Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 1


Otto Ubbelohde „Kunst und Lebensreform um 1900“

Ausstellung im Marburger Universitätsmuseum (15.12.02 – 16.3.03)

 

Wer vor dem Besuch dieser Ausstellung von Ubbelohde wenig mehr wusste, als dass er der Illustrator von Grimms Märchen war,  dem werden die Augen geöffnet für den Maler: neben den Zeichnungen und graphischen Arbeiten Ubbelohdes stehen hier im Mittelpunkt seine Landschaften – Gemälde, für die seine Zeitgenossen wenig Interesse zeigten, die heute jedoch in ihrem Rang gewürdigt werden können.

Ubbelohde hat dies selbst nicht erlebt. 1904  - damals war er 37 Jahre alt – schrieb er resigniert: „Das Malen  wird bei mir, ohne daß ich es will, immer mehr Nebenbeschäftigung. Das mag ja wohl auch vernünftig sein, trotzalledem bin ich aber nicht so konsequent und willensstark wie z.B. Riemerschmid, Obrist etc., die einsehen, daß nach Bildern kein Bedürfnis ist und deshalb sagen: Also malen wir auch keine! Ich möchte aber immer noch malen. Stattdessen muß ich Postkarten, Möbel, Glasfenster, Exlibris, Kinderbücher, Friese, Spielsachen etc. in die Welt setzen...“ (Katalog, S.60)  

Ganz im Gegensatz dazu sind im Museum jetzt 60 Gemälde ausgestellt, dazu 40 Zeichnungen in unterschiedlicher  Technik. Der schön ausgestattete Katalog liegt bereits in 2. Auflage vor: Die Werke wurden zuerst in der Kunsthalle Darmstadt gezeigt (2.9. bis 11.11.2001) , gingen dann in einer Auswahl in die Hessische Landesvertretung nach Berlin (10.9. bis 11.10.2002) und bleiben nun bis zum 16. März 2003 in Marburg, wo sie der überaus gut besuchten Ausstellung „Carl Bantzer“ folgen.

Einsame Höhe, 1919

Im Vergleich zu Bantzer zeigt sich Ubbelohde mit seinen Landschaften weniger „hessisch“ als dieser, wenngleich er viele Motive aus dem Lahntal bei Goßfelden gewann und man ihn als Märchen-Illustrator durchaus als Hessen erkennt, wie unter so vielem anderen das bekannte Blatt zu „Rapunzel“ mit dem Erkertürmchen aus Amenau beweist.

Der katalog unterscheidet denn auch in seinen einzelnen Kapiteln die verschiedenen Arbeitsbereiche des Künstlers. So stellt Jürgen Wittstock „Otto Ubbelohde als Zeichner“ dar, und Ludwig Rinn widmet sich unter dem Titel „Erneuerung aus dem Fernsten. Zu den Gemälden Ubbelohdes“ dem Maler. Ergänzend werden das druckgraphische Werk (von C.K. Netuschil) und die Entwürfe für die „Schernbecker Teppiche“ (von Barbara Scholz) sowie biographische Darstellungen durch Ludwig Rinn und Bernd Küster geboten.

Letzterer zitiert eine Einschätzung von Ubbelohdes künstlerischem Weg, der ihn aus München, wo er seine Ausbildung beendete und  von 1890 bis zu seiner endgültigen Übersiedelung nach Goßfelden ins eigene Atelierhaus lebte und wirkte: „Nicht kampflos und ruhig verlief seine künstlerische Entwicklung, aber er führte durch, was er für recht erkannt hatte. An den Erscheinungen modernster Kunst ging er nicht achtlos vorüber, aber er nahm sie im wesentlichen als das, was sie doch wohl sind; Äußerungen  einer zerrissenen zeit, die planlos sucht und irrt“. (Carl Knetsch 1922, Katalog S.140)

Heide, um 1915

In Goßfelden plante Ubbelohde seine Zukunft als Landschaftsmaler. Er sicherte sich sogar durch die Pachtung von „51 Bäumen“ seinen Ausblick. Die Gemeinde verpflichtete sich durch einen förmlichen Vertrag zum jährlichen Gegenwert von 100 Mark, diese Bäume im Blickfeld des Malers  weder zu verkaufen noch zur Abholzung freizugeben, da Ubbelohde sie „zu Studienzwecken und der landschaftlichen Bilder wegen“ erhalten wissen wollte (1904).

Auch wenn Ubbelohde seiner graphischen Auftragsarbeiten wegen, von denen er lebte, weniger zum Malen kam, als er sich wünschte, so zeigen ihn seine Landschaften als Meister: besonders „Spiegelungen“ reizten ihn und das wandernde Licht über der Landschaft unter den Wolken (siehe z.B. „Flußspiegelung“ 1907, Abb. 83 und „Heide“ 1915, Abb.11). Ganz unverständlich will es uns scheinen, wenn Ubbelohde noch in seiner letzten Lebenszeit (er starb viel zu früh vor gerade 80 Jahren 1922) schrieb: „... ich bin jetzt  bald 52 Jahre alt, und dieses Jahr war bisher das einzige und wird es auch wohl bleiben, in dem ich einmal von verkauften Bildern hätte leben können ..“ (Katalog S. 61) Er musste einsehen, „daß speziell seine Landschaftsthematik ohne figurale Vermittlung einem größeren Publikum zu spröde war“ (ebd.).

In der Ausstellung werden die Landschaftsgemälde ergänzt durch eine Reihe von Bildnissen und Stillleben. Eins der schönsten: „Rosen in silberner Vase“ fehlt leider im Katalog.

Flußspiegelung, um 1907

Der Zusammenhang mit der „Lebensreform um 1900“ – erinnert sei an die große Darmstädter Aussellung zu diesem Thema im Vorjahr – wird eher als in den ganz eigenständigen Gemälden in Ubbelohdes Entwürfen für die Bildteppiche  sichtbar, so in dem großartigen „Pfau“ von 1900  oder in anderen dekorativen Arbeiten wie Plakatentwürfen etc.. Ludwig Rinn  widmet dem „Ringen um den Stil“ eine eigene Erörterung (S.62/63).

Wer die Ausstellung verlässt, findet im Katalog  die Anregung, nun auch Goßfelden zu besuchen. Ludwig Rinn, Vorsitzender der Ubbelohde-Gesellschaft stellt mit seinem Beitrag „ >Besuche bitte kurz< - das Otto-Ubbelohde-Haus in Goßfelden. Zum Topos des Künstlerhauses um 1900“ die Räume vor, in denen der Maler gearbeitet hat, und auch der Blick zur Lahn hin und zur Brücke von Sarnau erinnert dann an die gesehenen Bilder.

Renate Scharffenberg

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