Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 2


Marburg als Tagungsort der „Gruppe 47“ ?

 

Nach dem Verbot der Zeitschrift „Der Ruf“, den die aus dem Krieg zurückgekehrten Alfred Andersch und Hans Werner Richter 1946/47 herausgegeben hatten: als „Stimme der jungen Generation“ für ein Deutschland als Brücke zwischen West und Ost und einen demokratischen Sozialismus, bemühten sich die Herausgeber und ihre Mitarbeiter um ein Nachfolgeorgan. Dazu traf man sich auf Einladung Richters am Bannwaldsee im Allgäu, wo man sich nicht nur über die von Richter konzipierte literarische Zeitschrift „Der Skorpion“ verständigte, sondern sich gegenseitig – wie bei allen späteren Treffen – aus den eigenen Arbeiten vorlas und sich  so der Kritik durch die Anwesenden stellte.

Um diese Zeitschrift, für die dann allerdings keine Lizenz gewonnen werden konnte, geht es in dem Brief, den Hans Werner Richter am 17.6.1947 aus München  an den in Marburg studierenden Mediziner Michael Soeder schrieb, der in der Probenummer mit einer Rezension von Theodor Pliviers  „Stalingrad“ vertreten war.

      „Lieber Herr Soeder,

nachträglich noch meinen herzlichen Dank für die freundliche Aufnahme, die ich in Marburg gefunden habe. Inzwischen haben sich nun die Dinge weiter entwickelt. Fräulein Dr.Stahlberg hat mich hier aufgesucht und ich bin mit ihr zu einer Vereinbarung gekommen. Der Stahlberg-Verlag wird nach dieser Verabredung die Vorfinanzierung der Zeitschrift übernehmen und die Zeitschrift wird dann dort verlegt werden. Ich bin nun bei den Vorarbeiten, die sich voraussichtlich bis Anfang August hinziehen werden, jedoch soll das erste Heft bis zum 15. August druckfertig vorliegen. Ob das gelingt, hängt von den Beiträgen ab, die mir zugehen. Zwar haben mir alle alten Mitarbeiter des Ruf ihre Unterstützung zugesagt, aber es ist Sommer und da geht es für viele mit dem Schreiben schwerer. Sehr leid tut es mir nun, dass ich bei dieser Abmachung keine Möglichkeit sehe, Herrn Sugowski als Lizenzträger einzuschalten. Andererseits habe ich nach einer nochmaligen Erkundigung doch Bedenken, ob er eine solche Lizenz bekäme  und wie lange sie auf sich warten lassen würde. Leider bin ich nicht im Besitz der Adresse, sonst hätte ich Herrn Sugowski schon geschrieben. Ich möchte gern mit ihm in Verbindung bleiben, um ihn eventuell bei anderen und neuen Plänen unterstützen zu können.

Es steht ausserdem das Autorentreffen in Marburg noch aus, das vorbereitet werden muss, und dem man hier allgemeine Zustimmung zollt. Fräulein v.Wühlisch wird in der nächsten Woche voraussichtlich nach hier kommen. Wir werden dann die Einladungsschreiben vorbereiten, es sei denn, Sie sind dort in Marburg inzwischen von diesem Plan abgekommen.

Wie steht es nun mit eigenen Beiträgen ? Was ich brauche, wissen Sie. Theaterkritiken, satyrische Glossen, Buchbesprechungen, Novellen, Kurzgeschichten usw.

Bitte antworten Sie mir bald. Es würde mich freuen etwas von Ihnen schon im ersten Heft veröffentlichen zu können.

    Mit den besten Grüssen bin ich Ihr   Hans Werner Richter“

Da geht es also auch um „das Autorentreffen in Marburg“. Warum es dann nicht zustande kam, sondern die zweite Tagung im November 1947 in Herrlingen bei Ulm stattfand, ist nicht festzustellen – schade ist es schon...

In Jugenheim an der Bergstraße, wo damals eine Pädagogische Hochschule ihren Sitz hatte, ließen sich offenbar leichter Räume für die Lesungen und die Unterbringung der „Gruppe 47“ finden. An der Tagung im April 1948 hat dann auch Michael Soeder teilgenommen. Im dritten Teil seines autobiographischen Romans „Die bittere Arznei der Zeit“, der erst 1970 unter dem Pseudonym Achim Anderer im Verlag Karl Knödler in Reutlingen erschien, schildert er das Treffen in Jugenheim. Seinen Protagonisten nannte er Nikolaus Steinkamp.

„Die Tagung der Gruppe verlief weniger sensationell, als es die Honoratioren des Ortes erhofft oder befürchtet hatten. Offizielle Reden wurden nicht gehalten, man saß leger beieinander auf zusammengestoppelten Stühlen im Saal eines der Ferien wegen leeren Inter­nats. Es gab ein kleines Pult für die Lesenden. Der Inaugurator und oberste Richter der Gruppe begnügte sich mit wenigen Vorbemerkun­gen, er war in dem Alter, in dem die Schwaben gescheit werden, ohne ein solcher zu sein. Zwanglos teilte er die Lesefolge ein und ordnete mit hartnäckiger Langmut den Andrang der Mutigen. Man­chem ging die Pfeife im Munde aus, denn nach jeder Lesung nahm die Kritik kein Blatt vor den Mund und keine Rücksicht auf Eitel­keiten. Es wurde Steinkamp deutlich, daß für diesen Kreis die Lite­ratur kein in sich abgeschlossener Bezirk war, wie es die in der Liga des Dichtungsheimkehrers meinten. Die Wahl von Worten mußte der Deutlichkeit dienen, nicht aber dem Wohlklang. Reime waren ver­dächtige Zeichen für sterile Kalligraphie. Engagement war Voraus­setzung und konnte eher der Rechtfertigung für einen Text dienen als die sanfte Narkose einer gepflegten und gezüchteten Sprache. Vie­les Vorgetragene war nur Versuch, ehrlich zu sein. Auch arrivierte Namen verfielen hier leicht einem Verriß, aber nicht alle. Günter Buch [Günter Eich] zum Beispiel, bekannt als Verfasser von eigentümlich schweben­den Stacheldrahtgedichten, die er aus der Gefangenschaft mitge­bracht hatte und die in mehrere neue Anthologien Aufnahme gefun­den hatten, wurde achtungsvoll angehört mit Versen und Prosa, denn er war fraglos ein Dichter, welches Wort man freilich in diesem Kreis zu vermeiden pflegte. Es zeigte sich, daß der Krieg, die Hei­matlosigkeiten des Nachkriegs, die kaputten Städte, die Flüchtlings­trecks und das Leid in den Lagern die Traumen waren, mit denen sich diese Generation eher schnodderig als elegisch beschäftigen mußte. Mehr anklagend als klagend trugen sie ihre Sätze vor, setzten sie zu Glossen zusammen, Sprengstücke schlechter Erfahrungen, die sie mit sich und anderen gemacht hatten, oft verfremdet zu Kafkaden oder zerlöst zu Joyciaden, aber Eigenständiges gab es auch, mehr chole­risch als melancholisch, Bestandsaufnahmen nach einem Unglücks­fall, der sie ortlos, besitzlos, gottlos gemacht hatte.

Steinkamp konnte schon kaum mehr sitzen auf seinem kriegsbe­schädigten Hintern, als eine Pause verfügt wurde. Sie gingen hinaus, um sich in der frühlingshaften Landschaft zu ergehen, zwischen Blütenbäumen nahm Christine seinen Arm und sagte:

- Ich habe mir Literatur in statu nascendi unterhaltsamer vor­gestellt und weniger anstrengend. - Sie machen es sich selbst nicht leicht, warum sollten sie es ihren Lesern und Hörern nicht schwer machen? fragte Steinkamp.

- Wenn ich keine Theologin wäre, würde ich zu sagen wagen: Es fehlt ihnen an Liebe und an einem echten Ziel.

- Kritik an bestehenden Zuständen muß man aber als Voraus­setzung für einen Aufbruch zu neuen Zielen gelten lassen, sagte Steinkamp.

- Siehst du einen Ansatz für solche Ziele?

- Ich erkenne ihn noch nicht, aber vielleicht könnte es sich um mehr Ehrlichkeit handeln, um den Abbau von Illusionen, die Ent­larvung von Heuchelei, um Aufklärung der fragwürdigen Verhal­tensweisen der Menschen, um die Suche nach Gerechtigkeit in der Verteilung der Güter.

- Das wäre: Sozialismus.

- Sozialismus nicht als System, sondern als die berechtigte Ansicht, daß die Verhältnisse der Menschen zueinander einer geplanten, auf der Kenntnis ihrer Natur basierenden, neuen Ordnung bedürfen, die vernünftig sein sollte.

- Du sagst: sein sollte. Woran möchtest du sie messen?

- Das ist eine berechtigte Frage, sagte Steinkamp. Es gibt eigentlich keine Maßstäbe, die noch brauchbar sind, auch nicht für Literatur. Außer, ob etwas handwerklich gut gemacht ist oder schlecht. Ich fürchte, ich bin entweder zu altmodisch oder zu modern für diesen Kreis. Ich fasse meine bescheidenen literarischen Bemühungen als kathartische oder therapeutische Versuche auf, sie sollen der eigenen Befreiung dienen ebenso wie dem Beispiel dafür, daß es möglich ist, zu sein, zu leben trotz allem, was uns bedroht, von der Armut bis zur Atombombe . . .

- Wirst du deine Absicht aufrecht halten, hier zu lesen?

- Warum sollte ich nicht? Erstens will ich nicht kneifen, zweitens bin ich gespannt, wie elegant diese Leute meine Produkte verreißen werden, denn es gefällt mir, daß man hier so offen seine Meinung sagt.

- Welche Namen soll man sich wohl merken? Glaubst du, man wird diese Leute mal im Bücherschrank stehen haben, schön in Leinen gebunden?

- Einige von ihnen sicherlich. Siehst du dort vorn den dunklen, ernsten Menschen mit der Baskenmütze [Alfred Andersch] ? Der hat kürzlich eine Bro­schüre herausgebracht Deutsche Literatur in der Entscheidung. Darin stellt er fest, daß der Zusammenbruch der alten Welt bei der jungen Generation das Gefühl einer völligen Voraussetzungslosigkeit ge­schaffen habe, daß eine Entscheidung zur Freiheit für den Schrift­steller notwendig sei, die alle Wertsysteme ablehnt, auch auf die Gefahr eines temporären Nihilismus. Wie mögen die Bücher ausfallen, die er einmal schreiben wird? Sie werden sicher nicht lügen, denke ich, und das ist schon viel.

- Wir werden sehen, sagte Christine. Es ist Anfang April, die Bäume blühen. Wir sollten noch keine Früchte verlangen . .

- Aber wir sollten wieder hineingehen und aufmerksam zuhören, sagte Steinkamp, man versammelt sich bereits wieder.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung stellte sich auch Steinkamp vorn an das Pranger-Pult. Er hatte eigentlich ein paar Verse aus seinem Gedichtband lesen wollen, den er ‚Die stille Stimme’ genannt hatte, aber da hier Unveröffentlichtes erwartet wurde, las er ein paar andere Verse, gereimte sogar      und ein Stück schlichter Prosa, die den Versuch machen sollte, ein Erlebnis aus dem Krieg, hinter der Kaukasusfront, aufzuzeichnen.

Als er geendet hatte, fielen die Kritiker ziemlich über ihn her. Sie          fanden seine Strophen zu molltönend und resignativ, und seine Prosa war ihnen zu deskriptiv, zu wenig engagiert. Der mit der Baskenmütze nahm ihn zwar freundlich in Schutz, aber im ganzen gesehen war es wohl ein Reinfall. Steinkamp ging lächelnd vom Pult, um dem nächsten Platz zu machen zu einer ätzenden Satire.  

Später, als sie sich wieder pausierend draußen bewegten, um für eine Weile dem Dunst der Literatur und des scharfen Tabakrauchs zu entgehen, der Christine nicht allzu gut bekam, nahm ihn Günter Buch am Arm und sagte:

- Mir haben übrigens Ihre Sachen ganz gut gefallen. Lassen Sie sich nicht entmutigen, machen Sie weiter . . .

- Ich danke Ihnen, sagte Steinkamp, das ist sehr freundlich von Ihnen.

- Ich hätte es auch drin sagen können, aber sie wollen nur ihren eigenen Stil. Ich habe gelegentlich im NEUEN WEG was von Ihnen gelesen, und im SKORPION jetzt Ihre Besprechung, lauter Geisterblätter, was arbeiten Sie jetzt?

- Ich steige in der nächsten Woche ins medizinische Staatsexamen, sagte Steinkamp, und werde Krankengeschichten verfassen . . . In der Literatur bin ich eigentlich mehr Amateur . . . - Sooo, sagte Buch und schwieg eine Weile, bis er bedächtig sagte: Da kann man Ihnen eigentlich gratulieren. Sie brauchen nur was zu machen, wenn Sie es wirklich wollen. Wir, die wir leben müssen von diesem schwierigen Geschäft, haben keine Wahl. Keiner kommt, um uns seine Not anzuvertrauen. Was müssen das für Stoffe sein, denen man begegnet als Arzt

  - Fleisch, Blut und allerlei Ausscheidungen, sagte Steinkamp.

Sie lachten. Dann gingen sie eine Weile weiter zwischen den Bäumen und sahen die gekerbten Konturen der Bergstraße vor der Ebene, darüber ein fast südlich blauer Himmel. Christine sagte:

- Ich danke Ihnen, Herr Buch, daß Sie ihn ein bißchen getröstet haben. Er hätte für diesen Kreis was ganz anderes auswählen sollen, schockieren kann er nämlich auch.

- Es war schon richtig, sagte Buch. Ein Arzt wird anders schreiben als ein Literat, der auf den Markt muß. Bei dieser Tagung geht es ja doch im Grunde um das Mitmischen. Wir sind ein Treibhaus für Talente, die sich meistbietend verkaufen lassen. Ich wünsche Ihnen viel Glück für Ihr Examen, Steinkamp, und natürlich auch bezüglich Ihrer freundlichen Freundin.

Er verbeugte sich etwas ungelenk vor Christine und stapfte davon. Am Abend machte alle der rheinhessische Wein fröhlich und gelöst. Es wurde sogar ein Grammophon aufgetrieben mit alten Platten, zu denen man tanzen konnte. Am anderen Tag ging es weiter mit den Versuchen, das Unbeschreibliche zu beschreiben.“

Erst auf der siebten Tagung im Jahr 1950 wurde zum ersten Mal der „Preis der Gruppe 47“ verliehen – an Günter Eich. Über die Tagung in Jugenheim ist weiter nicht berichtet worden.

Renate Scharffenberg

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