Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 1


Stille Stunden in Weimar

Ausstellung: "Goethes Bildergalerie" im Schloßmuseum

 

Selbst an Samstag-Vormittagen schläft im Winter die sommers hier überall anzutreffende Touristen-Schlange. Man ist - fast - unter Ein heimischen, die zu dieser Zeit bereitwillig den Wegweiser spielen. Das Schloß - Geviert ist unübersehbar. Dort hat Rolf Bothe, früherer Direktor der Kunstsammlungen, eine - laut F.A.Z. - "fesselnde" Ausstellung nachgestellt.

Schon 1838 setzt Karl Immermann in seinem "Wegweiser für Weimar"  nach Ilmpark und Goethe-Haus am Frauenplan und v o r Anna-Amalia-Bibliothek, Fürstengruft und Tiefurt auf dritte Position "das Museum, worin die Carstensschen Zeichnungen hangen, wozu Sie sich aber Zeit nehmen müssen."

Das Museum von damals war das  G r o ß e  J ä g e r h a u s, in dem Goethe von 1789 gewohnt hatte (Sohn August kam dort am 25.Dezember 1789 zur Welt), bis er 1792 das Haus am Frauenplan von Herzog Carl August geschenkt bekam. Im Sommer 1816 zog dort Johann Heinrich Meyer (1760-1832), Goethes 'Kunst-Meyer', mit seiner Zeichenschule ein. 1824 eröffnet dieser darin eine Bildergalerie, die 185 Originalgemälde und Kopien enthält. Sie sollte, so Goethes, Meyers und des Großherzog Carl Alexanders Wunsch, der "Geschmacksverbesserung" der Kunstschüler dienen.

Anton Maron (1733 - 1808) Bildnis Johann Joachim Winckelmann

Das Große Jägerhaus (Marienstr.3) wurde im letzten Krieg größtenteils zerstört, der mittlere Teil für die Bauhaus-Universität neu er richtet. Erhalten blieben Meyers Inventar der einstigen Gemäldesammlung und 120 der einst 185 Exponate.- Die sind nun im Schloß-Museum im 2.Stock zu besichtigen, genauestens ihrer ehemaligen Hängung in den Räumen des Großen Jägerhauses samt Plan nachgestellt. (Zerstörtes bzw. Nicht-Verfügbares wurde als Schwarz/Weiß-Photo-Kopie an Ort und Stelle eingefügt.)

Die Hängung erfolgte jetzt wie einst nach inhaltlichem, d.h. nicht nach epochen-, stil- oder schulbildendem Zusammenhang. Dem klassizistischen Ideal folgend überwiegen antike Themen, italienische Renaissance-Malerei (häufig als Kopie); die niederländischen Meister (Rubens, Ruisdael u.a.m.) sind ebenfalls stark vertreten. Aber es gibt - trotz aller klassischen Vorbehalte gegen Mittelalter und Romantik - auch ein paar Dürer-Bildnisse, etwas Runge und drei C.D. Friedrich (Böhmische Landschaft mit See - Gebirgslandschaft mit Regenbogen - Regenbogen über Rügener Landschaft [verloren]).

Inhaltlich überwiegen Landschaftsbilder und Porträts, darunter das berühmt gewordeneBildnis, gemalt 1768 von Anton Maron (1733-1808), des Johann Joachim Winckelmann (1717-1768)*, dessen Kunstauffassung der Antike ("edle Einfalt"-"stille Größe") sprichwörtlich geworden ist und durch die Vermittlung des Carl Ludwig Fernow, Kunsthistorikers und Bibliothekars Anna Amalias, den Weimarer Klassizismus prägte. Der Italienreisende und Iphigenie-Dichter Goethe sorgte für eine authentische "Opferung der Iphigenie" Tiepolos. Gesondert hängen die eingangs von Immermann gerühmten "Carstensschen Zeichnungen".Das Konvolut wurde posthum erworben. Asmus Carstens (1754-1798), ein klassizistischer Maler und Zeichner, fertigte sie nach griechischen Heldensagen.

Nehmen Sie sich Zeit, nicht nur für Carstens' Zeichnungen. Werfen Sie einen Blick aus dem Schloß-Museum durch's kahle Geäst auf die Sternbrücke im Ilm-Park. Spazieren Sie zum Römischen Haus am Ende des Parks,der Belvedere-Allee zu, Herzog Carl Augusts Sommer-"Häuschen", dem ersten klassizistischen Gebäude in Weimar,1792 nach Goethes Ideen gebaut (jetzt auch wieder innen zu beschauen). Von dort nicht weit entfernt liegen im Park die "Künstliche Ruine"(1784) und die echte des Templerhauses (1786/ 87), Vorboten der Romantik.

Die Ausstellung "Goethes Bildergalerie" im Schloß-Museum Wei mar ist noch bis zum 12.Januar geöffnet.

"Um von Kunstwerken eigentlich und mit wahrem Nutzen für sich und andere zu sprechen, sollte es freilich nur in Gegenwart dersel ben geschehen,"meinte Goethe 1798 in der Einleitung zu den "Propyläen".

*   J.J.Winckelmann "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst" 1755
ders. "Geschichte der Kunst des Altertums"

Hannelore Schmidt-Enzinger

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