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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 2
Regie: Peter Hailer
Bühne: Claudia Billourou
Kostüme: Lydia Kirchleitner
Prinzessin Nicoletta: Julia Glasewald
König Philipp, Vater: Harald Schneider
Leonor, seine Schwester: Maika Troscheit
Änne,
Gouvernante: Barbara Stollhans
Moritz,
Koch: Christian Lugerth
Prinz
Omo: Antonio Lallo
Großwesir: Peter Anger
Premiere : 8. März 2003
„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann …“ Auch Erwachsenen-Märchen enden so. Die Prinzessin sitzt am Schluss des Stückes auf dem Bühnenrand und klagt über Langeweile. Der Zuschauer ahnt, denn so beginnt der Abend auch, dass alles wieder von vorne losgehen könnte: Nicoletta trinkt und streitet mit dem Vater beim eher unköniglichen Mahl und … . - Doch der Reihe nach: Die Rede ist von der Gießener Uraufführung eines Märchenstücks für Erwachsene von Rebekka Kricheldorf (geb 1974), die damit den Preis der deutschen Bühnenverleger und den Publikumspreis beim Heidelberger Stückemarkt (2002) gewann und an Lesungen während des Berliner Theatertreffens (2002) teilnahm. Im Mai diesen Jahres wird die Schweizer Uraufführung am Züricher Theater am Neumarkt stattfinden. Kricheldorf ist in der kommenden Spielzeit Hausautorin am Nationaltheater in Mannheim.

Harald Schneider, Julia Glasewald, Barbara Stollhans, Maika Troscheit
Eine junge Autorin also mit einem Stück mit vielen Vorschusslorbeeren. Und in der Tat enthält der Text eine Reihe bühnenwirksamer Elemente. Er knüpft mit dem Motiv der Langeweile an berühmte Vorbilder wie „Leonce und Lena“, mit dem des Apfelbisses an Märchen, mit der Figur der Änne an „Fräulein Julie“, der des Königs an Alfred Jarys „König Ubu“ oder mit dem Großwesir an „Tausend und eine Nacht“ an. Das Genre „Märchen für Erwachsene“ ermöglicht alle denkbaren Variationen bekannter Märchenlemente. Als „Märchen“ zwängt es sich in einen Rahmen von Figurenbeziehungen und Handlungsmustern, die immer wieder mit Déjà-vu-Erlebnissen der Zuschauer spielen.Der Text kann – „Märchen für Erwachsene“! – parabelhaft gelesen und assoziativ auf Vorgänge und Figuren der Zeitgeschichte bezogen werden.
Die Wirkung von „Prinzessin Nicoletta“ erklärt sich aber auch aus dem Inhalt und den oft treffsicheren Dialogen: Nicoletta, Tochter eines verarmten Königs in einem heruntergekommenen Königtum, soll den reichen Prinzen Omo heiraten. Aus einer Laune heraus – ihr schmeckt ein Bratapfel besonders gut – beschließt sie jedoch, den Gesindekoch zum Mann zu nehmen. Zwei listige Pläne bestimmen das weitere Geschehen auf der Bühne: Prinz Omo gegenüber heißt es, die Prinzessin sei an der Hexenpest erkrankt, dann gestorben. Dem spröden, abweisenden Koch wird vorgegaukelt, Nicoletta sei eine andere ihm bekannte Dame, so dass er sich mit verbundenen Augen auf sie „einlässt“. Dabei entdeckt er den Betrug und ist, zumal er auch vorher schon die frustrierte, revolutionär gesinnte Gouvernante abgewiesen hat, mit einem Male für alle der große Bösewicht. Es ist nur noch ein kleiner Schritt zum bitteren Ende: Der Koch wird, weil der Schwächste der Schlossbewohner, kurzerhand zum Schuldigen für die Übel erklärt und von der Prinzessin mit dem Beil enthauptet.
Ist Kricheldorfs Theaterstück das „sehr scharfe Stück Märchen für Erwachsene“, als das es der Theaterregisseur Martin Kusej in seiner Laudatio auf die Preisträgerin bezeichnet hat? Der Zuschauer kann sich nur das Bild von dem Stück machen, das ihm Peter Hailer in seiner Inszenierung vorsetzt .Dessen Bühne ist ein großer ausgeräumter Saal mit nichts als einigen Heizkörpern, zwei verloren wirkenden Feuerlöschern an den Wänden und einem Stühleberg in der linken hinteren Ecke. Hier ist kein Staat mehr zu machen. Hier riecht alles nach einer Situation, über die die Zeit im wahrsten Sinn des Wortes hinweggegangen ist. Hier bewegen sich Figuren der Endzeit in grotesken, nichtssagenden Beziehungen. Hier geht es um Übriggebliebene aus einfältigen, komischen und grausamen Märchenwelten. Der König - ein weinerlicher Schwächling, seine Schwester - eine nerventötende, intrigierende „Männer-Nachlauferin“, der Prinz - ein alberner Geck, die Gouvernante - eine frustrierte, skrupellose „Möchte-gern-Revolutionärin“, der Großwesir - ein Machtbesessener, die Prinzessin schließlich - eine egozentrische, gelangweilte, „spaßsüchtige“ (Kricheldorf) Göre. Die Schauspielerinnen und Schauspieler des Gießener Ensembles verkörpern diese Typen aus fernen Märchenwelten, die aber Zeitbezüge nahe legen, mit spielerischem Engagement.

Peter Anger, Barbara Stollhans
Dass dennoch Momente des Leerlaufs entstehen, liegt wohl eher am Konzept und einigen überflüssigen Einfällen der Inszenierung. Hätte nicht das Geschehen auf der Bühne aggressiv-grotesker ablaufen sollen, noch skurriler, absurder? Hätten die Figuren nicht konsequenter in Bilder eingebunden werden müssen, die mehr von dem Bitter-Bösen des Textes vermittelt hätten? Hätte aus den Auftritten des Kochs oder des Großwesir-Prinzen-Paars oder der Gouvernante nicht mehr an „scharfem“ Erwachsenen-Märchenhaften herausgeholt werden können? Und hätten nicht gerade die Wachs-Jungfernhäutchen-Szene auf den Stühlen, die Koch-Prinzessin-Abtastszene auf der Leiter, die Grab-Skelett-Szene oder die „Prinzessin-mit-dem-Beil“-Szene so stark ins Grotesk-Böse getrieben werden müssen, dass sie weniger komisch, lächerlich und klischeehaft gewirkt hätten?
Dennoch: Das Gießener Stadttheater hat mit der Uraufführung des Stücks von Rebekka Kricheldorf einen kleinen Treffer gelandet. Die Zuschauer sind auf eine junge Autorin aufmerksam geworden, die eine durchaus theatergeeignete Vorlage geschrieben hat. Und dem Applaus nach zu urteilen, sahen wohl viele in dem Saal die anderthalb Stunden als amüsant-bizarre Märchenunterhaltung.
Herbert Fuchs