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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 1
Inszenierung, Buch, Ausstattung: Peter Radestock
Musikalische Leitung: Olaf Roth
Dramaturgie: Jürgen Sachs
SchauspielerInnen: Ute Eisold, Regina Leitner, Michael
Boltz, Bernhard Hackmann, Peter
Meyer
Musiker: Olaf Roth (Klavier), Jens Dörr (Kontrabass),
Michael Ehret (Schlagzeug)
Premiere: 15. Februar 2003
Was war das für eine Zeit, in der es in Marburg noch ein Roxy-Kino – 70 Pfg Eintritt! – gab, in der „Marburger Presse“ als „Angebot der Woche“ drei Frikadellen für 50 Pfg angeboten wurden, in der man in den Stadtsälen, dem damaligen Marburger Schauspiel, für 1,50 DM eine Faust-Aufführung besuchen konnte? Sie erinnern sich an die 50er Jahre, wollen etwas darüber erfahren oder sie gar für zwei Stunden erleben? Dann besuchen Sie die neueste Produktion des Hessischen Landestheater „Schön war die Zeit“, eine 50er-Jahre-Revue.
Das Flair dieser Jahre begegnet dem Besucher schon beim Eintritt in den Saal. Rechts und links vom Eingang sind auf einer Theke und einem Tisch typische Utensilien der Zeit vor 1960 ausgebreitet: Dreieckstischchen, Serviettenständer, eine Zweiflammen-Elektroplatte, ein Dr. Oetker-Messbecher, natürlich ein Mixer und und ... Der Gast setzt sich an Tische mit Decken, die mit Zeitungsseiten der „Marburger Presse“ aus dem Jahr 1955 bedruckt sind – eine spannende Lektüre. Das Programmheft enthält Fotografien und Anzeigen Marburger Geschäfte einer längst vergangenen Epoche. Und die Wände des TASch zieren Pettycoatkleider und großgeblümte Röcke der 50er Jahre als Show-Kulisse.
Uta Eisold, Regina Leitner, Michael Bolz, Peter Meyer, Bernhard Hackmann
So richtig lebendig wird die Zeit aber erst durch die drei Musiker in Hawaii-Hemden und die Schauspieler in ständig wechselnden Garderoben der 50er. Sie präsentieren Sketche, Anekdoten, kleine Spielszenen, vor allem aber Lieder, die die älteren Zuschauer kennen und mitsummen könnten, die so sehr aus der Schlagerklamottenkiste kommen, dass sie schon wieder Charme und Reiz haben. Sie singen von den „blauen Bergen“, den „Beinen der Dolores“ (hier wie in den Spielszenen eindrucksvoll Bernd Hackmann), von der Badehose und dem Wannsee (stimmlich gut „drauf“ Regina Leitner), natürlich von der „Caprisonne“ (Michael Boltz, wie immer spiel-, singfreudig, mit viel Spritzigkeit und Revue-Bühnenpräsens), vom „Sugar-Sugar-Baby“, von der „Konjunktur“ und – je näher 1960 rückt – von Italien.
Ist das zu ertragen und auszuhalten? Auf jeden Fall dann, wenn die (meisten) Lieder so schauspieler-profihaft gesungen, so ironisiert und parodiert, so augenzwinkern vorgetragen werden wie im TASch. Die Revue ist vor allem deshalb unterhaltsam und spannend, weil die heile Welt der Lieder eingebettet wird in kleine Erzählungen und Spielszenen, die das Oberflächlich-Lustige unvorbereitet neben Ereignisse stellen, die den Kitsch der Schlager einigermaßen erträglich machen. So erinnern die Schauspieler, ohne auch nur den Zeigefinger zu heben, an die muffige Prüderie der Adenauerzeit, daran, wie sich die beiden Deutschland auseinander entwickelt haben, an die Wiederbewaffnung von Ludwig Erhards Wirtschaftswunderland, an Bundesprädident Lübke – „er will jetzt Esperanto lernen, um nach Esperanto fahren zu können“ -, an die erschreckende Naivität der Menschen gegenüber Atombombenversuchen (Regina Leitner und Ute Eisold in Paraderollen als Frau Huber und Frau Meier) und an die immer größer werdende deutsche Großkotzigkeit bei Italienreisen. Nicht alle Texte der Revue, aber viele haben den unterhaltsam-kritischen Ton, der bei manchen Besuchern ein Gefühl von Scham aufkommen lässt, wenn sie sich in ihren „Schön war die Zeit“-Erinnerungen ertappt sehen.
Eine Revue will aber vor allem auch Unterhaltung sein. Da wird, wenn man von ein paar klamaukigen Einfällen absieht, einiges geboten, zum Beispiel eine Modenschau der 50er Jahre, gekonnt moderiert von Peter Meyer. Und vielleicht wollen Sie wissen, wer deutscher Fußballmeister in den 50er Jahren war – der running gag der Show! -, wann die ersten Blue Jeans nach Deutschland kamen oder wie die Falsche Leberwurst schmeckt? In der Pause werden von einer Dame in schwarzem Kleid mit Bolero-Jäckchen und in Strümpfen mit Naht entsprechende Häppchen gereicht. Also: Hingehen und probieren!
Herbert Fuchs
