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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 2
Mein Buch des Monats April
Am 22.März – Goethes Todestag – wurde in Weimar der tschechischen Schriftstellerin Lenka Reinerová von Jutta Limbach, der Präsidentin des Goethe-Instituts Inter Nationes, die diesjährige Goethe-Medaille überreicht. Diese wird verliehen an Persönlichkeiten, die sich im Ausland um die deutsche Sprache und den internationalen Kulturaustausch verdient gemacht haben. Frau Reinerová dankte mit den Worten: „Ich empfinde dies als große Ehrung, als eine Art der Wiederbelebung des Prager Kreises. Hinter mir spüre ich die lange Reihe deutschsprachigen Autoren aus Prag. Als letzte Deutsch schreibende Erzählerin unserer Stadt nehme ich die Auszeichnung gerne auch für sie entgegen“.

Ganz in diesem Sinne beginnt die Titelerzählung des Bandes. Die Verfasserin fragt sich, wohin die Prager Kaffeehäuser verschwunden sind: „Und weil es sie nicht mehr gibt, diese Zufluchtswinkel ferner Jahre, spinne ich jetzt gern an einem ganz persönlichen Prager Traum. Irgendwo in dem schleierhaften blaugrauen Dunst über den von Grünspan bezogenen Kuppeln und den gestrengen Kirchtürmen, glaube ich in solchen Augenblicken zu wissen, gibt es ein Café mit vielen Tischchen, und von jedem kann man hinunterblicken in unsere Stadt, und die das von dort aus tun, haben hier fast alle einmal gelebt. Und ich habe sie gekannt. Gewiss, manche nur aus Büchern – aus von ihnen geschriebenen Büchern oder aus solchen über sie -, manche nur von Bildern, andere durch ihre Musik...“ Dort begegnen ihr die Freunde von einst, so Egon Erwin Kisch, den sie mit seinem Freundeskreis heraufbeschwört, aber auch ihre Mutter versetzt sie dorthin, die mit Emil Orlik befreundet war (später in dem Band erfährt man, dass sie in Auschwitz ermordet wurde), und viele viele andere. Von denen, die sie nicht hat persönlich kennen können – Rilke und Franz Werfel, besonders aber Franz Kafka – ist die Rede, aber vor allem von denen, denen sie, wenn auch manchmal nur am Rande, begegnet ist, Max Brod etwa, Helene Weigel und Anna Seghers.
„Wäre ich gläubig“, so heißt es einmal, „könnte ich meine Freunde hoch oben in dem Überirdischen Kaffeehaus als eine Art Schutzengel ansehen. Allerdings, die Personen, die das Traumcafé frequentieren, hatten, so lange sie unter uns weilten, mit solchen himmlischen Wesen kaum etwas gemein. Aber wer weiß! Übrigens – Schutzengel für mich? Welcher Gott könnte sie mir denn schicken? Und in welcher Sprache sollte ich ihn anrufen? Im Deutsch meiner Mutter, im Tschechisch meines Vaters oder im Hebräisch meiner Vorfahren? Aber vielleicht bedient sich der liebe Gott an der Schwelle des künftigen Jahrtausends einer neuen, uns noch unbekannten Sprache, um alle Bewohner der Erde über ihre unvernünftigen künstlichen Grenzen hinweg einem ertragbaren Miteinander zuzuführen. Ein solcher Gott wäre fürwahr unser Erlöser. In Prag hat er sich noch nicht gezeigt.“ (S.8)
Lenka Reinerová musste viele solcher Grenzen überwinden, immer wieder geriet sie auf dem Weg ins Exil als Antifaschistin und Jüdin in Polizeigewahrsam und Untersuchungshaft, und auch nach der endlichen Heimkehr nach Prag erwartete sie nichts anderes. In den sechs folgenden Erzählungen erinnert sie sich – auf unterschiedliche Weise – dieser Stationen.
„Der Frühvogel“ heißt die nächste: „Seine Stimme, so zart und leise sie auch sein mag, ist unverkennbar ... Der Frühvogel singt, und wir leben einen weiteren Tag. Diese kurzen Minuten zwischen Nochnichtsein und Schonwiedersein holen manchmal etwas aus unserem Gedächtnis hervor, das ohne die unschuldige morgendliche Stimme längst von jüngeren, noch nachschwingenden Geschehnissen überdeckt wäre. Erinnerungen werden erneut zu Erlebnissen“. (S. 47) Die Autorin erinnert sich der Zeit in Paris, an das Büro des Polizeipräfekten, an die Zelle im Gefängnis – ein wenig wie im Traum kommen die Bilder herauf, schlimme und schöne, schwebend erzählt, lächelnd die Begegnung mit wunderlichen Menschen, sparsam die Verweise auf das Unrecht, das geschieht. Man bewundert die Fähigkeit, sich selbst in tiefer Unsicherheit den offenen Blick zu bewahren.
So spricht sie auch in der Erzählung „Der graue Wölfling“, der gewissermaßen Gegenpart ist zum Frühvogel. Er ist grau und klein, kann aber anwachsen zu einer grausam ängstigenden Größe und alles verdecken. Ihn zeigt uns die Autorin ganz deutlich: „Überall hockt in solchen Stunden der graue Wölfling auf der Lauer, in jeder Nische, auf jedem Dach. Hockt auf samtenen Pfoten, das weiche Fell glänzt, die Zähne sind verborgen. Unendliche Trauer befällt einen, uneindämmbar, Sehnsucht nach allem und der Möglichkeit von allem, Angst ohne Grund und Grund für jede Angst“.(S. 59) Die Erzählerin führt uns nach Casablanca, einer der Stationen ihrer Flucht – sie ist aus einem Konzentrationslager am Rande der Wüste fortgelaufen und nun in der fremden, fremdartigen Stadt: „Was ich brauchte, waren Stützen, um die kraftlosen Ranken meines gewaltsam entwurzelten, auf und ab schwankenden Daseins wenigstens für eine Weile festzuklammern. Ein Flüchtlingsdasein ist immer schwer. Ein Flüchtlingsdasein ohne die erforderlichen Personalausweise noch schwerer. Das Flüchtlingsdasein eines während des zweiten Weltkriegs nach Marokko verschlagenen Mädchens ohne Papiere, ohne Geld, ohne Wohnung, ohne ... – ein Abenteuer ohnegleichen“. (S. 62) Dort war Lenka Reinerová, geboren 1916, die Journalistin hatte werden wollen, in der Hoffnung nach Mexiko zu gelangen, zunächst gestrandet – aber sie gibt nicht auf, dieser Bericht ist voller Farbigkeit, wenn sie die Stadt und die Menschen in der Medina schildert, Kommunisten und Faschisten, Spione aller Art, „Gestapo in Zivil und Widerstandskämpfer in Uniform“. „Damals, in Afrika, war der Wölfling vor allem in der abendlichen Dämmerung gefährlich gewesen. Viele Jahre später trat völlig unerwartet eine Zeit ein, da er sich eher in der erwachenden, morgendlichen Dämmerstunde einzuschleichen pflegte. Auch dagegen muss und kann man sich wehren“. (S. 68).
‚Viele Jahre später’ spielt denn auch die Geschichte „Glas und Porzellan“. Es geht um die aus vielmonatiger Untersuchungshaft entlassene Barbora Starková, die aus Prag in die Provinz entlassen wird, in eine Kleinstadt, in der ihr Mann, ein Arzt, der als Laborant dort Arbeit gefunden hat, mit ihrer kleinen Tochter auf sie wartet. Eindringlich ist dargestellt, wie sie sich mühsam zurecht zu finden beginnt, fremd geworden und unsicher – immer hört sie noch die Worte aus der Gefangenschaft, etwa: „Ihr eigenes Kind wird sich ihrer schämen“, oder: „Über das, was hier war, dürfen Sie mit niemandem sprechen“. Sie kann sich nicht einmal freuen, als sie endlich die kleine fremdelnde Tochter wiedersieht: „... ich bin wie ausgelöscht“, sagt sie zu ihrem Mann, „jeder Gedanke in meinem Kopf lauert mir auf. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich einmal wieder wirklich frei werde“. (S. 80)
Der Prozess der Heilung wird dargestellt – es sind die schlichten Menschen der neuen Umgebung, die ihr beistehen, ihr eine Arbeit verschaffen, bei der ihr zwar ihre sechs Fremdsprachen nichts nützen, aber immerhin, sie wird eingestellt als Leiterin einer Musterabteilung für Glas und Porzellan. Und in dieser Stellung gelingt es ihr, wieder zu sich selbst zu finden, als sie nämlich auf einer Gewerkschaftsveranstaltung gegen jede Vernunft als Einzige das Wort erhebt für einen alten Mann, der entlassen werden soll (sein Sohn, für dessen Familie er sorgt, ist wegen ‚nachgewiesener’ staatsfeindlicher Tätigkeit im Gefängnis), und damit denen den Mut zum Widerspruch verleiht, die bisher ängstlich geschwiegen haben. „Als Baborka an diesem Abend nach Hause kam, fielen Pavel Starek sofort ihre Augen auf. Endlich hatten sich wieder die alten Funken in ihnen entzündet. ‚Was ist los?’“, fragte er, und wandte den Blick nicht von ihrem Gesicht. „Nichts Besonderes“, sagte sie lächelnd. „Ich habe nur eben ein wenig Glas und Porzellan zerschlagen“. (S. 114)
Es folgt die bei weitem umfangreichste Erzählung des Bandes, „Der Ausflug zum Schwanensee“. Sie beginnt mit einer Idylle, einem goldenen Sommertag am Genfer See, aber „Da erblickte ich den schwarzen Schwan...“ (S.115). Dabei erinnert sich - diesmal wohl keine erdachte Figur, sondern die Autorin selbst - „an einen Tag, den ich lieber vergessen würde, der jedoch in mir geblieben ist wie ein durchdringender und unüberwindbarer Schrecken“ (S. 116) An einem kalten grauen Tag ist sie unterwegs zum Schwedtsee in Brandenburg wie zu einer Beerdigung: „Dort, wo sich das asphaltgraue Band der Landstrasse gabelte, stand ein Denkmal. Ein paar dünne Gestalten, Röcke an den steckenähnlichen Beinen. Frauen. Aber unter ihren Kitteln gab es keine Rundung, in der festgehaltenen Bewegung keine Weichheit. Frauen mit kahlgeschorenen Köpfen, mit viel zu tief eingefallenen Augen und mit einer erbärmlichen Tragbahre in den Händen, auf der etwas lag. Etwas Flaches, Unwahrscheinliches. Ein gewesener Mensch. Zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück stand auf einem grauen Täfelchen darunter ...“ (S. 120) Dies ist ihr Ziel, in der Gedenkstätte des Frauen-Konzentrationslagers sucht sie ein Bild. Es ist nicht das, auf das zuerst ihr Blick fällt, das Bild von Carmen Maria Mory.
Mit dieser Frau hatte sie in Paris im Gefängnis gesessen, wo sie zum Tode verurteilt wurde – wie kommt sie hierher? Die Autorin erinnert sich an diese Zeit – ihr Begleiter fragt: „Du kennst diese Frau?“ Unter dem Bild nämlich steht: „Blockälteste von Nr.10 ... gefährliche Zuträgerin, von den Gefangenen ‚der schwarze Engel des Todes’ genannt“.(S. 128) Die Geschichte dieser Frau, die zu den Tätern gehört, obwohl sie selbst Opfer ist, zieht sich wie ein Grundton durch die Erzählung – Gegenpart zu den unschuldigen Opfern, zur kleinen Schwester der Erinnernden, deren Bild sie dann in der „Tschechoslowakischen Abteilung“ findet und unter dem steht „... hat im Lager an allen politischen Aktionen teilgenommen, 1942 nach Auschwitz deportiert, von wo sie nicht zurückgekommen ist“. (S. 136) Die gemeinsame Kindheit und Jugend in Prag steigt herauf, bis zu dem Abschied, der sie für immer trennt, die eine hierher führt, die andere, die große Schwester, die sie nicht länger beschützen kann, nach Paris und in das „Wüstenlager am Rande der Sahara“. Und immer wieder werden diese Erinnerungen unterbrochen durch die Nachzeichnung des Weges, den die Mory genommen hat - . Am Schluss denkt sich die Erinnernde, wie es sein könnte, sie, die alles immer Überlebende zu besuchen: „Ich würde ihr unentwegt ins Gesicht blicken … und sehr leise sagen: ‚ich war vor kurzem in Deutschland. Es gibt dort einen Schwanensee, Madame, an dem sehr viele Frauen gestorben sind. Meine kleine Schwester war darunter. Aber viele von ihnen würden noch leben, wenn man Sie 1940, als ich Ihnen in Paris begegnet bin, nach Ihrer Verurteilung erschossen hätte’.“ (S.197)
„Der Ausflug zum Schwanensee“ ist ein ergreifendes Requiem für die zweiundneunzigtausend Frauen, die im Lager Ravensbrück ums Leben gekommen sind.
In der kürzeren Erzählung „Unterwegs mit Franz Schubert“ - einem Zug, der so heißt, aus Zürich nach Wien, hat die Autorin eine makabre Begegnung: ein Mitfahrer ist stolz darauf, in der SS gewesen zu sein, erzählt Heldentaten aus dem Krieg und das zur offenbaren Zufriedenheit der Mitreisenden: „Ich starrte ihn an. Da saß er mir gegenüber. Kaum einen Meter entfernt, ein Mann, der Jahrzehnte nach Kriegsende in einem internationalen Eilzug ohne die geringste Hemmung, ja sogar mit unverhohlenem Stolz bekanntgab, dass er ‚zum Glück’ bei der SS gewesen war. Soll ich etwas sagen...Ich schwieg.“ (S. 211) Aber beim Aussteigen in Wien dreht sie sich zu ihm um: „Sie sind bei Kriegsende wohl kaum meiner Mutter und meinen Schwestern begegnet. Denen hat ja auch niemand den Ausweg gezeigt, als sie in Auschwitz in die Gaskammer gejagt wurden“. (S. 221)
„Zweite Landung in Mexiko“ erzählt von dem Besuch dort im Jahre 1993. Hier war Lenka Reinerová wieder willkommen wie damals, 1941, als sie dies rettende Land erreichte. Beide Aufenthalte ruft sie herauf, kunstvoll miteinander in Beziehung gesetzt, wie es ihrer Erzählweise entspricht, in der sie das Vergangene zu vergegenwärtigen vermag, wie es in die Gegenwart hineinreicht. Und die hohe Kunst dieser Erzählerin ist es, die den Leser in ihren Geschichten teilnehmen lässt am Erlebten, froh, wenn es gelingt, den Frühvogel zu vernehmen, mitfühlend in den Ängsten, die vom grauen Wölfling verkörpert werden. Eben die Fähigkeit, das Dargestellte in der Schwebe zu halten zwischen Gefahr und Rettung, zwischen Entsetzen und Hoffnung zeichnet diese Erzählungen aus.
Renate Scharffenberg