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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 1
Wilhelm Schickard: Briefwechsel. Band I 1616 - 1632, Band II 1633-1635. Hrsg. von Friedrich Seck, XX, 1395 Seiten, 125 Abb., Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart-Bad Cannstatt 2002, ISBN 3-7728-2162-6, 276 €
Die beiden großformatigen Bände enthalten den gesamten überlieferten Briefwechsel von und an Schickard, sowie Briefe Dritter, die sich auf Schickard beziehen. Das Vorwort informiert: "Hiermit wird der wissenschaftlichen Öffentlichkeit der Briefwechsel eines Gelehrten vorgelegt, der nach Buxstorfs Tod als bedeutendster deutscher Hebraist und nach Keplers Tod als ein Astronom bezeichnet wurde, dem in Deutschland keiner gleichkomme" (Bd. I, S. 1). Gleichwohl ist Schickard heute beinahe vergessen - sein vielfältiges Werk beinhaltet keine die eigene und die spätere Zeit grundlegend prägenden Ideen, wie dasjenige seines Briefpartners Kepler. Die Frage muss also erlaubt sein, ob eine solche aufwändige Edition angesichts zunehmend beschränkter Mittel Sinn macht. Sie ist, das sei hier gleich gesagt, mit einem klaren Ja zu beantworten.
Selbstverständlich werden diese Bücher kein größeres Publikum erreichen. Dafür sorgt schon das Sprachproblem: die Briefe sind überwiegend in Latein, aber auch im Französisch oder Holländisch des 17. Jahrhunderts und manchmal auf Deutsch verfasst. Aber sie spielen nicht nur eine bedeutende Rolle als Quellen für die Geschichte des 30-jährigen Krieges, seine Auswirkungen auf Städte und Universitäten, sondern grundsätzlich für das Verständnis der Gelehrtengestalt jener Zeit.

Schickard wird am 22. 4.1592 "alten Stils", wie man sagt, geboren: die Einleitung informiert uns, dass, weil der gregorianische Kalender im katholischen Deutschland 1583, im evangelischen Deutschland 1700 eingeführt wurde, also "Schickard selbst und die meisten Briefpartner nach altem Stil rechneten" (Bd. I, S. 7), die Daten eben nach altem Stil, bzw. doppelt angegeben werden. Er besucht eine Klosterschule, immatrikuliert sich an der Universität Tübingen und wird 1609 zum Baccalaureus promoviert. 1610 erfolgt die Aufnahme ins Tübinger Stift, 1611 die Promotion zum Magister. Schickard wird Vikar und Hebräisch-Repetitor (1613), dann Diakon. Er heiratet 1615. 1617 empfängt er das erste Mal den Besuch Keplers. Im folgenden Jahr baut Schickard ein Instrument zur Kometenbeobachtung. 1619 endlich wird er Professor für Hebräisch in Tübingen, wo ihn 1621 wiederum Kepler zunächst mehr als eine Woche, dann ein zweites Mal sogar drei Wochen lang besucht. 1622 lernt Schickard Arabisch, kurze Zeit darauf Äthiopisch, und ebenfalls 1623 baut er eine Rechenmaschine. Ab 1624 führt er eine Landvermessung aus. Von 1626 an bewahrt er seine Korrespondenz auf (Briefe Keplers und anderer an in aus früherer Zeit müssen als verloren gelten). Ende Juni 1631 flüchtet Schickard mit seiner Familie vor den Kriegswirren nach Vorderösterreich und vergräbt seine wichtigsten Handschriften (Zeittafel, Bd. II, S. 459). 1632 wird er Professor für Astronomie in Tübingen und 1633 Dekan der philosophischen Fakultät. 1634 treffen ihn und seine Familie die Kriegsgräuel besonders grausam: bei Plünderungen kommen seine Mutter und eine Tochter um, im November dann stirbt seine Frau Sabina, im Dezember seine beiden Töchter Judith und Sabine. Die vier letzten erhaltenen Briefe an seinen Bruder Lukas schildern diese Schicksalsschläge. Schickard erkrankt schwer und benötigt eine Pflegerin, deren Kosten nach Senatsbeschluss von seinem Gehalt abgezogen werden sollen. Nach seiner Erholung nimmt er seine wissenschaftlichen Tätigkeiten, wie etwa die Beobachtung von Mondfinsternissen, wieder auf. Am 23.10.1635 stirbt er in Tübingen.

Bereits bei diesem kurzen Überblick wird deutlich, welche Spannweite die Beschäftigungen Schickards und der Gelehrten seiner Zeit haben. Er korrespondiert mit Hugo Grotius, Kepler, Gassendi und anderen über mathematische, physikalische, geografische und selbstverständlich astronomische Fragen und nimmt regen Anteil an den wissenschaftlichen Unternehmungen seiner Briefpartner. "Schickard ist besorgt und fasziniert durch Gassendis Plan einer Orientreise, von der er sich Daten für die Geografie des Orients erhofft. Er bittet um einfache Messungen mit dem Lot, Besorgung von Entfernungstabellen und von Karten des Landesinnern und um sorgfältige Beobachtung der Mondfinsternis vom 9. November; auch von gelehrten Türken soll Gassendi Beobachtungen der Finsternis erbitten. Man wird dann die wahre Längenausdehnung Europas besser beurteilen können. Auf der Reise soll er ständig Routenaufnahmen machen. - Die Berechnung des Längenunterschiedes Paris - Uraniborg aus Gassendis Beobachtung einer Bedeckung Jupiters durch den Mond am 9./19.Juni ergibt einen geringeren Wert als nach den Tabulae Rudolphinae zu erwarten. (...)" (den Briefen sind jeweils kurze Inhaltsangaben des Herausgebers vorangestellt, das vorstehende Zitat gehört zu: 468. Schickard an Pierre Gassendi in Paris, vom 4.10.1630).

Kupferstich von Lukas Kilian nach Schickards Entwurf
Die Ausgabe bringt in der Einleitung genauste Angaben zur Textgestaltung und dem kritischen Apparat, sowie selbstverständlich zur Überlieferung der Briefe und zu ausgewählten Briefpartnern. Der zweite Band enthält die Literaturangaben der Briefeditionen und Werke Schickards, sowie der Literatur über ihn, weiterhin eine umfangreiche Auflistung zeitgenössischer und älterer Literatur und ein Register der Personen, Körperschaften, Länder und Orte, Sachen und Buchtitel. Wiederum im Vorwort erfahren wir, dass die Edition "durch eine spontane Spende von Herrn Dr. med. Rudolf H. Seuffer, Reutlingen, im Sommer 1986 wieder angestoßen und ganz wesentlich gefördert" wurde. Ihm und seiner Frau hat denn auch der Herausgeber die Bände gewidmet. Wie man sieht, können auch in unserer Zeit noch Bücher erscheinen, die gleichsam neben dem Masseninteresse ein stilles Dasein führen. Voraussetzung dafür ist wohl immer mehr, dass auch Einzelpersonen in der Förderung solcher Publikationen eine unverzichtbare Aufgabe entdecken.
Johannes U. Lechner