres. Es war eine Zeit, schreibt Goethe jetzt am 10. April 1800 an Schiller, wo man den Mond nur empfinden wollte, jetzt will man ihn sehen. 32 Seit über einem Jahrzehnt ist ihm die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Natur geläufig; aber nun nicht mehr nur der Natur im ganzen, sondern mit ihren einzelnen Phänomenen, den geologischen, den biologischen, den zoologischen und osteologischen, den meteorologischen und den Farbenerscheinungen. Auge und Verstand - um hier das Wesentliche zu nennen - sind die Organe, mit denen er den Exscheinungen beobachtend gegenübertritt. Anschauen, das Objekt unter seinen eigenen extremen Bedingungen aufsuchen, mannigfaltigstes Verwandtes vergleichen, das Beobachtete sammeln, verknüpfen, zu Reihen ordnen, wird ihm zu der ihm eigenen Methode, die, als die der Natur gemäße, sein Verfahren zugleich von dem der exakten Naturwissenschaft unterscheidet und die ihm schließlich zu einer Einsicht in die Gesetzlichkeit der Naturphänomene verhilft: zur Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen 1784, zur Wirbeltheorie des Schädels 1790, zur Metamorphosenlehre der Pflanzen 1790 und zu seiner Theorie über die Entstehung der prismatischen Farben 1790-93.
Das Auge hat in diesem Erkenntnisprozeß einen deutlichen Vorrang, insofern Sehen für ihn schon immer ein erkennendes Sehen ist. Er spricht von einem Unterschied zwischen Sehen und Sehen und davon, daß die Geistesaugen mit den Augen des Leibes in stetem lebendigen Bunde zu wirken haben 33. Und dieses erkennende Sehen kulminiert in dem Augenblick, wo in dem Schauenden eine reinere Geisteskraft wirksam ist und er mit einem geistigen Blick durch die mannigfaltigen sinnlichen Naturerscheinungen hindurch die wirkende geistige Form erkennt, die ihnen bildend innewohnt. Goethe spricht davon, daß einem solchen Erkenntnisaugenblick immer etwas Esoterisches 34 anhaftet, und nennt die Erkenntnisse häufig Offenbarungen. 35 Er erklärt ihren besonderen Charakter gelegentlich des zweiten Nachtrags zur Abhandlung über den Zwischenkieferknochen durch folgendes Gleichnis 36:
"Ich hatte.... vor einiger Zeit Interesse genommen an Manuskripten des fünfzehnten Jahrhunderts, durchaus in Abbreviaturen verfaßt. Ob nun gleich eine solche Entzifferung niemals mein Geschäft gewesen, so ging ich doch, aufgeregt, mit Leidenschaft an die Sache und las zu meiner Verwunderung unbekannte Schriftzüge frisch weg, die mir hätten lange rätselhaft bleiben sollen. Aber diese Zufriedenheit dauerte nicht fort; denn als ich nach einiger Zeit das unterbrochene Geschäft wieder aufnahm, bemerkte ich erst, daß ich irrtümlich eine Arbeit auf dem gewöhnlichen Gang der Aufmerksamkeit zu vollenden strebte, die mit Geist und Liebe, mit Licht und Freiheit begonnen war, und daß im stillen nur darauf zu hoffen sei, wie jene glücklichen Eingebungen des Augenblicks sich wieder erneuern möchten."
Für dieses geistige Gewahrwerden des geheimen Gesetzlichen in der sinnlich erscheinenden Natur findet Goethe das Symbol des Sehers. Bakis ist ein solcher Schauer der Natur 37, dem sie sich als offenbares Geheimnis 38 entdeckt. Die alten Kategorien der Mantik: geheim und offenbar, kehren wieder, aber in neuem Sinne verwendet; denn das Geheime ist hier nicht abgetrennt, sondern im Offenbaren gegenwärtig. Es entsteht daraus eine eigene Denkstruktur, die sich aus der Umkehrung der Realität des Tages versteht und die die Sprache des Weissagens prägt, so daß ihre Zeichen aus der Umkehrung und mit ihre Umkehrung gedacht und auch, wo diese nicht mitgenannt, aus der Umkehrung verstanden werden müssen: das Verhüllte aus dem Offenen, das Schlafen aus dem Wachen, der Wahnsinn aus der Nüchternheit, das Gespenstische aus dem Wirklichen, und umgekehrt.
In diesem Sinne: als Seher des verborgenen Gesetzlichen im Offenbaren wird Bakis durch die 3. Weissagung erklärt. Ich schließe ihrer Interpretation im folgenden sogleich die Erklärung einiger weiterer Sprüche an, die sich auf diese selbe gesetzliche Natur, den Prozeß ihrer Erkenntnis, ja die Darstellung der Gesetze selber beziehen.
Nicht Zukünftiges nur verkündet Bakis; auch jetzt noch
Still Verborgenes zeigt er, als ein Kundiger,
an.
Wünschelruthen sind hier, sie zeigen am Stamm nicht die
Schätze;
Nur in der fühlenden Hand regt sich das
magische Reis.
Kundiger nennt sich Bakis hier als der, der das auch jetzt noch, und das heißt, in der Zeit überhaupt und immer Verborgene anzeigt. Gegenüber dem Noch-Verborgenen in der Zeit, das erst die Zukunft zu Tage bringen wird, enthüllt er das Immer-Wirkende in der zeitlosen Natur. - Mit der fühlenden Hand begabt, werden ihm die Weidenruten, die am Stamm sonst reglos und ohne weisende Qualitäten sitzen, zu Wünschelruten. Es sind die einzelnen Naturerscheinungen, die, von dem Erkennenden in die Hand genommen, ihm zu Schlüsseln werden, mit denen die Natur selber ihre verborgenen Schätze, und das meint, ihre in den Erscheinungen verborgen wirkenden Bildegesetze aufschließt 39. Die Analogie zu Faust, in dessen fühlender Hand der Schlüssel den Weg zu den Müttern wittern wird, ist deutlich. Wittern und Sich-regen weisen auf dieselben, das einfache rationale Erkennen übersteigenden Geistesprozesse, auf dasselbe sympathetische Verhältnis des Erkennenden zur gesetzlich wirkenden Natur im Augenblick einer gesteigerten geistigen Sehkraft 40 .
Die Schätze - ein bei Goethe sich immer wiederholendes Symbol mit wechselnder Bezüglichkeit 41 - begegnen gleich noch einmal im selben Sinne der Gesetzlichkeit, als das, worin die Natur ihr Wertvollstes aufbewahrt: das Dauerhafte nämlich, nach dem sie ewig wirkt; sie begegnen in der 14.Weissagung, wo sie nun nicht mehr in der verborgenen Wirklichkeit der gesetzlich bildenden Natur zu finden sind, sondern nur vom Träumenden und nicht vom Wachenden wahrgenommen werden.
Laß mich ruhen, ich schlafe. - "Ich aber wache." - Mit
nichten!
"Träumst du?" - Ich werde geliebt! - "Freilich,
du redest im Traum."
Wachender, sage, was hast du? - "Da sieh nur alle die
Schätze!" –
Sehen soll ich ? Ein Schatz, wird er
mit Augen gesehn ?
Es ist ein Dialog zwischen einem Schlafenden und einem Wachenden. Der Schlafende bestreitet dem Wachenden sein Wachsein ("Ich aber wache". Mit nichten !), so wie er ihm später seine Fähigkeit zu sehen abspricht (Sehen soll ich? Ein Schatz, wird er mit Augen gesehn?). Denn der Wachende lebt in der Realität des handelnden Menschen, verhaftet in den Tag und seinen Streit (polar zu: geliebt), verhaftet in die Gesellschaft und den Erwerb von Besitz (Schätze); während der Schlafende Teil ist der Natur und teilhat an ihrer Wirklichkeit. Als Träumender sieht er sich hineingenommen in den großen Zusammenhang des mit der Liebeskraft bildenden Kosmos. Daher sagt er: Ich werde geliebt. - Von dieser kosmischen Bildekraft heißt es im `Märchen' der vier Jahre vor den Bakissprüchen entstandenen `Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten': Die Liebe herrscht nicht, sondern sie bildet, und das ist mehr 42. - Als Sehender, der nicht mit den Augen des Leibes, sondern mit den seherischen Augen des Geistes sieht, weiß er, daß die wahren Schätze die ewigen, die Harmonie des Kosmos gewährleistenden Bildegesetzlichkeiten sind, die nur den Gesichten des Sehers wahrnehmbar werden (Sehen soll ich? Ein Schatz, wird er mit Augen gesehn?) 43.
Schließlich sei noch ein dritter Bakisspruch hier angefügt, von derselben Thematik der in Farben und Körpern erscheinenden Natur und der in ihr gespenstisch spukenden geistigen Wirklichkeit ihrer Gesetze. Die 23. Weissagung heißt:
Was erschrickst du ? - "Hinweg, hinweg mit diesen
Gespenstern !
Zeige die Blume mir doch; zeig mir ein
Menschengesicht!
Ja, nun seh’ ich die Blumen; ich sehe die
Menschengesichter."
Aber ich sehe dich nun selbst als
betrognes Gespenst.
Es ist wiederum ein Dialog; miteinander sprechen ein mit dem sinnlichen und ein mit dem erkennenden seherischen Auge Begabter. Der sinnlich Schauende, der der abstrakten Urform von Pflanze und Tier ansichtig wird, erschrickt vor ihnen als vor Gespenstern: "Hinweg, hinweg . . . Zeige die Blume mir doch; zeig' mir ein Menschengesicht" - und freut sich, wieder zu sinnlichen Blumen und Menschengesichtern zurückkehren zu können; aber das seherische Auge erkennt, daß nun, unter diesem sinnlichen Aspekt, der andere selber zum betrogenen Gespenst wird, das heißt, von dem Anblick der geistigen Bildeformen als der Wahrheit ausgeschlossen und der Vergänglichkeit auch der eigenen Körperlichkeit überlassen 44. - Der Begriff des Gespensts begegnet bei Goethe noch öfter 45, gerade im Zusammenhang mit Pflanzen und Blumen, um nämlich den Gedanken der Urpflanze zu bezeichnen; so im Aufsatz `Schicksal der Druckschrift’ 46: Freundinnen, welche mich schon früher den einsamen Gebirgen, der Betrachtung starrer Felsen gern entzogen hätten, waren auch mit meiner abstrakten Gärtnerei keineswegs zufrieden. Pflanzen und Blumen sollten sich durch Gestalt, Farbe, Geruch auszeichnen, nun verschwanden sie aber zu einem gespensterhaften Schemen.
Während bisher immer von den beiden Wirklichkeiten innerhalb der Natur, von der sinnlichen der Erscheinungen und der darin verborgen wirkenden geistigen der Gesetzlichkeit die Rede war, wird nun in der 4. Weissagung der Prozeß der Steigerung zu einem solchen Moment des Gewahrwerdens des verborgenen Gesetzlichen selbst, zu einem solchen Augenblick der erhöhten seherischen Naturschau beschrieben. Es geschieht in der gleich anfangs zitierten Schwanenweissagung:
Wenn sich der Hals des Schwanes verkürzt und, mit
Menschengesichte,
Sich der prophetische Gast über den
Spiegel bestrebt;
Läßt den silbernen Schleier die Schöne dem Nachen
entfallen,
Ziehen dem schwimmenden gleich goldene
Ströme sich nach.
Das Außergewöhnliche dieses Augenblicks ist dadurch bezeichnet, daß mit dem Schwan eine Veränderung vor sich geht. Sein langer Hals wird nicht länger, sondern verkürzt sich. Es ist ein Akt der Zusammenziehung, der Konzentration. In Verbindung mit dem Menschengesicht bedeutet der verkürzte Hals Veränderung nicht ins Tierische, sondern ins Menschliche, er bedeutet Steigerung. Auch das Streben - bestrebt - weist als Ausdruck des Beugens über den Wasserspiegel in dieselbe Richtung. - Die Attribute, die dem Schwan in der zweiten Zeile beigelegt werden: prophetischer Gast; präzisieren diesen Vorgang: Gast ist er als Prophet, teilhabend an einer fremden, höheren Wirklichkeit. - In diesem prophetischen Zustand wird ihm das Wasser, über das er sich beugt, zum Spiegel, die Oberfläche des Elements ist fähig, ihm etwas anzuzeigen. - Entsprechend dem Schwan gerät in diesem außergewöhnlichen Augenblick auch das schöne Mädchen in Bewegung: sie läßt ihren Schleier ins Wasser gleiten. In diesem Moment, da die Hülle ins Element taucht, ereignet sich etwas mit dem Element: es zeichnen sich im Gefolge des schwimmenden - und wir müssen ergänzen, nicht Nachen und nicht Gast, sondern Schleier - es zeichnen sich im Gefolge des silbernen schwimmenden Schleiers goldene Ströme in das Element ein: dem Schwan erglänzt das Element durchzogen mit goldenen Zeichen. - Der Schwan leitet sich als Sinnbild hier wohl aus dem letzten Buch von Platons Staat ab, wo ein Schwan sich in der Unterwelt nicht ein tierisches Dasein, sondern eine Verwandlung ins Menschliche wünscht 47. Es ist hier nicht in der uns geläufigeren Weise als der verstanden, der im Tode zu singen beginnt 48, sondern als der mit einem das Tierische übersteigenden Gesicht, mit Menschengesichte ausgezeichnete. Goethe spielt hier mit der Doppelbedeutung von Gesicht. Der Schwan steht hier als Chiffre für den Dichter als Seher. - Korrespondierte ihm bisher in der Schönen im Nachen die Idee, die mit dem Entgleiten des Schleiers ins Element - Silber heißt: Erscheinung werden - in die Erscheinung tritt, so entwickelt nun das Element, infolge dieses Eintretens in. die Erscheinung, die goldenen Zeichen des Ideellen. In dieser doppelten Bewegung, in dem von der Idee, von der Schönen, herkommenden Silberschleier und den aus dem Element sich entwickelnden goldenen Zeichen, zeigt sich die Doppelnatur der Schönheit an, die zugleich Erscheinung und Verhüllung ist. Im `Märchen' aus den `Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten' ist dem zweiten König, dem König des Scheins - was synonym mit Schönheit ist - das Silber beigegeben, während der erste, der mit Licht und Glanz zusammengebracht wird, der goldene ist. - Was sich hier also ereignet, ist die Verwandlung aus der elementaren in die in ihrer gesetzlichen Gestalt aufglänzende schöne Natur unter dem erkennenden Blick des Sehers 49. Das Schöne nämlich ist für Goethe durch Glanz im Schein definiert; es ist ein Urphänomen; das eine Funktion in der Natur hat: durch die Schönheit verrät die Natur ihre gesetzliche Form. Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, heißt eine Maxime, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben 50.
Und damit kommen wir zu dem letzten Spruch, der hier im Zusammenhang mit Bakis als dem Naturkundigen, dem Entdecker der gesetzlichen Natur genannt werden soll, und der sich auf die Schlüssel bezieht, die im Buche der Natur zerstreut liegen, durch die sie sich dem Kundigen aufschließt 51. Diese Schlüssel sind das, was Goethe sonst in seinen naturwissenschaftlichen Aufsätzen Urphänomene nennt 52, es sind einzelne Erscheinungen, von denen er sagt, daß nichts über ihnen liegt, sie aber dagegen völlig geeignet sind, daß man... stufenweise von ihnen herab bis zu dem gemeinsten Falle der täglichen Erfahrung niedersteigen kann 53. Sie sind also ideal und real zugleich. 54 Von einem solchen Urphänomen, als dem in die Erscheinung tretenden Urbild, redet nun die 10. Weissagung:
Einsam schmückt sich, zu Hause, mit Gold und Seide die
Jungfrau;
Nicht vom Spiegel belehrt, fühlt sie dar
schickliche Kleid.
Tritt sie hervor, so gleicht sie der Magd ; nur Einer von
allen
Kennt sie; es zeiget sein Aug' ihr das
vollendete Bild.
Der Jungfrau, dem Sinnbild des Urbildes, ist zunächst die Einsamkeit zugeordnet. Als ideelle Gestalt ist sie zunächst getrennt gedacht von der geselligen Welt der körperlichen Erscheinungen. Immerhin ist sie schon dabei, sich zu schmücken, und zwar mit Gold und Seide - beides Attribute des Glanzes, der ihr als ideeller Gestalt zukommt. Schicklich wird das Kleid genannt, das sie sich anlegt, das heißt, es ist die ganz ihr angemessene Hülle, die ihre ideelle Gestalt umhüllt ohne sie zu verbergen. Das Anlegen aber geschieht unbelehrt durch den Spiegel, das meint, noch ehe sie sich in der Erscheinungswelt spiegelt. Indem sie, die glänzend Geschmückte, nun aber in die reale Welt der Erscheinungen eintritt, wird sie von niemand beachtet. Zur unscheinbaren Magd erniedrigt, ist sie auf die Entdeckung des seherischen Auges angewiesen, das sie in ihrem hohen Wert erkennt und durch den erkennenden Blick zu dem Ganzen ihrer sinnlichgeistigen Gestalt vollendet. 55
Der Dichter als Seher der unsichtbar wirkenden Naturgesetzlichkeit war das Thema der eben besprochenen Rätselsprüche; aber zugleich gibt es noch ein anderes Thema, das die Weissagungen durchzieht und das in dem später vorangestellten Motto seinen Ausdruck findet:
Seltsam ist Prophetenlied;
Doppelt seltsam, was geschieht.
Das Widersprüchlich-Paradoxe: das Höchste, das zugleich das Gemeinte ist, das Eine, das zu Fuß verehrt, auf die Scheitel gestellt verflucht wird, der Fürst, der als Bettler wandert, der Tolle, der frei ist, die Jungfrau in Gold und Seide, die als Magd erscheint - und das Verhüllt-Rätselhafte des Seherworts: der Schwan, dessen Hals sich verkürzt, die Mäuse, die auf offenem Markt zusammenlaufen, der Schlafende, der geliebt wird, Schätze, die nicht mit Augen zu sehen sind - und das meint ja offenbar: das Seltsame - ist zwar Weissagungsstil und insofern durch Tradition legitimiert, aber es wird gewissermaßen noch einmal erklärt und gleichsam entschuldigt mit der doppelt seltsamen Unverständlichkeit der doppelten Paradoxie dessen, was es zu deuten hat, nämlich: was geschieht. Dieses meint den Bereich des Geschehens im weitesten Sinne und schließt jedenfalls neben dem Naturgeschehen das geschichtlich-revolutionäre mit ein: die Geschichtswende der Französischen Revolution. Der zeitgeschichtliche Sinn mehrerer Sprüche liegt auf der Hand, worauf übrigens auch schon Riemer durch seine Bemerkung hinwies :...Da nun ihre Abfassung in die Epoche der französischen Revolution fällt, so irrt mancher auf die Zeitgeschichte Anspielende darin 56.
So spricht die 8. Weissagung eindeutig von einer politischen Prophetie für das neue Säclum - die Weissagungen entstanden ja zwei Jahre vor der Jahrhundertwende - als ein Zeitalter der verheißenen Idealität - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit -, die nicht einmal die realsten Lebensbedürfnisse - Geld und Brot – erfüllt 57. Die Weissagung lautet:
Gestern war es noch nicht, und weder heute noch morgen
Wird es, und jeder verspricht Nachbarn
und Freunden es schon;
Ja, er verspricht es den Feinden. So edel gehn wir
in's neue
Säclum hinüber, und leer bleibet die
Hand und der Mund.
Das politische Thema war schon mit der antiken Gattung der Bakisorakel mitgegeben. Schon im antiken 5. Jahrhundert wurden, von Herodot und Aristophanes, Bakis Weissagungen politisch-geschichtlichen Inhalts zugeschrieben; und in Anknüpfung an dieses Antik-Traditionelle befindet man sich im Politischen auch gleich mit der 1. Weissagung des modernen Bakis: ausgehend von einem zeitgeschichtlichen Moment der Antike, dem Moment des Trojanischen Feldzugs, wo die Prophetie des Kalchas vor Beginn, wie die der Kassandra nach seinem Ende, als Wahnsinn verhallt 58, wird das Wissen der Zukunft erklärt durch das Hinhören in die Vergangenheit:
Wahnsinn ruft man dem Kalchas, und Wahnsinn ruft man
Kassandren,
Eh' man nach Ilion zog, wenn man von
Ilion kommt.
Wer kann hören das Morgen und Übermorgen? Nicht Einer!
Denn was gestern und eh'gestern gesprochen
- wer hört’s ?
Von dieser aus der Antike tradierten politischen Prophetie her, die sich im zeitlich-linearen Denken hält, muß man das Untraditionelle Neue der modernen Sehersprüche in dem Anderen, das in der Gegenwart hinzukommt, sehen: in der Naturoffenbarung. Die 3., schon früher zitierte Weissagung sagt es ausdrücklich:
Nicht Zukünftiges nur verkündet Bakis; auch jetzt noch
Still Verborgenes zeigt er, als ein
Kundiger, an.
Das Neue der modernen Gesichte ist eben dies, daß auch die Geschichte Bakis unter dem Aspekt der Naturphänomenalität erscheint; auch den Menschen erkennt er als natürlich-geschichtliches Wesen, samt seiner geschichtlichen Welt hineingenommen in das Ganze der wirkenden Naturordnung. Damit offenbart sich ihm das geschichtliche Geschehen einmal als Wiederholung von Dauerndem im Wechsel der verschiedenen historischen Erscheinungen; er faßt es unter dem natürlichen Bildegesetz der Metamorphose, indem sich auch hier Urbildliches in der Erscheinungsfülle von Vergangenem, Zukünftigem und Gegenwärtigem immer wieder variiert, wie er es in der 16. Weissagung ausspricht:
Wer das Vergangene kennte, der wüßte das Künftige;
beide
Schließt an heute sich rein, als ein
Vollendetes, an.
Zum anderen treten, wie in der Natur, neben die zur Form strebenden Bildekräfte auch in der Geschichte die die gebildete Form zerstörenden. Geschichtliches Leben ereignet sich ihm wie das natürliche: lebendig pulsierend, im Bilden geschichtlicher Ordnungen zu Epochen und in ihrem Auflösen. Die Revolution ist der Augenblick der Epochenwende, wo die zur Form gebändigten Kräfte auseinanderstreben und die willkürlichen herrschen. Als solcher ist er der Augenblick des Bakissprüche.
Damit tritt Revolutionär-Geschichtliches als Willkürliches neben das Elementare der Natur. Die Elemente sind für Goethe innerhalb des Naturganzen die Kräfte, die ihren eigenen wilden wüsten Gang zu nehmen ... den Trieb haben. Sie sind gegenüber den gesetzlich bildenden Kräften das ungezügelte gesetzlose Wesen; Goethe nennt sie die Willkür selbst. 59
Ein Brief Goethes an Herder, aus dem französischen Feldzug, Luxemburg den 16. Oktober 1792 datiert und auf der Rückseite mit einer Zeichnung versehen 60, bestätigt dieses Verständnis von revolutionären als Elementarkräften: das Blatt, durch den Freiheitsbaum mit der Jakobinermütze in zwei Teile geteilt und darüber hinaus durch die untergehende Sonne mit der Bourbonenlilie auf der linken Seite, durch die aufgehende Mondsichel mit dem Adler des römisch-deutschen Reiches auf der rechten Seite durchaus politisch bezogen, zeigt links am Himmel Wolken, die sich vom Westen her über Frankreich und nach Deutschland hinein ergießen. Die Revolution erscheint als ein vom Westen her kommendes revolutionäres Unwetter.
Aber die emblematisch anmutende Skizze enthält noch ein Anderes, das, über die vorletzte Weissagung, zu einem genaueren Verständnis der Weissagungssprüche im ganzen führen wird.
An dem Freiheitsbaum hängt ein Schild, das offenbar Auskunft geben will nicht nur über den politischen Zustand dieses Landes, sondern zugleich über den Zustand der von solchen Wettern heimgesuchten Erde. Die Aufschrift lautet: Cette terre est libre. Zum Verständnis helfen Sätze aus dem Aufsatz `Bändigen und Entlassen der Elemente' weiter, die Goethes Vorstellungen von dem Zusammenhang von Erde und Elementen enthalten:
" Die erhöhte Anziehungskraft der Erde," heißt es dort, "von der wir durch das Steigen des Barometers in Kenntnis gesetzt sind, ist die Gewalt, die den Zustand der Atmosphäre regelt und den Elementen ein Ziel setzt ; sie widersteht der übermäßigen Wasserbildung, den gewaltsamsten Luftbewegungen ... Niederer Barometerstand hingegen entläßt die Elemente, und hier ist vor allen Dingen zu bemerken, daß die untere Region der Kontinental-Atmosphäre Neigung habe von Westen nach Orten zu strömen ; Feuchtigkeit, Regengüsse, Wellen, Wogen, alles zieht milder oder stürmischer ostwärts." 61
In diesem Nachlaßaufsatz, vermutlich in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre geschrieben., ist nun die Theorie über das Wirken der Elemente bei der Wetterbildung ausgesprochen, die schon der Skizze für Herder (1792) zugrunde liegt: die Schwerkraft der Erde ist es, die die willkürlichen Elemente regelt; lebendig in Anziehung und Abstoßung pulsierend, bändigt oder entläßt sie sie. - Die Regenstürme also, die da ostwärts ziehen und nach Deutschland hereinbrechen, hängen offenbar damit zusammen, daß die Erde hier in dem Zustand ist, in dem ihre Schwerkraft die Elemente entlassen hat und sie ihren eigenen wilden wüsten Gang nehmen 62. Die Inschrift am Freiheitsbaum: Cette terre est libre dürfte somit zugleich den Doppelsinn haben, daß die Erde, im Zustand der Revolution, ihre elementaren Kräfte freigesetzt hat.
Willkür der Elemente und Schwerkraft der Erde, hier als zusammenwirkende Kräfte in Relation gesehen, liegen nun ebenfalls der Doppelaussage der 31. Weissagung zugrunde, dort allerdings unabhängig voneinander gefaßt und wirksam in zwei verschiedenen Instrumenten, die in unterschiedlicher Weise der Orientierung des Menschen dienen: in der Magnetnadel, die von der Schwerkraft in der Tiefe der Erde gelenkt wird, und in der Wetterfahne, die sich vom Element der luftigen Atmosphäre, von der wechselnden Windrichtung bestimmen läßt. Die Weissagung lautet:
Ein beweglicher Körper erfreut mich, ewig gewendet
Erst nach Norden, und dann ernst nach
der Tiefe hinab.
Doch ein andrer gefällt mir nicht so; er gehorchet den
Winden
Und sein ganzes Talent löst sich
in Bücklingen auf.
Beide Instrumente, so entgegengesetzt auch die Kräfte sind, denen sie gehorchen, eins ist ihnen gemeinsam: das Ordnungssystem, das ihnen zugrunde liegt und mit Hilfe dessen der Mensch durch sie orientiert wird: die Windrose, die den Horizontkreis nach Himmelsrichtungen einteilt und in vier großen, wiederum in sich geteilten Quadranten vermißt. Auf ihr zeigt sowohl die Magnetnadel im Kompaß wie die Wetterfahne die Richtung an.
Diese Windrose steht als gemeinsames Richtungssystem offenbar nicht absichtslos hinter der Instrumentenbildlichkeit der vorletzten Strophe der Bakissprüche, d.h. vor der 32.; sie ist vielmehr der verborgene Schlüssel zum Lösen der Weissagungsrätsel. Denn 32 ist die Zahl der Windrichtungen, in die die Rose zerlegt ist; die 32 Weissagungen, als ihre Einteilung verstanden, deuten sich damit als weisende Orientierungen in dem Unwetter der politischen, und in der Verworrenheit der natürlichen Wirklichkeit der Welt. Damit hat sich die Windrose an die Stelle des Stechbüchleins gestellt. Aus den Zufälligkeiten und weissagenden Andeutungen, nach denen der in jedem Tag düster befangene... Mensch 63in den 365 Tageslosungen greifen sollte, ist ein Ordnungsschema geworden, in dem die beängstigende Oberfläche der Welt durch den Seher naturgesetzlich erkannt und dichterisch bewältigt ist.
Aus der Windrose und ihrer Kreisform erklärt sich nun der Zyklus als die die Weissagungen konstituierende Form: sie haben nicht nur einen Anfangs- und einen Schlußspruch, sondern das Ende korrespondiert auch dem Anfang; wie der erste Spruch vom Seher handelt, so der letzte vom Weltganzen - dies auf eine Einheitsformel gebracht, die nur dem Seher aufgeht.
Solche Kreiseisschemata hat sich Goethe auch zu anderen Zwecken erfunden 64. Wie er das Farbspektrum in einem Kreis anordnete, so verfertigte er auch in Zusammenarbeit mit Schiller, gerade in den Entstehungsjahren der Bakissprüche, 1798 und 99, sonst noch mancherlei symbolische Schemata. In den Tag- und Jahresheften 1798 spricht er davon und fährt im weiteren fort: So zeichneten wir eine Temperamentenrose, wie man eine Windrose hat 65. Diese Kreise dienten nicht nur dazu, die verschiedenen disparaten Erscheinungen in eine Ordnung zu bringen, sondern, wie es in denselben Annalen heißt, um dadurch das Mentale, sichtlich darzustellen66 66. Das will sagen.: in der Schematisierung soll zugleich mit und dank der Anordnung der Erscheinungen das Geistig-Gesetzliche (Mentale), das in ihnen wirkt, anschaulich heraustreten. - So wie Goethe also das Farbspektrum im Kreis ordnete, um die Gesetze der Polarität und Steigerung auch bei der Farbentstehung als wirksam nachzuweisen, so ist auch die Windrose ein solches Kreisschema, in dem die willkürlich-ungebändigte und verwirrend-täuschende Wirklichkeit der geschichtlich-natürlichen Welt durch die Naturmaximen von Polarität und Metamorphose, neben anderen, geordnet und gesetzlich gefaßt ist.
Die Analogie zur Windrose bewährt sich weiterhin in einer gewissen Struktur des Zyklus. Die 16. Strophe als die Mitte der 32 Sprüche nimmt einerseits das Sehermotiv des 1. Spruchs verwandelt auf:
1 Wer kann hören das Morgen und
Übermorgen? Nicht Einer!
Denn was gestern und eh’gestern gesprochen - wer hört's ?
16 Auch Vergangenes zeigt euch Bakis; denn selbst das
Vergangne
Ruht, verblendete Welt, oft als ein Rätsel vor dir...
und ist zugleich auf die Schlußstrophe, die 32. Weissagung, bezogen, indem sie eine Einheitsformel für die Zeit als Simultaneität aufstellt:
Wer das Vergangene kennte, der wüßte das Künftige;
beides
Schließt an heute sich rein, als ein
Vollendetes, an.
so wie es die Schlußstrophe für die Simultaneität des Vielen Erscheinenden in dem Einen Ideellen der Gott-Natur tut:
Ewig wird er euch sein der Eine, der sich in Viele
Teilt, und Einer jedoch, ewig der
Einzige bleibt.
Eine weitere Bezogenheit fällt auf zwischen dem 8. Spruch und dem 1. und 16., indem der 8. von dem Niemals-Seienden spricht:
Gestern war es noch nicht, und weder heute noch morgen
Wird es, und jeder verspricht
Nachbarn und Freunden es schon ;
- entgegen dem l. und 16., die das Gestern zum Morgen in Beziehung setzen. Als die falsche Prophetie stellt die 8. damit eine Umkehrung zu den wahren - 1 und 16 - dar, deren Wahrheit eben in der Bezogenheit des Vergangenen auf das Zukünftige besteht. - Weniger hervorgehoben scheint die Position der 24. Weissagung; aber auch sie steht zur 32. in Relation, indem sie, genauso wie die 32., von der Einheit des Widersprüchlichen in Gott redet:
24 Helden finden es schön, gewaltsam treffend zu
wirken;
Denn
es vermag nur ein Gott Kegel und Kugel zu sein.
32 Ewig wird er euch sein der Eine, der sich in
Viele
Teilt, und Einer jedoch, ewig der Einzige bleibt.
Aber sie redet gerade in der Weise der Unmöglichkeit davon, stellt also die Umkehrung des 32. Spruchs dar. In diesem Sinne der Umkehrung tritt auch der 24. wiederum zum 8. Spruch.-
So zeichnet sich ein Richtungskreuz ab, das den Kreis der Weissagungen in vier Quadranten gliedert, was den Haupthimmelsrichtungen der Windrose entspricht.
In der ersten Hälfte herrscht der Aspekt der Geschichte vor, die Sprüche 1-16 handeln von dem Seher (W. 1-4 und 15-16) und seinen Gesichten (W. 5: Zweie seh' ich - W. 11 : Einen seh' ich - W. 13 : Mauern seh' ich - W. 14: Sehen soll ich) angesichts eines revolutionären Geschehens und den dazu gehörigen Momenten wie: politische Machtkämpfe (W. 5); Wiederkehr von Legitimität der Herrschaft (W. 6); wahre und falsche Prophetie (W. 7); trügerische und wahre Zeitenwende (W. 8 und 9); Verborgenheit des Ideellen in der revolutionären Zeit (W. 10); revolutionäre Elementarzerstörung und Gesang (W. 11); bändigende Gewalt und Gerechtigkeit (W. 12); Gefangenschaft und Freiheit (W. 13).
In der zweiten Hälfte fällt der Blick vorwiegend auf Natur (W. 17: Tun die Himmel sich auf; W. 19: Hast du die Welle gesehen; W. 22: Zweimal färbt sich das Haar; W. 25: Sprich, wie werd' ich die Sperlinge los). In den Sprüchen 17-28 erfaßt er sie in ihren den Menschen beirrenden Erscheinungen: in der Flüchtigkeit des Lebendigen (W. 17), in der Unübersehbarkeit des Erscheinenden (W. 18), in der nie aufhörenden Bewegtheit (W. 19), in der Unbeständigkeit als zum Reiz gehörend (W. 20), in dem Mangel (W. 21), in der Vergänglichkeit (W. 22), in der Täuschung (W. 23), und erkennt in ihnen Maximen für ein naturgemäßes Verhalten des Menschen dazu (W. 24-28): Maximen über das Verhältnis von Erwartung und Erfüllung (W. 25), über das Widrige und die Selbsthilfe der Natur (W. 26), über die Verachtung der Lebenslust aus Lebensmangel (W. 27), über die Einheit von Kern und Schale (W. 28). - In den letzten vier Sprüchen (W.29-32) wird die Schlußformel über das Weltganze vorbereitet: den Sehersprüchen am Anfang (W. 1-4) entsprechen Aspekte der Welt am Ende (W. 29-32), die in der Widersprüchlichkeit der Antinomie das Wesen der Welt verkünden.
Diese beiden Hälften schließen sich zu dem Ganzen der geschichtlich-natürlichen Welt zusammen, deren Verworren-Erschreckendes dem seherischen Auge als Fall des Gesetzlichen aufgeht. Weissagen ist also: in dem Gesetzlosen das Naturgesetzliche aufschließen und es im bedeutenden Bild - wie Goethe es selber nennt - dichterisch gewältigen 67.
Es sei nun versucht, diese Thematik durch die Interpretation einiger ausgewählter Sprüche aus der ersten wie der zweiten Hälfte nachzuweisen.
Von politischer Machtentscheidung und Wiederkehr legitimer Herrschaft sprechen die ersten beiden Gesichte, die den vier Prophetensprüchen des Anfangs folgen. In der 5. Weissagung erscheint der politische Machtkampf in den Bildern des Kampfes zweier polarer Naturelemente und spricht in den Naturbildern zugleich seine Deutung aus.
Zweie seh' ich! den Großen! ich seh' den Größern! Die
beiden
Reiben, mit feindlicher Kraft, einer den
andern sich auf.
Hier ist Felsen und Land und dort sind Felsen und
Wellen!
Welcher der Größere sei, redet die Parze
nur aus.
Hier ist nicht vom Kampf zwischen dem Großen und dem Kleinen, sondern zwischen dem Großen und dem Größeren die Rede: von zwei gleich großen Gewalten also, die sich feindlich gegenüberstehen und einander und sich aufreiben: Fels und Land gegen Fels und Wellen. Das Meer versucht, in ständigem Anstürmen das Land auszuhöhlen, und reibt dabei den eigenen Felsen auf, wie auch das Land, im ständigen Bestreben, das Meer durch Versandung zurückzudrängen, dabei den eigenen Felsen abträgt. - Einen Aufschluß über das Wesen solcher Auseinandersetzung zwischen Elementen gibt wiederum der Aufsatz `Bändigen und Entlassen der Elemente', in dem es heißt 67a: Die Elemente sind die Willkür selbst zu nennen, die Erde möchte sich des Wassers immerfort bemächtigen, es zur Solideszenz zwingen, als Erde, Fels oder Eis in ihren Umfang nötigen. Ebenso unruhig möchte das Wasser die Erde, die es ungern verließ, wieder in seinen Abgrund reißen. Es handelt sich hier also um den nie endenden Kampf polarer Naturelemente, den in der Natur nur beenden kann der durch die jeweiligen Umstände bedingte Zufall. - Daß man sich aber hier in dem in der Weissagung gesehenen Kampf nicht nur im Bereich der Natur, sondern zugleich in dem des geschichtlichen Geschehens befindet, zeigt die Parze an, die es nur im geschichtlich-menschlichen Schicksalsbereich gibt. Ein Vergleich mit dem Monolog der Erichtho zu Beginn der Klassischen Walpurgisnacht, ihrer Erinnerung an den Kampf zwischen Pompejus und Caesar in der Pharsalischen Schlacht, zeigt denselben Aspekt: den politischen Machtkampf (sich messen), gesehen unter dem Naturgesetz 68
Hier aber ward ein großes Beispiel durchgekämpft :
Wie sich Gemalt Gewaltigerem entgegenstellt
...................
Das wird sich messen. Weiß die Welt doch, wem's gelang.
Die Vokabeln wiederholen sich fast wörtlich: Gewalt Gewaltigerem: den Großen, den Größern; die Kenntnis der Nachwelt: die Rede der Parze. - Und so erläutert, mit dem Blick auf Felsen und Land gegen Felsen und Wellen, das eine das andere. Wie immer die Gegnerschaften sich verteilen, die weltpolitischen Entscheidungen, seien es die der Wende von der römischen Republik zum Kaisertum, seien es die der Revolutionsgegenwart, vom französischen Königtum zur Republik, werden begriffen unter dem Aspekt des Willkürlich-Elementaren. Für das Sinnlose der politischen Machtkämpfe und ihrer zufälligen Ausgänge liefert die elementare Natur das Gesetz 69.
Antithetisch steht zur 5. die 6. Weissagung, die von der Wiederkehr legitimer Herrschaft spricht, genauer gesagt: von den Bedingungen ihres möglichen Eintretens.
Kommt ein wandernder Fürst, auf kalter Schwelle zu
schlafen,
Schlinge Ceres den Kranz, stille
verflechtend, um ihn;
Dann verstummen die Hunde; es wird ein Geier ihn
wecken,
Und ein tätiger Volk freut sich des
neuen Geschicks.
Der wandernde Fürst, das meint nicht nur, was ein Vergleich mit der `Ballade vom vertriebenen Grafen' oder mit dem Dialog-Gedicht 'Wanderer und Pächterin' nahe legt 69a, legitime Herrschaft in der Verbannung, die Situation der Fürsten in der Revolution 70. Der Fürst als Bettler, das ist die Bedingung, aus der sich legitime Herrschaft wiederherstellen kann. Indem es der Abend ist, an dem er als Bettler zum Schlafen auf eigener Schwelle heimkehrt, und seine Wiedereinsetzung als Herrscher ein Wecken am Morgen heißt, ereignet sich die Wiederherstellung der Herrschaft im Zuge der Erneuerung des Tages vom Abend zum Morgen und deutet sich damit selbst als Prozeß der Erneuerung. Es geht also in dieser Wiederkehr um eine Wiedergeburt von Herrschaft aus der Reduktion auf den bloßen Kern der Herrschernatur. - Einen solchen Fürsten in Bettlergestalt wird dann die Natur selbst durch dreierlei Gunst als den rechtmäßigen legitimieren, und das Volk, indem es durch Tätigkeit darauf antwortet und sich seines neuen Geschicks freut, wird diese Legitimation bestätigen: Ceres - und man muß vielleicht ergänzen: die nach dem Kampf wieder versöhnte Ceres 71 - wird ihn mit dem Ährenkranz umflechten: die durch Kampf zerstörten Felder werden neue Ernten tragen. Es werden die Hunde durch ihr Schweigen den rechtmäßigen Herrn anerkennen: eine Anerkennung durch die stumme Kreatur, die zugleich eine Bestätigung durch das mythische Urbild ist; denn die Hunde tun hier, wie schon der Hund Argos tat, als er in dem Bettler Odysseus seinen heimkehrenden Herrn wiedererkannte 72. Und schließlich wird zu dem neuen Herrschaftsmorgen der Geier ihn wecken 73 - auch dies zunächst ein glückliches Vorzeichen der Natur; aber zugleich eine Legitimation durch die Geschichte; denn es ist hier dasselbe Geier-Omen, das einst - nach Livius - dem Romulus die Herrschaft über die Römische Republik verhieß, und dasselbe, was - nach Sueton - dem Augustus die Herrschaft über das Römische Kaiserreich ankündigte 74 . - Die Strophe meint also nicht Restauration alter Herrschaft, sondern Erneuerung von Herrschaft auf anderer Stufe nach der Ordnung der Natur. Schlaf und Erweckung, Nacht und Morgen eines neuen Geschicks bezeichnen eine geschichtliche Metamorphose. Das Naturgesetzliche des prophezeiten Verwandlungsvorgangs ist aber ebenfalls gewährleistet durch die auf Mythos und Geschichte verweisenden Bilder; sie verbinden das Geschehen der Gegenwart mit den Präzedentien der Vergangenheit zu dem, was immer gilt. Zu. den Naturbildern stellen sich die Bilder der Überlieferung als Metaphern, in denen sich das Gesetzliche der Geschichte ausspricht 75.
Von dem Wesen der politischen Prophetie kündet die 7. Weissagung. Indem es nämlich in dieser siebenten um sieben Weise und ihr Sagen geht, sagt sie etwas über das Weissagen selber aus.
Sieben gehen verhüllt, und sieben mit offnem Gesichte.
Jene fürchtet das Volk, fürchten die
Großen der Welt.
Aber die andern sind’s, die Verräter ! von keinem
erforschet;
Denn ihr eigen Gesicht birget als Maske den
Schalk.
Die Sieben ist hier verstanden als Primzahl, als unteilbare Einheit. Wenn aber hier zugleich sieben und sieben auftreten, so meint das, daß diese Einheit zugleich immer ein Polares enthält, daß mit den wahren also zugleich immer auch die falschen Propheten aufstehen 76. Sie kommen hier als Verhüllte und Offengesichtige: in den Kategorien der Mantik von geheim und offenbar also benannt. Wie es die Weissagung selbst erklärt, sind die Offenen die Täuschenden, hinter deren offenem Gesicht sich der Schalk verbirgt; die Offenen: das meint die den Tag beherrschenden, die revolutionären Tagesparolen, von denen die nächste Weissagung redet. Der politische Sinn wird deutlich aus einer Notiz, die auf das Jahr 1795 datiert werden kann 77: Gesetzgeber oder Revolutionairs, die Gleichheit und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Charlatane. Gegenüber diesen Falschen sind die Verhüllten die Wahren, die die Wahrheit aussprechen, aber verhüllt im dichterischen Bild. Sie sind gefürchtet, weil die Wahrheit gefürchtet wird. Gefürchtet ist diejenige Wahrheit, die von Fürsten und Volk gleichermaßen eine Selbsterkenntnis, eine Verwandlung fordert, wie es das Venetianische Epigramm mit direkter Beziehung auf die politische Situation ausspricht 78:
Frankreich, traurig Geschick, die Großen mögen's
bedenken!
Aber bedenken fürwahr sollen es Kleine
noch mehr.
Antithetisch zur 8. Weissagung und ihrer falschen Zukunftsprophetie steht die 9., die von einer echten Epochenwende redet als dem glücklichen Ereignis der Urzeit - Urzeit hier verstanden als das Zeitlose der Bilder, in denen das Gesetzliche des geschichtlichen Geschehens aufgehoben ist. Märchenpersonal: Mäuse, Tauben, der holzfüßige Wanderer, wie Märchenstruktur des Ereignisses: Koinzidenz dreier Ankündigungen, sind vermutlich aus der Analogie zum Märchen von der schönen Lilie 78azu erklären und sprechen in einer unwirklichen Bildlichkeit von den Bedingungen eines wahren geschichtlichen Glücks.
Mäuse laufen zusammen auf offnem Markte; der Wandrer
Kommt, auf hölzernem Fuß, vierfach und
klappernd heran.
Fliegen die Tauben der Saat in gleichem Momente
vorüber:
Dann ist, Tola, das Glück unter der Erde
dir hold.
Die Weissagung gilt als die verhüllteste unter den Sprüchen und wird von des Forschung, wenn überhaupt, durchgängig als ein Adynaton gedeutet; als Bedingung zu einem Ereignis also 79, das niemals eintritt. Die Wenn-dann-Form scheint dazu aufzufordern; aber gerade diese begegnet noch einmal in der 4. Weissagung, wo sie nicht zu einer Unmöglichkeit, sondern zu dem Außergewöhnlichen einer gesteigerten Erkenntnis führt. - Im übrigen ist das Wenn-dann tradierte antike Orakelform und weist gerade - etwa bei Herodot im Kyrosorakel für Kroisos 80 - als scheinbares Adynaton auf ein Rätsel hin, das, wenn es richtig verstanden wird, ein wirklich Eintretendes meint. Das Wie des Geschehens, die Koinzidenz der außergewöhnlichen Ereignisse ist also gerade die Struktur für das Außergewöhnliche eines Eintretens der glücklichen Veränderung in der Zeit.
Welches sind nun hier die außerordentlichen Bedingungen zum Eintreten des Glücks in der Geschichte?
Sein Heraufkommen aus dem Unteren der Erde ist gebunden an das Zusammentreffen von dreierlei an einem Ort auf der Erde: auf dem offenen Markt, auf dem zusammenkommen: Mäuse, die sonst im Verborgenen der Häuser hausen; auf dem eintrifft der Fußwanderer, dessen außergewöhnliches Kommen zu Wagen hier in der verhüllenden Kenning ausgesprochen wird. Hölzerner Fuß, der vierfach und klappernd herankommt, meint gerade nicht die klappernden Krücken des Wanderers, sondern ist als Bezeichnung aus dem Gegensatz zu dem, was es anscheinend bezeichnet, zu verstehen. Als verhüllende Stilfigur gehört die Kenning zur antiken Orakelsprache und hat in der hölzernen Mauer, als verhüllendem Ausdruck für die Schiffe bei Herodot etwa 81, ihre genaue Entsprechung. - Gebunden ist es schließlich, als drittes, an das Vorüberfliegen der Saattauben im gleichen Momente. Die Gleichzeitigkeit (in gleichem Momente) verlöre ihren Sinn, wenn sie sich nicht auf eine Identität des Orts bezöge, das heißt: die Tauben fliegen nicht irgendwo im Feld an der Saat vorüber, sondern überfliegen als Saattauben den Marktplatz eben im gleichen Moment des Zusammentreffens der anderen.
Das Außergewöhnliche des Tuns aller drei aber besteht nicht in etwas Außernatürlichem: die Mäuse fressen nicht Katzen oder gebären Elefanten, sondern tun etwas, was sie gewöhnlich nicht tun. Das Außergewöhnliche versteht sich aus dem Gegensatz zum Bisherigen, Gewöhnlichen.
Wenn dieses Außergewöhnliche sich also auf dem offenen Markt gleichzeitig ereignet, dann ist das verborgene Glück Tola hold. Wer ist Tola ?
Unter den verschiedenen Möglichkeiten, die in der Forschung etwa bei von Loeper 82 oder Baumgart 83 erwogen werden - wozu noch eine Reihe weiterer Bedeutungen des Namens kommen, die sich bei Zedler und Hoepli finden 84 scheint nur eine brauchbar zu sein, worauf schon Düntzer hinwies 85: Tola als Name des alttestamentlichen Richters im Buch der Richter 10,1 und 2. - Diese Identifizierung mit dem Patriarchen des Alten Testaments steht nicht isoliert in Goethes damaliger Vorstellungswelt. Als Richter hat Tola seine Entsprechung im Anführer des Vertriebenenzuges in `Hermann und Dorothea', der merkwürdigerweise auch Richter heißt, dort mit Josua oder mit Moses verglichen wird, und der sich selbst mit jenen vergleicht, Denen in ernster Stund' erschien im feurigen Busche Gott der Herr... 86. Als Richter - der dritte, der auf Josua folgt- wird er weiterhin, wenn auch nicht namentlich, in dem Aufsatz `Israel in der Wüste' erwähnt; ein Aufsatz, den Goethe schon 1797 niederschrieb 87, aber erst innerhalb der Noten und Abhandlungen zum Divan veröffentlichte. Dort spricht er von dem Buch Josua und der Richter, von dem reineren patriarchalischen Wesen in dieser Zeit, dem freundlichen Wiedererscheinen des Gottes Abrahams vor den Seinen, nachdem uns der Gott Mosis eine Zeit lang mit Grauen und Abscheu erfüllt hat 88. - Es wird deutlich, nach dem langen und kriegerischen Zug Israels durch die Wüste unter Moses' Führung bricht nun mit der Ankunft der Juden in Kanaan und ihrem Seßhaftwerden unter Josua und den Richtern eine neue Zeit an: Tola ist der erste - nach Gideon, und Abimelechs unseligen Streitigkeiten um die Herrschaft im Innern -, bei dem äußerer und innerer Friede eintritt; so daß es von ihm nur heißt: und er richtete Israel dreiundzwanzig Jahre und starb und ward begraben 89.
Damit muß Tola wohl als Chiffre für einen Friedenspatriarchen verstanden werden, und der Markt, der so ausdrücklich offen genannt wird und auf dem sich das Außergewöhnliche begibt, muß entschlüsselt werden als Metapher für einen öffentlichen Platz, für ein Gemeinwesen also, um dessen - und Tolas - noch verborgenes Glück es in dieser Weissagung offenbar geht. Sein Zutagetreten ist einmal daran geknüpft, daß der Wanderer nun nicht mehr zu Fuß am Markt eintrifft, sondern daß es Wagen gibt, die sein Kommen beschleunigen, Wege, die seinen Verkehr zum Markt erleichtern, ja daß der Markt nicht durch Schranken verschlossen, sondern für das Hin und Her der Verbindung offen ist. - Analog dazu scheint auch das Verhalten der Mäuse eine Wendung zum Gedeihlichen zu meinen 90; auch dieses ist ja auf den Markt bezogen; sie verlassen plötzlich ihre verborgenen Löcher, laufen aus den verschlossenen Häusern und kommen auf dem offenen Platz zusammen: eine neue Lebensweise scheint sich einzustellen, ein Trieb ins Öffentliche und Gemeinsame sich zu melden. - Und so erscheint schließlich auch das Überfliegen der Tauben als ein gutes Zeichen des Himmels für den Markt. Als Tauben - im Zusammenhang mit Tola aus der Bildlichkeit des Alten Testaments zu verstehen - sind sie Boten des Friedens; hier nun ausdrücklich mit der Saat zusammengebracht, sollen sie vielleicht auch Fruchtbarkeit verheißen.
Das Eintreten des Glücks für Tola - in dem Unteren - an solche außergewöhnlichen Veränderungen auf dem Markt - im Oberen - knüpfen, heißt aber, auch das Glück selbst deuten. Es ist durch ein Bezogensein - eben ein Hold-sein - des Unteren zum Oberen bezeichnet: eine Denkform, die dem ganzen späteren Goethischen Werk eigen ist, und meint auch hier: die Gunst der in der Erde ruhenden göttlich-lebendigen Kräfte, die zu wirken beginnen, wenn die Verhältnisse auf der Erde: das Aufkommen von Gemeinsinn und Verkehr, das Sich-Einstellen von Frieden und Fruchtbarkeit, sie zulassen 91.Von der Analogie, ja Identität der ungebändigten Elemente mit den revolutionären Mächten spricht die 11. Weissagung, und zwar in derselben Bildlichkeit der ungebändigten Wasserfluten, in der Goethe auch in einem Brief an Schiller über die Revolution redet 92. - Die Elemente sind hier als alles-zerstörende Kräfte verstanden, denen die Kunst und ihre Wirkung gegenübergestellt wird.
Ja, vom Jupiter rollt ihr, mächtig strömende Fluten,
Über Ufer und Damm, Felder und Gärten
mit fort.
Einen seh' ich! Er sitzt und harfeniert der
Verwüstung;
Aber der reißende Strom nimmt auch die
Lieder hinweg.
Jupiter Pluvius, von dem die Überschwemmung kommt, ist hier wie Zeus in der Klassischen Walpurgisnacht, der Inbegriff der Natur, zu der, als einem Ganzen, auch die zerstörenden Elementarvorgänge gehören. In dem Gegenbild des Sängers, der der Zerstörung harfeniert, hat man Goethische Kritik an den Dichtern, die der Revolution ihre Stimme liehen, wie z. B. Klopstock, erkennen wollen 93. Aber es ist doch durchaus die Situation der Dichtung selber - wir sagen besser: einer gewissen Dichtung und ihrer Ohnmacht inmitten des revolutionären Chaos, die hier beschrieben wird. Das Harfenieren gibt den Schlüssel zum Verständnis. Indem es an den Harfner der Lehrjahre erinnert, an jene Lieder, die Klage seines Lebensleids sind, handelt es sich hier um eine Dichtung, die sich ganz aus dem Gefühl nährt. Sie steht im Gegensatz zu den Gesichten des Sehers und seiner Kraft des Erkennens; der erkennenden Kraft, die den revolutionären Vorgang unter dem Naturphänomen der ungebändigten Elementargewalten versteht und im Bild bändigt. Dabei wird dann selbst noch das Vergebliche dieser Dichtung unter dem Naturgesetz gefaßt.
Auf die Prophetien zur Geschichte folgen nun solche zur Natur. Hatte der Seher in der ersten Hälfte das Revolutionäre der Geschichte gebändigt, indem er es naturgesetzlich faßte, so richtet sich in der zweiten Hälfte der seherische Blick auf die Natur, um in ihrer beängstigenden Veränderlichkeit und verwirrenden Widersprüchlichkeit das Dauernde-Eine zu erkennen.
Die 17. Weissagung redet von der lebendigen als einer in ständigem Wechsel begriffenen Natur.
Tun die Himmel sich auf und regnen, so träufelt das Wasser
Über Felsen und Gras, Mauern und Bäume
zugleich.
Kehret die Sonne zurück, so verdampfet vom Steine die
Wohltat;
Nur das Lebendige hält Gabe der
Göttlichen fest.
Aber sie schärft ein, daß das Göttlich-Lebendige, das der Himmel im Regen gibt, gerade nicht vom Starren (Felsen und Mauern) aufgenommen wird und im Verharrenden (Stein) sich erhält, sondern nur im Bewegten, sich Verändernden. Gras und Bäume sind Bilder einer im Wechsel sich erneuernden Natur. Das Göttliche ist auf das Lebendige als das Wechselnde angewiesen; im Regen empfängt die lebendige Natur die Kraft der Erneuerung und hält sie als Gabe der Göttlichen fest, indem sie, sich immer wieder herstellend, dauert 94.
Vor die Aporie der Unübersehbarkeit der Naturerscheinungen stellt der Dialog der 18. Weissagung.
Sag', was zählst du? - "Ich zähle, damit ich die Zehne
begreife,
Dann ein anderes Zehn, Hundert und Tausend
hernach." -
Näher kommst du dazu, sobald du mir folgest. - "Und wie
denn?"
Sage zur Zehne : sei zehn ! Dann sind die
Tausende dein.
Die Unendlichkeit der natürlichen Erscheinungswelt ist additiv nicht zu bewältigen, sondern nur durch die Erkenntnis einer geistigen Einheit, die als das Gemeinsame aller natürlichen Bildung innewohnt. In der Bildlichkeit der Zehn als geistigen Prinzips der Zahlenreihe wird auf die geistige Form als das Bildeprinzip der Natur gedeutet. Die Erfassung der einzelnen Erscheinung als sich immer variierende Form erfaßt zugleich dann alle Erscheinungen 95.
Von der lebendigen Natur als nie endender Bewegung spricht die 19. Weissagung:
Hast du die Welle gesehen, die über das Ufer einher schlug
?
Siehe die zweite, sie kommt ! rollet
sich sprühend schon aus !
Gleich erhebt sich die dritte! Fürwahr, du erwartest
vergebens,
Daß die letzte sich heut ruhig zu Füßen
dir legt.
Der Gegensatz von Ruhe und Bewegung, Sein und Werden wird im Blick auf die Natur mit der unbedingten Geltung der letzteren entschieden: der unaufhörlichen Bewegung (Gleich erhebt sich die dritte!). Dabei erweist sich vor allem das menschliche Bedürfnis nach einem Bleibenden als irrig, sofern die Erwartung eines Dauernden an ein Einzelnes Erscheinendes geknüpft ist (... Daß die letzte sich heut ruhig zu Füßen dir legt.) 96
Unbestand ist das Stichwort der 20. Weissagung: die Unbeständigkeit der Anziehung.
Einem möcht' ich gefallen! so denkt das Mädchen; den
Zweiten
Find' ich edel und gut, aber er reizet
mich nicht.
Wäre der Dritte gewiß, so wäre mir dieser der liebste.
Ach, daß der Unbestand immer das
Lieblichste bleibt !
Aber es wäre falsch, in dem Schlußvers eine kritische Maxime über eine menschliche Schwäche zu hören. Das Mädchen, das anziehen möchte den Einen (Einem möcht' ich gefallen), selber aber, eben noch im Gedanken an einen Zweiten, sich schon von einem Dritten angezogen fühlt, den sie als ungewiß auch schon wieder fahren läßt, scheint verschiedene Qualitäten möglicher wechselnder Liebhaber abzuwägen: in Wahrheit ist es der Wechsel selber, der das Lieblichste bleibt. Im Oxymoron vom Bleiben des Unbestands wird die Einsicht in ein Naturgesetz ausgesprochen: das der Anziehung und ihrer wesenhaften Beziehung zum Wechsel und zum Reiz des Neuen als einem Prinzip der in nichts verharrenden, immer fortdrängenden Natur 97.
Das Beirrende in der 21. Weissagung ist das Mangelhafte, Unvollkommene als Eigenschaft des Lebendigen. Es wird gerade dort erfahren, wo der Reiz des Sinnlichen alles gilt, in der Spannung der Geschlechter. Ein Liebender ist befremdet von dem Mangel an sinnlichem Leben seines Gegenparts:
Blaß erscheinest du mir, und tot dem Auge. Wie rufst
du,
Aus der innern Kraft, heiliges Leben
empor ?
"Wär' ich dem Auge vollendet, so könntest du ruhig
genießen;
Nur der Mangel erhebt über dich selbst
dich hinweg."
Zu dem sinnlich Befremdenden kommt das andere, das ihm ein Rätsel ist: wie das Mädchen dennoch in ihm die innere Kraft zu einem mächtigen Leben empor ruft. Heilig heißt dies Leben nicht als ein jenseitiges, sondern als die reine Bewegtheit jener inneren Kraft selber. Es ist von einer Steigerung die Rede: Steigerung als dem Prinzip der Lebenskraft. Ihr entgegengesetzt ist die Ruhe des Genießens, die hier dem Vollendeten Sinnlichen zugeordnet wird. Und eben daraus ergibt sich die Belehrung: daß gerade das Unvollendete - der Mangel - die Kraft besitzt, das Leben über sich hinaus zu erheben. - Auch in dieser Weissagung besteht also die Lösung, die Antwort auf die Erfahrung des Negativen, in einer paradoxen Umkehrung: in der Bindung der Gegensätze aneinander, der Bedingtheit des Lebens durch das Tote, der Steigerung durch den Mangel 98. Vom Altern und der Veränderung als Lebensprozeß handelt schließlich die 22. Weissagung:
Zweimal färbt sich das Haar; zuerst aus dem Blonden
in’s Braune,
Bis das Braune sodann silbergediegen
sich zeigt.
Halb errate das Rätsel! so ist die andere Hälfte
Völlig dir zu Gebot, daß du die erste
bezwingst.
Des doppelte Wechsel der Haarfarbe, Zeichen des Wachsens und Alterns werden als doppelter Erscheinungswechsel (silber-) verstanden in dem sich jedoch ein Dauerndes durchhält (gediegen): dasselbe menschliche Ich nämlich, das lebt indem es sich verwandelt. Das ist das halb erratene Rätsel, das nun gleichfalls die andere Hälfte auflösen, auch den Tod als Metamorphose verstehen hilft - eine Einsicht, die wiederum auf das Leben zurückwirkt und seine Vergänglichkeit bezwingt 99.
Wechsel und Bewegung nämlich ist nur der eine Aspekt des Lebens in der Natur. Der andere ist der der Formen, die sich als das Dauernde, das Sein in der ewigen Bewegung und Veränderung durchhalten. Es ist das Naturgesetz der Metamorphose, durch das die Natur das Werden als Gestaltung und Umgestaltung in die Form als das Sein selber hineinnimmt.
Die letzten Weissagungen endlich sind Aussagen über das Wesen der Welt unter je verschiedenen Aspekten: sie sprechen von der politischen Welt, der erscheinenden Welt und der gesetzlich-kosmischen Welt. Die Antinomie ist wiederum die Form der Aussage.
Die 29. Weissagung handelt von der Ambivalenz der Werte in der politischen Welt:
Eines kenn' ich verehrt, ja angebetet zu Fuße;
Auf die Scheitel gestellt, wird er von
jedem verflucht.
Eines kenn' ich, und fest bedrückt es zufrieden die Lippe:
Doch in dem zweiten Moment ist es der
Abscheu der Welt.
Dasselbe, was eben noch verehrt war, ist im nächsten Moment verflucht. Sie redet von einer Vertauschung von Oben und Unten (zu Fuße - auf die Scheitel gestellt), und sie redet davon, daß, wenn sich Oben und Unten verkehren, sich auch das öffentliche Urteil darüber verkehrt: das Verehrte wird zum Verfluchten. Die merkwürdige Wendung: auf die Scheitel gestellt kehrt wieder in dem Zahmen Xenion . 99a
Wie man die Könige
verletzt,
Basalt, der schwarze Teufelsmohr
Wird der Granit auch
abgesetzt,
Aus tiefster Hölle bricht hervor,
Und Gneis der Sohn ist nun
Papa!
Zerspaltet Fels, Gestein und Erden,
Auch dessen Untergang ist
nah:
Omega muß zum Alpha
werden.
Denn Plutos Gabel drohet
schon
Und so wäre denn die liebe Welt
Dem Urgrund
Revolution;
Geognostisch auf den Kopf gestellt.
Das Xenion liefert die bedeutenden Stichworte vom Sturz der Könige und der Revolution, auch dort wieder in der metaphorischen Anwendbarkeit auf Vorgänge in der Natur. Und so erweist sich umgekehrt, welche Vorgänge, mit dem Ausdruck auf den Kopf gestellt, auf die Scheitel gestellt gemeint sind: Entthronung, Umsturz, revolutionäre Umkehrung. - Auf die zeitlich-geschichtliche Dimension weist ebenfalls die Bestimmung in der zweiten Hälfte: in dem zweiten Moment. Auch hier dürfte es sich um die Umkehrung des Verhaltens der Welt infolge der politischen Umkehrung handeln: Zufriedenheit und Verehrung (bedrückt er zufrieden die Lippe) gegen die Oberen, die Fürsten, den König (Eines kenn' ich... ) kehrt sich im zweiten Moment in Unzufriedenheit und Abscheu. Und doch bleibt es Eines, das in sein Gegenteil verkehrt ist: Hinter der Metapher auf die Scheitel gestellt und ihren geologischen Konnotationen steht der Gegenbegriff zum `Verkehrten', der einer `richtigen', der Natur gemäßen Ordnung.
Die folgende Weissagung, die 30., häufig als Antwort auf die 29. verstanden, dürfte mit ihrem Dieses ist es doch ganz in der Form der seherischen Schau, wie: Zweie seh' ich, sich halten. Sie ist nicht Lösung, sondern wiederum Rätsel.
Dieses ist es, das Höchste, zu gleicher Zeit das
Gemeinste;
Nun das Schönste, sogleich auch das
Abscheulichste nun.
Nur im Schlürfen genieße du das, und koste nicht
tiefer:
Unter dem reizenden Schaum sinket die
Neige zu Grund.
Die Gegensätze sind noch enger an einander gebunden: das Höchste ist das Gemeinste, das Schönste ist das Abscheulichste. Statt der Folge zweier Momente, wie in der vorigen Weissagung, die paradoxe Simultaneität (zu gleicher Zeit). Gemein bezeichnet für Goethe häufig den Bereich der Erfahrung, der alltäglichen realen Wirklichkeit. Dem gegenüber ist das Höchste das Ideelle der Gott-Natur. Was hier also als das Höchste und das Gemeinste gesondert genannt wird, ist in der schönen erscheinenden Welt vereint. In der Schönheit ihrer Erscheinung zeigt sie sich in ihrer ideellen Gesetzlichkeit nicht ohne die bedingende und ins Vergängliche bindende Stofflichkeit: das Abscheuliche. Dies Abscheuliche der Vergänglichkeit wird noch einmal in der zu Grund sinkenden Neige aufgenommen. - Der Spruch geht hier in eine Lebensmaxime über, die den Menschen auf die Oberfläche der erscheinenden Welt anweist: den reizenden Schaum - wobei das Reizende das Schönste wieder aufnimmt. - Diese Oberfläche der Erscheinungen endlich ist das Gemeinte dieser Weissagung, und zwar der Erscheinungen in ihrer antinomischen und simultanen Widersprüchlichkeit als Erscheinungen der Idee. Nur im Schlürfen, das heißt da, wo das Vergängliche und das Ewige zusammentreffen, sollen wir sie erfahren. Im Schaum der Dinge, in ihrem Erscheinungscharakter allein, und nicht in der `Tiefe' ihres vergänglichen Wesens, haben wir das Ideelle, Dauernde.
Diese Interpretationen wurden unternommen, um das Besondere der Goethischen Bildersprache darzutun, das Verbindende und das Unterscheidende zu den traditionellen Bildern der Emblematik. In den Maximen und Reflexionen aus `Makariens Archiv' findet sich der Satz über die Weissagekunst 100.Sie erkennt aus dem Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus dem Toten das Lebendige und den Sinn des Sinnlosen. Daß das Sinnlose einen Sinn hat, ist die allgemeine Denkform, die Goethes Naturanschauung mit der emblematisch-allegorisierenden verknüpft - wenn man einmal als das Sinnlose die physische Erscheinungswelt in der verwirrend-chaotischen Vielfalt des Einzelnen nehmen darf. Goethe verbleibt in der Denkweise, daß die Natur eine zu uns redende ist. Das trennt ihn von der modernen Naturwissenschaft und rückt ihn in die Nähe des Emblematikers, für den ja auch - wie schon eingangs gesagt die ganze Schöpfung eine Zeichensprache Gottes war, durch die er zu uns redet, daß wir aus dem Irdischen das Überirdische erkennen oder, säkularisiert gesprochen, aus dem Physischen das Moralische. Das Geistige sprach sich aus im Sinnlichen, eins bedeutete das andere, was ja das Wesen der Allegorese ist.
Als Sprache der Natur versteht auch Goethe die Naturerscheinungen, durch die sie sich unseren Sinnen und dem Verstand entdeckt. Dieser hinweisende Charakter der res significans erhält sich in einem Lieblingswort seiner Naturanschauung: bedeutend 101. Aber man wird dieses bedeutend nicht mehr allegorisch nennen können. Es steht im prägnanten Sinne für urphänomenale Fälle, sie sind jetzt die Sprache der Natur.
So spricht die Natur ... mit sich selbst und zu uns durch tausend Erscheinungen, heißt es im Vorwort der Farbenlehre. Dem Aufmerksamen ist sie nirgends tot noch stumm, ja dem starren Erdkörper hat sie einen Vertrauten zugegeben, ein Metall, an dessen kleinsten Teilen wir dasjenige, was in der ganzen Masse vorgeht, gewahrwerden sollten 102.
Vom Magneten ist die Rede, Goethe nennt ihn der beschriebenen offenbarenden Bedeutung wegen ein Urphänomen. So ist also gegenüber dem emblematischen Verständnis an die Stelle jener verweisenden Zeichen, die Gott in seine Schöpfung gelegt hat, das Urphänomen getreten, an die Stelle Gottes die Natur selber; ja, statt daß die Dinge - wie in der Emblematik - auf ein Anderes, außer ihnen Liegendes verweisen, bedeuten die Phänomene für Goethe nichts Anderes, sondern sich selber, sie sind die zur Erscheinung kommende Gesetzlichkeit. Man suche nur nichts hinter den Phänomenen : sie selbst sind die Lehre 103.
Nun braucht die im Urphänomen zutagetretende Gesetzlichkeit nicht nur einem engeren Bereich anzugehören wie z. B. die durchwachsene Nelke der Botanik, der menschliche Zwischenkieferknochen der Zoologie, sondern sie kann auch von weiterwirkender Gültigkeit sein. Von dem Magneten als einem Urphänomen sagt Goethe in einer Maxime, daß man es nur aussprechen darf um es erklärt zu haben; und er fährt fort: dadurch wird es dann auch ein Symbol für alles übrige, wofür wir keine Worte noch Namen zu suchen brauchen 104. Für alles übrige, das heißt: das Gesetz des Magnetismus und der Polarität ist ein solches der ganzen Natur. Die großen Bildegesetze und Maximen, nach denen die Natur verfährt, sind keine nach ihren Teilwissenschaften wie Botanik, Geologie oder Optik verschiedenen. Für Goethe ist die Welt, einschließlich der ganzen äußeren und inneren Welt des geschichtlichen Menschen - für Goethe ist die Welt, und wohl zum letzten Mal, noch ein Kosmos, dessen Bereiche, Physisches und Sittliches, Unbelebtes und Lebendiges, Animalisches und Geschichtliches, in einem universalen Zusammenhang stehen. Die Form dieses Zusammenhangs ist die Analogie. Und wir brauchen für die analogen Erscheinungen in anderen Bereichen, wie er sagt, keine Worte noch Namen erst zu suchen 105: Magnetismus, Polarität, Synkrisis und Diakrisis sind Phänomene und Bezeichnungen, die uns auch entsprechende Erscheinungen der Optik oder der Biologie erschließen. Darum fährt er, im Vorwort zur Farbenlehre, an jener Stelle, wo er vom Magneten als Beispiel der sprechenden Natur geredet hat, folgendermaßen fort 106: Und so entsteht eine Sprache, eine Symbolik, die man auf ähnliche Fälle als Gleichnis, als nahverwandten Ausdruck, als unmittelbar passendes Wort anwenden und benutzen mag. Ja, er bezeichnet es geradezu als die Hauptabsicht seines Werkes, diese universellen Bezeichnungen, diese Natursprache auf die Farbenlehre anzuwenden und umgekehrt wiederum diese Sprache durch die Farbenlehre und ihre speziellen Erscheinungen zu bereichern.
Hier ist die Stelle, um zu der Thematik der Ausführungen zurückzukehren: der Einheit von Naturwissenschaft und poetischer Aussage bei Goethe. Denn auf die Gewinnung einer Sprache zielen die letztzitierten Sätze ab: erklärtermaßen einer wissenschaftlichen Sprache - sie stehen im Vorwort zum didaktischen Teil der Farbenlehre. Indem er für sie aber den Charakter einer Symbolik, ja des Gleichnisses vindiziert, gibt er ihr eine Qualität, die ihr mit der poetischen Aussage gemeinsam ist. - Wissenschaft und Kunst werden von Goethe als eng ver-wandt angesehen, ihre gegenwärtige Trennung als vorübergehend, beide stammen aus derselben Wurzel und können sich auf höherer Stufe gar wohl wieder begegnen 107.Der Künstler, der nachbilden, wieder hervorbringen will, muß die Sache verstehen; tief einsehen 108, der Natur abmerken, wie sie gesetzlich zu Werke gehe, um lebendiges Gebild', a1s Muster alles künstlichen, hervorzubringen 109; wie umgekehrt der Naturforscher, will er in der Unendlichkeit des Empirischen das Gesetzliche erkennen, auf das gestalthafte Sehen angewiesen ist, das sich im Gewahrwerden des Urphänomenalen äußert. Im Sinnlichen einen Teil des Gesetzlichen zu erkennen, das ist das morphologische Verfahren, das die Wissenschaft und die Kunst miteinander verbindet.
Aber ein zweites kommt hinzu. Wenn Goethe von aller unserer Erkenntnis sagt, daß sie symbolisch ist 110, so meint er damit wiederum die Symbolik des Magneten etwa für andere Phänomene der Anziehung und Abstoßung, oder der Farben in ihrer Polarität von gelb und blau oder rot und grün für Polaritäten überhaupt, symbolisch jetzt aber als Wesen und Qualität der Erkenntnis verstanden. Wir erkennen - nach Goethe - indem wir eine Gesetzlichkeit aus dem einen ins andere übertragen. Unsere Erkenntnis ist wesentlich metaphorisch. Das ist für Goethe keine Einschränkung, keine subjektive Bedingtheit des menschlichen Geistes, sondern gründet in der durchgehenden gesetzlichen Analogie der Seinsbereiche. Daher ist die Metaphorik der dichterischen Aussage und ihrer Bildlichkeit weder eine künstliche Zeichensprache wie die Allegorese, noch ein willkürlicher poetischer Schmuck, sondern Ausdruck der naturgesetzlichen Wahrheit. Die Metaphorik wiederholt das Verfahren der Natur selber, die mit ihren Phänomenen im einen Bereich auf die Phänomene im anderen hinweist. Was also die naturwissenschaftliche Erkenntnis mit der Kunst verbindet, ist, zweitens, das metaphorische Verfahren.
Dies versuchte ich an den Weissagungen des Bakis aufzuzeigen, das Übertragen der verbindlichen Naturgesetzlichkeit auf die Geschichte, das soziale und menschliche Leben überhaupt. Die Weissagungen zeigen nur erst den Schritt, wie diese neue philosophische Naturanschauung gewonnen wird, sie behalten, in vielen ihrer Sprüche, etwas Lehrhaftes, Protreptisches, sie wollen für das Sehen des Gesetzlichen im scheinbar Sinnlosen gewinnen.
Erst die Altersdichtung ist von dieser Symbolik ganz durchdrungen. Statt der bekannten Beispiele aus dem Divan, etwa `Wiederfinden', oder aus Faust II etwa der Prologe zum 1. und 4. Akt, nenne ich hier ein unbekannteres Gedicht, das, 1817 entstanden, den Titel `Entoptische Farben' trägt 111 und früher noch mit dem Untertitel `Offenbares Geheimnis' versehen war. Hier wird - statt Natur selber - der wissenschaftliche Versuch zum poetischen Bild 112: das Phänomen der sogenannten entoptischen, innerhalb gewisser Körper auftretenden Farben, hervorgerufen in einem Kristall durch wiederholte Spiegelungen:
Laß dir von den
Spiegeleien
Schwarz wie Kreuze wirst du sehen,
Unsrer Physiker
erzählen,
Pfauenaugen kann man finden;
Die am Phänomen sich
freuen,
Tag und Abendlicht vergehen,
Mehr sich mit Gedanken
quälen.
Bis
zusammen beide finden.
Spiegel hüben, Spiegel
drüben,
Und der Name wird ein Zeichen,
Doppelstellung
auserlesen;
Tief ist der Krystall durchdrungen:
Und dazwischen ruht im
Trüben
Aug’ in Auge sieht dergleichen
Als Krystall das
Erdewesen.
Wundersame Spiegelungen.
Dieses zeigt, wenn jene
blicken,
Laß den Macrocosmos gelten,
Allerschönste
Farbenspiele;
Seine spenstischen Gestalten!
Dämmerlicht, das beide
schicken,
Da die lieben kleinen Welten
Offenbart sich dem
Gefühle.
Wirklich Herrlichstes enthalten.
Beschrieben wird zunächst der entoptische Experimentierapparat. Die Spiegel, auf einander bezogen und beide als blickende gedacht, vertreten zugleich Himmelslicht und Augenlicht. In ihrer Mitte der Doppelspat-Kristall im Trüben - als dem Medium, darin sich allgemein das Farbige entwickelt - ist im Experiment das ausgezeichnete Erdewesen, das, von beiden Lichtern durchdrungen, in dem Phänomen der Pfauenaugen das Geheimnis der Farbbildung offenbart: nämlich ihre physiologische, auf den Sinn des Auges bezogene Komplementär-Natur 113. Zugleich deutet das Erdewesen des Kristalls voraus auf das analoge Phänomen der doppelten Spiegelung im Menschenwesen: es wird zum Kristall des menschlichen Auges, das, tief durchdrungen, Aug' in Auge spiegelnd, das Innere wundersam offenbart. Das Auge also, als der Name, wird zum Zeichen, daß im Mikrokosmos (den kleinen Welten) dieselben Gesetze herrschen wie im Makrokosmos; ... daß alles im Universen zusammenhängt, sich aufeinander bezieht, einander antwortet, wie es in einem Kapitel der Entoptischen Farben heißt 114.
Hier nährt sich die dichterische Metaphorik aus einem ganz neuen wissenschaftlichen Begriff von der Einheit der Natur. Der Künstler, als Schaffender, Erfindender, wiederholt das Tun des Gottes der Gott-Natur, die in der Vielheit der sinnlichen Erscheinungswelt überall das Eine zur Erscheinung bringt. So wie es die letzte der Weissagungen im Paradox des Rätsels sagt:
Ewig wird er euch sein der Eine, der sich in Viele
Teilt, und Einer jedoch, ewig der
Einzige bleibt.
Findet in Einem die Vielen, empfindet die Viele, wie
Einen;
Und ihr habt den Beginn, habet das Ende
der Kunst.
1 Der Aufsatz ist die erweiterte Fassung eines Vortrags, der innerhalb des Kolloquiums `Naturkunde und Allegorese', veranstaltet von dem Sonderforschungsbereich `Mittelalterforschung', im Sommer 1976 in Münster gehalten wurde.
2 LOTHAR WOLF, Einleitung zu den Neuen Heften zur Morphologie, 1, Weimar 1954; LOTHAR WOLF und WILHELM TROLL, Goethes morphologischer Auftrag, Tübingen 3 1950; EBERHARD BUCHWALD, Naturschau mit Goethe, Stuttgart 1960; Werner Heisenberg, Die Goethesche und Newtonische Farbenlehre, Leipzig 1945; DERS., Das Naturbild Goethes und die technisch-naturwissenschaftliche Welt (Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft NF 1967); WALTER HEITLER, Die Naturwissenschaft Goethes (Der Berliner Germanistentag, Heidelberg 1970, S. 13-23); WALTER GERLACH, Aufgabe und Werk der Naturwissenschaft im Urteil Goethes (Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft NF 1956); RUPPRECHT MATTHAEI, Farbenlehre, in: Goethe-Handbuch (wie Anm. 22) Sp. 2259ff.
3 HANS LIPPS, Goethes Farbenlehre (Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, Halle 1936-40); CARL FRIEDRICH VON WEIZSÄCKER in: Goethes Werke 13, hg. von ERICH TRUNZ, Hamburg 1959, S. 537ff
4 4 RONALD GRAY, Goethe the Alchemist, Cambridge/Mass. 1952; HANS FROEBE, Ulmbaum und Rebe (Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, Tübingen 1969, S. 164ff.).
4a Zitiert hier nach: Goethes Werke, hg. im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen, Abt. I-IV, Weimar 1887 bis 1920 (im folgenden: WA), I 1, S. 333ff. - Orthographie leicht modernisiert.
5 Andrea Alciati, Emblematum Liber, Augsburg t1531; Ders. Emblemata, Lutetiae 2 1580; vgl. Goethes Bibliothek, Katalog bearbeitet von HANS RUPPERT, Weimar 1958, Nr. 1465.
6 Ioannes Sambucus, Emblemata, Antwerpen 156G (Erstausgabe 1564); RUPPERT, ebd. Nr. 1478
7 WA III 2, S. 202; III 2, S. 216.
8 Goethes sämtliche Werke, Jubiläumsausgabe in 40 Bänden, hg. von E. VON DER HELLEN, Stuttgart 1902-1912, (im folgenden: JA) 30, S.60, Annalen 1789
9 Attisches Museum, hg. von C. M. Wieland, 2,1, 1798, S. 13f. Anm. 13.
10 Friedrich Wilhelm Riemer, Mitteilungen über Goethe, 1, Leipzig 1921, S. 218
11 WA IV 15, S.40f.
12 Herder, Sämtliche Werke 26, hg. von Bernhard Suphan, Berlin 1882.rd
13 Zur Bibliographie vgl. WILFRIED BUCH, Goethes Weissagungen des Bakis (Dissertation) Berlin 1957, S. 412ff.
14 HEINRICH VIEHOFF (Hg.), Goethes Gedichte, 2, Düsseldorf 1846-53; 2. gänzl. umgearbeitete Auflage, 1, Stuttgart 1869-70; 3. unveränderte Auflage, 1, Stuttgart lB7G; HEINRIC DÜNTZER (Hg.), Goethes lyrische Gedichte, 2, Elberfeld 1858; 2. neu bearbeitete Auflage, 3, Leipzig 1877; 3. neu bearbeitete und erweiterte Auflage, 3, 1898; MORITZ EHRLICH, Anmerkungen zu den Weissagungen des Bakis (Goethe-Jahrbuch 1, 1880, S.205ff.); GUSTAV VON LOEPER (Hg.), Goethes Werke 1,1, Berlin 1882.
15 Eine Ausnahme macht HERMANN BAUMGART, Goethes Weissagungen des Bakis und die Novelle, Halle 1886, der die Weissagungen ein "großes einheitliches Gedicht von erstaunlicher Tiefe" nennt und ihm eine strenge Einteilung unterlegt: 4, 10, 4, 10, 4, mit der sich BUCH (wie Anm. 13) S. 39f., kritisch auseinandersetzt
16 MAX MORRIS, Goethe-Studien (i Bd.), Berlin'I897; Ders., Goethe-Studien (2 Bde.), Berlin 1898; 2. veränderte Auflage, Berlin 1902.
17 MORRIS (wie Anm. 16) Goethe-Studien, 2, 1898, S. 208
18 VON DER HELLEN (wie Anm. 8) 1; ROBERT RIEMANN, Bakis (Goethe-Handbuch, hg. von JULIUS ZEITLER, Stuttgart 1916, S. 141f.); EWALD BOUCKE, Goethes Werke, 1, hg. von ROBERT PETSCH, Leipzig o. J., S. 3G9ff.; EMIL STAIGER, J. W. Goethe, Gedichte, 1, Zürich (Manesse) 1949
19 MAX HECKER, Zu Goethes Weissagungen des Bakis (Goethe-Jahrbuch 31, Weimar 1910, S. i95f.); Ders., Goetheverehrung der Goethezeit (Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft 21, Weimar 1935, S. 161 ff.).
20 FERDINAND WEINHANDL, Die Metaphysik Goethes, Berlin 1932; unveränderter Nachdruck, Darmstadt 1965, S. 356ff.
21 Wie Anm. 13.
22 WILFRIED BUCH, Bakis (Goethe-Handbuch, hg. von ALFRED ZASTRAU, 2. neugestaltete Auflage, Stuttgart 1961, S. 588ff.).
23 BUCH (wie Anm. 22) S. 591: "Wahrscheinlich hat Goethe die fragmentarische Reihe zu 32 Sprüchen aufgerundet, um sie der Windrose gleichen zu lassen."
24 DÜNTZER (wie Anm. 14) 3, 1877, S. 208-09; EHRLICH (wie Anm. 14) S. 220-21; LOEPER (wie Anm. 14) S. 469-71; BAUMGART (wie Anm. 15); MORRIS (wie Anm. 16) 1898, S. 232-33; RIEMANN (wie Anm. I8) S. 142; BUCH (wie Anm. 22) S. 594.
25 WILHELM EMRICH, Symbolinterpretation und Mythenforschung (Protest und Verheißung, Frankfurt/ Bonn 1960) S. 83.
26 JA 1, S.193
27 Goethe, Die Schriften zur Naturwissenschaft, hg. im Auftrag der Akademie der Naturforscher (Leopoldina) zu Halle, Abt.I,II, Weimar 1947ff. (im folgenden LA) I 10, S.339-65: Über die Spiraltendenz; Weitere Studien zur Spiraltendenz.
28 LA I 10, S. 362; vgl. auch FROESE (wie Anm. 4) S. l88ff
29 Zum Druckbild von Ulme und Rebe vgl. auch ARTHUR HENKEL, Die geheimnisvolle Welt der Embleme (Heidelberger Jahrbücher, Berlin/Heidelberg 1975) S. 5f.
30 Nikolaus Taurellus, Emblemata Physico-Ethica, 1 1595, Nürnberg 2 1602; zitiert nach ALBRECHT SCHÖNE, Emblematik und Drama im Zeitalter des Barock, München 1964, S. 26; ein Buch, dem der Aufsatz Klärendes zu verdanken hat.
31 JA 5, S. 234: Noten und Abhandlungen zum Divan.
32 Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, 3 Bde., Leipzig (Insel) 1955 (im folgenden: IA), 2, S. 3I1.
33 LA I 9, S. 78: Caspar Friedrich Woff, Wenige Bemerkungen.
34 LA I 9, S. 184
35 L Zu Offenbarungen vgl. u. a.: LA I 4, S. 71; LA I 9, S. 184; JA 5, S. 22; JA 16, S. 274.
38 vgl. Anm. 35
39 Gegen VIEHOFF (wie Anm. 14) 1876, S. 394, der von einem "tief verborgenen Schatz von Welt- und Lebensweisheit" spricht, über den der Seher verfügt; ähnlich auch DÜNTZER (wie Anm. 14) 3, 1877, S. 201: "Die den gewöhnlichen, leichtsinnig hinlebenden Menschen verborgenen Lebenserfahrungenvg1. Anm. 35.
40 Gegen die Deutung von der "Feinfühligkeit" als der Gabe dos Sehers bei BOUCKE (wie Anm. 18) S. 370 und WEINHANDL (wie Anm. 20) S. 361 vgl. DOROTHEA IOHMEYER , Faust und die Welt, München 1975, S. 125.
41 Zum Schatzsymbol: vgl. WILHELM EMRICH, Das Problem der Symbolinterpretation im Hinblick auf Goethes Wanderjahre (Protest und Verheißung, Frankfurt 1960) S. 6lf.; und Ders., Die Symbolik von Faust II, Bonn o. J., S. 137ff.
42 JA 16, S. 300.
43 So auch BUCH (wie Anm. 22) S. 593; anders STAIGER (wie Anm. 18) S. 358, der dank der letzten Zeile in dem Spruch einen ironischen Dialog zwischen einem Klassiker und einem Romantiker vermutet.
44 Vgl. auch LOHMEYER (wie Anm. 40) S. 129; ähnlich schon VIEHOFF (wie Anm. 14) 1876, S. 402; DÜNTZER (wie Anm. 14) 3, 1877, S. 207; LOEPER (wie Anm. 14) S. 468 und neuestens auch BUCH (wie Anm. 22) S. 593.
45 Vgl. auch JA 26, S. 314: Heute früh ging ich mit dem festen ruhigen Vorsatz, meine dichterischen Träume fortzusetzen, nach dem öffentlichen Garten; allein eh' ich mich's versah, erhaschte mich ein anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen ... Im Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes fiel mir... ein, ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze wieder entdecken könnte.
46 I.A I 9, S. G7
47 Platon, Staat 620 a; vgl. auch Phaidon 85 b.
48 In dieser Weise mißdeutet von LOEPER (wie Anm. 14) S. 46If.: "Die Sage vom sterbenden, dem Apollo geheiligten Schwan"; BOUKE (wie Anm. 18) S. 371 : "In der Wasserfurche des sich zu Tode singenden Schwans"; BUCH (wie Anm. 22) S. 592: "Das vertraute Bild der Verwandlung des scheidenden Dichters in einen Schwan".
49 Die Deutungsversuche dieser Weissagung gehen wiederum in sehr verschiedene Richtung; sie gilt allgemein als dunkel bis undeutbar; STAIGER (wie Anm.18) S. 518 erinnert an "alchemistisch-kabbalistische Lektüre Goethes für die Beschwörung des Pudels im Faust. Es wäre möglich, daß dort Aufschluß über den dunklen Spruch zu gewinnen wäre". VIEHOFF (wie Anm. 14) 1876, S. 395 deutet den Schwan als die Einsicht, DÜNTZER (wie Anm. 14) 3, 1877, S. 201f. als den Menschen, beide die Schöne als die Zukunft; EHRLICH (wie Anm. 14) S. 220f. den Schwan als den sehnsüchtig ahnenden Drang nach Erkenntnis; nur WEINHANDL. (wie Anm. 20) S. 362 redet schon von dem "Wie der Schau“.
50 Goethe, Maximen und Reflexionen, hg. von MAX VON HECKER(im folgenden: MR) 183.
51 Vgl. auch JA 30, S.11; Annalen 1790: . . . und zugleich auch meinen alten, durch Erfahrung bestärkten Glauben wieder auffrischte, welcher sich fest darauf begründet, daß die Natur kein Geheimnis habe, was sie nicht irgendwo dem aufmerksamen Beobachter nackt vor die Augen stellt.
52 S. u.a. LA I 4, S. 71; LA I 11, S. 250.
55 Ebenso EHRLICH (wie Anm.14) S.205ff.:“Idee und Erscheinung“; dagegen STAIGER (wie Abm.14) S.357: „Könnte sich auf ein Märchen von Musäus beziehen“¸ VIEHOFF (wie Anm. 14) 1876 S.397: „Die Freiheit“; BAUMGART (wie Anm.15) S.28f: „Die liberté“.
56 RIEMER (wie Anm. 10) 2, 5. 528f.
57 Anders MORRIS (wie Anm. IG) 2, 1898, S. 219-221, der darin eine Invektive Goethes gegen eine kleine Schrift C. A. Böttigers über eine antike Lampe sieht, als "schönes Zeichen der zu innerer und äußerer Verschönerung hinstrebenden Tätigkeit", auf die die 8. Weissagung angeblich antworten soll: "Gestern war sie noch nicht und weder heute noch morgen wird sie“. Ebenso STAIGER (wie Anm. 18) S. 520.
58 Zu Kassandra vgl. WA IV I8, S. 71 (undatiertes Konzept, Ende August 1794), Goethes abschlägige Antwort auf Freiherrn H. von Gagerns Vorschlag, einen Bund der Eintracht zur Abwehr der Deutschland drohenden Gefahren, unter Hinzuziehung von Weltweisen und Gelehrten, zu schließen: Soll ich aufrichtig sein, so muß ich bekennen, daß es noch eher möglich sein möchte, die gebietende Klasse Deutschlands zu einem übereinstimmend wirkenden Verteidigungsplan zu bewegen, als ihnen Zutrauen gegen ihre Schriftsteller einzuflößen. Leider muß man nur meistenteils verstummen, um nicht, wie Cassandra, für wahnsinnig gehalten zu werden, wenn man das weissagt, war schon vor der Tür ist.
59 LA I 11, S. 263
60 Aus Herders Nachlaß, I, hg. von HEINRIC DÜNZER und FERDINAND G. VON HERDER, Frankfurt 1857, Anhang zu S. 135-36. Vgl. auch ALBRECHT SCHÖNE, Über Goethes Wolkenlehre (Der Berliner Germanistentag, Heidelberg 1970) S. 33f.
61 LA I 11, S. 264.
64 Vgl. PETER SCHMIDT, Goethes schematische Kreise (Jahrbuch des Freien deutschen Hochstifts, Tübingen 1965, S. I68ff.).
65 JA 30, S. 62; vgl. auch LA I 3, S. 387-389 und LA II 3, S. 366.
66 S. Anm. 65; vgl. auch WA III 2, S.230 und 232.
67 LA I 9, S. 309: Bedeutende Fördenis durch ein einziges geistreiches Wort.
67a Vgl. Anm. 59
68 Zum Vergleich mit Erichtho s. auch LOHMER (wie Anm. 40) S. 200f.
69 Von der älteren Forschung: DÜNTZERS (wie Anm. 14) 3, 1877, S. 202; VIEHOFF (wie Anm. 14) 187G, 5.395; LOEPER (wie Anm. 14) S.4G2: übereinstimmend auf den Kampf zwischen der französischen Kontinentalmacht und Englands Seeherrschaft bezogen, was schon BAUMGART (wie Anm. 15) S. I6f. mit Recht kritisiert: als ob es einer Weissagung bedürfe, "daß man eine vorhandene Rivalität konstatiert, mit der Hinzufügung, daß nur die Zukunft den Sieger ausweisen könnte". - Anders BUCH (wie Anm. 22) S. 592: "Tell und Achill als die beiden epischen Gegenstände, die sich gegenwärtig in Goethes Brust aufreiben". - Allein WEINHANDL. (wie Anm. 20) S. 3G2 erkennt die Reduktion auf das polare Prinzip
69a JA 1, 5. 128; 2, S. 196
70 Vgl. auch JA 6, S. 192: Fürsten fliehen vermummt und Könige leben verbannet .
71 Vgl. JA 9, S. 320: Und Ceres wird verstöhnet und verehrt, Die wieder froh die goldnen Ähren regt.
72 Odyssee 17, 300ff.
73 Ein Vergleich aller übrigen Geier-Stellen bei Goethe, die mir dankenswerter Weise von dem Goethelexikon Tübingen und Hamburg zur Verfügung gestellt wurden, ergibt nichts für die Interpretation.
74 Livius I 7. Sueton, Cäsarenleben, Augustus 95. (Letzteres dank Hinweis von Christian Meier.)
75 Ähnlich WEINHANDL (wie Anm. 20) S. 364f.; entgegen VIEHOFF (wie Anm. 14) 1876, S. 395; DÜNTZER (wie Anm. 14) 3, 1877, S. 202, die von Rückkehr der Bourbonen oder Restauration sprechen. MORRIS (wie Anm. 16) 2, 1898, S. 21G vermutet Anregung durch Kotzebues Schauspiel: Gustav Vasa; so auch STAIGER (wie Anm. 18) S. 519; BUCH (wie Anm. 22) S. 592 spricht von "Erweckung des Dichterfürsten Shakespeare . . . durch den Geier F. L. Schröder für das tätige Volk des deutschen Theaters zu neuem Leben".
76 Ähnlich DÜNTZER (wie Anm. 14) 3, 1877, S. 202: "Es geht auf die falschen Berater der Fürsten und des Volkes". Dagegen übereinstimmend LOEPER (wie Anm. 14) S. 463, BAUMGART (wie Anm. 15) S. 21, BOUCKE (wie Anm. 18) S. 371 : Die 7 Nächte und Tage; anders BUCH (wie Anm. 22) S.592: "Die 7 Planeten und die siebenfache Gesellschaft der Grundfarben".
77 Goethe, Gedanken über Freiheit und Gleichheit, hg. von B. SUPHAN (Goethe-Jahrbuch 22, 1901, S. 16-19) S. 17.
78 JA 1, S. 127
78a JA 16, S. 266ff.
79 So DÜNTZER(wie Anm. 14) 3, 1877, S. 203; LOEPER (wie Anm. 14) S. 464; BOUCKE (wie Anm. 18) S. 371; BUCH (wie Anm. 22) S. 592:
80 Herodot I 55 und 91.
81 Herodot VII 141; ebenso `Hacheltod' für den Dreschflegel, Odyssee 11, 128; zu Kenning vgl. UVO HÖLSCHER, Anfängliches Fragen, Göttingen 1968, S. 136f.
82 LOEPER (wie Anm. 14) S. 464: italienischer Ort oder Druckfehler, eigentlich: Toll.
83 In BAUMGARTS (wie Anm. 15) S. 25f. Gleichung mit Jakob Ayrers Fritz Dölla (Fastnachtsspiel: `Von Fritz Dölla mit seiner gewünschten Geigen') erscheinen zu viele Unbekannte.
84 JOHANN HEINRICH ZEDLER, Großes Universal-Lesikon.l745: Tola 1) ein Bischof; 2) = Tolen, Staat und Insel in Brabant; 3) = Tolen, Stadt in Äthiopien. HOEPLI, Enciclopedia: Tola, irischer Prälat.
85 DÜNTZER (wie Anm. 14) 3, 1877, S. 203ff.
86 JA 6 S. 196
87 Vgl. IA 1, 314ff (12.IV.-21.VI.1797) und Tgb. vom 9.-16.IV. und 2.V., 27.V., 29.V.1797.
88 JA 5, S. 266
89 Altes Testament, Richter 10,2. Die Schreibweise `Tola', statt nach der Septuaginta `Thola', ist in der theologischen Literatur der Zeit die gewöhnliche.
90 Sonstiger Gebrauch von Mäusen bei Goethe ergab keine Klärung.
91 Anders u. a. BUCH (wie Anm. 22) S. 592, der Weissagung 9 als Adynaton gegen v. Trebra ("Tola") versteht, den langjährigen Gutachter des neuen Ilmenauer Bergbaus.
92 IA 2, S. 401f.: Goethe an Schiller, 9. III. 1792.
93 Übereinstimmend au£ die Französische Revolution gedeutet, ausgenommen BUCH (wie Anm. 22) S. 592, der "von dem genialisch-xenialischen Dichtungsstrom Goethes und Schillers" spricht, der „selbst die Lieder des schmeichelnden J. F. Reichardt fortreißt".
94 Gegen u. a. BUCH (wie Anm. 22) S. 593, der von der "Himmelsgabe der Dichtung" spricht, "die schöpferische Empfänglichkeit fordert"; ähnlich LOEPER (wie Anm. 14) S. 466; BOUCKE (wie Anm. 18) S. 371; STAIGER (wie Anm. 18) S. 521.
95 Ähnlich schon BUCH (wie Anm. 22) S. 593; entgegen STAIGER (wie Anm. 18) S. 571, der darin die "Vorteile der Multiplikation gegenüber der Addition“ behandelt sieht.
96 Gegen STAIGER (wie Anm. 18) S. 522, der wie RIEMANN (wie Anm. 18) S. 142, MORRIS (wie Anm. 16) 2, 1898, S. 242 und DÜNTZER (wie Anm. 14) 3, 1877, S. 206 den Spruch politisch versteht: "könnte sich auf die politischen Unruhen in Frankreich beziehen".
97 Gegen BUCH (wie Anm. 22) S. 593, der in Weissagung 20 ein „Zeugnis der Muse Goethescher Dichtung für ihr Verhältnis zur christlichen Trinität" sieht, eine "Huldigung an den lieblich unbeständigen Creator Spiritus".
98 Allgemein mit STAIGER (wie Anm. 18) S. 522 auf "ein Gespräch zwischen einem Kunstbetsachter und einer Skulptur" gedeutet.
99 Gegen BUCH (wie Anm. 22) S· 593, der in Übereinstimmung mit STAIGER (wie Anm. 18) S. 522 und LOEPER (wie Anm. 14) S. 467 interpretiert: "Wer sein Alter zu meistern weiß, bezwingt auch die Jugend."
99a JA 4, S. 94
100 MR 627.
101 Zu bedeutend vgl. LOHMEYER (wie Anm. 40) S. 66, 125, l86f.
102 LA I 4, S.3-4
104 MR 434.
105 S. Anm. 104.
106 LA I 4, S.4
107 LA I 9, S. 67.
108 LA I 9, S. 109: Nacharbeiten und Sammlungen
109 LA I 9, S. 62: Schicksal der Handschrift
110 Riemer (wie Anm. 10) I; S. 250.
111 JA 2, S.257; WA I 3, S.101.
112 SCHÖNE (wie Anm. 60) S. 30 vermerkt, im Barometer (JA 3, S. 18) habe Goethe "nur dies einzige Mal ... ein physikalisches Instrument zum Gleichnis des menschlichen Herzens erhoben". Aber auch mit dem entoptischen Experimentierapparat geschieht etwas Vergleichbares.
113 . LA I 4, S. 19.
114 LA I 8, S.121.