Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 1


Kurzrezensionen

 

Ole Harck: Die mittelalterliche Synagoge in Marburg. Zur Tradition und archäologischen Überlieferung des frühen Judentums in Mitteleuropa. Trautvetter & Fischer. Marburger Reihe 20. 2002. 40 S. mit 14 Abb. ISBN 3-87822-116-9. Euro 5,-

Als man 1993 bei Baggerarbeiten für eine unterirdische Trafostation oberhalb des Marktplatzes am Schloßsteig zufällig auf Baureste stieß, wurde schnell vermutet, dass es sich dabei um die Reste der mittelalterlichen Synagoge handeln könnte, von deren Existenz und ungefährem Standort man durch schriftliche Zeugnisse wusste. Mehrjährige Ausgrabungen brachten dann den überzeugenden Beweis; 2002 wurden die Überreste, durch einen Glaskubus geschützt, der Öffentlichkeit übergeben.

Da nur wenige mittelalterliche Synagogen in Mitteleuropa (etwa zwölf) erhalten geblieben sind, kommt dem Fund auch überregionale Bedeutung zu. Sensationell könnte ein Steinfragment sein, wenn es sich tatsächlich als ein „Davidstern“ erweisen ließe. Das ist bisher leider noch nicht gelungen, da dieser Stein sehr verwittert ist.

Wie es archäologische Überreste an sich haben, erschließen sie sich dem Laien nur bruchstückhaft – welche Bedeutung einzelne Mauerteile, ein schiefes Pflaster, eine angedeutete Nische in einer Wand haben, muss der Besucher sich von Fachleuten erklären lassen. Diese Arbeit leistet der Kieler Professor für Vor- und Frühgeschichte, Ole Harck, im Rahmen der „Marburger Reihe“ des Verlages Trauvetter und Fischer Nachf.

Auf dem Hintergrund der urkundlich belegten Geschichte der Juden in Marburg zwischen 1317 und 1524 erläutert Harck die einzelnen Bauphasen der Marburger Synagoge, soweit diese sich rekonstruieren lassen. Sicher ist, dass diese 1452 abgebrochen wurde; Abbruchmaterial wurde zum Verfüllen des Betraums und zur Ausbesserung des Kilian genutzt.

Wesentlich schwieriger ist es, die Anfänge zu bestimmen: Nach Aussage der Ausgräber stammen die ältesten Schichten aus der Zeit um 1200, sind also rund 100 Jahre älter als die erste urkundliche Erwähnung einer jüdischen Gemeinde. Bemerkenswert ist dabei, dass die erste Synagoge sich in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes, d.h. im Zentrum der Stadt, befunden hat; nach der Vertreibung in den Pestjahren durften Juden sich, wenn überhaupt, nur in Randquartieren ansiedeln. Aus einem zweiten Bauabschnitt lässt sich eine Einwölbung des Raums belegen, die u.U. den oben erwähnten „Davidstern“ als Schlussstein aufwies.

Weitere Elemente, wie sie für einen Synagogenbau charakteristisch sind, werden vom Verfasser ausführlich beschrieben, in die Geschichte des Synagogenbaus in Mitteleuropa eingeordnet und durch Fotos und Zeichnungen erläutert. Die Bedeutung der Marburger Synagoge in allen ihren Aspekten wird zusätzlich in den gesamteuropäischen Zusammenhang eingeordnet.

Immer wieder verweist Harck umfassend auf weiterführende Literatur; der interessierte Leser kann einzelnen Fragen weiter nachgehen – zum Glück steht uns dafür in Marburg eine Universitätsbibliothek zur Verfügung.

Mit dieser Mischung aus erster Information und weiterführenden Hinweisen ist dem Verfasser die schwierige Gratwanderung zwischen überschaubarer Information für den interessierten Laien und wissenschaftlicher Exaktheit gelungen.

Regina Neumann

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