Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 2


Auf den Gipfeln der Verzweiflung

Der Philosoph Friedhelm Decher sieht in den schwarzen Abgrund der Seele und will ihm nicht zu nah kommen

Von Ludger Lütkehaus

„Es ist nicht das Seltene, daß einer verzweifelt ist; nein, das ist das Seltene, das sehr Seltene, daß einer in Wahrheit es nicht ist.“ Selten hat der gesunde Menschenverstand etwas Abwegigeres als diese Behauptung gehört. Wie – er, der gemeinhin nicht an sich zweifelt und schon gar nicht verzweifelt, sollte eine der „sehr seltenen“ Ausnahmen sein, wo er doch weiß, dass er der Normalfall ist? Fans der Fun-Gesellschaft könnten immerhin, wenn sie sich einmal in die Philosophie verirren, den Unterhaltungswert dieser exotischen Diagnose des christlichen dänischen Existenzphilosophen Sören Kierkegaard zu würdigen wissen, ahnend, dass sie vielleicht tatsächlich der Verzweiflung anheim fielen, wäre nicht zur Not auch mit solchen Mitteln für ihr Entertainment gesorgt: Verzweifelt? Interessant, wer hätte das gedacht!

Freilich benötigt Kierkegaard eine Zusatzhypothese, um seine so kurios anmutende Behauptung zu stützen. „Die gewöhnliche Betrachtung versteht sich sehr schlecht auf Verzweiflung. Sie übersieht ganz, daß es gerade eine Form der Verzweiflung ist, es nicht zu sein, sich nicht bewußt zu sein, daß man es ist.“ Ja, so lässt sich besser die abnorme Normalität der Verzweiflung behaupten: indem man sie dem Unbewussten verschreibt. Papier und das Unbewusste sind geduldig. Nur mit den von Kierkegaard unterstellten Hauptformen der Verzweiflung hapert es dann wieder etwas: “verzweifelt man selbst seinwollen, verzweifelt nicht man selbst sein wollen“, was beides darauf hinausläuft, dass man nicht der sein will, der man ist – wer will denn das?

Unter den Gefühlen, den „Affekten“, den „Stimmungen“, die besonders in der neueren Philosophiegeschichte Karriere gemacht haben – die Angst, die Langeweile, der Ekel und ebendie Verzweiflung als Antipodin des „Prinzips Hoffnung“ -, hat sie es unter dem Einfluss Kierkegaards zu einer Sonderstellung gebracht. Aber anders als die Angst, seit Heidegger der philosophische Marktführer unter den Stimmungen ist sie nie so richtig populär geworden. Dafür war sie, nach Kierkegaard „die Krankheit zum Tode“, etwas zu nahe am Abgrund, allezeit gefährdet, zuzulaufen auf das suizidale „deep end“.

Die Schwester der Langeweile

Andererseits war sie wie sonst nur noch die Melancholie, die acedia ,in der Tradition beheimatet. Von Augustinus und Thomas von Aquin über Luther bis zu Kierkegaard hat die Theologie ihr Sündenkapital aus der desperatio als Verrat an der Hoffnung, mehr als bloß Hoffnungslosigkeit, geschlagen. Kant hat sie zur allseitigen und wohl auch seiner eigenen Beruhigung zu den vorübergehenden „Krankheiten des Kopfes“ gerechnet. Schopenhauer hat ihr Porträt philosophisch-psychologisch vertieft. Der fromme Gottesmörder Friedrich Nietzsche hat die Verzweiflung wie sonst wohl nur Kierkegaard am eigenen Seelenleibe erlebt. „Sum in puncto desperationis“, lautet in erbarmungswürdigem Küchenlatein sein Verzweiflungsschrei. Nur der Popensohn Emile Cioran hat sich geradezu  triumphal „auf den Gipfeln der Verzweiflung“ niedergelassen.

Der Siegener Philosoph Friedhelm Decher skizziert jetzt in seiner Studie Verzweiflung umsichtig und kenntnisreich die „Anatomie“ dieses „Affektes“; seit Robert Burtons The Anatomy of Melancholy favorisiert das gefährdete Gemüt die kühle klinische Metapher. Das Buch ist mit den in rascher Folge erschienenen Titeln Dechers über die Ethik des Selbstmords in der abendländischen Philosophie (Die Signatur der Freiheit,   1999) und die Philosophie der Langeweile (Besuch vom Mittagsdämon, 2000) zusammenzunehmen. Wie schon bei Schopenhauer, bei dem Verzweiflung, Langeweile und Selbstmord sich zu einem Syndrom, einer fatalen Dreifaltigkeit formieren, zeichnen sich die Konturen einer Trilogie des „Negativen“ ab, in deren Zentrum existenzielle Erfahrungen der Nichtigkeit des Daseins und der Leere der Zeit stehen, Langeweile und Verzweiflung als die polaren, aber zu demselben Ende führenden Krankheiten zum Tode.

Besonders erhellend die Kapitel über das Widerspiel von Zweifel und Verzweiflung („während man noch zweifelt, kann man nicht verzweifeln“), den Zeithorizont („die Erwartungsintention kommt nur noch als Leiche vor“) und die Physiognomie der Verzweiflung, bei Decher das „agonale Lächeln“, nicht Edvard Munchs Schrei. Plausibel auch Dechers Intention, die philosophische Anatomie der Verzweiflung von ihren theologischen Prämissen zu befreien, die Kierkegaards umfassenden Ausspruch relativieren.

Das Buch spricht philosophisch über die Verzweiflung. Die Stimme der Verzweiflung selber spricht aus ihm nicht – bei allen Meriten kein radikales, manchmal ein allzu besonnenes, auch etwas umständliches Buch. Decher ist spürbar um die Distanzierung von einem Affekt bemüht, der gerade dem Philosophen zu nahe kommen könnte. Wie die meisten seiner Zunft will er den Kopf unter allen Umständen oben behalten. Doch das ist zumindest in diesem Fall nur zu gut nachzuvollziehen. Denn auch ohne Kierkegaards Prämissen geht es um eine „Krankheit“, die in der Tat eine „zum Tode“ sein kann. Verzweiflung ist für Decher nicht bloß Hoffnungslosigkeit, sondern Ausweglosigkeit schlechthin, das Gefühl einer Sackgasse des Lebens, der Abstieg in eine – diesseitige – Hölle, aus der es keine Befreiung gibt. Verzweifeln, das wusste schon Thomas von Aquin mit Isidor von Sevilla, verzweifeln heißt in die Hölle hinabsteigen. Aber die Hölle, das ist das Verzweifelste, kennt keinen tiefsten Punkt.

Nun gibt es selbst in abgründigster Verzweiflung noch einen Ausweg – das muss man bei dem Autor eines Buches über den Selbstmord nicht eigens betonen. Auch die Krankheit zum Tode, von der Kierkegaard behauptet, dass sie es nicht zum Sterben bringen könne, hört mit dem Tode auf. Und vom anspruchsvollen Leiden am Nichtigen – kuriert da nicht das schlichte „Nichts“? Ja, geht nicht gerade davon eine paradoxe lebenserhaltende Kraft aus, wie gerade Schopenhauer und Nietzsche als die beiden potenziellen Selbstmörder unter den Philosophen es erfahren haben, die am Leben blieben?

Gegenüber allen finalen Zuspitzungen zieht Decher indessen verständlicherweise weniger dramatische Maßnahmen, philosophische und psychologische Präventionsmaßnahmen vor. Gegen das Gefühl der Ausweglosigkeit sucht er beizeiten das Bewusstsein anderer Möglichkeiten zu stärken. Hier folgt er Kierkegaard, der in bewegenden Worten den Möglichkeitssinn zu stärken versucht hat, wenn auch wieder mit dem Glauben als Voraussetzung und Gott als Inbegriff gnadenreicher Potenzialität: „Wenn einer ohnmächtigt wird, so ruft man nach Wasser, Eau de Cologne, Hoffmannstropfen; aber wenn einer verzweifeln will, so heißt es: schaff Möglichkeit, schaff Möglichkeit, Möglichkeit ist das allein Rettende; eine Möglichkeit, dann atmet der Verzweifelte wieder, er lebt wieder auf ; denn ohne Möglichkeit kann ein Mensch gleichsam keine Luft bekommen.“

Die Nachbarin der Gelassenheit

Dieses Plädoyer für die Stärkung des Möglichkeitssinnes ist hilfreich. Doch wer verzweifelt nach etwas sucht; wer einen letzten verzweifelten Versuch macht; wer „nach einem Strohhalm“ greift, wie es die Umgangssprache mit dem ihr manchmal eigenen herb-ironischen Realismus sieht, ist einerseits der Verzweiflung noch nicht restlos anheim gefallen. Das ist der nicht zu vernachlässigende Unterschied zwischen dem adverbial oder adjektivisch verwendeten „verzweifelt“ und der substantivischen „Verzweiflung“.

Andererseits ist derjenige, der verzweifelt nach Auswegen, nach anderen Möglichkeiten sucht, noch nicht auf dem Grunde oder auch den Cioranschen „Gipfeln der Verzweiflung“ angekommen, auf denen sich am Ende womöglich eine paradoxe, wenn auch „schwarze“ Gelassenheit findet wie angesichts der paradox hilfreichen Möglichkeit des Suizids. Krampfhaft hält der verzweifelt Suchende an dem fest, dessen Verlust oder Unerreichbarkeit er nicht verschmerzen kann. Decher formuliert es selber prägnant: Er „erhält das Nagen am Leben und das Leben im Nagen“. Verzweifelt man selbst sein wollen oder nicht man selbst sein wollen heißt gleichermaßen: nicht der Verzweifelte sein wollen. Und noch der angebliche „negative Dialektiker“ Adorno sucht verzweifelt die absolute Verzweiflung „über das Grau“, das die Philosophie in der Stunde der einbrechenden Dämmerung „grau in grau“ zu malen droht, mit dem Vorschein eines Anderen zu bannen.

Die vollendete Verzweiflung aber ist die Nachbarin der Gelassenheit, dank einer positiven Dialektik, die sich manchmal auch auf die philosophisch ergiebigen Affekte erstreckt. Die aussichtsreichste Therapie der Verzweiflung folgt den Gesetzen der Homöopathie.

Kierkegaard, der für seinen herausragenden Interpreten Michael Theunissen zum Kronzeugen eines „dialektischen Negativismus“ gleichsam mit gnädigem Ausgang geworden ist, hat diese positive Dialektik immerhin für die Angst gelten lassen: Man müsse sie nur zum Äußersten treiben, um sich von ihr zu befreien. Doch auch für die Verzweiflung gilt Analoges: Es kommt darauf an, so Kierkegaards „Versuch in der experimentierenden Psychologie“, Die Wiederholung, sein Leben nicht außerhalb der Wiederholung zu erwarten. Und selbst der völlig desperate Nietzsche verschreibt sich, ohne weiß Gott das Paradies zu meinen, die „ewige Wiederkehr“.

Friedhelm Decher:
Verzweiflung
Anatomie eines Affekts; Zu Klampen Verlag,
Lüneburg 2002; 138 S., 13,-- Euro

Diesen Artikel als Word-Dokument herunterladen

[Zurück zur Startseite]